Eine Hochzeit nach tatarisch-russischen Gewohnheiten

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, einem der wichtigsten Feste im Leben fast jedes Russen und jeder Russin beizuwohnen: einer Hochzeit. Die Bedeutung dieses Tages ist immens und der Ablauf selbst voller interessanter Besonderheiten. Umso mehr, wenn dabei auch tatarische Bräuche ihren Einfluss mit geltend machen.

Ein Gastbeitrag von Theresa Neumann

In Russland nimmt das Heiraten oftmals einen noch ganz anderen Stellenwert ein, als man das aus Deutschland weitestgehend gewöhnt ist. Als Frau wie als Mann einen wirtschaftlich möglichst gut gestellten Partner zu finden und mit ihm eine Familie zu gründen – das scheint fast der Mittelpunkt jedes Strebens zu sein.

Geheiratet wird am besten Anfang 20, denn danach gilt man zumindest als junge Frau schon bald als alte Schachtel oder man vermutet, dass etwas mit einem nicht so stimmt – sonst wäre man schon unter der Haube. Besonders oft sind junge Frauen dem gesellschaftlichen und familiären Druck ausgesetzt, doch möglichst bald einen Partner zu finden.

Frau muss sich tatsächlich auch anstrengen, denn schließlich gibt es viel mehr Frauen als Männer: der Kampf um „gute“ Männer ist groß. Immer wieder finde ich mich in Gesprächen mit Gleichaltrigen wieder, in denen es nur um den „wichtigsten“ Tag im Leben geht: wann es soweit sein wird, welches Kleid und welche Schuhe gekauft werden, welche Wohnung, welches Auto, wie die ganze Hochzeit überhaupt gestaltet werden soll.

Kulturelle und soziale Unterschiede

Ich bin regelmäßig schockiert, wie sehr dieses Heiratsthema im Mittelpunkt steht und meine Gegenüber wiederum darüber, dass es für die meisten 25-jährigen in Deutschland kein Thema ist und ich selbst mit 25 auch noch nicht verheiratet bin. Manche, vor allem Ältere, können das zum Teil gar nicht fassen und kommen dann mit guten Tipps und reden mir ermunternd zu, dass, wenn ich dann in zwei oder drei Jahren mal wieder in Russland vorbeischaue, ich dann meine kleine Tochter mitbringen soll. Meistens versteht man nicht, dass ich nicht traurig bin, wenn ich in zwei oder drei Jahren noch keine kleine Tochter habe oder verheiratet bin und dass das auch nicht mein Lebensziel Nummer eins ist.

Fairerweise muss ich aber sagen, dass es genügend junge Menschen gibt, die inzwischen aus den strengen Regeln ausbrechen wollen. Nur ist das nicht einfach. Gerade, weil Heirat und Familie einfach eine finanzielle Absicherung für die Zukunft sind. In Deutschland ist die staatliche Unterstützung vergleichsweise groß, wenn man z.B. arbeitslos wird. Hier nicht. Bei uns heiratet man eher selten nur aus rein wirtschaftlichen Gründen oder weil das Leben dann einfacher werden würde. Hier hingegen sind wirtschaftliche Gründe nicht selten ausschlaggebend und zu zweit lässt es sich tatsächlich einfacher leben. Nun gut, jetzt hatte ich also die Möglichkeit diesen wichtigen Tag mitzuerleben.

Eine tatarisch-russische Hochzeitsgesellschaft

Zusammen mit meiner guten Freundin Julia – sie hatte mich eingeladen und ihre Eltern sind die besten Freunde der Eltern des Bräutigams – bin ich nach Tujmasy gefahren, etwa 2 Autostunden nordwestlich von Ufa, wo die Hochzeit stattfinden wird. Die Stadt befindet sich unweit der Grenze zur Republik Tatarstan, die Gegend ist daher vor allem auch tatarisch geprägt. Während Julia und ich am Tag der anstehenden Hochzeit noch ausschlafen, sind Julias Eltern schon früh auf, um noch allerlei zu erledigen. Alle nahen Freunde und Verwandten helfen bei der Hochzeit tatkräftig mit.

Gegen Mittag machen auch wir uns schließlich auf zur Wohnung der Braut. An der Eingangstür des Plattenbaus hängen kitschige Plakate, die darauf hinweisen, dass hier eine Braut wohnt. In der Wohnung wuseln viele Frauen durcheinander und machen sich schick. Das Wohnzimmer ist frisch „euro“- renoviert (russ. Evroremont – Renovierung nach scheinbar europäischem Vorbild, für meinen Geschmack meist kühl und nicht besonders gemütlich) und für die Hochzeit hergerichtet. Alles ist in Grün, es gibt ein Sofa, ein kleinen Tisch und ein kitschiges Bild hängt an der Wand. Sonst gibt es nichts. Keine Bücher oder persönliches Dinge.

Im Grünen steht die Braut. Etwas müde lächelt sie in die Kamera des Fotografen, der jedes Detail aus x Perspektiven festhält. Ihre Brautjungfer zerrt am Korsett, während ihr kleiner Sohn aus erster Ehe weinend um Aufmerksamkeit bettelt. Aber heute geht es nur um die Braut und die Brautjungfern schicken den Jungen zum Spielen weg. Der Kollege des Fotografen nimmt alles auf Video auf. Plötzlich rufen alle: „ Sie kommen, sie kommen“ und meinen damit den Bräutigam mit seinen Junggesellen.

Die Braut wird „freigekauft“

Der Bräutigam kann seine Angetraute jedoch nicht einfach so abholen und zum Altar führen, sondern muss sie zunächst einmal „freikaufen“ (russ. выкуп — vykup, der Freikauf). Dafür haben die Brautjungfern einige Aufgaben vorbereitet. Unten am Eingang müssen die Männer, bzw. der Bräutigam die erste davon lösen. Er bekommt eine aus Papier gebastelte Blume, auf jedem Blütenblatt steht ein Wort oder ein Datum, welches in irgendeiner Weise mit seiner Braut verbunden ist (z.B. wann sie sich kennengelernt haben). Weiß er die Lösung nicht, so müssen die Junggesellen den Brautjungfern Geld zahlen.

Alles geht ziemlich laut und mit viel Gelächter zu und die Männer grölen und probieren uns Frauen aus dem Weg zu drängen. Aber wir sind stark und versperren immer wieder den Weg nach oben. Zuerst verstehe ich es nicht richtig und denke, die Männer sind irgendwie böse und aggressiv, aber dann wird mir erklärt, dass das alles ein Spiel ist – je lauter desto besser.

Als nächstes müssen die Männer tanzen und singen, sowie den Schlüssel zur Wohnung in der richtigen Tasse finden, indem deren Inhalt (Milch) ausgetrunken wird. Dann bekommt der Bräutigam einen mit Streichhölzern gespickten Apfel und muss für jedes Streichholz einen Kosenamen für seine Braut finden. Da er aber schon nach dem 5. Streichholz ins Stocken kommt, helfen die anderen mit.

Die letzte Aufgabe besteht darin, anhand der bunten Bänder, die sich an den Türen zu den Zimmern in der Wohnung befinden, herauszufinden, in welchem Zimmer die Braut sitzt. Hätte er nur mal besser aufgepasst, als ihm seine Liebste von ihrer Lieblingsfarbe erzählt hat. So rät er zweimal falsch: erst bekommt er die Oma, dann den kleinen Sohn und am Ende auch die Braut.

Ich bin beeindruckt von den vielen Bräuchen, aber Julia meint, dass das, im Vergleich zu anderen Hochzeiten, bisher nur eine Light-Variante war. Mit einer kleinen Verschnaufpause geht es dann zum Standesamt (закс- zaks).

Die Ehe wird geschlossen

Das Standesamt ist ein rosa bemalter Anbau an einem grauen Hausblock. Davor steht ein Mann mit weißen Tauben und wartet auf Kunden, die sich mit ihnen fotografieren lassen wollen. Im Standesamt kommen alle zusammen. Im Vorraum mischen sich die Gäste von mehreren Hochzeiten, die hier im Halbstundentakt gefeiert werden. Die Damen mit Föhnfrisuren und engen Kostümen, die Männer im Anzug. Jeder bringt riesige, in buntes, durchsichtiges Plastik gewickelte Blumensträuße mit. Dass durch diese Massenhochzeitsabfertigung das Gefühl für die Besonderheit des Tages ziemlich verloren geht, scheint niemand zu stören.

Wir bekommen den Befehl uns im Spalier aufzustellen. Dann kommen auch schon Braut und Bräutigam. Bevor es in die heiligen Hallen des Standesamtes geht, machen sie vor einer schlanken, blonden Dame im blauen Kleid Halt. Sie sagt, dass sie sich freut, dass wir hier alle versammelt sind und bevor es losgeht, müssen die beiden aus einer Schüssel mit Weizenkörnern, die sie in der Hand hält, ihre Ringe herausfischen. Als sie diese gefunden haben, dürfen sie sie auf ein kleines Tablett legen, welches die Tochter der Dame ihnen entgegen hält. Und dann geht es los. Wir ziehen ein.

In einer Ecke spielen auf leicht verstimmten Instrumenten zwei Musikerinnen den Hochzeitsmarsch. Alles ist in rosa und weiß gehalten. Wir bilden einen Kreis um das Brautpaar, das vor dem Standesamtaltar wie vor einem Gericht steht. Ein paar Worte werden gesprochen, zur Besonderheit des Tages, eine schöne Rede gehalten, Tränen fließen, Trauzeugen und Eltern treten vor, Ringe werden übergeben, es wird unterschrieben und nach knapp 10 Minuten ziehen wir mit musikalischer Begleitung ins Nebenzimmer.

Hier werden die obligatorischen Fotos gemacht: Brautpaar mit Eltern, mit ganzer Familie, mit Trauzeugen, mit engen Freunden und mit allen. Als das Brautpaar das Standesamt verlässt, werfen wir Rosenblätter und Reis, es wird mit Champagner angestoßen und Pralinen verteilt. Schnell verschwinden alle in den Autos, denn es bläst ein eisiger Wind. Jetzt geht es zum Hauptteil der Hochzeit: dem Bankett und der Feier – ich bin gespannt.

Ein rauschendes Hochzeitsfest

Für den Hauptteil der Hochzeit wird ein großer, niedriger, weiß gefliester Raum gemietet. Dort stehen bunt geschmückte und reichlich gedeckte Tische. Man wartet auf den Tamada (Тамада) – den Moderator der Hochzeit. Ohne ihn, der für ein buntes Programm mit Musik, Tanz und verschiedenen Aufgaben sorgt, würde totales Chaos ausbrechen, meinte Julia. Als er kommt, nehmen alle Platz. Ich sitze zusammen mit den Kindern und Unverheirateten.

Der Moderator trägt eine Sonnenbrille und schlägt zur Begrüßung sein erstes Lied an. Die Musik läuft ohrenbetäubend laut über die Anlage ab, er singt bekannte russische und tatarische Popsongs dazu. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht und so isst und trinkt einfach jeder. Nach jedem Lied wird Wodka eingeschenkt und auf das Brautpaar getrunken. Nachdem die Gläser abgesetzt sind, fangen alle wild an „Gorka, Gorka“ zu rufen, was eine Aufforderung an das Brautpaar ist, sich zu küssen.

Zwischen den Gesangseinlagen und diversen Spielen gibt es Tanzpausen. Dann wird das Licht gedimmt, Musik abgespielt und Groß und Klein strömt auf die Tanzfläche. Am wildesten tanzen die Freunde der Eltern des Brautpaares. Das sind sind 5 Paare, die sich seit über 30 Jahren kennen und bis heute eine sehr herzliche Freundschaft pflegen. Auch wenn sie heute spießige Kostüme tragen, ist doch der junge Geist immer noch zu spüren.

Ein Mann aus dieser Gruppe, ein Lehrer für Geschichte und früher auch Deutsch, fordert jede Frau zum tanzen auf. Er kann nicht wirklich tanzen, aber sich total wild und komisch bewegen und dazu die Frau in alle Richtungen herumschleudern. Es ist etwas skurril, aber macht einen Heidenspaß. Trotzdem bin ich froh, als ich von einem zweiten Herrn aufgefordert werde, der etwas ruhiger tanzt.

Ich bin begeistert, wie ungeniert alle herumhüpfen. Dazu trägt verständlicherweise auch der Wodka bei. Nach ungefähr immer 15 Minuten ist die Tanzpause vorbei, das Licht geht wieder an: alle setzen sich, essen weiter, nächster Gang, nächstes ohrenbetäubendes Lied, nächster Wodka, nächstes Gorka Gorka.

Gegen Ende des Abends setzen sich andere Gäste auf die Plätze der ersten Brautjungfrau und des ersten Junggesellen. Das ist auch ein fester Brauch. Um ihre Plätze wieder zu erhalten, müssen die Beiden jetzt verschiedene Aufgaben lösen. Die Brautjungfer muss z.B. eine Mandarine von der einen zur anderen Seite durch die Hose des Junggesellen führen. Er muss ein Saftglas Wodka exen. Alle halten etwas den Atem an, denn das ist schon sehr viel, zumal der Junggeselle schon sehr betrunken ist. Aber danach gibt es den nächsten Gang und er bekommt wieder etwas in den Magen und gut ist.

Dann gibt es noch weitere Spiele für alle. Z.B. eine Art Reise nach Jerusalem, außer das die Stühle durch Männer ersetzt werden, auf deren Arme die Frauen springen müssen, sobald die Musik aus ist. Etwas schlüpfrig und der ein oder andere Rock wird ausversehen gelüftet, aber da alle schon recht heiter sind, ist es sehr lustig.

In jedem Block stellen sich außerdem verschiedene Familien und Gruppen vor dem Brautpaar auf und geben ihre Wünsche ab. Die Meisten wiederholen sich, aber einige halten richtig schöne, ergreifende und witzige Reden. Auch ich mit meinem Russisch wünsche den beiden alles Gute.

Kurz vor zwölf ist die Fete dann vorbei. Alle strömen raus auf die Straße in den Schnee und schauen sich das Feuerwerk zum Schluss an. Dann zerteilt sich die Gesellschaft. Die Braut sieht sehr müde aus, einige sind sehr betrunken. Die, die noch können, gehen irgendwo anders weiter feiern. Wir fahren in einen neu eröffneten Klub. Leider will keiner Tanzen, stattdessen singen wir noch Karaoke bis 4 Uhr morgens. Als wir nach Hause kommen sind wir die ersten. Die Eltern und deren Clique sind noch unterwegs. Molodez (super), würde man hier sagen. 30 Jahre älter als wir und trotzdem noch länger unterwegs!

Auch einer der teuersten Tage im Leben

Am nächsten Tag geht die Hochzeit im kleinen Kreise noch weiter, aber wir schlafen aus und fahren dann zurück nach Ufa. Julia zählt mir nochmal auf, was so eine Hochzeit eigentlich alles kostet und ich bin schockiert, wie weit die Kosten der Hochzeit über das hinausschießen, was die Leute hier üblicherweise verdienen! Das durchschnittliche Einkommen ist in Städten wie Tujmasy ist sehr gering. 200 Euro, knapp 20.000 Rubel im Monat sind da schon gut.

Es fängt mit der Renovierung der Wohnung an, denn die soll ja top aussehen, wenn die Gäste kommen – auch neue Möbel werden dafür gekauft. Dann Brautkleid plus nötige Accessoires im Wert von mindestens 20.000 Rubel. Der Fotograf, neben dem Paar die wichtigste Person auf der Hochzeit, da er alles akribisch für die Ewigkeit festhält, kostet mindestens 5000 Rubel, wenn man etwas Qualität haben will auch 20.000 Rubel.

Hinzu kommen schließlich noch ein Auto für das Brautpaar, das Bankett, der Saal, der Tamada. Die Liste ist damit aber noch nicht zu Ende. Aber da wahrscheinlich selten jemand hier soviel Geld hat, wird eben nur ein weiterer Kredit aufgenommen – ein weiteres „Hochzeitsgeschenk“.

Ich bin froh, mich mit diesen Dingen erst mal nicht beschäftigen zu müssen und einfach noch ein bisschen Studentin ohne Ehemann und Kind sein zu können. Die ausgelassene Hochzeit allerdings, die hat mir gefallen.

Theresa Neumann, Juni 2014

Lutheraner in Ufa

Etwas versteckt und unscheinbar, hinter dem Gebäude einer Feuerwehr und umgeben von alten, windschiefen Holzhäuschen und verrosteten Garagen, befindet sich die evangelisch-lutherische Kirche Ufas. Sie beherbergt eine kleine Gemeinde, deren Mitglieder eine ganz eigene Identität aufrechterhalten.

Unter den Klängen einer elektronischen Orgel versammelt man sich zum sonntäglichen Gottesdienst. Lediglich eine Handvoll Personen finden sich letztendlich dazu ein, die meisten von ihnen bereits etwas älter. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, beginnt Pastor Heinrich Minich die Messe auf Deutsch. Außer ihm spricht hier eigentlich niemand, oder höchstens nur sehr wenig diese Sprache, auch wenn die Mehrheit der Gemeindemitglieder deutsche Wurzeln besitzt. Der Gottesdienst wird, mit Ausnahme der Predigt, dennoch auf Deutsch gehalten, mit anschließender russischer Übersetzung der jeweils vorgetragenen Bibelpassagen. Auch das Gesangsbuch ist entsprechend zweisprachig, ebenso wie die Rezitation der Lieder.

Deutsche Siedler in Baschkirien

In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es auf dem Territorium des russischen Imperiums vor allem drei große Siedlungszentren deutschsprachiger Bevölkerung: die Ukraine, die Krim und das Wolgagebiet. Um die Jahrhundertwende kam es allerdings zu Wanderungsbewegungen aus diesen Gebieten weiter in Richtung Osten. Die Gründe hierfür waren die sich verringernde Verfügbarkeit von Land bzw. die abnehmende Fruchtbarkeit der alten Ländereien. Die Mehrheit auch der deutschsprachigen Siedlungen in Baschkirien ist deshalb genau in diesem Zeitraum entstanden.

Als Vermittler beim Erwerb von Ackerland für die neuen Siedler trat dabei die sogenannte Landbank (Krest’janskij pozemel’nyj bank) auf, einer seit 1883 im gesamten russischen Reich aktiven Finanzinstitution. Die Ufaer Filiale kaufte Ländereien von Privatbesitzern oder aus dem Erbbesitz baschkirischer Gemeinschaften und verkaufte sie an die sich neu niedergelassenen bäuerlichen Gemeinschaften weiter.

Die ersten deutschen Umsiedler innerhalb dieser Wanderungsbewegung gelangten Ende des 19. Jahrhunderts in das Gebiet Orenburg, wo die Bevölkerungsdichte noch besonders niedrig und die frei verfügbare Fläche somit noch größer war. Erst allmählich stießen sie weiter nach Norden in das Gouvernement Ufa vor. Das ist nicht zuletzt zurückzuführen auf eine zielgerichtete Tätigkeit der zarischen Regierung zur landwirtschaftlichen Nutzbarmachung der Region, einer allgemein verfolgten Strategie, die aber auch bedeutete, das sich der Zugriff der zum Teil noch nomadisch lebenden Baschkiren auf ihr Weideland deutlich verringerte.

Zu des 20. Jahrhunderts entstanden so deutsche Sprachinseln in Baschkirien, vor allem auf dem Land, da die Mehrzahl der neuen Siedler Bauern waren. Auch heute noch lassen sich diese Sprachinseln vereinzelt auffinden, etwa in den Dörfern Prishib und Alexejewka, unweit von Ufa gelegen, wo das Deutsche im schwäbischen Dialekt als Muttersprache gilt (näheres dazu HIER). In Ufa selbst entstand ebenfalls eine deutsche Gemeinde, die allerdings vergleichsweise klein blieb. Laut einer Volkszählung von 1926 lebten in der Stadt damals 231 Deutsche, was lediglich 0,2% der Bevölkerung entsprach.

Die lutherische Gemeinde in Ufa

Das Zentrum der deutschen Siedlung in Ufa lag in der ehemaligen nördlichen Vorstadt, der Gegend um den heutigen Park Jakutowa. 1910 entstand so genau an dieser Stelle auch die Lutherkirche. Der Gottesdienst wurde hier auf Deutsch, aber auch auf Estnisch und Lettisch gehalten, da nicht wenige der neuen Siedler aus dem Baltikum kamen. Zwar kam es 1927 noch zu einem Vertrag mit der Stadt, dementsprechend die Gemeinde das Kirchengebäude ohne Gebühren und zeitlich unbegrenzt nutzen könne. Nur drei Jahre später wurde dieser Vereinbarung allerdings gebrochen und die Kirche den Ufaer Motorenreperaturwerken übergeben. Während der Sowjetzeit folgten mehrere Umbauarbeiten und noch bis zum Jahr 2000 wurde das Gebäude als Lagerraum genutzt. Erst dann kam es zur Rückgabe an die evangelisch-lutherische Gemeinde der Stadt.

„Der Wiederaufbau erfolgte mit Unterstützung des Martin-Luther-Bundes in Deutschland“, erklärt Pfarrer Minich. „So kamen etwa deutsche Pastoren nach Ufa, manche von ihnen auch, um einfach nur bei den Erneuerungsarbeiten zu helfen.“ Die Gemeindemitglieder haben das Gelände wiederhergestellt und das Gebäude instand gesetzt. 2001 wurde Heinrich Minich dann zum ersten Pastor erklärt. „Ich wurde in erster Linie deshalb ausgewählt, weil ich noch Deutsch sprechen kann. Von meiner Ausbildung her bin ich eigentlich Ingenieur und als solcher habe ich auch in der Landwirtschaft gearbeitet.“ Eine theologische Ausbildung habe er erst nach seiner Wahl zum Pastor erworben, in Seminaren und in Selbstvorbereitung.

„Ich selbst“, so Minich, „habe Deutsch noch zu Hause gelernt, bei meinen Eltern.“ Wo seine Vorfahren herstammen, wisse er nicht genau, vermutet aber aufgrund seines Dialektes den süddeutschen Raum. Tatsächlich klingt, wenn er spricht, etwas leicht Schwäbisches in seinen Worten durch. „Meine Vorfahren sind um 1910 herum nach Ufa gekommen, hier hat freies Land zur Verfügung gestanden, auf dem sie sich niederlassen konnten.“

Deutsch als Ritualsprache

Zur Zeit der Neugründung der Gemeinde war die Zeit der Umsiedlungen bereits zu Ende, d.h. viele Russlanddeutsche hatten Russland bereits verlassen, sind nach Deutschland ausgewandert. „Vereinzelt lassen sich über die gesamte Republik Baschkortostan noch Nachkommen, also Leute mit deutschen Wurzeln finden“, erklärt Minich. „Die Meisten halten aber diese Verbindung nicht mehr aufrecht, sprechen die Sprache nicht mehr, identifizieren sich nicht mehr als Deutsche, haben auch andere Familiennamen – russische, baschkirische oder tatarische. Geblieben sind ja vor allem auch jene, die in gemischten Ehen leben.“

Die Gemeinde in Ufa ist deshalb sehr klein. Sie umfasst gerade einmal 45 Leute. Darunter gibt es auch solche, deren Verbindung nicht auf eine russlanddeutsche Herkunft zurückzuführen ist. „Eines unserer Mitglieder zum Beispiel ist getaufter Tatare, sein Großvater hat noch in der Medrese gelehrt.“

In diesem Umfeld, in dem kaum jemand wirklich Deutsch spricht, ist es interessant zu hören, wie die Sprache benutzt wird. Sie ist hier spürbar mehr als nur ein reines Kommunikationsmittel, da die Inhalte des Gottesdienstes in Form der sprachlich ausgedrückten Informationen vor allem über die russischen Übersetzungen weitergegeben werden. „Für einen Teil der Leute ist die deutsche Sprache zu hören wie Balsam“, wie Pfarrer Minich sich ausdrückt. „Selbst wenn sie nur wenig verstehen, fühlen sie sich als Teil der Gemeinschaft.“ Die deutsche Sprache ist somit vor allem ein in den Bibeltexten und Liedern konservierter Bestandteil des gottesdienstlichen Rituals und dessen auch identitätsstiftender Wirkung für die daran Beteiligten – einer Sonderidentität in der sonst russisch-orthodox und baschkirisch-muslimisch geprägten Umwelt.

Matthias Kaufmann,
Juni 2014

Reenactment auf Baschkirisch

Im Jahre 1813 kamen Baschkiren zusammen mit der Russländischen Armee im Kampf gegen Napoleon nach Deutschland und nahmen so auch an der Völkerschlacht bei Leipzig teil. Im Oktober 2013 jährte sich diese zum 200. Mal. Mit mehr als 6000 Teilnehmern aus 25 Ländern wurde im Rahmen der Gedenkwoche das Kampfgeschehen in großem Stil nachgestellt. Auch einige Baschkiren zog es dazu erneut nach Leipzig, in Gestalt einer Reenactment-Gruppe aus Ufa.

“Aus allen Weltgegenden des Europäischen Continents und aus den unermeßlichen Steppen von Asien,
sammelten sich und sahen wir hier die wildfremdesten Nationen.“

(aus den Erinnerungen eine Pastors aus Taucha bei Leipzig)

“Es waren in diesen Tagen Menschen und Soldaten von fast allen Nationen hier zu sehen, [...].
Unter andern machte man nähere Bekanntschaft mit dem Volke der Baschkiren.“

(aus den Aufzeichnungen eines Einwohners von Görlitz)

Als Untertanen der russischen Zaren leisteten die Baschkiren seit der Mitte des 16. Jahrhunderts Kriegsdienste, deren Umfang im Laufe der Zeit immer mehr zunehmen sollten. Zur zahlenmäßig größten Aushebung baschkirischer Regimenter kam es während der Zeit der Napoleonischen Kriege 1812-1814. Im Bestand der sogenannten irregulären Einheiten, zu denen etwa auch Kosaken und Kalmücken gehörten, gelangten sie so auf die europäischen Kriegsschauplätze zwischen Moskau und Paris.

Baschkiren bei Hamburgs zerstörten Vorstädten (zeitgenössische Zeichnung)

Die Erscheinung der Baschkiren stellte für viele Zeitgenossen selbst in jenen turbulenten Jahren etwas Außergewöhnliches dar – vielerorts sah man in ihnen „die merkwürdigsten fremden Truppen.“ Das lag zum einem an ihrer exotisch anmutenden Kleidung, den Pelzmänteln, die „blos durch einen Gürtel um den Leib zusammengehalten wurden“, oder den Kopfbedeckungen, die aus einer „zuckerhutförmigen hohen Mütze bestand, und mit einer dicken Pelzwulst umgeben war, die heruntergeschlagen werden konnte“. Zum anderen lag das vor allem aber auch daran, dass die Baschkiren fast ausschließlich „mit Bogen und Pfeilen bewaffnet“ gewesen sind.

“Vormittags sah man auch die ersten Baschkiren in unserer Stadt,
sie hielten auf dem Markte, ihre spitzen Mützen, ihre Bogen und Pfeile,
und ihre sonderbare schnell plappernde Sprache erregten die Aufmerksamkeit Aller.“

(aus den Aufzeichnungen eines Einwohners von Zittau)

Ein jährlich wiederkehrendes Ritual

In Leipzig ist es mittlerweile zur festen Tradition geworden, während der Gedenktage der Völkerschlacht an historischer Stelle – auf den Schlachtfeldern von einst – das Geschehen in aufwendigen Gefechtsszenen nachzustellen. Als Reenactment wird eine solche Neuinszenierung historischer Ereignisse bezeichnet. Dem Selbstverständnis der beteiligten Darsteller entsprechend wird dabei viel Wert auf ein hohes Maß an Authentizität gelegt. Mit möglichst originalgetreuen Kostümen und sonstigen Requisiten soll Geschichte in einer lebendigen Weise vermittelt und den Zuschauern in gewisser Hinsicht auch direkt erlebbar gemacht werden.

Für das 200jährige Jubiläum der Völkerschlacht sollte dies ganz besondere Ausmaße erlangen. Eine ganze Woche, vom 17. bis zum 21. Oktober, wurde für die Gedenkveranstaltung eingeplant, mit der Darstellung der Kampfhandlungen am 20. Oktober als deren Höhepunkt. Auf einem etwa 50 Hektar großen Gelände wurde das Kampfgeschehen mit Infanteristen, Kavalleristen und Artillerie nachgestellt. Insgesamt 4 Stunden dauerte das Spektakel. Die offiziellen Besucherzahlen sprechen von bis zu 37000 Zuschauern. Zu den Darstellern gehörten Reenactment-Gruppen aus über 25 verschiedenen Ländern. Mit den weitesten Anreiseweg dürfte dabei aber auch 200 Jahre später eine Handvoll Baschkiren gehabt haben.

Das erste baschkirische Reiterregiment „Ljubizar“

Ildar Schajachmetov

„Das erste Mal“, so berichtet Ildar Schajachmetov, Vorsitzender des Reenactment-Klubs Ljubizar aus Ufa, „habe ich als junger Mann 1992 am Jubiläum der Schlacht von Borodino (September 1812) an einer historischen Gefechtsdarstellung teilgenommen.“ Es habe ihn sehr beeindruckt, was er da gesehen hat. Danach ist jedoch einige Zeit vergangen, er hat studiert und als Künstler an der Pädagogischen Universität gearbeitet. „Die Erlebnisse von Borodino aber“, so sagt Ildar, „habe ich immer im Kopf behalten.“ Erst 2005, also ganze 13 Jahre später, hat er die Idee dann doch noch aufgegriffen und eine eigene Reenactment-Gruppe gegründet.

Bei der Frage nach seiner Motivation zur Gründung des Klubs bekommt Ildar große leuchtende Augen. Natürlich ist da erst mal die Begeisterung für das Reenactment an sich, wobei er bemerkt: „Außer uns kann die Baschkiren doch niemand besser, niemand natürlicher darstellen. Wir zeigen ja im Prinzip nur uns selbst.“ Dabei spielt bei ihm offensichtlich auch ein starkes patriotisches Gefühl eine Rolle. Voller Begeisterung erklärt er: „Unsere baschkirischen Soldaten, unsere Vorväter, haben an allen russischen Kriegen teilgenommen, obwohl es für sie schwer war. Wie kann man darauf nicht stolz sein? Im Kampf gegen die Franzosen haben sie Europa befreit und haben sich würdig aufgeführt, haben zum Beispiel keine Plünderungen begangen.“ Eine sicherlich etwas idealisierte Sicht. Gerade für die irregulären Einheiten gehörten Plünderungen zu einer nicht unüblichen Praxis.

Anfangs waren es vor allem einige seiner Studenten, die er um sich versammeln konnte. Die gemeinsam mit ihnen zusammengetragenen Materialien haben die Grundlage für die spätere Arbeit des Klubs gelegt. Bereits im folgenden Jahr konnten sie so bereits zum ersten Mal erneut nach Borodino fahren und an den Gefechtsdarstellungen teilnehmen. 2012 wurde der Klub umgeformt und erhielt dabei auch seine heutige Zusammensetzung. Mittlerweile sind es weniger Studenten, als ein fester Kern von etwa 6-7 „Gleichaltrigen mit denselben Interessen“, wie Ildar lächelnd bemerkt.

Die Bezeichnung „Erstes baschkirisches Reiterregiment Ljubizar“ geht ebenfalls zurück auf die Zeit der Napoleonischen Kriege. Der Überlieferung nach soll Michail Kutusow, Oberbefehlshaber der russischen Truppen, nach der Schlacht von Borodino einen baschkirischen Kommandeur zu sich gerufen und ihm folgende Worte für seine Mitstreiter mit auf den Weg gegeben haben: „Meine lieben Baschkiren (ljubeznie moi baschkirzy), sehr gut schlagt ihr euch!“ Aus diesem Lob, so erklärt zumindest Ildar, ist im Laufe des weiteren Feldzugs das noch heute bekannte Lied mit dem Titel „Ljubizar“ entstanden.

"Sowohl in Moskau waren wir / und auch Paris das sahen wir /
und den Eroberer-Franzosen / gut und häufig schlugen wir.“

(Strophe aus einer 1910 aufgezeichneten Variante des Liedes Ljubizar)

Rafael Amantaev

Wie im Reenactment üblich, so stellen die Mitglieder ihre Kostüme und alle anderen Gegenstände auf Grundlage historischer Quellen – zeitgenössischer Berichte und vor allem aber Zeichnungen – selber her. In der Werkstatt von Rafael Amantaev, einem Mitglied des Klubs, arbeitet dieser gerade an einer Peitsche zum Antreiben der Pferde. Weitere hängen an der Wand, daneben Köcher für Pfeile, Fellmützen und andere Requisiten. Zwischendrin finden sich immer wieder Bücher mit alten Abbildungen. Früher war Rafael Tänzer in einem staatlichen baschkirischen Folkloreensemble, jetzt betreibt er diese Werkstatt, in der er nicht nur für den Klub, sondern auch auf Bestellung anderer Gruppen traditionelle baschkirische Kleidung und Accessoires herstellt.

Die fertiggestellte Peitsche testet er gleich mal auf dem Flur des Gebäudes, in dem sich seine Werkstatt, zusammen mit weiteren ganz unterschiedlichen Büros, befindet. Ein lauter Knall schallt durch den Korridor. Rafael sieht zufrieden aus. Eine Tür öffnet sich und die Mitarbeiterin eines anderen Unternehmens schaut nach, was vor sich geht. Aber man kennt das hier schon.

„Leider haben wir keine eigenen Räumlichkeiten, wo wir auch mal trainieren können“, erklärt Ildar. „Und wir können ja beispielsweise nicht einfach in Hinterhöfen mit unseren Bögen schießen.“ Auch das Reiten muss gelernt und geübt werden. Hierfür steht dem Klub das Gelände einer Pferdezucht in der Nähe von Ufa zur Verfügung. „Bisher treffen wir uns sehr unregelmäßig, eher spontan oder wie es den meisten eben gerade passt. Oft auch nur mal kurz vor den Veranstaltungen.“

Neben der Teilnahme bei Reenactment-Festivals tritt der Klub ebenso bei verschiedenen Folkloreveranstaltungen auf. „Unser Ziel ist es ja auch“, so Ildar, „das kulturelle Erbe der Baschkiren zu erhalten und stärker in die Öffentlichkeit zu bringen.“ Präsentiert werden bei derartigen Gelegenheiten deshalb etwa auch Tänze zum Spiel traditioneller Musikinstrumente – dem Kubyz, einer Maultrommel, und der Kuraj, einer Flöte und das wohl bekannteste Instrument Baschkortostans.

"Ein Baschkire ließ sich auf der Neustadt beim großen Brunnen
auf einer sehr einfachen Rohrpfeife hören.“

(aus den Erinnerung eines Einwohners Saalfelds)

Leipzig 2013

Das 200jährige Jubiläum der Völkerschlacht war für den Klub „Ljubizar“ mittlerweile schon der dritte Besuch in Leipzig. Bereits in den beiden Vorjahren haben sie an den Nachstellungen teilgenommen. 2011 konnte Ildar Kontakt aufnehmen zu Irek Baischew, einem Landsmann aus Ufa, der in Leipzig lebt und dort 2003 die Errichtung eines Gedenksteins zur Beteiligung der Baschkiren an der Völkerschlacht gestiftet hat. „Ich habe ihm gegenüber meinen Wunsch geäußert, an der Veranstaltung teilzunehmen und es hat geklappt, wir haben eine Einladung erhalten.“

"Französische Regimenter gibt es viele, aber ja! / Warum also schießen dann ihre Kanonen nicht? /
Ihre Kanonen schießen deshalb nicht / weil ihr Oberst bei den Baschkiren in Gefangenschaft ist.“

(Strophe eines baschkirischen Liedes, entstanden im Zuge der Napoleonischen Kriege)

Auch 2013 haben die Gäste aus Ufa als Darsteller baschkirischer Reiterregimenter während der Gefechtsdarstellung dementsprechend an den Kavallerieszenen teilgenommen. „Ein toller Moment war“, so beschreibt es der dabei immer lebhafter werdende Ildar ausführlich, „wie wir in einem herrlich ausgeführten Manöver einen Franzosen gefangen genommen haben“. Er strahlt über das ganze Gesicht.

“Da wir gehört hatten, daß der Hauptbiwak bis nach Probstheida vorgerückt war,
so wanderten wir Karavanenweise dorthin.“

(aus den Aufzeichnungen eines Einwohners Leipzigs)

Zum Programm der Festwoche gehörte daneben aber auch die Ausrichtung historischer Biwaks der unterschiedlichen Nationen. Die Besucher konnten hier im Verlauf der gesamten 5 Tage in direkten Kontakt mit den Darstellern kommen. „Wir haben uns viel mit den Leuten unterhalten, die an unser Zelt kamen“, erzählt Ildar, „oft auch ohne Dolmetscher, das ging schon irgendwie. Sie zeigten sich interessiert und waren beeindruckt von unseren Kostümen. Manchmal hab ich auch für sie auf der Kuraj gespielt. Den Kindern haben wir gezeigt, wie man mit dem Bogen schießt.“ Gerade in solchen Begegnungen scheint doch vor allem der Wert dieser Veranstaltung zu liegen, viel mehr als in dem groß inszenierten Spektakel der eigentlichen Gefechtsdarstellungen. Man lernt sich kennen, man kommt ins Gespräch miteinander.

Ein weiterer Höhepunkt für Ildar und seine Gruppe war in diesem Jahr der Besuch von Schwarza, heute einem Ortsteil des thüringischen Rudolstadt. Hier hatten 1814 Baschkiren, die, bereits auf dem Rückmarsch begriffen, in dem Örtchen Halt gemacht haben, ebenfalls eine Probe ihrer Fertigkeiten im Umgang mit Pfeil und Bogen gegeben. In der Chronik des Nachbarortes wurde das folgendermaßen kurz festgehalten: „In Schwarza schoß ein Baschkir in den Kirchthurm.“ Dort blieb der Pfeil dann auch stecken, als „Wahrzeichen des Ortes“, bis er 1819 herunterfiel und durch einen eisernen Pfeil ersetzt wurde.

Unter Anwesenheit der baschkirischen Gäste wurde am Kirchengebäude eine Gedenktafel an dieses Ereignis feierlich eröffnet.  Sie sind zusammen mit einigen Don-Kosaken-Darstellern aus Moskau, die ebenfalls in Leipzig waren, hierhergekommen. „Ganz wie früher“, scherzt Ildar“, da waren die Baschkiren ja auch immer zusammen im Verband mit den Kosaken“. Entworfen hat die Tafel Azat Kuschin, ein Mitglied des Klubs. Arrangiert wurde das Ganze erneut von Irek Baischew aus Leipzig. Auch die gerade erst rekonstruierte Kugel mit dem Pfeil wurde an diesem Tag erneut auf die Kirchturmspitze gesetzt. In der Kugel selbst befindet sich eine Kapsel, in die Ildar eine Erinnerungsmedaille des Klubs gelegt hat.

 "…und indem ich dieses schreibe, werden sie wohl noch reiten, um wieder
in ihre alte Heimath zurückzukommen.“

(aus den Erinnerungen eines Einwohners von Weimar)

Zum Abschluss sangen die „baschkirischen Krieger“ zusammen mit den Kosaken im Chor das Lied „Ljubizar“ und schenkten dem Gastgeber, der sie in Schwarza so herzlich aufgenommen und bewirtet hatte, zum Andenken noch einen Pfeil. Danach machten sie sich wieder auf den Weg zurück nach Ufa. Wenn auch vermutlich nicht für allzu lange, eine Einladung nach Leipzig für 2014 haben sie bereits.

(Alle Fotos, mit Ausnahme der historischen Zeichnung,
entstammen dem Archiv von Ildar Schajachmetov)


Matthias Kaufmann,

Februar 2014

"Junge Stimmen gegen Armut"

Vom 26. bis 27. November 2013 fanden in Brüssel, ausgerichtet von der Europäischen Kommission, die European Development Days statt, in deren Rahmen ein Videowettbewerb für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 24 Jahren veranstaltet wurde. Aus 57 Ländern wurden dafür Beiträge eingereicht. Zu einer der vier GewinnerInnen gehört auch ein Schülerin aus Ufa.

Seit 2006 organisiert die Europäische Kommission die European Development Days (EDD), ein Forum, auf der Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammenkommen, um über Herausforderungen und Chancen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und Netzwerke auszubauen. Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung standen mögliche Strategien für die Zeit nach 2015 – der Deadline für das Erreichen der UN-Milleniumsziele – und die Bestimmung einer gemeinsamen Position innerhalb der EU im Umgang mit der weltweiten Armut und für die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung. „A Decent Life for All by 2030 – Building a Consensus for a New Development Agenda“ lautet so auch der Titel des EDD 2013.

Evelina Zaritschko in Brüssel

Im Vorfeld dazu fand vom 8. August bis 1. November ein Wettbewerb für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 24 Jahren statt: "Junge Stimmen gegen Armut". In kurzen Videobeiträgen waren die Teilnehmer dazu aufgerufen, ihre Visionen einer Welt im Jahr 2030 und ihre Ideen und Vorschläge für den Kampf gegen die Armut zu präsentieren. Die Videos waren auf der Facebook-Seite des EDD zu sehen und 4 Gewinner über die Anzahl der Gefällt-mir Angaben ermittelt: neben Beiträgen aus Litauen, Brasilien und Kroatien gehört auch der von Evelina Zaritschko, Schülerin der 8. Klasse des 39. Gymnasiums in Ufa eingereichte Beitrag zu den Siegern des Wettbewerbs. Die Gewinner wurden nach Brüssel eingeladen um an der Konferenz teilzunehmen und ihre Arbeiten zu präsentieren. Die Beiträge können auch weiterhin auf der Homepage des EDD angeschaut werden.

Matthias Kaufmann,
Dezember 2013

Bauunternehmer in Russland

Legung des Fundaments

Natürlich gibt es hier in Russland viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen und jeder will natürlich möglichst einfach, viel Geld verdienen. So auch Almas, ein guter Freund von mir. Er ist Bauunternehmer, aber nicht wie ich es aus Deutschland kenne, dass man große Gebäudekomplexe baut und diese vermietet, sondern er entwirft und baut Häuser für einzelne Familien.

Hierzu habe ich ihm einige Fragen gestellt, welche mich selber sehr interessiert haben.

 

Almas erzähl uns doch erst einmal etwas über dich selbst.

Ich bin 26 Jahre alt und bin hier in Ufa zur Schule gegangen und hatte da speziellen Fremdsprachenunterricht (Englisch). Nachdem ich die Schule beendet habe, bin ich auf die Universität gegangen, um dort Maschinenbau zu studieren. Dieses Studium habe ich dann mit meinen Ingenieurstitel beendet.

 

Wann hast du die Idee dazu gehabt, Eigenheime zu bauen und diese zu verkaufen?

Ich habe 2009 als Makler begonnen zu arbeiten und habe das bis 2012 gemacht. Meine Hauptaufgabe war Wohnungen zu vermieten. Nach einiger Zeit habe ich einen Trend bemerkt. Sehr viele Menschen wollten aus der Stadt ziehen und ein eigenes Zuhause besitzen. Da hatte ich die Idee, dass ich doch da viel mehr Geld verdienen könne als hier in der Stadt. Und so begann ich als Bauunternehmer zu arbeiten.

 

Was für Qualitäten muss man mitbringen, um diesen Job zu machen ?

Man muss gut verkaufen können und meiner Meinung nach ist es das Wichtigste, dass man sehr gut reden kann. Natürlich muss man auch ständig über den Markt informiert sein, über die Preise und auch über die Kurse der wichtigsten Währungen.

 

Erzähl mir bitte etwas über den Ablauf deiner Arbeit.

Als erstes muss man natürlich erst einmal ein gutes profitables Grundstück finden, welches sich später auf Grund der Lage gut verkaufen lässt, da niemand direkt neben einer Fabrik oder einem Friedhof leben möchte. Der nächste Schritt ist, zu prüfen, ob das Land frei von irgendwelchen Strafen oder Konfiszierungen ist. Ist alles in Ordnung wird mit der eigentlichen Planung begonnen. Also wie das Haus zum Schluss aussehen und wo es auf dem Grundstück stehen soll. Danach wird begonnen zu bauen. Parallel beginne ich natürlich damit, nach potentiellen Käufern zu suchen. Und wenn diese gefunden sind, ist meine Arbeit eigentlich so gut wie beendet. Dann fehlt nur noch der Papierkram.

 

Wie war der Start?

Es war für mich nicht sehr schwer in diesem Gewerbe Fuß zu fassen, da es an sich fast das gleiche ist, wie als Makler zu arbeiten.

 

Wie sieht es mit den Ausgaben für ein Projekt aus oder möchtest du dich lieber nicht darüber äußern?

Ein Haus kostet mich ca. 1.500.000Rub. und ich versuche jedes Mal mindestens 2.200.000Rub. herauszuschlagen.

 

Wie weit planst du voraus? Immer ein Projekt nach dem anderen oder hast du mehrere gleichzeitig in Arbeit?

Ich habe immer mehrere Projekte in Arbeit. Im Moment sind es zum Beispiel 4 rund um Ufa.

 

Wie sieht die Zukunft aus? Willst du das dein Leben lang weiter machen oder willst du noch einmal umsatteln? Wenn ja, was genau?

Ich werde dies auf jeden Fall die nächsten Jahre weiter machen, aber ich weiß nicht wo mich die Zukunft hinführt. Vielleicht verkaufe ich in 5 Jahren Autos, Staubsauger oder Damenunterwäsche.


Zum Abschluss kannst du jemandem, der nun interessiert an dem Beruf ist und es auch machen will noch einige Tipps geben?

Glaube an dich selbst und stecke nicht sofort den Kopf in den Sand. Es wird einige Male sehr schwer werden, aber dann ist das Erfolgsgefühl umso größer.

 

Das war ein sehr interessantes Interview für mich und ich habe selber einiges über das Selbstständigsein in Russland gelernt. Ich wünsche Almas viel Glück und Erfolg in der Zukunft und vielleicht hören wir noch einmal von ihm wegen eines anderen Projektes, aber da möchte ich jetzt noch nicht zu weit vorgreifen.

Pascal Gaya Hellfritsch, August 2013

Global Village: Ägyptischer Englischlehrer im russischen Baschkortostan

Nach Baschkortostan verschlägt es nicht nur Baschkirienheute-Redakteure und die Teilnehmer des alljährlichen Austausches. Die internationale Studentenorganisation AIESEC vermittelte Achmed Aschraf, einen 19-Jährigen Studenten aus Kairo, ein Praktikum in einem zweiwöchigen Jugend-Sprachlager in der Nähe von Ufa. Zu Hause in Ägypten studiert er Antike Griechische und Lateinische Literatur, doch in Russland macht er ein Praktikum als Englisch-Lehrer.

Baschkirienheute: Ein Ägypter in Russland – da scheinen zwei Welten aufeinander zu prallen. Wie kommt es, dass du dir Russland für ein Praktikum ausgesucht hast?

Achmed: Das war eher ein Zufall. Ein Freund von mir betreibt die Sportart Parkour und in Russland gibt es viele bekannte Parkour-Sportler. Weil er sie gerne live sehen wollte, entschied er sich, nach Russland zu gehen. Und ich habe gesagt, ich komme mit. Es gab also keine großen Überlegungen, welches Land am besten für mich wäre.

Baschkirienheute: Wieso bist du gerade nach Baschkortostan gekommen?

Mein Freund und ich wollten gerne zusammen ein Praktikum absolvieren. Das Projekt hier war das einzige in ganz Russland, das zwei Freiwillige gleichzeitig annehmen konnte. Nur hatte mein Freund kurz vor der Einreise Probleme mit der Einladung und wird daher in ein ähnliches Projekt nach Sankt Petersburg gehen.

Baschkirienheute: Wann bist du in Russland angekommen?

Achmed: Ich bin am 10. August in Ufa angekommen, also vier Tage vor Beginn des Sprachlagers. Deswegen hatte ich schon ein wenig Zeit, mir die Stadt anzuschauen. Die Mitarbeiterin von AIESEC in Ufa hilft mir dabei sehr viel. Sie hat mich am Flughafen abgeholt, die Registrierung für mich erledigt, eine SIM-Karte gekauft und  die wichtigsten Adressen in der Stadt gezeigt. Trotzdem fällt es mir noch ziemlich schwer mich zu orientieren.

Baschkirienheute: Wie gefällt dir das Land bis jetzt?

Achmed: Bis jetzt finde ich Russland großartig. Die Menschen hier sind sehr freundlich. Vor meiner Anreise wusste ich nicht, ob es Probleme damit geben würde, dass ich Ausländer bin. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Das einzige Problem, das ich habe, ist die Sprachbarriere. Ich kann überhaupt kein Russisch und Englisch kennen hier nur die aller wenigsten. Daher ist die Kommunikation sehr schwierig. Aber ansonsten gefällt es mir sehr gut hier.

Baschkirienheute: Hast du einen Kulturschock erlebt?

Achmed: Ja, auf jeden Fall. Alles ist neu für mich, zumal ich vorher noch nie im Ausland war. An meinem ersten Tag in Russland bin  ich vor Staunen mit offenem Mund durch die Straßen Ufas spaziert. Allein bei der Natur gibt es riesige Unterschiede zu Ägypten. Hier ist es so grün und es gibt so viele Bäume, was mir sehr gefällt. Auch die kulturellen Unterschiede sind wirklich groß. Russland kannte ich vorher nur aus Filmen, zum Beispiel James Bond. Man hat die typischen Vorurteile, waffenverliebte Russen und Wodka. In den nächsten Wochen möchte ich feststellen, was davon wahr ist.

Baschkirienheute: Was ist mit dem Wetter?

Achmed: Ganz ehrlich, ich hätte gedacht, es wäre kälter. Bis jetzt war das Wetter okay mit viel Sonne. Nur morgens ist es etwas kühl. Eigentlich ist es wie im Ägyptischen Winter. (lacht)

Baschkirienheute: Wie wird dein Aufenthalt in Russland finanziert?

Achmed: Von AIESEC erhalte ich eine kleine monatliche Summe, die aber nicht wirklich ausreicht zum Leben. Das Essen in Ufa zahle ich selber, das Hostel wird bezahlt. Die Flugkosten muss ich selber tragen. Dafür lebe ich hier im Sprachcamp all inclusive, Unterkunft und Verpflegung werden gestellt. 

Baschkirienheute: Du bist hier als Englischlehrer tätig. Woher kannst du so gut Englisch, wo du doch Antike Griechische und Lateinische Literatur studierst?

Achmed: Meine Mutter ist Englisch-Lehrerin, von ihr habe ich vielleicht die Liebe zur englischen Sprache geerbt. In der Schule habe ich schon in der 1. Klasse angefangen, Englisch zu lernen. Aber man erlernt Fremdsprachen in ägyptischen Schulen nur rudimentär.  Das meiste habe ich aus Filmen, dem Internet und Computer-Spielen gelernt.

Baschkirienheute: Wie gefällt dir die Arbeit im Sprachlager?

Achmed: Es gefällt mir sehr gut und macht viel Spaß. Ich arbeite mit 11 bis 13-Jährigen Kindern. Man merkt sofort, dass sie wirklich Englisch lernen wollen. Die Lern-Atmosphäre ist sehr angenehm. Daher bin ich ziemlich zufrieden mit meiner Entscheidung, hierher zu kommen.

Baschkirienheute: Wie sieht dein Plan aus für die Zeit nach dem Sprachcamp?

Achmed: In Russland bleibe ich bis Ende September. Zunächst werde ich zurück nach Ufa gehen. Es gibt viel, was ich noch nicht gesehen habe. Ich möchte die Stadt erkunden, aber ich weiß noch nicht, was es alles zu entdecken gibt. Ich habe aber bereits Freunde in Ufa, die mir das Leben leichter machen. Und ich muss jede Menge Souvenirs kaufen für meine Verwandten und Freunde in Ägypten. Außerdem werde ich nach Sankt Petersburg fahren, um meinen Freund aus Ägypten zu besuchen.

Baschkirienheute: Hast du in Zukunft vor, mal wieder nach Russland zu kommen?

Achmed: Ich möchte schon wieder kommen, aber ich möchte auch andere Länder sehen. Russland ist gut, aber andere Länder werde ich zuerst besuchen. Denn ich möchte immer erst neue Sachen entdecken. Mein Traum ist es, nach London zu fahren.

Baschkirienheute: Natürlich interessiert mich auch die gegenwärtige politische Situation in Ägypten. Wie schätzt du persönlich die Lage ein?

Achmed: Nun, ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Medien die Dinge krasser darstellen als sie wirklich sind. Eigentlich waren die letzten Tage vor meiner Abreise gut. Aber einige Dinge haben sich seitdem verändert. Es gibt mittlerweile eine Ausgangssperre, das hab ich nicht mehr mitbekommen. Ich telefoniere oft mit meiner Familie und meinen Freunden in Ägypten, die mich auf dem Laufenden halten. Es gibt große Demonstrationen der Muslimbrüder und die Armee versucht, den Widerstand zu brechen. Dies geschieht überall in Ägypten, aber vor allem in Kairo, meiner Heimatstadt. Natürlich ist jetzt nicht die beste Zeit, um Ägypten zu besuchen. Aber normalerweise beruhigen sich die Dinge wieder nach einiger Zeit.

Baschkirienheute: Wie sieht momentan das Alltagsleben in Kairo aus? Ist es gefährlich?

Achmed: Es ist zwar kein normales Alltagsleben, aber das soziale Leben geht weiter, zum Beispiel der Universitätsalltag. Kurz vor meiner Abreise musste ich nochmal zur Uni, um ein Dokument abzuholen. Eine große Demonstration fand vor dem Hauptgebäude statt, doch es gab keine Probleme, das Gebäude zu betreten. Ansonsten ist aber viel geschlossen. Die Zivilisten versuchen sich in Krisenzeiten selber zu helfen. Sie fangen an, ihre Häuser zu verteidigen und sind bereit, sich zu wehren. Wenn man aber aufpasst, wird einem nichts passieren. Man darf es nicht darauf anlegen. Die Dinge hängen in der Luft. Niemand weiß so genau, was als Nächstes kommt.

Baschkirienheute: Vielen Dank für das Gespräch. Für die Zukunft alles Gute und noch eine schöne Zeit in Russland!

Das Interview wurde auf Englisch geführt.

David Witkowski

August 2013


Wenn Kinderaugen da nicht groß werden…

Am Sonntag, den 31. März, sind die russischen Bewerber für den diesjährigen Halle-Ufa-Austausch in ein außerhalb von Ufa gelegenes Kinderheim gefahren. Dort haben sie anderthalb Stunden lang Musik, Theater und Sketche vom Feinsten präsentiert und das junge Publikum begeistert.

Als Teil des Bewerbungsprozesses für den Austausch zwischen Ufa und Halle soll die soziale Komponente nicht zu kurz kommen. Letztes Jahr sind die Bewerber in ein Tierheim gefahren. Die diesjährigen russischen Bewerber haben sich dafür entschieden, in einem Kinderheim in der Nähe von Ufa für ordentlich Stimmung zu sorgen – und das ist ihnen mehr als gelungen.

In einem kleinen Saal in dem Heim versammelten sich die ungefähr zwanzig Bewerber hinter einem Vorhang und ließen die jungen Zuschauer nicht lange warten. Begonnen wurde das Spektakel mit einer kurzen Einleitung und einem Klatschspiel, bei dem man zunächst sehr leise klatschen musste, aber dann immer lauter wurde. Dann wurde der rote Faden der Aufführung eingeführt. Ein junger Mann in weißem Tank Top und dunkler Jogginghose betrat die Bühne und begann in einem imaginären Fernseher herum zu zappen. Die Programme, die er dabei einschaltete, wurden dann live auf der Bühne präsentiert. Im Laufe des Stücks erhielt er Gesellschaft von seiner Frau mit Lockenwicklern im Haar, die darauf bestand, das Programm mit zu bestimmen.

Eine Bewerberin tanzte in baschkirischer Tracht baschkirische Volkstänze zu baschkirischer Musik – na, wenn das nicht Traditionsbewusstsein ist. Darauf folgte ein etwas anderer Tanz: ein Mädchen vollführte mit zwei Hula-Hoop-Reifen akrobatische Kunststücke. Die Liveacts wurden immer wieder durch belustigende Zwischenmoderationen und –spiele unterbrochen. Nach einer Gesangseinlage, in der ein romantisches Lied präsentiert wurde, stürmten plötzlich Cowboys die Bühne und tanzten zum Song Cotton Eye Joe von Rednex.

Auch die kreative Ader des jungen Publikums wurde gefordert. Bei einer Art Mal-Wettstreit mussten zwei gegnerische Gruppen auf jeweils einem Plakat zeigen, wer die besseren Ideen hat. Es folgte wieder ein Tanz, diesmal zum Song Beat It von Michael Jackson. Zwei Mädchen im Michael-Jackson-Outfit versuchten, den King of Pop nachzuahmen und zwei Mädchen im Tutu bildeten den tänzerischen Gegenpart.

Nach einem weiteren Song, der mit einer Gitarre begleitet wurde, konnten die Zuschauer ein Puppenspieltheater genießen, bevor kostümierte Darsteller die Bühne betraten und einen wilden Tanz aufführten, der afrikanischen Stammestänzen ähnelte. Damit auch das Publikum das Tanzbein schwingen konnte, wurde ein großer Tanzkreis gebildet und jeder dazu eingeladen, einfache Bewegungen mitzutanzen. Abgerundet wurde die gesamte Vorstellung dann von einem weiteren Song, der von zwei Teilnehmerinnen präsentiert wurde. Zum Schluss erhielten die Kleinen auch noch Süßigkeiten und Luftballons.

Dem unbeteiligten Zuschauer drängten sich unweigerlich folgende Fragen auf. Woher nehmen diese jungen Leute ihre beneidenswerte Kreativität? Und ob die deutschen Teilnehmer ein solches Programm auch auf die Beine stellen könnten…?

David Witkowski

April 2013


Obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprechen, entwickelten sich völlig unbekannte Gefühle – Sophie verliebt in Ufa

Sophie, Slavistik- und Romanistikstudentin im 3. Semester an der LMU München absolvierte von Februar bis April ein Praktikum als Deutschassistentin am Gymnasium 86 in Ufa. Die gebürtige Berlinerin und Neu-Bayerin bricht das Vorurteil, alle Deutschen in Ufa kämen entweder aus der Partnerstadt Halle oder Dresden. Über ihre Zeit als Praktikantin in der Hauptstadt Baschkortostans und ihre intensiven zwischenmenschlichen Bekanntschaften erzählt die 21jährige Sophie offen im Interview. Ufa – eine scheinbar großartige Stadt zum Verlieben..

Baschkirienheute: Es ist fast seltsam, einer Bayerin in Ufa zu begegnen. Hast du vor deinem Praktikum schon einmal etwas von der Hauptstadt der Republik Baschkortostans gehört?

Sophie: Aus dem Atlas ja, die letzte große Stadt vorm Ural.

Baschkirienheute: Wie bist du auf die Idee gekommen, gerade in Ufa dein Praktikum zu machen?

Sophie: Meine alte Russischlehrerin hat das organisiert. Sie hat viele Kontakte zu Schulen in ganz Russland. Ich wollte mein Russisch verbessern und da meinte sie zu mir: geh nach Ufa, da gibt es eine gute Schule.

Baschkirienheute: Welchen ersten Eindruck hattest du von der Stadt als „Neuling“? Wie wurdest du empfangen?

Sophie: Ich bin an einem Freitag angekommen und wurde gleich am ersten Wochenende von der Lehrerin, bei der ich gewohnt habe, mit nach Beloretsk zu einem Seminar genommen. Das große Bankett am Ende mit Essen, Alkohol und Tostreden hat mich ziemlich beeindruckt. (AdR: Sophie spricht vom feierlichen Bankett zum Tag der Verteidiger des Vaterlandes am 23.2.) Danach habe ich gleich meinen Unterricht in der Schule begonnen.

Baschkirienheute: Konntest du dich in der Stadt orientieren? Das Busfahren für Nicht- Ufaner ist ja anfangs eine ziemliche Herausforderung.

Sophie: Die Lehrerin hat mich sehr unterstützt. Am ersten Tag sind wir gemeinsam zur Schule und zurück gefahren. Danach war ich dann schon immer alleine unterwegs. Das war anfangs natürlich ein bisschen schwierig, ich war sehr unsicher. Vor allem in den Gazelkas haben mich die Fahrer zunächst nicht verstanden und ich musste meine Ansagen oft wiederholen. Aus diesem Grund bin ich oft in den größeren Bussen gefahren, wo der Bus an jeder Station hält.

Baschkirienheute: Wie hast du deinen Alltag neben der Arbeit gestaltet?

Sophie: Anfangs bin ich gerne alleine spazieren gegangen und habe durch Zufall einen Jungen kennengelernt, mit dem ich dann die restliche Zeit verbracht habe. Ansonsten haben mich manchmal Freundinnen der Lehrerin mit ins Konzert genommen. Eigentlich war ich nie alleine unterwegs.

Baschkirienheute: Hast du schnell Kontakt zu den Bewohnern gefunden?

Sophie: Eigentlich nur durch die Schule. Dort hatte ich nur mit den Lehrern zu tun. Es gab aber 2 jüngere Kolleginnen, mit denen ich mich manchmal getroffen habe. Aber ich hatte niemanden zum anrufen und unternehmen, wie man es aus der Heimat gewöhnt ist. Durch meinen Jungen konnte ich dann aber viele neue Leute kennenlernen. Das hat mir unglaublich geholfen.

Baschkirienheute: Du hast dich also während deines Aufenthaltes verliebt. Hast du Unterschiede zu Deutschland beim ersten Kennenlernen feststellen können?

Sophie: Naja, wir haben uns ja gleich am Anfang kennengelernt. Beim Spazieren im Park – das ist ja eigentlich kein gewöhnlicher Ort, ich hatte es nicht beabsichtigt. Es ist hier so üblich, dass ein Junge für ein Mädchen alles macht, für den Tee bezahlt, ihr Blumen schenkt, sie nach Hause bringt. Das ist schon ein großer Unterschied zu Deutschland – dort ist es ja eher umgekehrt. Ich bin nach Russland gekommen und empfand das als sehr ungewöhnlich. Aber ich habe gemerkt, dass es auch Vorzüge hat, nicht alles selbst zu machen. Da würde jetzt jede Emanze durchdrehen…

Baschkirienheute: Hattet ihr Probleme mit dem Zusammensein oder wurde eure Liaison akzeptiert?

Sophie: Viele Freunde meinten wohl zu ihm: es hat keine Zukunft, sie wird ihn vergessen. Deswegen war er sehr selektiv, zu wem er mit mir geht. Oft waren seine Freunde aber sehr interessiert. Die Lehrerin, bei der ich gewohnt habe wollte sofort wissen, wie er aussieht und wie er ist, als sie erfahren hat, dass ich mich mit einem Jungen treffe. Er musste sich dann vorstellen, durfte aber nie in die Wohnung kommen. Es gab dann auch immer sofort Lästereien in der Schule, wenn ich mal spät nach Hause kam, die Lehrerinnen waren solche Tratschtanten und meinten, sie wären für mich verantwortlich. Das war die absolute Kontrolle in der Schule. Ich hab mich aber auch nicht getraut zu fragen, ob er mich mit zu sich nehmen kann. Also hatten wir keinen Zufluchtsort. Wir sind dann immer mal zu Freunden gegangen und konnten dort übernachten – das war unsere einzige Möglichkeit, zusammen zu sein. Das war aber gerade auch so aufregend.

Baschkirienheute: Hat er dich seinen Eltern vorgestellt?

Sophie: Ja, ein paar Wochen vor meiner Rückkehr. Er hatte zuhause viel von mir erzählt und am Abend vor Ostern wurde ich dann vorgestellt; es war eine magische Stimmung, wir haben Kulitsch gegessen und Tee getrunken. Alles in allem war die Familie sehr freundlich und offen und nahm mich herzlich bei sich auf.

Baschkirienheute: Welche Unterschiede bei den Vorstellungen einer „Beziehung“ sind dir in der kurzen Zeit deines Aufenthaltes aufgefallen?

Sophie: Oh, das ist eine schwierige Frage. Eigentlich wollten wir ja gar nicht, dass aus unserer Bekanntschaft eine Beziehung entsteht, weil er in Russland lebt und ich in Deutschland. Deswegen habe ich unsere Beziehung erst ganz spät als solche bezeichnet. Ich hatte vorher nie so eine Beziehung, sie ist etwas ganz besonderes. Wir können nicht wirklich zusammen sein, aber wir haben ein gemeinsames Ziel. Egal wo, aber so bald wie möglich zusammen zu sein! Obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprechen, haben sich nie gekannte Gefühle entwickelt.

Baschkirienheute: Siehst du eine Perspektive für eure Beziehung?

Sophie: Natürlich, ich denke die ganze Zeit daran. Sicher ist es einfacher, das Ganze hinzuschmeißen, aber ich gebe nichts auf, was besonders ist. Ich bin bereit, für eine Zeit nach Russland zu gehen und ich hoffe, dass auch er nach Deutschland kommen kann.

Baschkirienheute: Sophie, ich wünsche dir viel Glück für eure gemeinsame Zukunft. Noch eine kurze Abschlussfrage. Würdest du ein Praktikum in der Stadt Ufa weiterempfehlen?

Sophie: Auf jeden Fall, denn es erweitert den Horizont ungemein, für einige Zeit in die russische Provinz zu gehen.

Baschkirienheute: Vielen Dank für das Gespräch.

Julia Hoppe
Juni 2010

 


„GASTARBAiTERKA “ – die aufgeweckte Ethnofusion bei der Deutschen Woche

Eine feurige Mischung aus deutschen Chansons und russischen Balalaika-Klängen ertönte am 21. April im Jazzclub von Ufa. Die deutsch- russische Band „Gastarbaiterka“ begeisterte das Publikum beim Gastauftritt als Höhepunkt der Deutschen Woche in Baschkortostan.Helen Walter-Kurkjian, Frontfrau der fünfköpfigen Formation weckte durch ihre offene und begeisternde Art viele Sympathien im Publikum. Als Tochter einer Oberfränkin und eines aus dem Libanon immigrierten Armeniers beendete Helen ihr Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Wien mit dem Diplom. Es folgten Theater- und Filmproduktionen, bis sich Helen 2006 entschied, nach Moskau auszuwandern und dort einen russischen Musiker zu heiraten.

2006 erhielt sie das erste Mal die Einladung, bei der Deutschen Woche in Ufa (+Salawat, Sterlitamak, Kumertau) als Gastmusikerin aufzutreten. Um ihren Gesang musikalisch zu begleiten, reiste sie mit einem befreundeten Akkordeonisten an und bezauberte erstmals die Zuhörer mit ihren deutschen Chansons.
Ein Jahr später, im April 2007 gründete Helen Walter- Kurkjian die Gruppe „Gastarbaiterka“, bestehend aus Balalaika, Akkordeon, Bass, Schlagzeug und Gesang. Ein deutsch- russisches Repertoire war schnell einstudiert und so folgte ein erstes Konzert in Krasnajarsk. Nach einigen Experimenten und verschiedenen Besetzungen ist das Konzept – buntes Potpourri aus deutsch- russischem Folk- Chanson und Zigeuner Ska jetzt abgerundet.

Der Bandname „Gastarbaiterka“ klingt in vielen russischen Ohren sehr hart und ist eher negativ besetzt. So entschied sich Helen auf Rat ihrer Freunde für einen Untertitel. In Anlehnung an die französische Fernsehsendung „Hélène et les Garçons“ entstand der endgültige Name „GASTARBAiTERKA“ – „Heleno4ka & rebjata“. Dennoch findet sie den ursprünglichen Namen nach wie vor sehr passend. „Schließlich ist mein Vater als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und irgendwie fühle auch ich mich in Russland als Gastarbeiterin, eben Gastarbajterka“ , so Helen Walter-Kurkjian im persönlichen Gespräch.

 

In diesem Jahr trat die Formation nun schon das dritte Mal bei der Deutschen Woche auf. Nach dem ersten Soloauftritt begleitete 2008 die ganze Band Helens Gesang auf der Bühne der Deutschen Woche. Dieses Mal gaben sie schon zwei Konzerte in Ufa. Nach dem Gastauftritt beim Abschlusskonzert des Liederfestivals am Mittwoch folgte noch das Konzert im Jazzclub. „Jetzt sind wir schon „alte Hasen“, so Helen, „doch man sieht den Fortschritt“. Die größtenteils deutschen Chansons singt sie mittlerweile mit russischen Übersetzungen, damit die Russen bei Konzerten auch verstehen, worum es geht. Somit sieht sie sich als Botschafterin zwischen den Kulturen. Auch wenn ihre Musiker kein Deutsch verstehen, mochten sie von Beginn an die deutschen Lieder. Und auch bei Konzerten zeigt sich der Erfolg des Konzepts.

In Zukunft möchte Helen ihr Repertoire erweitern und am liebsten ein 2.Album aufnehmen. Des öfteren fehlt der „Gastarbeiterin“ jedoch die Zeit zum proben. Denn in den letzten Monaten war Helen mit zwei Theaterprojekten beschäftigt. Im November 2009 hatte sie in der Titelrolle der russischen Erstaufführung „Heute Abend: Lola Blau!“ von Georg Kreisler Premiere im Moskauer Meyerholdzentrum. Mit dem darauffolgenden internationalen Tanztheaterprojekt „Erinnerungsbriefe“ von Oleg Nikolaev war Helen mit Kollegen aus 9 verschiedenen Ländern auf einer Tournee, die Ende April in Moskau startete, durch 10 Städte Russlands reiste und schließlich in St. Petersburg und Kronstadt beendet wurde. Einen großen Wunsch hat Helen: endlich mit der gesamten Formation der „Gastarbaiterka“ nach Deutschland zu kommen und die Bühnen zu stürmen. Bisher scheiterte dies immer am Visumsproblem.

Wer aber die aufgeweckte und starke Sängerin auf der Bühne erlebt hat, der zweifelt nicht an einer großen Zukunft der Band. Virtuose Balalaika- Klänge, Knopfakkordeon und das geflügelte deutsche Wort machen einfach Lust auf den „wilden Osten“ und einen mitunter sehr tanzbaren Konzertabend.

Julia Hoppe
April 2010


Liebe, Sex und Partnerschaft

Russinnen kleiden sich aufreizend, sind zu verklemmt, um über Sex zu reden ohne dabei knallrot zu werden und heiraten spätestens mit 19 ihre „Wahre Liebe“. Zu diesem Schluss könnte man kommen, wenn man sich von seinen Vorurteilen durch Russland treiben lässt. Fakt ist, dass Sex zu Sowjetzeiten kein alltagstaugliches Gesprächsthema war. Inzwischen ist der Eiserne Vorhang aber gefallen und mit ihm hat sich auch die russische Gesellschaft allmählich in alle Richtungen geöffnet. Fast 20 Jahre nach dem Zerfall der UdSSR trifft sich Baschkirienheute mit zwei jungen Frauen, die die Existenz der Sowjetunion nicht mehr bewusst miterlebt haben. Mit Lena (20) und Regina (20) – beide Studentinnen und Singles aus Ufa – reden wir über Liebe, Sex und Partnerschaft im Russland von heute.

Baschkirienheute: Lena und Regina, zu Beginn stellen wir euch ein paar einfache Einstiegsfragen. Sagt uns bitte, wozu ihr mehr tendiert.
Erste Frage: Beziehung oder Singledasein/ Freiheit?

Regina: In meiner jetzigen Situation gerade lieber Single.
Lena: Wenn Menschen einander lieben, dann sollten sie doch trotzdem frei sein und sich nicht gegenseitig einschränken. Das nimmt sich nichts.

Baschkirienheute: Heiraten oder nicht heiraten?

Beide: Heiraten! Unsere Eltern sind so und unsere Mentalität ist so.

Baschkirienheute: Hausfrau oder Karrierefrau?

Regina: Beides ist möglich. Ich kenne viele Beispiele aus meinem Umfeld, wo es funktioniert, gleichzeitig mit Baby im Arm für seinen Mann das Essen zu kochen und zur Arbeit zu gehen. Das ist bei uns so üblich und das klappt auch.

Baschkirienheute: Löst man seine Beziehungsprobleme lieber mit seinem Partner oder mit seiner besten Freundin?

Lena: Zuerst mit der Freundin natürlich. Aber es gibt auch Fragen und Probleme, die man lieber mit dem Partner besprechen sollte, sehr persönliche Probleme.
Regina:In der ganzen zivilisierten Welt gehen die Leute zum Psychologen, aber hier braucht man das nicht. Hier trifft seine beste Freundin und dann ist die Welt wieder in Ordnung.

Baschkirienheute: Ausprobieren oder einer Person treu bleiben?

Regina: Es ist immer so, wie es gerade kommt. Wenn man jemanden gefunden hat, mit dem man sich zusammen etwas aufbauen will, dann macht man das. Aber in unserem Alter gibt es auch viele Mädchen, die sich ausprobieren wollen.
Lena: Man ist die ganze Zeit auf der Suche nach der Liebe, aber gerade dadurch sammelt man automatisch Erfahrungen, weil natürlich im seltensten Fall der Erste gleich der Richtige ist. Man probiert hier ein bisschen und dort ein bisschen ist aber eigentlich doch auf der Suche nach etwas Festem.

Baschkirienheute: Öffentlich rumknutschen oder lieber nicht?

Regina: JA!! Auf alle Fälle. Jeder kann seine Gefühle auf der Straße ausleben. Ich habe mal von anderen Ländern gehört, in denen es verboten sein soll, aber hier ist es nicht so. Nur bitte keinen Sex auf der Straße.

Baschkirienheute: Sex vor der Ehe oder erst nach der Hochzeit?

Lena: Vorher, ganz klar. Wie soll man denn heiraten, wenn man das Produkt vorher nicht getestet hat?

Baschkirienheute: Wo lernt man sich denn in Ufa am besten kennen?

Lena: Ich hab schon Männer in der Autowerkstatt kennen gelernt, im Stau. oder nachts an der Ampel.
Regina: Auf Partys von Freunden, im Internet.

Baschkirienheute: Wirklich? Im Internet?

Regina: Na das ist natürlich gefährlich. Im Internet ist es noch Brad Pitt und wenn du dann vor ihm stehst, hat er sich plötzlich verwandelt und du fragst dich: Wo ist Brad?

Baschkirienheute: Was bedeutet es in Russland “eine Beziehung zu haben“?

Lena: Eine ernste Beziehung ist, wenn man sich liebt, wenn man sich verehrt und wenn man sich so vertraut, dass man sich gegenseitig nichts antut.
Regina: Das was Lena eben beschrieben hat, ist für mich schon eine Ehe. Für mich ist eine ernsthafte Beziehung, wenn man einen Menschen sehr sehr gern hat, wenn man regelmäßig Sex hat und wenn man den Lebensalltag gemeinsam bestreitet.

Baschkirienheute: Zielt das, was ihr „ernsthafte Beziehung“ nennt schon von Vornherein darauf ab, dass man irgendwann heiratet?

Regina: Für alle Frauen ist das ganz sicher so. Die Männer fürchten sich davor.
Lena: Die Menschen heiraten hier in Russland aber auch, weil ihnen dadurch besondere Rechte zukommen.

Baschkirienheute: Wie lange dauert es in Russland ungefähr bis man heiratet?

Regina: Das kann ein Monat sein, das können 10 Jahre sein, aber allgemein ist es vom Kennenlernen bis zur Hochzeit ungefähr ein Jahr. Im Prinzip finde ich es gut, wenn man sich vor der Hochzeit schon längere Zeit zusammenlebt. Mein Bruder zum Beispiel war mit seiner Freundin 10 Jahre zusammen. Dann haben sie geheiratet, sind zusammengezogen und nach einem halben Jahr haben sie sich wieder getrennt, weil es nicht funktioniert hat.

Baschkirienheute: Ist es grundsätzlich ein Problem vorher zusammenzuziehen und auszuprobieren, ob ein gemeinsames Leben möglich ist?

Regina: Generell ist es mittlerweile üblicher, schon vor der Hochzeit zusammen zu leben. Früher war das anders.
Lena: Die Leute ziehen auch oft erst nach der Hochzeit zusammen, weil man bei der Hochzeit viele teure Geschenke bekommt wie zum Beispiel eine Wohnung. Diese Unterstützung gibt es vorher von den Eltern nicht.

Baschkirienheute: Ein wichtiges Thema in einer Beziehung ist auch die Sexualität. Wie wurdet ihr aufgeklärt?

Regina: Im Biologieunterricht in der siebten Klasse wird schon einmal darüber gesprochen, wo die Kinder herkommen, aber so eine richtige Aufklärung ist das nicht. Nähere Informationen bekommt man eher von Freunden oder vom großen Bruder.

Baschkirienheute: Habt ihr in der Schule auch über Geschlechtskrankheiten oder AIDS gesprochen.

Lena: Ja in der Schule schon. Aber von meinen Eltern hab ich darüber nichts erfahren.

Baschkirienheute: Mit wem könnt ihr euch offen über sexuelle Probleme austauschen?

Lena: Über so etwas rede ich mit meiner großen Schwester.
Regina: Also wenn es nur um einen allgemeinen Rat geht, dann rede ich mit meiner Mutter. Bei einem ernsthaften Problem gehe ich zu meinem Gynäkologen. Aber wenn mir einfach etwas Lustiges passiert ist, dann quatsche ich natürlich mit meiner besten Freundin darüber.

Baschkirienheute: Wann sammelt man denn in Russland die ersten Erfahrungen?

Regina: Geküsst hab ich zum ersten Mal mit 14. Mit 17 das erste Mal Sex, das war dann auch die erste ernsthafte Beziehung.
Lena: Bei mir war das ähnlich. Mit 17 hatte ich den ersten Freund und den ersten Sex.

Baschkirienheute: Uns ist hier schon sehr oft etwas aufgefallen, das für uns eher widersprüchlich erscheint. Viele Frauen, die sich ganz besonders sexy und aufreizend anziehen, dann aber gleichzeitig eine eher konservative Einstellung zum Thema Sex und Ehe haben. Was sagt ihr dazu?

Regina: Das liegt vor allem an dem Problem, dass es in Russland zu wenige Männer und zu viele Frauen gibt. Es stimmt schon, dass sich die Frauen hier eher sexy und offen kleiden, aber die Frauen wollen eben auch die Aufmerksamkeit der Männer auf sich ziehen und machen sich deshalb hübsch. Und natürlich gibt es auch Mädchen die auf den „Richtigen“, den „Einzigen“ warten.

Baschkirienheute: Vielleicht noch ein abschließendes Wort?

Lena: Tja, wir reden immer über kulturelle Unterschiede. Aber der Prozess vom sich kennenlernen, Sex haben, heiraten usw. das ist doch auf der ganzen Welt überall in gewisser Weise das Gleiche.

Das Gespräch führten Julia Hoppe und Tobias König.
März 2010