Vom Bordstein zur Skyline

In Russland hat man heutzutage genau so viele Möglichkeiten sein Eigenheim zu gestalten wie in Deutschland. Das Angebot reicht von kleinen 1 Zimmer Wohnungen bis hin zu riesigen Appartements mit über 300m² Wohnfläche. Je nach dem was der Geldbeutel hergibt versteht sich.

Als ich und David nach Ufa kamen, waren unsere Ansprüche an unsere erste Wohnung nicht gerade sehr hoch und genau so sah die Wohnung dann auch aus. Das jüngste Möbelstück war ca. 30 Jahre alt und egal was man tat, die Wohnung hat es mit diversen Geräuschen, sei es ein Quietschen oder Knarren, spielerisch untermalt.

Besonders interessant war für mich die Sache mit der Warmwasserversorgung, da der gasbetriebene Durchlauferhitzer mit den Jahren seinen eigenen Charakter entwickelt hat. Manchmal lief alles super, ein anderes Mal sprang er nicht an und manchmal wollte er danach einfach nicht aus gehen.

Für uns war diese Wohnung eine typisch russische Wohnung und wir dachten, dass fast alle so aussehen würden. Falsch gedacht. Jeder Einzelne, der zu uns zu Besuch kam, fragte uns wie wir hier nur leben können.

Mit der Zeit haben wir uns dann langsam an die recht spartanischen Umstände gewöhnt und begannen auch schnell es uns mit einiger Dekoration gemütlich zu machen. Als wir eines Abends die Abstellkammer durchsuchten fanden wir ca. 50 alte Schallplatten aus den Zeiten der Sowjetunion und ich wusste genau was ich damit machen wollte.

Also haben wir sie kurzer Hand einfach an die Wand genagelt.

Wir hatten im Laufe der letzten Monate aber auch einige Probleme mit der Wohnung. Nach den ersten Wochen ist uns das Schloss der Wohnungstür kaputt gegangen und wir mussten nachts 2 Stunden herumprobieren, bis wir die Tür endlich wieder auf bekommen haben. Das weitaus größere Problem war jedoch, dass der Durchlauferhitzer für das Wasser kaputt gegangen ist. Wir mussten 2 Wochen auf warmes Wasser verzichten und das Wasser war so kalt, dass es sogar weh tat wenn es auf den Körper traf.

Deshalb beschloss ich, für die Zeit nach Davids Abreise, mir eine neue Bleibe zu suchen. Ich hatte einige Ideen, wo ich hin könnte. So überlegte ich zum Beispiel, für einige Wochen zu einer Familie zu ziehen um mehr über das Zusammenleben in russischen Familien zu lernen, oder mit anderen Russen zusammen zu ziehen, die in meinem Alter sind.

Ich entschied mich letztendlich für letzteres und begann mich zu erkundigen wer darauf Lust hat und fand auch schnell die perfekte Lösung.

Einer meiner Freunde erzählte mir, dass er ein Hostel in Ufa eröffnen möchte und wenn ich wollte könnte ich in eins der Zimmer ziehen. Ich überlegte nicht lang und vier Tage später waren dann alle meine Sachen in der neuen Wohnung. Die Wohnung ist das komplette Gegenteil der alten. Sie ist sehr luxuriös eingerichtet und fast vier mal größer als die Alte. Die ersten Tage waren recht merkwürdig, da ich mir keine Gedanken mehr machen musste ob etwas funktioniert oder nicht und außerdem gab es nichts mehr was ungewollte Geräusche machen konnte. Aber bei weitem das Beste an der gesamten Wohnung waren die Badezimmer: eins mit Sauna und eins mit Jacuzzi.

Das wird aber nicht der letzte Umzug für mich in Russland gewesen sein, da ich schon wieder neue Pläne und Angebote habe, von Leuten die mir angeboten haben mit mir zu wohnen. Daher wird dies auch nicht der einzige Artikel über die Wohnverhältnisse in Russland sein. Wie es weiter geht wird die Zeit zeigen.

Pascal Hellfritsch August 2013

Russland für Dummies: Von Sitten und Traditionen

Kommt man in ein fremdes Land, ist man in bestimmten Situationen verunsichert, wie man sich verhalten soll. Darf man über bestimmte Themen reden? Muss man als Mann Frauen auch die Hand geben? Vor einigen Tagen ist mir ein kleines russisches Büchlein mit dem Titel Moschna?/Njelisja? (Можно?/Нельзя? – dt. Kann man?/Darf man nicht?) in die Hände gefallen. Es erklärt in Russland lebenden Ausländern typische russische Verhaltensweisen und kulturelle Besonderheiten. An ausgewählten Beispielen werden die Ratschläge der russischen Autoren mit eigenen Erfahrungen aus den vergangenen Monaten verglichen.

Kann man?/Darf man nicht?: In der Vorstellung der Russen ist die „ideale Familie“ eine „traditionelle“ Familie, die mehrere miteinander lebende Generationen umfasst (Großvater und Großmutter, Vater und Mutter, Kinder, Enkel). Die traditionelle russische Familie ist nach dem Autoritätsprinzip aufgebaut. Das Oberhaupt einer solchen traditionellen Familie ist der „Ernährer“ – der Mann. In der Regel ist er der einzige Erwerbstätige in der Familie und ihm obliegt es, bei der Besprechung möglicher Probleme des familiären Lebens Entscheidungen zu treffen. Die Hauptaufgaben der Frau sind die der „Ehefrau“ und der „Mutter“. Sie kümmert sich um die Sauberkeit im Haus, kocht Essen, erzieht die Kinder, usw. […] Die Kinder werden finanziell von den Eltern unterstützt […], häufig bis ins Erwachsenenalter hinein. Die Eltern leisten nicht nur materielle Unterstützung, sondern stellen auch sicher, dass sie das Handeln ihrer Kinder kontrollieren und Einfluss auf wichtige Entscheidungen ihrer Entwicklung haben: Wahl des Freundeskreises, des Berufs, des Arbeitsplatzes, usw.

Puh, bei einer solchen Beschreibung wird wohl jede Feministin dieser Welt einen Anfall bekommen. Auch für viele Deutsche erscheint ein solches Familienbild in Zeiten von Elterngeld und Kinderkrippe wie aus dem Mittelalter entnommen. Glücklicherweise weisen die Autoren am Ende des Kapitels selbst darauf hin, dass es sich hierbei um ein Idealbild handelt und die Wirklichkeit häufig anders aussieht. Trotzdem ist es tendenziell richtig, dass das russische Familienbild antiquierter ist als das deutsche. Im Vergleich zu Deutschland, wo die Gleichstellung von Mann und Frau selbstverständlich ist und über Frauenquoten diskutiert wird, scheint Russland hinterherzuhinken.

Scheidungen sind hier genauso üblich wie in Deutschland, dafür heiraten Russen im Durchschnitt früher. Anfang 20 zu heiraten und die ersten Kinder zu bekommen ist der Normalfall. Als 22-Jähriger Deutscher wird man in Russland öfter mal gefragt, ob man Frau und Kinder zu Hause in Deutschland allein gelassen habe.

Kinder leben sehr lange bei ihren Eltern. Ein wichtiger Grund dafür sind die hohen Immobilienkosten. Kaum ein Student kann es leisten, von seinem Geld eine eigene Wohnung zu mieten. Der Aspekt des Einflussnehmens auf die Entwicklung der Kinder ist sicherlich auch wichtig.

Kann man?/Darf man nicht?: Viele Ausländer, die in Russland leben, haben den Eindruck, dass Russen an öffentlichen Plätzen sehr ernst, bisweilen sogar mürrisch erscheinen und wenig lächeln.[…] In öffentlichen Verkehrsmitteln kann das Verhalten von Russen gegenüber einem fremden Menschen als aggressiv wahrgenommen werden.

Dies ist etwas, was einem gleich in den ersten Tagen in Russland auffällt. Die Menschen haben in der Öffentlichkeit nur selten ein Lächeln übrig und wirken unfreundlich. Kassiererinnen zum Beispiel bringen während des Kassierens kaum mehr als ein „Paket nada?“ (Пакет надо? – dt. Brauchen Sie eine Tüte?) über die Lippen. Kein „Guten Tag“, kein „Schönen Tag noch“. Dabei darf man jedoch nicht annehmen, dass ein fehlendes Lächeln bedeutet, dass jemand einem negativ gegenüber eingestellt ist. Im Gegenteil kann man dann ein Lächeln umso mehr wertschätzen, wenn man eins erhalten sollte. Dafür muss man anmerken, dass Russen – hat man sie denn einmal kennengelernt – überaus gastfreundlich und liebenswürdig sind. Man muss sich einfach die Mühe machen, zu ihnen durchzudringen.

Kann man?/Darf man nicht?: Russen haben ihre eigene Vorstellung von Genauigkeit und Pünktlichkeit. […] Sie richten sich ziemlich frei nach der Zeit, weswegen viele der Meinung sind, dass Russen unpünktlich sind. So ist sogar eine Verspätung von bis zu zehn Minuten völlig in Ordnung. Jedoch gibt es auch Situationen, bei denen eine Verspätung nicht angebracht ist.

Es existiert das oft genannte Stereotyp der deutschen Pünktlichkeit. Demgegenüber steht die angebliche russische Unpünktlichkeit. Ich würde es aber eher als „zeitlich flexibel“ bezeichnen. Man muss sich eben mit unzuverlässigen Verkehrsmitteln und schlechten Infrastruktur arrangieren. Wenn man mal zu einem Treffen ein paar Minuten zu spät kommt, ist das nicht das Ende der Welt. Tatsächlich sollte man aber zu bestimmten Anlässen auf keinen zu spät kommen, etwa beruflichen Terminen oder Prüfungen. Mir persönlich gefällt das lockere Umgehen mit zeitlichen Vereinbarungen – vermutlich weil ich selten der Pünktlichere bin…

Kann man?/Darf man nicht?: Russen finden es normal, wenn sich Zeitabschnitte intensiver Beschäftigung mit Pausen und Zeitabschnitten des „Nichts-Tuns“ abwechseln. […] Vielleicht wird genau durch so eine Arbeitseinstellung wesentlich die stereotype Vorstellung der russischen „Faulheit“ verbreitet.

Die Einteilung in Phasen der Arbeit und Phasen der Pause lässt sich absolut bestätigen. Ein Bürotag in Russland wird durch viele Teepausen aufgelockert. Alle zwei bis drei Stunden versammelt man sich zum Tee- oder Kaffeetrinken in der Küche und lässt die Arbeit Arbeit sein. Um die Mittagszeit herum wird das Mittagsmahl eingenommen. Nach den Pausen setzt man sich dann aber mit umso größerem Einsatz wieder an die Arbeit.

Kann man?/Darf man nicht?: Russen verletzen häufig Gesetze (im weitesten Sinne dieses Wortes: Nichteinhalten von Sicherheitsbestimmungen, Nichtbeachten von Verkehrsregeln, Tricksen bei der Einkommensteuererklärung) und halten dies in den meisten Fällen für nicht unmoralisch.

Korruption ist Russland sehr verbreitet. Aus dem Bekanntenkreis habe ich zum Beispiel erfahren, dass einige Professoren an den Universitäten ein „Entgelt“ einfordern, damit der Student eine Prüfung bestehen kann. Immer wieder hört man, dass man sich seinen Führerschein erkaufen kann. Auch sonst wird gern mal zum Erreichen des persönlichen Vorteils mit der Wahrheit flexibel umgegangen. Als wir zu Beginn unseres Aufenthalts mit einem Freund als Dolmetscher in Ufa nach einer geeigneten Wohnung suchten, stießen auf das Problem, dass kaum ein Vermieter jemanden eine Wohnung  vermieten möchte, mit dem er nicht kommunizieren kann. Da griff unser Freund auf eine Notlüge zurück. Er erzählte der potenziellen Vermieterin, dass wir Wissenschaftler aus Deutschland seien – ausgesucht aus einem Bewerberkreis von 100 Leuten – um die lokalen baschkirischen Traditionen zu studieren. Tatsächlich haben wir die Wohnung dann bekommen. Sein Kommentar: „Um das zu erreichen, was man möchte, muss man manchmal auf Unwahrheiten zurückgreifen.“

Kann man?/Darf man nicht?: Russische Fahrer und Fußgänger halten sich leider nicht besonders an Verkehrsregeln, das bedeutet Fußgänger überqueren Straßen da, wo ihnen passt und nicht nur bei Fußgängerübergängen. Autofahrer halten sich möglicherweise nicht an Verkehrszeichen und fahren sogar bei Rot über die Ampel. Denken Sie daran, dass in Russland der Fußgänger stets das Auto vorbeilässt, sogar wenn er über einen Zebrastreifen geht.

Der Verkehr in Russland wird den meisten Westeuropäern chaotisch erscheinen. Eine dreispurige Straße wird bei viel Verkehr oft von fünf oder mehr nebeneinander fahrenden Fahrzeugen gleichzeitig genutzt. Überholmanöver sind sowohl von links als auch von rechts üblich, dabei macht der Schnellere durch Hupen auf sich aufmerksam. Überhaupt wird in Russland mehr gehupt als in Deutschland, allein um das „Recht des Stärkeren“ – also des größeren Autos – klarzustellen. Um als Fußgänger an einem Zebrastreifen die Chance zu haben, die Straße zu überqueren, muss man das Anhalten der Autofahrer provozieren. Man stellt sich mit einem Fuß auf die Straße, aber so, dass man die Möglichkeit hat, sich doch noch zurückzuziehen. Dabei sollte man Augenkontakt mit den Autofahrer aufnehmen, um sicher zu sein, dass sie einen gesehen haben. Fußgängerampeln werden wenig beachtet. Wenn die Straße frei ist, geht man einfach. Wenn die Straße viel befahren ist, versucht man es mit oben erläuterter Methode. Dabei gilt jedoch die Devise: Lieber einmal  mehr warten als das Leben zu verkürzen!

David Witkowski
Juli 2013

La haute cuisine bachkire oder Baschkirisches Essen

Lebt man eine Zeit lang in Baschkortostan kommt man unweigerlich mit der lokalen Küche in Kontakt. In einer monatelangen Testphase probierten die Baschkirienheute-Redakteure Speis und Trank der Baschkiren. Einerseits erscheinen einige Gerichte bekannt vom „Türken um die Ecke“ aus Deutschland, andererseits entdeckt man völlig neue Geschmackserlebnisse.

„Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist“, schrieb der französische Gastronom Jean Anthelme Brillat-Savarin im 19. Jahrhundert. Die Kultur eines Volkes wird in hohem Maße über das Essen definiert. Die baschkirischen Traditionen und die baschkirische Küche wurden von der jahrhundertelangen halbnomadischen Lebensweise geprägt. Im Sommer zog man von Zeltlager zu Zeltlager, während man den Winter in den Dörfern verbrachte. Deswegen gibt es in der baschkirischen Küche viele Speisen mit einer langen Haltbarkeit wie getrocknete Wurst (vor allem Pferdewurst), getrocknete Früchte, Milchprodukte und Honig.

Besonderes Merkmal ist die große Menge an Fleisch – Vegetarier haben es nicht leicht in Baschkortostan. Bestellt man eine vermeintlich vegetarische Gemüsesuppe, erhält man häufig eine Suppe mit obligatorischem Sahneklecks und Schinkenstreifen. Viele baschkirische Gerichte ähneln denen anderer Völker Zentralasiens und des Nahen Ostens. So ist die mittlerweile auch in Deutschland bekannte Süßspeise „Baklava“ in Baschkortostan ebenfalls weit verbreitet. Einen „Döner Kebab“ wird man hier zwar nicht finden. Dafür gibt es das arabische Pendant „Schawarma“ (russ. Шayрма), ein Wrap mit Fleisch- und Salatfüllung. Gemeinsam den Völkern der Region ist die ausgeprägte Kultur des Teetrinkens. Baschkiren trinken sehr viel Tee, stets mit Milch und eventuell einem Löffel Honig.

Hier einige baschkirischen Speisen und Getränke im Überblick:

Bischbarmak (baschk. Бишбармак)

Bischbarmak bedeutet übersetzt „fünf Finger“, denn ursprünglich wurde dieses Gericht mit der Hand gegessen. Es besteht natürlich aus jeder Menge Fleisch, traditionell Lamm- oder Pferdefleisch. Dazu werden grob geschnittene Nudeln gereicht. Das Ganze wird mit viel Zwiebeln und Kräutern sowie Kräutern geschmacklich abgerundet. Sehr deftig, perfekt für Fleischliebhaber.

Belisch (baschk. Бәлеш)

Ein Belisch ist eine Teigtasche mit – Achtung Überraschung – Fleischfüllung. Häufig werden aber auch Kartoffeln dazu gegeben. Die Teilchen sind als Snack sehr beliebt und schmecken wirklich gut.

Tschak-Tschak (baschk. Cәк-сәк)

Bei Tschak-Tschak handelt es sich um eine Süßspeise. Aus Mehl und Eiern werden Erdnussflip-förmige Teigstücke geformt und frittiert. Die Teigstücke werden dann zu einer Pyramide aufgehäuft und mit jeder Menge Honig übergossen, so dass sie schön aneinanderkleben. Beim Verzehr von Tschak-Tschak sind Fummelspaß und klebrige Finger daher garantiert. Das größte Tschak-Tschak aller Zeiten wurde im Jahre 2005 für die 1000-Jahr-Feier der Stadt Kasan zubereitet. Es nahm eine Fläche von 13 m² ein und brachte es auf unglaubliche 1.000 kg.

Kumys (baschk. Кумыс)

Kumys ist vergorene Stutenmilch. Es ist nicht nur das Nationalgetränk der Baschkiren, sondern auch vieler anderer Steppenvölker. Kumys klingt wie „Kuhmist“ und schmeckt auch so. Das milchweiße prickelnde Getränk hat einen säuerlichen, leicht alkoholischen Geschmack. Männliche Baschkiren schwören auf die aphrodisische und Potenz steigernde Wirkung von Kumys. Wer zum potenten Casanova werden möchte, muss also lediglich dieses bitter-scheußliche Getränk literweise zu sich nehmen.

David Witkowski
Mai 2013

„Tourismusexpertin“ in Baschkortostan?

Nachdem ich in der Maiausgabe von Baschkirien heute den Beitrag von Frau Dr. Verena Barth gelesen habe, war ich doch etwas stark irritiert, ob der mir wenig verständlichen Sichtweise.
Vorwegschicken möchte ich, dass ich als Geographin tätig bin, die seit 40 Jahren an einer Universität in der Wirtschaftsgeographie lehrt, wozu auch Fragen der Tourismusgeographie gehören. Zu meinen Spezialisierungen gehört die Geographie Russlands. Ich arbeite seit 40 Jahren mit Hochschulgeographen in Ufa zusammen und reise seit 1977 regelmäßig nach Baschkortostan. Trotzdem bin ich nicht so mutig, mich als Tourismusspezialistin zu bezeichnen.

Bezug nehmend auf den erwähnten Beitrag: Eine Reise nach Baschkortostan für eine Touristengruppe zu organisieren ist verlockend und kann mit den richtigen Erwartungen und kompetenten Partnern vor Ort sicherlich erfolgreicher sein als dargestellt. Wenn man das Erwartungsbild entwickelt, sollte man aber wissen, welche Voraussetzungen diese Republik für internationalen Tourismus hat. Kluger Weise stellt man sich darauf dann ebenso ein, wie auf landestypische Regeln (z. B. Hygienekontrollen in Schwimmbädern) oder Verhaltensweisen (Verwunderung über frei buchende Ausländer ohne einheimisches Netzwerk) und nimmt letztere kommentarlos hin.

Das Gebiet der Republik Baschkortostan besticht vor allem mit seiner sagenhaften naturräumlichen Ausstattung, mit den leidenschaftlich gepflegten kulturellen Traditionen der dort lebenden Nationalitäten, der Gastfreundlichkeit seiner Menschen. Das allein ist wert, als Ausländer dieses Gebiet kennen zu lernen. Allerdings sollte man nicht mit der Mentalität von Liebhabern des Pauschaltourismus anreisen. Dann ist man hier falsch.
Das Land verfügt bisher nicht über eine den westlichen Klischees entsprechende touristische Infrastruktur. Internationaler Tourismus ist auch kein Wirtschaftsschwerpunkt in Baschkortostan. Schon aus diesem Grunde sollten wir die Frage wirklich nicht stellen, was verbesserungswürdig ist, um Baschkortostan zu einer „vollwertigen internationalen Tourismusregion“ zu entwickeln, wenn die Menschen vor Ort andere Vorstellungen oder andere Erfahrungen haben. Man kann auch mit Individualtourismus leben und ihn nach Landesmaßstab erfolgreich organisieren. Aber dann sollte man es mit kompetenten einheimischen Reiseorganisatoren tun, die durchaus geeignete Objekte finden, Routen organisieren und Reservierungen vornehmen können.

Vielleicht hilft es auch, so manche der beschriebenen Erfahrungen zu verstehen, wenn man weiß, dass Baschkortostan aus der Sowjetzeit keine touristische Tradition für Ausländer besitzt. Man kam nur als Dienstreisender nach Ufa und in einige wenige andere Städte. Viele Gebiete, vor allem im Ural, waren für Ausländer gesperrt.
In Baschkortostan gibt es 21 Städte, darunter 1 Millionenstadt und 3 weitere Großstädte. Die Städte in Baschkortostan sind wesentlich jünger als die Städte in Mittel- und Westeuropa. Die ortsübliche Bebauung waren Holzhäuser, die zu einem großen Teil entweder modernen Wohngebieten weichen mussten oder auch verfallen sind.
Von den wenigen Großstädten sind nur Ufa und Sterlitamak älter als 200 Jahre und haben für Touristen interessante Archtitekturelemente. Die meisten Städte stammen aus dem 20. Jahrhundert, sind als so genannte sozialistische Städte für ausländische Touristen weniger interessant. Somit ist Städtetourismus bisher zum Beispiel kein Thema und eine Stadtinformation rechnet sich selbst in Ufa für die wenigen Touristen bisher nicht.

Persönlich sehe ich übrigens die touristischen Möglichkeiten, die die natürliche Ausstattung Baschkortostans für sanften Tourismus bietet als die einzig wirklich interessante und zukunftsträchtige Variante für möglichen internationalen Tourismus an. Und dabei ist „all inclusive“ nicht unbedingt erstrebenswert.

Dr. Georgia Kroll
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der MLU Halle Wittenberg
August 2010


Tourismus in Baschkortostan und der Uralregion- mit den Augen deutscher Gäste gesehen

Baschkortostan - das ist eine Gegend, die man im Ausland nur wenig kennt, in Russland selbst natürlich schon. Wenn ein Deutscher zufällig Ufa kennt und nicht nur aus dem Kreuzworträtsel, dann fällt ihm als erstes ein: Ural und große Industriestadt. Wenn ich Russen erzählt habe, was mein nächstes Reiseziel ist, Baschkortostan, dann kam oft die Assoziation, ach, da wo die Leute so gastfreundlich sind oder ach ja, baschkirischer Honig ist dort zu Hause.
Aber reicht das schon aus, um jemanden als Tourist in diese Region zu bewegen? Welche Motivation sollte jemand haben, nach Baschkortostan zu fahren, wenn er es gar nicht kennt oder sich nicht vorstellen kann, was ihn dort erwartet? Warum kennen so wenige Leute die Schönheiten Baschkortostans, und warum kennt man im Ausland kaum den Namen dieses Landstrichs?

Baschkortostan hat eine Menge von Sehenswürdigkeiten zu bieten, Naturschönheiten, kulturelle Besonderheiten, aber das wohl wichtigste hier sind die offenen, herzlichen und gastfreundlichen Menschen. Das gilt es auch als touristischen Faktor zu nutzen. Sehr oft beobachte ich, wenn ich als Reiseleiter in einem fremden Land unterwegs bin, dass die Leute 10 oder 14 Tage nie mit einem Bewohner des besuchten Landes in Berührung kommen, maximal noch, wenn sie ein Restaurant besuchen oder an der Rezeption im Hotel etwas fragen wollen. Natürlich gibt es verschiedene Bedürfnisse von Reisenden, aber ein Tourist, der sich langfristig entschließt, nach Russland zu fahren, hat meiner Erfahrung nach folgende Motivationen:

1. die kulturellen Schönheiten mit ihrer Geschichte kennenzulernen
2. Spaß und Action haben und sich vielleicht dabei sportlich betätigen
3. die für Westeuropa ungewöhnliche Lebensweise der Leute kennenlernen
4. selbst Einheimische treffen, kennenlernen, mit ihnen ins Gespräch kommen
5. die landestypische Küche kennenlernen
6. eine unberührte Natur sehen und auf keinen Fall Massentourismus erleben
7. neue, möglichst authentische Eindrücke gewinnen und vor allem, den eigenen Wissensstand über eine weitgehend unbekannte Region erweitern
8. günstige Reisekosten

Was hat Baschkortostan davon zu bieten?

 

• Es hat eine sagenhaft unberührte Natur
• Eine nicht beschreibbare Gastfreundschaft, sehr kontaktfreudige, auf den Ausländer neugierige Menschen
• Es ist ein Land mit reichen Traditionen, die sich in Musik und Tanz widerspiegeln
• Eine Vielfältigkeit des Lebens, Nostalgie und Moderne
• Es hat sehr gute Lebensmittel und eine reichhaltige, schmackhafte Nationalküche
• Vielschichtige Möglichkeiten, die Umgebung mit ihren Naturschönheiten kennenzulernen
• Kein Massentourismus, nur Individualtourismus

Welche Erfahrungen habe ich als Ausländerin im Tourismusgeschäft in Baschkortostan gemacht? Was ist verbesserungswürdig, damit diese Gegend sich zu einer vollwertigen international anerkannten Touristenregion entwickeln kann?

Ich persönlich komme seit über 15 Jahren jährlich nach Baschkortostan, nicht mehr als Touristin, aber da das eins meiner Spezialgebiete ist, schaue ich mit den Augen eines Tourismusspezialisten auch kritisch auf einige Aspekte. Ich selbst reise viel, war auf fast allen Kontinenten unterwegs, in mehr als 50 Ländern der Welt und kenne Baschkortostan besser als mancher Einheimische.

2009 habe ich selbst mit sehr großem Aufwand eine Touristenreise für deutsche Urlauber in Baschkortostan und Tatarstan organisiert, die ein voller Erfolg war, jedoch auch von vielen Schwierigkeiten im Vorfeld begleitet war.
Das begann mit den Hotelreservierungen. Ufa verfügt über eine ganze Reihe gut ausgestatteter Hotels mit einem internationalen Standard. Überall auf der Welt ist es üblich, eine mail an ein Hotel zu senden, man bekommt eine Antwort und somit ist die Reservierung abgeschlossen, und ich kann zum vorgegebenen Zeitpunkt anreisen. In Ufa ist das anders: Ich bekam 2 Wochen keine Antwort .Da ich vor Ort war, begab ich mich persönlich in die Hotels zur Reservierung und um mir die Zimmer vorher anzusehen.
Die Zimmer waren meistens in Ordnung, etwas seltsam war, dass einige 4-Sterne-Hotels keinen Schrank hatten. Auch ein Urlauber möchte doch seine Kleider aufhängen und nicht aus dem Koffer leben?
Sehr wundern musste ich mich, als mir zum Preis noch eine Reservierungspauschale genannt wurde, die tatsächlich bis zu 50 % der ersten Nacht betragen sollte. Ich willigte ein, in der Annahme, dass diese 50 % mit dem Hotelpreis bei Anreise verrechnet werden. Keineswegs! Es ist eine Zusatzpauschale für die Dienstleistung Reservierung! In dieser Höhe! Der Tourist wird also bestraft, dass er tatsächlich anreist und das Hotel mit seiner Reservierung doch besser planen kann. So etwas habe ich noch nie auf der Welt erlebt! Nur im April 2009 in Ufa. Nun nahm ich an, dass es vielleicht nur in einem Hotel so ist und der Direktor möglicherweise die Gesetze der Marktwirtschaft nicht versteht. Nein, es kamen in 3 Hotels diese Antworten! In einem anderen Hotel wurde gerade saniert, sodass der Gast nicht hätte frühstücken können. Wenn es aber eine Einschränkung der Dienstleistung gibt, muss doch der Preis herabgesetzt werden, oder? Das war leider nicht der Fall. Ein anderes Mal wollte ich in einer bekannten Touristengegend Baschkiriens ein Hotel buchen. Ich hatte ca. 5-6 Hotels aus dem Internet mit Telefonnummer herausgeschrieben und rief an, um eine Buchung vorzunehmen. Ich bekam bei 4 Hotels keinen von der Rezeption ans Telefon. Brauchen diese Hotels keine Touristen? Die ganze Nacht ist die Rezeption besetzt, warum werden die Telefone dorthin nicht umgeleitet?Nach langer Aufregung fand ich ein Hotel, ein hübsches Zimmer mit einem anständigen Preis.

Kurz nach dem Einchecken habe ich die Besitzerin des Hotels am Telefon, die mir klarmacht, dass Ausländer in ihrem Hotel nichts zu suchen haben, diese müsste sie ja registrieren und dafür hat sie keine Zeit! In Deutschland würde man in so einem Fall den Besitzer wegen Ausländerfeindlichkeit verklagen und er hätte nie wieder Kunden. Enttäuscht von der baschkirisch-tatarischen Gastfreundschaft gingen wir an diesem Abend ins Bett.

Oft wurden mir auch Hotelpreise genannt ohne Frühstück. Normalerweise ist es üblich, dass jedes Hotelzimmer mit Frühstück angeboten wird. Welcher Urlauber oder Geschäftsreisender möchte gern hungrig zur Stadtexkursion aufbrechen?

Dasselbe ist mir auch kürzlich in einem nahegelegenen Skigebiet passiert. Schlafen können Sie, aber das dazugehörige Cafe öffnet erst um 11 Uhr, sie können ja mit leerem Magen auf die Skipiste gehen. Oft scheint mir die Abstimmung zwischen Hotel und dazugehörigem Restaurant nicht zu klappen, was sehr schade ist. Kommunikationsprobleme könnten schnell behoben werden.

Als nächstes möchte ich eine Stadtführung in Ufa buchen, um alle Sehenswürdigkeiten dieser Stadt zu besuchen. Ich finde keinen Anlaufpunkt, wo das offiziell möglich ist! Also muss ich wieder alle Bekannte fragen. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es an der BGU, an der Fakultät für Fremdsprachen phantastisch ausgebildete Stadtführer gibt, die ein fehlerloses Deutsch sprechen. Frau Dr. Irina Faritovna Ganieva hat sich seit mehreren Jahren dieser Sache angenommen und sehr gute Stadtführerstudenten ausgebildet. Aber woher weiß ich das als ausländischer Besucher? Ich habe also einen sehr guten jungen Mann gefunden, der meinen Gästen in perfektem Deutsch die Stadt zeigt. Nun möchte ich noch einen Museumsbesuch vereinbaren, um den Gästen die baschkirischen Traditionen näher zubringen. In einem Museum werde ich gleich vor der Tür abgefertigt: „Hier dürfen sie nur rein, wenn sie eine Gruppe von 10 Personen sind und nur nach Voranmeldung und nur mit Führung!“ sagt die Stimme von drinnen. Ich bin verschreckt, wundere mich über den gastunfreundlichen Kommandoton und suche das Weite. Man will mich nicht als Besucher- schade! Dann probiere ich es in einem anderen Museum. Doch wo war jetzt das Museum? Es gibt in der ganzen Stadt nicht ein Hinweisschild auf dieses phantastische Museum, nicht mal auf baschkirisch! Nachdem ich drei verschieden Leute auf der Strasse befragt habe, finde ich es, aber was macht ein Gast, der der russischen Sprache nicht mächtig ist? Im zweiten Museum habe ich mehr Glück, denn man kennt die Studentenguides, und ich bekomme wieder einen perfekt ausgebildeten jungen Mann mit akzentfreiem Deutsch pünktlich zum angegebenen Zeitpunkt gestellt. Doch hier kommt die nächste Überraschung: die Eintrittspreise. Ein ausländischer Gast soll das Dreifache des Preises zahlen als ein russischer Gast. Wieso? Für die gleiche Leistung? Ist das nicht eine Diskriminierung des Fremden? Das passt gerade nicht in mein Bild des so gastfreundlichen Baschkiriens! Zu diesem Thema gab es bereits ein Gerichtsurteil, da man diese Methode in St. Petersburg und Moskau auch gern anwendet. Ich bin wieder etwas irritiert, gibt es denn nur reiche Ausländer, denen man das Geld aus der Tasche ziehen muss? Ein weiteres Problem für jeden Fremden in Ufa ist das Bus fahren. Obwohl ich schon so oft in Ufa war, sogar länger hier gelebt habe, weiß ich noch immer nicht, wohin diese vielen hundert Busse fahren. Es gibt keinen Plan an der Haltestelle, kein Verkehrsleitsystem. Wie oft bin ich in einen Bus gestiegen, wo zwar mein Ziel angeschrieben war, er dann aber irgendwie eine andere Strecke fuhr und ich wieder zu spät kam! Die pünktlichen Deutschen! Am liebsten fahre ich Straßenbahn, da kann man sich nicht so schlimm verirren, aber leider sind in den letzten Jahren viele Straßenbahnschienen abgerissen worden. In meiner Heimatstadt Dresden ist die Straßenbahn das schönste, bequemste, sicherste, schnellste, umweltfreundlichste und billigste Verkehrsmittel. Hier sehen die Verkehrsplaner das leider anders.

Für den nächsten Tag möchte ich ein Mietauto bestellen, das funktioniert, aber nicht problemlos. Seit einigen Jahren gibt es in Ufa mehrere Verleihstationen, leider zu wenige, um eine echte Konkurrenzsituation herzustellen. Die Preise sind europäisch aber die Qualität der Autos nicht! Dieses Problem trifft man leider noch zu oft und in fast allen Lebensbereichen in ganz Russland -der Kunde soll viel bezahlen, aber die entsprechende Qualität wird nicht erfüllt.

Der nächste Programmpunkt war der Besuch eines Skigebiets, meine Gäste möchten den sonnigen Wintertag und den glitzernden Schnee nutzen. Von einigen unmotivierten Polizeikontrollen mit einem gewissen Schmiergeld für verarmte Polizisten abgesehen, gelangen wir auf gut geräumten Straßen in das Skigebiet. Wir möchten spontan ein Hotel haben, und auch hier fehlt eine Anlaufstelle dafür. Dann werden uns in einem Skiverleih 2 Hotels angeboten, ein durchschnittliches mit sehr kleinen Zimmern für sage und schreibe 5200 Rubel pro Nacht. Das Bad muss ich mir mit meinem Nachbarzimmer teilen. Diesen Preis empfinden meine Gäste als nicht angemessen, als Wucher. Ein anderes Hotel ist klein, sauber, aber es müssen 4 Leute in einem 10 qm großen Zimmer schlafen, auch das ist international wenig üblich. Der Preis beträgt 350 Rubel pro Person. Das erscheint mir nun wieder sehr billig, wie kann das Hotel mit solchen Preisen geführt werden? Es stellt sich heraus, dass das Zimmer keine Heizung hat. Ein kleiner Elektroofen tut es auch. Aber wer baut bitte Hotels in einer Region, die im Winter -40 Grad Kälte hat ohne Heizung? Es kann aber auch kein Sommerhotel sein, denn im Sommer hat die Gegend hier keinerlei Tourismus. Beide Zimmerpreise zeigen mir, dass hier irgendwo die Relationen nicht da sind und der internationale Vergleich fehlt. Im teuren Hotel soll ich sogar den Parkplatz noch extra bezahlen. Müsste das nicht eine Dienstleistung sein, die zum Hotelpreis gehört?

Ein nächster Schock erwartet uns bei der Skiausleihe. Die Preise sind kosmopolitisch hoch, das Dreifache von Österreich, die Abfahrten genauso teuer, die Ski nicht alle in bester Qualität.
Auch hier erwartet uns also wieder Abzocke, doch als Tourist habe ich keine andere Wahl. Als die Lifte um 17 Uhr schließen, wollen wir in das auf dem Hang nett gelegene Café, um einen heißen Tee zu trinken. “Wir schließen jetzt, wir haben Pause, kommen sie in einer Stunde wieder!“ ist die Antwortet. Wir sehen uns fragend an. Wieso schließt das Cafe, wenn doch jetzt nach Ende der Abfahrt alle Urlauber ins Cafe wollen und den schönen Schneetag ausklingen lassen wollen? Sie bringen doch Geld. Will der Betreiber denn kein Geld verdienen? Wie soll ich in einer Stunde wiederkommen, wenn die Lifte nicht mehr fahren? Gut dann gibt es keinen Tee, wärmen wir uns in der Schwimmhalle auf.

Wir packen unsere Badesachen und freuen uns auf eine Runde schwimmen. Da schallt es uns schon wieder unfreundlich entgegen: Wir schließen gerade zum Putzen, kommen sie in einer Stunde wieder. Wieso wird denn mitten am Abend, wenn alle ins Schwimmbad wollen, die Halle geschlossen zum Saubermachen? In Europa ist es üblich, zu säubern wenn die Gäste nicht mehr da sind. Wieder sind meine Gäste frustriert. “Andere Länder, andere Sitten“, versuche ich meine Gäste bei Laune zu halten. So essen wir inzwischen ein duftendes Schaschlyk auf der Straße und warten, dass die Zeit vergeht. Als es 22 Uhr wird, ist die Schlange riesenlang. Oh Gott, wie zu Sozialismuszeiten! Aber warum nicht noch einmal ein Stück Sozialismus erleben, denke ich optimistisch. Die Schlange rutscht langsam vorwärts, obwohl 3 Arbeitskräfte hinter der Kasse stehen. Jetzt erkenne ich: Für jeden Gast wird eine Eintrittskarte mit Vorname, Vatersname und Familienname ausgefertigt. Jeder muss unterschreiben, dass er nüchtern ist und die Bedingungen für den Badeintritt anerkennt. Jetzt sind wir an der Reihe und müssen uns erstmal rechtfertigen, warum die Deutschen keinen Vatersnamen haben. Habt ihr keine Väter? Um die Damen hinter der Kasse zu befriedigen und die Schlange nicht noch mehr aufzuhalten, denken wir uns schnell einen Vatersnamen aus. Wir sollen noch zum Dermatologen gehen, auch eine völlig unbekannte Einrichtung. Könnte so ein Dermatologe wirklich im Vorbeigehen alle Hautkrankheiten erkennen? Aber er ist abends nicht mehr da. Inkonsequenz? Können nur am Tag Hautkrankheiten mit ins Bad gebracht werden? Nun dürfen wir endlich das Bad betreten und trauen unseren Augen nicht: Überall sitzen Badegäste und trinken Bier! Haben wir nicht gerade unterschreiben müssen, dass alle nüchtern sind? Ich verstehe Russland nicht mehr. Doch ich kann froh sein, dass man spontan baden kann, in Ufa brauche ich vorher auch erst medizinische Bescheinigungen und einen regelmäßigen Termin zum Baden!

Nach dem Baden gehen wir in ein Restaurant. Dort werden wir positiv überrascht! 4 junge Männer bedienen uns lächelnd. Sie reichen die geöffnete Speisekarte, sie bringen die Gerichte gleichzeitig, das Essen ist warm und sehr schmackhaft, sogar liebevoll angerichtet. Wir sind begeistert. Zwei Wochen lang sind sie speziell geschult worden, haben eine Prüfung vor einer Kommission abgelegt. Der Chef achtet auf Qualität und dementsprechend war das Restaurant auch gut besetzt.

Am Morgen das ganze Gegenteil. In einem Cafe werden wir mürrisch empfangen. Wollen Sie etwa frühstücken, scheint das Gesicht der Kellnerin zu fragen? Wir werden als erstes mit Rockmusik beschallt. Da wir die einzigen Gäste sind, hätte man uns ja fragen können, welchen Musikgeschmack wir haben. Die Hälfte der Gerichte auf der Speisekarte ist nicht vorrätig. Wieso stehen sie dann drauf? Auch das ist ein schlechtes Image für ein Restaurant. Wir bestellen nach russischer Sitte, Salat, Suppe, ein Hauptgericht, Tee und Kaffee. Alles wird gleichzeitig gebracht und wir wissen nicht, was wir zuerst essen sollen, irgendwas wird gleich kalt, ich hasse kaltes Essen!
Abgeräumt wird schnell, aber schon wieder ist mein Besteck weg. Regel Nr.1 in Russland, so hat man mir eingepaukt: Immer das Besteck bis zum letzten Gang retten. Ich habe vergessen, wo ich war, und das nicht beachtet. Es gibt kein neues Besteck, ich nehme die Löffel meines deutschen Nachbarn! Der schaut mich unglaubwürdig an.

Baschkortostan hat in den letzten Jahren erkannt, dass der Tourismus ein Wirtschaftsfaktor sein kann und dass er einer Region zum Prestige verhelfen kann. Es gibt bereits viele gute, sichtbare Ansätze. Die Tourismuswirtschaft schafft unzählige neue gute Arbeitsplätze, wenn sie richtig betrieben wird. Es gibt Länder auf der Welt, die einen großen Anteil vom BIP nur durch Tourismus erarbeiten.
Aber der Gast muss spüren, dass er mit offenen Armen in der Stadt empfangen wird, ganz nach baschkirisch-tatarischer Tradition. Was könnte man dazu tun?

Es gibt z.B. in der Einkaufspassage „gostiny dvor“ unzählige Stände, die Handys verkaufen, aber nicht einen Stand, der als Stadtinformation fungiert.
Dort müssten mehrsprachige Stadtpläne angeboten werden, Theaterkarten, Hefte mit kulturellen Vorschlägen, Stadtexkursionen, Hotels vermittelt werden und Museumsführungen. Dazu sollten typische Souvenirs verkauft werden, wie es in den Hotels schon üblich ist. Es könnte einen Plan geben mit allen Fahrtrouten der Busse, Marschrutkas und Straßenbahnen, damit man sich als Gast schneller orientieren kann. Der Plan könnte an allen Haltestellen ausgehängt werden. In allen guten Restaurants könnte man die Speisekarten auf russisch, baschkirisch und englisch anbieten, ebenso die Stadtpläne mehrsprachig gestalten.
Im Stadtzentrum könnten Wegweiser stehen, wo sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt befinden. Stadtexkursionen können auch für Einheimische angeboten werden, nicht jeder kennt seine Stadt schon gut. Spezielle Angebote für Kinder sind denkbar, Stadtrallys oder Suchspiele.
Vielleicht ist auch ein Stadtrundfahrtbus denkbar, der stündlich eine bestimmte Route abfährt. In der Umgebung sind Angebote wie Ethnotourismus denkbar, Ausbau der Reitangebote, geführte Wanderungen, Höhlenbesuche, Paddeln, Einrichtung von Zeltplätzen für Wohnmobile usw.

Aber der wohl wichtigste Faktor ist das Lächeln, die Freundlichkeit. Ich freue mich neuerdings in jedem Laden, wenn die Kassiererin zu mir sagt; Danke für Ihren Einkauf, kommen sie wieder! Vor ein paar Jahren hieß es immer: Öffnen sie ihre Tasche, wir kontrollieren, ob sie was geklaut haben. Ich möchte als Tourist willkommen sein, ich möchte erwünscht sein. Dann komme ich auch gern wieder. Tourismus ist eine Dienstleistung, für die der Gast bezahlt. Im Dienstleistungsgeschäft muss Freundlichkeit die oberste Priorität haben. Das haben viele in diesem Sektor bereits verstanden und Verbesserungen in den letzten Jahren sind unübersehbar. Ich bin überzeugt davon, dass Baschkirien in den nächsten Jahren zu einem Anziehungspunkt für einheimische und ausländische Touristen werden kann, wenn alle mit vereinten Kräften am Stadtimage arbeiten.

Dr.Verena Barth
Tourismusexperte in Dresden
Mai 2010


Wie baschkirisch bist du?

Baschkirien ist ein Schmelztiegel der Nationen. Die Baschkiren sind nur eine Minderheit im eigenen Land und teilen sich ihre Republik unter anderem mit Russen, Tataren und Ukrainern. Der Nationalstolz ist, wie sollte es anders sein, von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich stark ausgeprägt. Lernt man hier neue Menschen kennen, so streift das Gespräch früher oder später dennoch die Frage der Nationalität.
Um an einem solchen Gespräch auch konstruktiv teilnehmen zu können, muss man sich jedoch zuerst seiner eigenen Wurzeln bewusst sein. Für alle Leser, die bisher Schwierigkeiten haben, sich mit einer der in Baschkortostan heimischen Völker zu identifizieren, wurde von Baschkirienheute ganz exklusiv ein Identitätstest entwickelt. Finde heraus, wie baschkirisch du wirklich bist!

Beantworte die folgenden 15 Fragen offen und ehrlich! Notiere jeweils die Punktzahl deiner Antwort und addiere sie. Am Ende der Seite findest du dann eine detaillierte Auswertung, welcher Baschkirien-Typ du bist.

1. Hast du Epikanthus-Falten?

A: Ja, zwei. (3)
B: Hey, ich bin noch nicht mal 25. (2)
C: Gott sei Dank ist das vorbei. Ich habe mich gerad erst liften lassen. (1)

2. Trinkst du deinen Tee mit höt?

A: Ja, mit höt und mjod. (3)
B: In meinen Tee kommen nur ein Beutel und heißes Wasser. (1)
C: Nein, mit Zitrone. (2)

3. Kannst du Kurai spielen?

A: Nein, aber beim Skat mache ich dich fertig. (1)
B: Nein, aber ich höre sie gerne. (2)
C: Ja, seit ich 4 Jahre alt bin. (3)

4. Welche Farbe hat dein Haus?

A: Grün (3)
B: Blau (2)
C: Weiß (1)

5. Was ist das?

A: ein Rührbesen (2)
B: ein Haarmassagegerät (1)
C: eine Pflanze (3)

6. Wie oft warst du schon in Öfö?

A: Schon sehr oft. (2)
B: Ich lebe hier. (3)
C: Nö, ich komm' aus Sömmerda. (1)

7. Wie viele Präsidenten hatte deine Republik seit Beendigung des Kalten Krieges?

A: Ganz klar: 3! (2)
B: Weizsäcker, Herzog, Rau… Äh, keine Ahnung man! (1)
C: Lang lebe Rachimow! (3)

8. Wie viel kostet bei dir eine Fahrt mit dem ÖPNV?

A: 10 Rubel (3)
B: 1,20 € für ne Kurzstrecke (2)
C: Keine Ahnung, ich fahre immer Rad. (1)

9. Wer ist dein größter Held?

A: Wladimir Putin (2)
B: Salavat Julaev (3)
C: Thomas Gottschalk (1)

10. Warst du schon einmal bei einem Eishockeyspiel?

A: Was interessiert mich Eishockey? (1)
B: Nein, die Tickets sind immer ausverkauft. (2)
C: Schon tausendmal, ich habe eine Dauerkarte. (3)

11. Isst du mit Honig beschmierte Teigpopel?

A: Ich esse Popel immer ohne Honig. (2)
B: Popel? Die gibt’s bei mir nur im Taschentuch. (1)
C: Mmh… Ich liebe Tschaktschak. (3)

12. Welche Haarfarbe hast du?

A: Pechschwarz (3)
B: Granatrot (2)
C: Polarblond (1)

13. Kannst du auf Türkisch einen Döner bestellen?

A: Ey Türke, mach ma swei Döna kla, alta. (2)
B: Bir döner alabilirmiyim. (3)
C: Ich bin Vegetarier. (1)

14. Wie lecker findest du vergorene Stutenmilch?

A: Wie bitte? (1)
B: fuuuuu!!! (2)
C: Mmh…Kumys, der Sekt des kleinen Mannes. (3)

15. Bist Du MuslimIn und warst trotzdem noch niemals in einer Moschee?

A: Natürlich war ich schon ein Mal in einer Moschee, um sie meinen ausländischen Freunden zu zeigen.(3)
B: Was soll ich dort? Ich bin orthodox.(2)
C: Nee, das sind doch alles Terroristen. (1)

Auswertung

15 - 24 Punkte: Die Baschkiren - Jungfrau
Nein, Baschkirien ist keine Schmierkäsesorte aus dem Kühlregal. Deine Kenntnisse lassen eindeutig zu wünschen übrig und du bist noch ziemlich grün hinter den Baschkiren- Ohren. Aber Hopfen und Malz ist auch bei dir nicht ganz verloren. Schreib dich nicht ab - lern baschkirisch schreiben und lesen. Ein erster Crashkurs wartet am Ende dieses Tests auf dich.

25 - 34 Punkte: Der Baschkiren - Azubi
Du bist irgendwie anders. Deine Vorfahren bezeichnen sich vielleicht als Tartaren, Russen oder Tschuwaschen aber trotzdem bist du in Baschkortostan daheim. Das Kuraigedudel geht dir ziemlich auf die Nüsse aber ansonsten geht’s dir hier eigentlich doch ganz gut. Dein Wissen über die baschkirische Kultur ist schon ganz ordentlich, aber definitiv ausbaufähig. Ein wenig Nachhilfe könnte nicht schaden. Belies dich doch im folgenden Crashkurs „Baschkirisch in 3 Minuten“.

35 - 45 Punkte: Der Vollblutbaschkire
Durch deine Adern fließen die baschkirische Mentalität und Birkenhonig. Du bist schon mit Kurai an den Lippen auf die Welt gekommen, betrinkst dich regelmäßig mit Kumys und kannst sogar in diesem Zustand noch die besten Tschaktschaks der Welt zaubern. Deine Kultur ist dir sehr wichtig und nachts träumst du davon, an Salawats Seite durch die Steppen deiner Heimat zu galoppieren. Vielleicht hast du ja noch eine Idee zur Erweiterung des folgenden Baschkirien- Crashkurses? Anmerkungen an die Redaktion!

„Baschkirisch in 3 Minuten“

Eishockey ist eine beliebte Sportart in Russland. Der ufaer Eishockey-Klub „Salawat Julaew“, egal ob erfolgreich oder nicht, spielt immer in ausverkaufter Arena. Wer glaubt, mal eben ein Ticket für eines der heißbegehrten Spiele zu ergattern können, wird oft enttäuscht.

Epikanthus-Falte ist die wissenschaftlich korrekte Bezeichnung für eine Hautfalte, die das Auge mandelförmig aussehen lässt. Sie sind charakteristisch für viele Angehörige ostasiatischer und indochinesischer Völker, kommen aber u.a. auch im zentralasiatischen und südosteuropäischen Raum vor.

Höt ist das baschkirische Wort für Milch. Bei den Baschkiren sehr beliebt ist Schwarztee mit höt, aber auch wahlweise mit dem berühmten baschkirischen Honig.

Kumys ist natürlich vergorene Stutenmilch. Er ist leicht alkoholhaltig (ca. 2 %) und schmeckt säuerlich prickelnd.

Kurai: Ist eine Schilfpflanze, die zum Bau des gleichnamigen traditionellen baschkirischen Musikinstruments verwendet wird. Die Kurai ist ein Blasinstrument und ähnelt im Klang der Panflöte. Außerdem ziert ein Abbild der Kurai die baschkirische Nationalflagge.

Öfö ist der baschkirische Name für Ufa, der Hauptstadt Baschkortostans. In Baschkiren sind sowohl Russisch als auch Baschkirisch offizielle Amtssprachen. Aus diesem Grund sind auch alle Verkehrsschilder zweisprachig.

Präsident: Murtasa Gubaidullowitsch Rachimow ist seit 1993 das erste und bisher einzige Staatsoberhaupt der Republik Baschkortostan.

Salawat Julaew war baschkirischer Freiheitskämpfer während der russischen Bauernaufstände im 18. Jahrhundert und wird bis heute als Nationalheld und Poet verehrt. Sein überlebensgroßes Denkmal thront hoch über der Stadt.

Tschaktschak sind frittierte Teigwürmchen, die traditionell in Honig getaucht und dann zu einem kleinen Hügel gestapelt werden.

Türkisch: Das Baschkirisch ist eine Turksprache und daher mit dem Türkischen verwandt.

Anmerkungen an Julia Hoppe und Tobias König
April 2010