ZUR GESCHICHTE DER BASCHKIREN

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Die Baschkiren – eine türkischstämmige Nation

Die Baschkiren (Башҡoрттap/Başqorttar) 1 sind wahrscheinlich um 780 am oberen Irtysch aus einem Sippen- (Gens-/Clan-) Verband im Umfeld der Kimäken-Kyptschaken 2 hervorgegangen. Mit den Kyptschaken sind sie westwärts expandiert – die Baschkiren jedoch nur bis zur Wolga (baschk.: Иҙел/İđel) bei Samara, bis zum Yayıq (Яйыҡ = Ural-Fluß) und zum Oberlauf des Emba-Flusses im heutigen Westkasachstan. Die Migrationsbewegung der Baschkiren war jedoch bei weitem nicht so weiträumig wie die vieler anderer türkischer Völker.

Der obere Irtysch liegt im Gebiet der Ethnogenese der Türken. Im 4./5. Jahrhundert reichte das „Türkenland“ im Norden bis zum mittleren Jenissej unterhalb von Qızılyar (altes türk. Toponym = „Rotes Steilufer“; übersetzt ins Russische: Krasnojarsk), im Osten umschloß es die Südhälfte des Baikal, im Westen den Oberlauf des Ob und im Süden die Westhäfte der heutigen (Äußeren) Mongolei sowie die zu China gehörende Dsungarei und den Nordosten des heutigen Kasachstan. Im Zentrum liegt das Altai-Gebirge mit dem Ötükän (Ötüken), dem „heiligen Berg der Erdgöttin“ im (heute) mongolischen Altai, dessen Besitz bei den vorislamischen Türken mit der spirituellen Autorität verbunden war, Herrscher über alle türkischen Stämme zu sein. Von diesem Gebiet aus migrierten die Türken in alle Richtungen; die nordöstlichste Spitze erreichte das heutige Jakutien (Sacha), die südwestlichste Spitze um 1050 die heutige Türkei. Zur Triebkraft der türkischen Expansion zitiert Zäki Wälidi den Hofbeamten der Seldschuken, Šaraf al-Marwazī, der um 1100 lapidar bemerkte: Sie haben ihre Länder wegen der Enge der Weideplätze verlassen. 3

Zäki Wälidi, vollständiger baschkirischer Name: Вәлиди Әхмәтзәки Әхмәтшаh улы/Wälidi Äxmätzäki Äxmätşah ulı, oder: Әхмәтзәки Вәлиди Туған/Äxmätzäki Wälidi Tuğan (russisch: Валидов Ахмет-Заки Тоган/Validov Achmet-Zaki Togan; türkeitürkisch und deutsch: Ahmet Zeki Velidi Togan), *1890 in Көҙән/Köźän (Rayon Ишембай/ İşembay bei Стәрлетамаҡ/Stärletamaq), war der bedeutendste baschkirische Orientalist und Turkologe, der sich zeitlebends als Baschkir-Türke verstand. 1919 handelte er mit den Bolschewiki die Gründung der Baschkirischen ASSR im Rahmen der RSFSR aus. In einer Bibliothek in Mašhad (Persien) entdeckte er 1925 das arabisch verfaßte Original des Reiseberichts von Ibn Faḍlān aus dem Jahre 922, in dem auch die Baschkiren genannt sind und worüber er in Wien seine Dissertation schrieb („Ibn-Fadlan's Reiseberichte. Seine Berichte über Erlebnisse der arabischen Gesandtschaft im Lande der Oguzen, Pečenegen, Baschkiren und Bulgaren. Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes“). Von 1939 bis zu seinem Tod 1970 wirkte Zäki Wälidi als Professor in der Türkei. In der Sowjetunion lange Zeit eine Unperson, ist er im offiziellen Başqortostan heute wieder wohlgelitten. Seit 1993 gibt es in Öfö (Ufa) und Köźän ein Äxmätzäki-Wälidi-Museum; eine repräsentative Straße in Öfö (Ufa), die "Зәки Вәлиди урамы/Zäki Wälidi uramı", trägt seinen Namen. Begraben ist er in Istanbul.

Die Baschkiren standen immer in enger Verbindung mit den Kyptschaken und sind „ethnisch“ selbst Kyptschaken. Einer ihrer sieben Hauptstämme (eтe ыpыy/yete ıruw) heißt ebenfalls Qıpsaq (Ҡыпсаҡ = die baschk. Form von Qıpçaq/Kyptschak), und auch ihre Sprache ist kypschaktürkisch. Die Baschkirische Enzyklopädie hält eine „offizielle“ Mitgliedschaft für gesichert 4, obwohl um 1200 die Baschkiren unter den zwölf Stämmen der Kyptschaken-Konföderation nicht aufgeführt sind. Auch oghusische (Petschenegen, Turkmenen), proto- und wolgabulgarische  sowie ugrische und iranische (Sarmaten, Alanen) Elemente sind in den Baschkiren aufgegangen, mongolische jedoch kaum. (Der baschk. Stammesname Юрматы/Yurmatı könnte auf die nordiranischen Sarmaten zurückgehen.) In welchem Verhältnis auch immer die Baschkiren zur Kyptschaken-Konföderation standen, sie blieben stets ein weitgehend eigenständiger Stammesverband. Bemerkenswert ist ihre relativ stabile Siedlungskontinuität, die wohl die Ursache dafür ist,                                                           

„dass ihre ethnische Individualität unter den übrigen Bruderstämmen sich am längsten erhalten hat, und dass sie ungleich den Bulgaren, Khazaren, Petschenegen, Uzen [= Oghusen] und Kumanen [= Kyptschaken/Polowzer] trotz aller politischen Umwälzungen, denen sie ausgesetzt waren, immer Baschkiren geblieben sind.“ 5

So verbleibt mit den Baschkiren tatsächlich das einzige größere moderne türkische Volk, das seit Beginn seiner historisch nachweisbaren Existenz im 9. Jahrhundert diesen Namen trägt und bis heute seine Identität bewahrt hat. Zum Verhältnis der Baschkiren mit den anderen Türken bemerkt Baškirskij mëd (russ. für "Başqort balı" bzw. „Baschkirischer Honig“), Portal für die Geschichte der Baschkiren und Başqortostans:

„Sie standen in enger Berührung zu den Petschenegen (oder Patzinakoi [= griechisch: „Petschenegen“]) und den Ġuzz [= arabisch: „Oghusen“] in Kasachstan und den Steppen Mittelasiens, seit der Mitte des ersten Jahrtausends mit den bulgarischen Stämmen und zu Beginn des zweiten Jahrtausends – mit den Kyptschaken. Eine maßgebliche Prägung hinterließen die Beziehungen zwischen Baschkiren und Kyptschaken, die während der Invasion von Mongolen und Tataren und später bis zum Anschluß Başqortostans an Rußland andauerten. Die Ähnlichkeit zwischen der baschkirischen Sprache und dem kyptschakischen Sprachzweig (Altai'isch, Kasachisch, Karakalpakisch, Noghai'isch, Tatarisch und einigen Dialekten der usbekischen Sprache), die Ähnlichkeit bei Stammesnamen und Tamgas, bei Kultur und Folklore sind das Resultat dieser Beziehungen.“  6

Gemäß Volksetymologie geht das Ethnonym „BAŞQORT“ auf „baş“ (= „Haupt/Kopf“) und „qort“ (= „Wolf“) zurück.7 Zäki Wälidi hält dagegen „baş“ für bäş/beş/biş („5“) und „qort“ für die ŞAZ-türkischen Entsprechungen von LIR-türkisch bil/bil/bol + [o]ğur, so daß sowohl < BAŞ-QORT > als auch < BOL-ĞAR > Fünf Oghur[enstämme]“ bedeute.8 Da OĞUR/UYĞUR/OĞUZ im 5./6. Jahrhundert Synonyme für TÜRÜK/TÜRK waren (bevor sie Namen von türkischen Einzelstämmen wurden), könnte mit „BAŞQORT/BOLĞAR“ also „Fünf Türk[enstämme]“ gemeint gewesen sein. Zwar ist auch diese Etymologie strittig; aus der Nachbarschaft zu den ugrischen Chanten und Mansen und den ugrischen Magyaren (Ungarn), als letztere sich in der „Magna Hungaria“ (dem Gebiet zwischen unterem Dnjepr und unterem Dnjestr) westlich der Baschkiren aufhielten, aber zu schließen, die Baschkiren seien türkisierte Ugrier bzw. mit den Magyaren (Ungarn) verwandt, ist doch sehr gewagt. Nach einer anderen Ansicht setze sich der Name der Baschkiren zusammen aus „baş“ und „qır“ (= „Haupt“ und „Feld“) und bedeute „Steppenhäuptling“ (дала башлығы/dala başlığı). Das könnte zumindest die entstellte Form „BASCHKIRE“ („БAШKИP“) erklären, wo der typisch türkische < ы > / < ı > - Laut [ɯ/ɨ ] durch < и >/< i > [ ɪ ] ersetzt ist und das auslautende < t > fehlt. Auch dies ist jedoch reine Mutmaßung.                                                            

Andererseits galten und gelten auch die Baschkiren unter Laien als „Tataren“, und noch immer haben die Baschkiren Probleme, desinteressierten Massenmedien im Rest der Welt sich selbst und ihren Unterschied zu den Kasaner „Neu-Tataren” zur Kenntnis zu bringen.9 In der Allgemeinen Deutschen Realencyklopädie von 1836 werden zu den „einzelnen tatarischen Stämmen (…) im russischen Reiche“ auch „die Baschkiren oder Boschkurt“ gezählt, und der Ethnograph Juferov [M. Youferov, „Études ethnographiques sur les Bachkirs“, Paris 1881] begründete dies damit, daß „der Baschkire“ den „übrigen [sic!] Tataren sehr ähnlich“ sei.

Seit 1200 Jahren auf der Bühne der Geschichte

Dokumentiert sind die Baschkiren in arabischen Quellen seit 840. Man kann „constatiren, dass die allererste geschichtliche Erwähnung die Baschkiren als Türken bezeichnet“ und „dass wir es mit einem seinem Physikum nach türkischen Volke zu thun haben (…)“.10 Aḥmad ibn Faḍlān, der moslemische Wolgabulgaren-Missionar, nennt sie in seinem Reisebericht (baschk.: Ибн Фаҙландың юл яҙмалары/cәйәxәт нaмәhe; İbn Fađlandıñ yul yaźmaları/säyäxät namähe) von 922 an den Chalifen von Baġdādein Türkenvolk, das Bašġïrd (bašġrd) genannt wird“, und er zählt sie zu den „schlimmsten und tapfersten der Türken“ – 130 Jahre bevor der erste Türke seinen Fuß auf den Boden des nachmals „Türkei“ genannten Kleinasiens setzte. Auch im 1074 in Baġdād erschienenen arabisch-türkischen Kompendium „Diwān Lughāt at-Turk“ (Sammlung der Dialekte der Türken) des Mahmūd al-Qāšgārī (Mahmūd aus Kaschgar im heutigen Uyğuristan/China), der ersten Gesamtdarstellung über die Türken, werden in der Liste der türkischen Stämme die Baschkiren aufgeführt.

Die türkische (turanide) Ethnizität ist übrigens bei den Baschkiren (wie auch bei den anderen Türken Rußlands, Mittelasiens und Chinas) wesentlich ausgeprägter als bei den Türkeitürken. Als unter den Seldschuken und Osmanen die oghusischen Türken im 11./12. Jahrhundert in Kleinasien eindrangen, stellten sie nach Abschluß der Invasionswellen etwa 10% der Gesamtbevölkerung und  gingen im Laufe der Zeit in der vortürkischen Bevölkerung auf. Bei den Türkeitürken handelt es sich hauptsächlich um türkisierte und islamisierte Griechen, Armenier, Kurden und Kaukasier. Türkisch sind an der Türkei lediglich die von der eingewanderten türkischen Minderheit aus Zentralasien importierte Sprache und der seit 1923 offizielle Landesname.

Seit etwa 800 hatten sich die Weidegründe der Baschkiren vom mittleren Irtysch (russ.: Иртыш/ Irtyš; kasach.: Ертіс/Yertis; baschk.: Иртеш/İrteş) im Osten, bis zur Wolga bei Samara (baschk.: Һамар/Hamar) und zum Großen Tscheremschan-Fluß (baschk.: Оло Сәрмәсән/Olo Särmäsän; „tatarisch“: Олы Чирмeшән/Olı Çirmeşän; russ.: Большой Черемшан/Bol'šoj Čeremšan) im Westen und bis zum Yayıq (Ural-Fluß) und zur Emba im Süden erstreckt. Am Yayıq im heutigen Westkasachstan, etwa 40-50 km östlich der späteren Stadt Oral (russisch: Уральск/Ural'sk), hatte Ibn Faḍlān sie 922 angetroffen.

Die Baschkiren unter mongolischer Oberherrschaft                                                         

1219 requirierten mongolische Truppen die Sommerweiden der Baschkiren am linken Ufer des Irtysch beim heutigen Omsk (baschk.: Умбы/Umbı], und den Enkeln Dshinggiz Chans und Brüdern Batu-Chans 11, Şaybani-Chan und Orda-Chan, wurde alles baschkirische (und chantische und mansische) Land zwischen Irtysch und Ural zugesprochen. Die Baschkiren mußten daraufhin einen 14 Jahre währenden Kleinkrieg (Guerrilla) gegen die Mongolen um Ihre Weidegründe führen. Ein wolgabulgarisch-baschkirisch-mordwinisches Koalitionsheer unter Führung des Bulgaren-Chans Ğabdulla Çelbir konnte 1223 am Wolgaknie in der Nähe der heutigen Stadt Togliatti (Тольятти) sogar ein mongolisches Détachement, das sich nach der Schlacht an der Kalka (Kalmius) auf dem Rückzug befand, in einen Hinterhalt locken und vernichtend schlagen. Diese Niederlage der Mongolen blieb jedoch Episode, ein Widerstand schien auf Dauer aussichtslos. Die Baschkiren sahen sich deshalb 1241 gezwungen, mit den Mongolen einen „Freundschafts- und Bündnispakt“ abzuschließen, der den baschkirischen Chanen anfangs eine privilegierte Stellung bei den Mongolen verschaffte.

„Die ehedem ausschliesslich nomadische Existenz der Baschkiren (ist) durch den Umstand erwiesen, dass sie beim Erscheinen der Mongolen sich eng an die beutelustigen Scharen Dschengiz Chan's anschlossen, denselben wesentliche Dienste leisteten, ungleich den Bulgaren, die, als ein Ackerbau und Handel treibendes Volk, den Eindringlingen aus dem fernen Osten den grössten Widerstand entgegenbrachten und, hierfür hart bestraft, ihre staatliche und nationale Existenz einbüssen mussten; während andererseits die Baschkiren von Batu ausgezeichnet wurden und die übliche Tamga (Siegel) und Tug (Fahne), d.h. die Embleme der nationalen Selbständigkeit, erhielten.“ 12

Die Allianz der baschkirischen Chane mit der Goldenen Horde zahlte sich nur ein Mal aus, als dem Chan Tuqtay (reg. die Goldene Horde von 1291 – 1312) der bei Türken und Mongolen legendäre Noğay-Emir als wichtigster Vasall zu eigenmächtig wurde und deshalb 1299 ermordet wurde. Tuqtay löste dessen Ulus (= Apanagen-Domäne) auf und verteilte die Militärabteilungen auf das Chanat, wobei die baschkirische Steppenaristokratie ein Stück vom Kuchen abbekam. Neben den Karakalpaken und der zwischen Irtysch und Aralsee nomadisierenden Qazaq-Orda (den späteren Usbeken/Kasachen) wurden daher auch die Baschkiren eine Zeitlang mit dem Eponym „Noghaier“ (Noğaylar; baschk.: Нуғайҙар/Nuğayźar) versehen, und noch im 19. Jahrhundert nannte man in „in Stambul und in Bochara den Kazaner [Казанлы/ Qazanlı] und den Ufaer [Өфөлө/Öfölö = Baschkiren] einen Noghaier(Vámbéry). Die Steppenaristoratie der Baschkiren bezeichnete sich während der Herrschaft der Noghai-Horde dagegen als „Usbeken“ (Үзбәктәр/Üzbäktär).13

Daß die Noghaier ihrerseits (und mit ihnen die Baschkiren) „Karatataren“ (Schwarze Tataren) oder „Noghai-Tataren“ genannt wurden, zeigt die Haltlosigkeit der modernen Bezeichnung „Tataren“. Sowohl die Kasan-„Tataren“, jenes aus türkischen Wolgabulgaren und einigen „gemeinhin qypčakisch genannten und sonstigen türkischen Volkssplittern" (B. Spuler) entstandene „Neuvolk“, als auch das „Altvolk“ der Baschkiren sind schlicht das, was sie schon vor der Mongolenzeit waren: von „türkischem Gepräge bzw. „Fractionen des Türkenvolkes“ (H. Vámbéry).

Die Baschkiren und die Russen

Der Anschluß der Baschkiren an die Goldene Horde war den historischen Umständen geschuldet, ebenso die Herrschaft der Nachfolgechanate Kasan, Astrachan und Sibir sowie der Noghai-Horde über die Baschkiren in Form der „даруғалар/daruğalar“ genannten Steuerbezirke. Das Chanat Sibir (1450-1598), Razzien der mongolischen Oiraten (Kalmyken/Dsungaren) und der Druck der Kasachen, die ihrerseits von den Oiraten westwärts gedrängt wurden, hatte das Siedlungs- und Weidegebiet der Baschkiren schon erheblich eingeschränkt. Dies bewog 1554/57 einige baschkirische Chane, den „Selbstherrscher aller Reußen“, Iwan den Schrecklichen (Ivan Groznyj), um Schutz zu ersuchen, nachdem die Nachfolgechanate der Goldenen Horde 1552 – 1598 von den Russen ausgelöscht worden waren. Die Baschkiren hatten ein Bündnis auf Augenhöhe erwartet; stattdessen wurden sie nach und nach vom Großfürstentum Moskau bzw. dem entstehenden gesamtrussischen Staat annektiert.

Ab 1700 errichtete der Zarismus einen Festungs- und Siedlungscordon zwischen den Baschkiren und den Kasachen, in dem die Yayıq- (Jaïk-)/Ural-Kosaken, wenig später auch Stadtbevölkerung (Großrussen, Ukrainer, Weißrussen) sowie Polen und Deutsche angesiedelt wurden. Diese auch "Orenburger Korridor" genannte Schneise, die den heutigen Oblasti Orenburg und Силәбе/ Siläbe (russifiziert: Челябинск/Čeljabinsk/Tscheljabinsk) entspricht, trennt seither die Baschkiren von ihren kasachischen Nachbarn.

Im antifeudalen Bauernkrieg von 1773-1775 unter Führung des Don-Kosaken Pugačëv (Пугачёв)  waren die Baschkiren allerdings enge Verbündete der Yayıq-/Ural-Kosaken (abgesehen von deren Staršina). Angeführt von ihrem Nationalhelden, dem Dichter und Freiheitskämpfer Салауат Юлай улы/Salawat Yulay ulı (russifiziert: Салават Юлаев/Salavat Julaev), beteiligten sich die Baschkiren am Aufstand gegen das Zarenrégime. Dabei lag ihnen und Salawat Yulay ulı die Freundschaft zum russischen Volk und den anderen, inzwischen in das Süduralgebiet eingewanderten Volksgruppen  sehr am Herzen. Das Salawat-Denkmal (Салауат hәйкәле/Salawat häykäle) in Öfö erinnert daran.

Die Masseneinwanderungswelle russischer Kolonisten ab 1885 schnürten das Baschkirenland (Башҡорт иле/Başqort ile) auf schließlich weniger als ein Drittel seiner früheren Ausdehnung ein. Als Folge zaristischer Siedlungs- und Kolonialpolitik sank innerhalb von nur 12 Jahren (1885-1897) der Anteil der Baschkiren im Gouvernement Ufa (baschk.: Ѳфө виләйәте/Öfö wiläyäte) auf 45%, der der Russen und „Tataren“ stieg auf 42% bzw. 9%.14 Die Baschkiren wurden gewaltsam von den Grastriften der Steppe zum Ackerbau getrieben“ (Vámbéry) und innerhalb der Grenzen des heutigen Başqortostan nach Nomadenmaßstäben regelrecht zusammengepfercht. Bis dato mehrheitlich des Ackerbaus unkundige Nomaden, blieb ihnen zunächst nur, sich auf ihre seit Jahrhunderten kultivierte Honigproduktion zu konzentrieren. Der zaristische Kolonialismus hatte den Baschkiren die Grundlagen ihrer wirtschaftlichen Existenz entzogen und sie in bitterste Armut gestürzt. Dies warf bei ihnen die nationale Frage auf, die erst mit der Oktoberrevolution und der Gründung der Baschkirischen ASSR gelöst wurde.

Heute stellen von den 4,1 Millionen Einwohnern der Republik Baschkirien (Башҡортостан Республикаhы [Йөмhүриәте]/Başqortostan Respublikahı [Yömhüriäte 15]) als Gliedstaat der Russischen Föderation die Baschkiren 30%, die „Tataren“ 25% (Summe Wolga-Ural-Türken: 55%), die Tschuwaschen knapp 2,0%, die allesamt russophonen Ostslawen (Russen, Ukrainer, Weißrussen) 38%, die Wolgafinnen (Mari, Mordwinen, Udmurten) 3,8% und sonstige 5%. In ihrer Hauptstadt Öfö/Ѳфө (Ufa/Уфa) machen von den 1,106 Millionen Einwohnern die Baschkiren nur 17,1 % aus, die Russen 48,9%, die „Tataren“ 28,3% und die übrigen ansässigen Nationalitäten in der Summe 5,7%.

Obwohl die Baschkiren autochthon sind und die Republik deshalb nach ihnen benannt ist, ja 1919 als ihr Staat gegründet wurde, hat die Dominanz der russischen Sprache im öffentlichen Leben, vor allem ihre Funktion als „interethnische“ lingua franca wieder stark zugenommen. Anders als bis zu Beginn der 1960er Jahre unterliegt die baschkirische Sprache heute dem ständigen Druck, aus Wirtschaft, Naturwissenschaft und Technik verdrängt und auf politisch gerade noch korrektem Folklore-, Dorfsprachen- und Familienkommunikationsniveau zu verharren. Das Gros der Russen, in Başqortostan eigentlich Menschen mit Migrationshintergrund, lebt schon seit über fünf Generationen im Land; dennoch verfügen nach verschiedenen, allerdings nicht nachprüfbaren Angaben bisher nur 0,25% von ihnen über gute Kenntnisse des Baschkirischen in Wort und Schrift.                                                  

«Башҡортостанда Урыҫтар башҡорт телен белǝме? Юҡ.»

(Başqortostanda Urıśtar başqort telen beläme? Yuq.)

Beherrschen die Russen in Başqortostan die baschkirische Sprache? Nein.

«Башҡорттар урыҫ телен белǝме? Белǝ.» (Başqorttar urıś telen beläme? Belä.)

Beherrschen die Baschkiren die russische Sprache? Sie beherrschen sie.

Beispielsätze aus: "Интенсивный курс башкирского языка /Intensivnyj kurs baškirskogo jazyka"

(Intensivkurs der baschkirischen Sprache), Baschkirisch-Kurs für Russen, nach:

vk.com/doc166458090_214343248

Im Sinne des Internationalismus, der Völkerfreundschaft innerhalb der Russischen Föderation und des Respekts gegenüber der Baschkirischen Nation kann man erwarten, daß ein angemessener Prozentsatz der in Başqortostan dauerhaft lebenden Russen und übrigen Nichtbaschkiren der baschkirischen Sprache mächtig ist bzw. irgendwann sein wird ...    


1Transliteration aus der kyrillischen Schrift: baschkirisch nach dem gemeintürkischen Lateinalphabet von 1994, das auf dem türkeitürkischen Zeichensatz basiert, aber für die „russischen“ Türken zusätzliche Zeichen enthält (u.a. < x >, ausgesprochen wie deutsch < ch > in „Achtung“ ); russisch nach dem lateinischen Zeichensatz der Slawistik.

2Die Kyptschaken hießen ursprünglich „Kimäken“ (baschk.: Ҡыймаҡтар/Qıymaqtar); „Kyptschak“ war der Name des führenden Clans, der später auf den gesamten Verband überging. Von Russen und Polen wurden sie „Polowzer“ (Половцы/Polovcy bzw. Połowcy), im Westen meist „Kumanen“ (baschk.: Ҡомандар/Qomandar) genannt. Ab 1050 bildeten sie die geographisch größte Stammeskonföderation ihrer Zeit, die 1236/1241 von den Mongolen vernichtet wurde. Auf dem Gebiet der Kyptschaken errichteten die Mongolen anschließend das „Chanat der Goldenen Horde“ (baschk.: Aлтын урҙа/Altın urđa; russ.: Золотая Орда/Zolotaja Orda).

3Zäki Wälidi, „Die Vorfahren der Osmanen in Mittelasien“, in: ZDMG Nr. 95/1941, S. 371.

4Башҡорт энциклопедияhы/Başqort entsiklopediyahı, Stichwort: „Ҡыпсаҡ, төрки ҡәбиләләр берләшмәhе/ Qıpsaq, törki qäbilälär berläşmähe“ (= "Kyptschaken, türkische Stammesvereinigung"), баш.башкирская-энциклопедия.рф/index.php/component/content/article/8-statya/7940-ypsa

5H. Vámbéry, „Das Türkenvolk in seinen ethnologischen und ethnographischen Beziehungen“, Leipzig 1885, S. 512

7In vielen Türkvarietäten stehen sowohl „qort/qurt/kurt“ als auch „büre/böri/börü“ (jeweils baschkirisch/ kasachisch/türkeitürkisch) für Wolf und Wurm. Offenbar handelt es sich um Metonyme: für Nomaden ist der Wolf ein Parasit („Wurm“), weil er die Schafe reißt. Im Baschkirischen und Kasachischen ist heute jedoch „бүре/büre“ bzw. „бөрі/böri“ das übliche Wort für Wolf und „ҡорт/qort“ bzw. „құрт/qurt“ das übliche Wort für Wurm, während im Türkeitürkischen umgekehrt „kurt“ hauptsächlich für Wolf und „börü“ für Wurm steht.

8„ŠAZ-türkisch“ und „LIR-türkisch“ beziehen sich auf Lautunterschiede zwischen den früheren beiden Hauptzweigen der türkischen Sprache. LIR-türkisch sprachen die prototürkischen Hunnen, Donau- und Wolgabulgaren, Oghuren, Chasaren und andere; ein Rest des LIR-Türkischen ist die heutige tschuwaschische Sprache. Alle übrigen modernen Varietäten des Türkischen (u.a. Baschkirisch, „Tatarisch“, Türkeitürkisch, Kasachisch, Kirghisisch, Neu-Uighurisch) sind ŠAZ-türkisch. Diese Lautverschiebung wurde von Zäki Wälidi festgestellt.

9Die sogenannten Kasan-"Tataren" sind definitiv keine Tataren, sondern Nachfahren der Wolgabulgaren, z.T. auch von Kyptschaktürken und Wolgafinnen. Im wissenschaftlichen Diskurs werden sie daher „Neutataren“ oder „heutige Tataren“ genannt im Unterschied zu den „Mongol-Tataren“, „Tataro-Mongolen“ oder „Alttataren“. Die Konföderation der wirklichen mongolischen "Alttataren" nomadisierte östlich des Baikal und wurde 1202 von den Truppen Dshinggiz-Chans vernichtet. Seitdem gibt es keine Tataren mehr. Im Zuge ihres Osteuropa-Feldzuges unterwarfen die Mongolen „fremdstämmige“ Völker, die die Sturmtruppen stellen mußten und als Metapher für besiegte Völker von den Mongolen abfällig „Tataren“ genannt wurden. Mit letzteren hatten die Russen die erste Feindberührung, weshalb sie undifferenziert alle mongolischen und türkischen Steppenvölker (auch die Baschkiren) lange Zeit „Tataren“ nannten und vom „Tataren“-Joch sprachen. Die Kasaner setzten bis Ende des 20. Jahrhunderts „Tatar“ sogar mit „Räuber“ oder „Bandit“ gleich, denn 1236 waren ihre Vorfahren Opfer schlimmster Massaker der Mongolen und ihrer „tatarischen“ Sturmtruppen. Das Ethnonym „Tatare(n)“ im modernen Sinn ist daher in diesem Text immer in Anführungszeichen gesetzt. Gegen die heute offizielle russisch-westeuropäische Fremd- und Falschbezeichnung wehrten sich die Kasan- (und Krim-) „Tataren“ bis in die 1930er Jahre, kapitulierten aber letztlich vor der russisch-internationalen „Terminologie-Übermacht“.

Siehe hierzu auch: Lilija Kulikova, „Wer sind sie, die Tataren“, in: Točka-Treff – Das deutsch-russischsprachige Jugendportal, nach: www.goethe.de/Ins/ru/lp/prj/top/kas/de4858820.htm

10Vámbéry, a.a.O., S. 514 (Hervorhebung im Original)

11Batu-Chan war derjenige Enkel Dshinggiz-Chans, der 1236-1241 den Osteuropa-Feldzug der Mongolen gegen die Mordwinen (Mordowier), Udmurten, Mari und Russen anführte, Razzien durch Polen, Schlesien, Böhmen, Ungarn und Kroatien unternahm, dabei Schneisen der Verwüstung und des Todes hinterließ und die Russen unter das „Tataren“-Joch zwängte. Sein Bruder Şaybani-Chan war Anführer des 1236 parallel geführten Feldzuges gegen die Wolgabulgaren, der die totale Vernichtung des Wolgabulgaren-Staates zur Folge hatte ("Einbüßung ihrer staatlichen und nationalen Existenz"; siehe Zitat 12 von Vámbéry).

12Vámbéry , a.a.O., S. 497.

13Zäki Wälidi, nach: http://vlib.iue.it/carrie/texts/carrie_books/paksoy-5/

Ab etwa 1400 beherrschten die Noghaier praktisch die gesamte Steppe zwischen Irtysch, Sır Darya, Kaukasus und Schwarzem Meer, bis sie 1556 der Übermacht der Russen erlagen.

Özbek (Usbek), Chan der Goldenen Horde 1312-1342, ernannte 1328 den Moskauer Fürsten Ivan Kalita zum „Chef-Tributeintreiber“ in den russischen Fürstentümern und zum Großfürsten. Damit leitete er, sich dessen nicht bewußt, den Aufstieg des Großfürstentums Moskau zum Kern der staatlichen Zentralisation Rußlands ein. Unter der Regentschaft Özbeks wurde der Islam zur „Staatsreligion“ erklärt, und die Goldene Horde erreichte den Zenit ihrer Macht. Özbek-Chan hat deshalb noch heute bei den türkischen Völkern einen Nimbus (u.a. bei den Stammes-Usbeken, die sich nach ihm benannten und von denen 1925 der Landesname „Usbekistan/ Özbekistan/Özbekstan/Üzbäkstan“ abgeleitet wurde).

14Vgl.: W.I. Lenin, „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland“, LW, Bd. 3, Berlin 1975, S. 256/257

15Bis 1937 war „Йөмhүриәт/Yömhüriät“ (= die baschkirische Form des arabischen Wortes für „Republik“) offizieller Namensbestandteil der Baschkirischen ASSR (Başqort Avtonomiyalı Sovyet Sotsialistik Yömhüriäte = Baschkirische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik) bzw. Başqortostan ASSJ:e ("Jömhüriät" damals noch mit < j > geschrieben). Zwischen 1921/23 und 1928/29 wurde der baschkirische Dialekt des Türkischen auf Grundlge der Quwaqan- (Ҡыуаҡан-) Variante (auch: Bergbaschkirisch) und der Yurmatı- (Юрматы-) Variante literatursprachlich normiert und standardisiert und damit zu einer "selbständigen" Sprache erhoben (wie auch die anderen Türkdialekte in der Sowjetunion). Bis 1929 galt die arabische, von 1929-1940 die lateinische Schrift. Seit 1940 gilt die kyrillische Schrift.

Gastbeitrag von Ingomar König  

 

Die (Ge)Schichten eines Berges

Der Toratau im Herzen Baschkiriens ist ein faszinierender Ort. Nicht nur geologisch stellt er eine Besonderheit dar, auch kulturhistorisch liefert er eine schiere Vielzahl an Eindrücken, zumal in einer Dichte, wie sie nur selten zu finden ist. Gleichzeitig spiegeln sich in ihm aber auch bestimmte Züge der russischen Gegenwart – Züge allerdings, die die bloße Existenz des Berges bedrohen und seine Zukunft ins Ungewisse rücken.

Auf den ersten Blick wirkt er wie ein riesiger, mitten in die ihn umgebende und sonst relativ flache Landschaft geschmissener kegelförmiger Fels. 280 Meter in die Höhe ragend. Ganz ohne Gesellschaft seinesgleichen ist er hier allerdings nicht. Der Toratau gehört zu einer Formation von 3 (ehemals 4) einzeln stehender Bergen, die auf Baschkirisch als Schichane (шиханы) bezeichnet werden und die sich, zwischen den Städten Ischimbaj und Sterlitamak gelegen, in Sichtweite voneinander wie an einer langgestreckten Kette aufgereiht, 20 Kilometer am rechten Ufer des Flusses Belaja entlangziehen.

Seinen Namen hat der „Festungsberg“, so die direkte Übersetzung der Bezeichnung Toratau aus dem Baschkirischen, von der befestigten Anlage eines nogaischen Chans, die sich hier befunden haben soll. Doch das ist nur eine der Geschichten, die dieser Berg zu erzählen hat. Vielmehr liegen hier völlig unterschiedliche Ablagerungen der Vergangenheit vor dem Betrachter ausgebreitet, spürbar, sichtbar und zum Teil auch greifbar, alles verdichtet auf nur einige wenige Quadratkilometer. Für einen Besucher, der nicht ganz unvorbereitet hierher kommt und mit offenen Augen über das Gelände streift, präsentiert der Berg ein aus verschiedenen Motiven zusammengesetztes Fixierbild baschkirischer Kultur und russischer Geschichte.

Entstehung und Erschaffung

Die Schichane werden zu den ältesten Bergen der Erdgeschichte gezählt, ihr Alter auf etwa 300 Millionen Jahre geschätzt. Das Besondere an ihnen ist neben der Erscheinung die Entstehungsgeschichte: sie haben sich gebildet aus den Überresten versteinerter Korallenriffe, die sich im Paläozoikum, dem ältesten der drei Erdzeitalter, am Grunde jenes Meeres erstreckten, welches in dieser Epoche unseres Planeten das Gebiet des jetzigen Baschkortostans bedeckt hat.

Während der größte Teil dessen, was von den Korallenriffen übrig geblieben ist, sich in tieferen Schichten weiterhin unter der Erdoberfläche befindet, wurden einige der Ablagerungen infolge tektonischer Bewegungen vor ca. 50 Millionen Jahren nach oben gedrückt. „Zur selben Zeit, als etwas weiter im Osten der Ural entstand“, erklärt Vasilij Martynenko, Biologe an der Russischen Akademie der Wissenschaften in Ufa. „Als sich die Platten unter der russischen und der westsibirischen Tiefebene gegeneinander schoben, waren diese Bewegungen auch im Vorural spürbar und pressten auf diese Weise die Schichane nach oben.“

Bis heute lassen sich so auch auf dem Toratau Steine finden, die einen Abdruck einiger der Bewohner jenes uralten Meeres in sich tragen: Schalen- und Weichtiere, Muscheln, Algen und Korallen. Seit 1965 trägt der Berg deshalb den Status eines geologischen Naturdenkmals.

Die Baschkiren haben sich lange eine andere Geschichte über die Entstehung, oder besser, Erschaffung der Berge erzählt. Demnach lebte vor langer Zeit die Baschkirin Agidel, eine Schönheit, die die Begehrlichkeiten eines Mannes namens Aschak weckte. Dieser aber war von bösem Charakter, ein schlechter Mensch und Agidel, darum wissend, floh vor ihm. In ihrem Lauf wandte sie sich um Hilfe an den alten Ural, der sie, ungreifbar für Aschak, in einen Fluß verwandelte – Agidel, die baschkirische Bezeichnung für die Belaja. Erzürnt über diese Tat versuchte Aschak dennoch mit allen Mitteln die von ihm Angebetete aufzuhalten, riss sich sein steinernes Herz aus der Brust und warf es Agidel in den Lauf, den jedoch nichts mehr stoppen konnte.

„Und bis heute stehen an jenem Ort, an dem Aschak versuchte Agidel aufzuhalten, 4 Schichane: Juraktau, was Herz-Berg bedeutet; Kuschtau – der zweihöckrige Berg; Schachtau, der in alten Zeiten als Aschaktau bekannt war und der alleinstehende Berg Toratau, der aufgeriebenen Schnauze eines sterbenden Pferdes gleich.“

„Die Schichane waren schon immer mit zahlreichen Legenden verbunden, für alle Völker die hier lebten“, so Martynenko. Die Einzigartigkeit ihrer Erscheinung dürfte daran einen nicht unwesentlichen Anteil tragen. Besonders aber der Toratau war für die Baschkiren in früheren Zeit noch viel mehr als nur legendär – er galt als heiliger Ort.

Der Herr des Berges

Als sich im Jahre 1770 der russische Forschungsreisende Ivan Lepjochin auf seinem Weg durch den Vorural befand, stattete er ebenso dem Toratau einen Besuch ab. Das Gebiet rund um den Berg war das Land der Jurmaty, einer der sieben Stammesgruppen der Baschkiren. Für sie bildete der Berg einen wesentlichen Pfeiler ihrer religiösen Weltvorstellung. Lepjochin etwa hielt in seinen Aufzeichnungen fest:

„Die Baschkiren tragen eine besondere Hochachtung gegen diesen Berg, und halten ihn für einen geheiligten Ort. […] es wollte keiner mit uns auf den Berg gehen, und sie entschuldigten sich wegen verschiedener Gelübde, womit sie dem Berg verhaftet wären, und die sie noch nicht in Erfüllung gebracht hätten; wer aber seine Gelübde noch nicht bezahlt hat, darf nicht auf den Berg steigen, wenn er nicht sein eigener ärgster Feind seyn will.“

Die Beseeltheit der Natur und ihrer Erscheinungen bildete ein Element im Glauben der Baschkiren, dass sich noch lange nach der Ausbreitung und Verfestigung des Islam halten konnte. Jeder Ort unterstand einem „Herrn“, einem Äjä (Эйә) auf Baschkirisch, den es zu respektieren und zu ehren galt — so auch den Herrn der Berge, den Tau äjähe (Тау эйәһе).

„Früher war es nicht gestattet einfach so auf den Toratau zu klettern“, bestätigt auch Albert Achatov, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums für Archäologie und Ethnologie in Ufa. Der Gipfel war ein Ort, an dem man sich nur zu bestimmten Zeiten aufhalten durfte, an dem zu bestimmten Jahreszeiten, vor allem aber im Frühjahr, Gebete gesprochen und Opfergaben dargebracht worden sind.

Noch in den Jahren der frühen Sowjetunion beschrieb der Ethnologe Sergej Rudenko solche Opfergaben auf den Gipfeln der Berge, etwa in Form von Silbermünzen, aber auch durch Stofffetzen, die um Baumstämme gewickelt oder an Sträucher festgebunden wurden. An diesen Brauch wird heute wieder angeknüpft, wenn auch wohl mehr mit symbolischem Charakter, in Wiederbelebung einer alten Tradition. Bändchen in verschiedensten Farben flattern so auch auf der Spitze des Toratau im Wind.

Beim Aufsteigen auf den Berg, gleich zu Beginn des Weges, kommt man an einem Baum vorbei, dessen Stamm ebenfalls fast vollständig umwickelt ist. Direkt daneben befindet sich das Grab eines Propheten, der als heiliger Verehrt wird – gleichfalls etwas, dass es im Islam offiziell eigentlich nicht gibt. Solche Gräber finden sich in ganz Baschkirien. Auch den Heiligen, meist religiöse Persönlichkeiten, werden Münzen und Stoffbänder als Opfergaben dargebracht. Eine kleine Gegengabe zu der Hilfe, um die dabei gebeten wird.

Seit jeher also trägt der Toratau für die Baschkiren eine große kulturelle Bedeutung, was nicht zuletzt auch durch den Umstand bekräftigt wurde, dass sich an seinem Fuße die Ältesten aus der Stammesgruppe der Jurmaty zur Entscheidung wichtiger und drängender Angelegenheiten versammelten. Vielleicht auch, zumindest könnte man das vermuten, als sie im Jahre 1609 beschlossen haben, die Oberherrschaft der russischen Zaren anzuerkennen.

Ein dunkler Schatten der jüngeren russischen Geschichte

Die gemeinsame Geschichte, die die Baschkiren von diesem Zeitpunkt an mit Russland verband, hat ebenfalls seine Spuren am Toratau hinterlassen. Beispielsweise finden sich dort Überreste einer Siedlung von Altgläubigen. Da sie die Kirchenreform ablehnten, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts über Jahrhunderte gewachsene, aber von den Erneuerern als „unorthodox“ betrachtete Bräuche aus dem Gottesdienst entfernen wollte, waren sie der Verfolgung durch die religiöse und weltliche Macht ausgesetzt und zogen sich immer mehr in Gebiete zurück, die nicht ihrer direkten Herrschaft unterstanden. Zu diesem Zeitpunkt gehörte auch noch Baschkirien dazu.

Viel deutlicher aber noch stößt man am Südhang des Toratau auf Relikte einer nicht ganz so fernen Vergangenheit, Zeugen einer dunklen Episode der jüngeren russischen Geschichte. Drei verfallene, halb im Boden versunkene und teilweise von Gras und Bäumen überwachse steinerne Ruinen, mit dicken Wänden und den Überresten von Metallgittern vor den Fenstern – ehemalige Baracken des Speziallagers 0016. Es bestand in den Jahren von 1948 und 1955 und war Teil des berüchtigten, das gesamte Land überziehenden stalinschen Gulag-Systems.

Auf dem Gebiet Baschkiriens haben auf dem Höhepunkt des staatlichen Terrors, in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, etwa 150.000 Häftlinge ihre Strafe abgebüßt. Die Meisten von ihnen wurden als Arbeitskräfte für die Errichtung der großen Industriekomplexe eingesetzt, so auch die Insassen des Lagers am Toratau, 1953 zählten sie knapp 30.000 Personen.

Auf das Lager am Toratau verweist heute lediglich eine schiefe Tafel mit zwei knappen Sätzen an einer der Baracken. Das Schild ist übersät von gelben Flecken, wie auch die Mauer, an der es angebracht wurde. Der Ort dient mitunter als Gelände für eine in diesem Zusammenhang makaber erscheinende Freizeitgestaltung. Man trifft sich hier zum Paintball spielen. Nur noch Wenigen ist klar, was das eigentlich für ein Ort gewesen ist und die Zahl derjenigen, die sich für einen entsprechenden Umgang mit ihm einsetzen, ist noch geringer.

Die stalinschen Lager sind kein beliebtes Thema für eine Geschichtsaufarbeitung, noch weniger, wenn sie kritisch mit dem umgeht, was in ihnen geschehen ist. Olga Litvinenko, Künstlerin aus Sterlitamak, sagte in dieser Hinsicht einst in einem Zeitungsinterview: „Alle unsere chemischen Kombinate, sowohl in Salawat, als auch in Ischimbaj, Ufa und Sterlitamak, sind erbaut auf den Knochen der Häftlinge.“ Selten deutliche Worte.

Der gewaltvollen Modernisierung des Landes fielen auch die über 30 Dörfer der Jurmaty zum Opfer, die es vor Beginn der forcierten Industrialisierung in der Region gegeben hat. Sie wurden schlichtweg aufgelöst und ihre ehemaligen Bewohner zu den ersten Einwohnern der neu aus dem Boden gestampften Stadt Salawat.

Eine bedrohte Zukunft

Zu einem Zentrum der chemischen Industrie wurde die Region um den Toratau nicht zufällig. Das gesamte Gebiet ist reich an Kalkablagerungen, ebenfalls Spuren der alten Korallenriffe. Kalk bildet einen wesentlichen Rohstoff für die Herstellung von Zement und Natriumcarbonat (Soda), einem der vielseitigsten einsetzbaren chemischen Produkte. Auch die Schichane bestehen fast ausschließlich aus diesem Material und da sich der Kalk hier ganz einfach von der Oberfläche gewinnen lässt, ist das verständlicherweise sehr viel einfacher und billiger, als es unterirdisch abzubauen. In den frühen 1950er Jahren begann deshalb die industrielle Bearbeitung des Schachtau.

Hauptakteur hierbei ist seither die Firma „Soda“ (Baschkirskaja sodovaja kompanija – BSK) aus Sterlitamak, eines der größten Unternehmen Russlands. Doch die Ressourcen neigen sich dem Ende. „In etwa vier bis fünf Jahren“, so Vasilij Martynenko, „sind die Vorräte des Schachtau erschöpft.“ Sichtbar ist das bereits jetzt. Dort, wo noch vor 50 Jahren der Größte der 4 Schichane gestanden hat, befindet sich heute nur noch eine riesige Grube. Ein Loch gerissen in die Erde. In nicht mal einem Menschenalter vernichtet, was vor 300 Millionen Jahren entstand.

Das Ende der Bewirtschaftung am Schachtau vor Augen, sind für BSK deshalb auch die übrigen Berge in das Zentrum des Interesses gerückt. Neben dem Toratau betrifft das vor allem den Juraktau, seit 1985 ebenfalls Naturdenkmal. Genau dieser Status aber hat die wirtschaftliche Bearbeitung beider Schichane bisher verhindert, doch der Druck auf die Regierung, ihn zu entfernen, wächst in dem Maße, indem die Vorräte zur Neige gehen.

Dabei gäbe es durchaus Alternativquellen, 75 km von Sterlitamak entfernt und mit einem geschätzten Förderumfang von 200 Millionen Tonnen alles andere als knapp ausfallend. Vom Unternehmen werden diese allerdings mit der Begründung abgelehnt, dass sowohl ihr unterirdischer Abbau, als auch die längeren Transportwege unnötige Mehrkosten entstehen lassen würden. Die BSK beharrt deshalb auf den Bergen als einziger Variante.

Zwar hat Rustem Chamitov, Oberhaupt der Republik Baschkortostan, offiziell verlauten lassen, dass unter seiner Präsidentschaft der Toratau nicht angefasst wird, aber seine Position ist dennoch alles andere als stabil. „Er ist sich bewusst, welchen Unmut die Hergabe der Berge in der Bevölkerung auslösen würde“, weiß Martynenko zu berichten, der sich mehrmals auch persönlich mit ihm über dieses Thema unterhalten hat. „Ihm wird aber auch ganz einfach das Messer an die Brust gesetzt. Von Seiten der BSK heißt es, entweder ihr gebt uns die Berge, oder wir schließen den Betrieb und damit verlieren 5000 Angestellte ihren Job.“

Hinzu kommen die Investitionen der deutschen Firma Heidelberg Zement, die in Sterlitamak ebenfalls einen Betrieb eingerichtet hat und vom Abbau profitiert. „BSK kann da natürlich argumentieren, schaut, die Deutschen investieren in unsere Region, aber ihr unternehmt nichts.“ Nicht zuletzt nimmt auch der Druck aus Moskau zu, den Status zu entfernen, nachdem sich das Unternehmen mit dieser Frage bereits mehrfach an die russische Regierung gewandt hat.

Das Tauziehen um die Berge wird also mit großer Anstrengung geführt, wenn auch mit ungleicher Kräfteverlagerung. „Geld entscheidet alles“, räumt, schwer ausatmend, Martynenko letztlich ein. „Es wird ständig versucht, irgendwen zu kaufen. Auch manche lokale Beamte sind mittlerweile bereit, den Berg herzugeben. Ebenso konnten von den Wissenschaftlern einige schon auf die Seite des Unternehmens gezogen werden. Die reden jetzt ebenfalls davon, dass es keine Alternativen gäbe.“ Merkwürdig in der Diskussion um die Nutzung der Berge fällt außerdem auf, warum der vierte Schichan, der Kuschtau, nicht ebenfalls als Rohstoffquelle betrachtet wird.

Der Grund dafür ist so einfach wie zynisch. „Hier haben sich ein paar reiche Leute aus Sterlitamak“, so Martynenko, „unter anderem auch aus dem Management von BSK, ihre schicken Häuser und Datschen gebaut.“ Außerdem gibt es hier auch eine Skiliftanlage, die vom Unternehmen selbst betrieben wird. Entsprechende Untersuchungen kamen so zu dem Schluss, dass sich der Berg für eine Bearbeitung nicht eignet. „Ich weiß nicht von wem und auf welche Weise diese Expertisen zustande gekommen sind, unsere Geologen jedenfalls kamen zu dem Schluss, dass der Berg sich aus denselben Elementen zusammensetzt wie auch der Toraktau und der Juraktau.“

Mittlerweile hat die Lokalverwaltung auch jegliche Demonstrationen am Toratau verboten. Die Schutzbewegungen, allen voran die Bürgerinitiative „Schützen wir Toratau und Juraktau“, versuchen jedoch weiterhin mit verschiedenen anderen Veranstaltungsformen – Aufräumaktionen oder Ethnomusik-Festivals beispielsweise – auf die Situation der Berge aufmerksam zu machen und das Bewusstsein für ihre Einzigartigkeit zu verfestigen.

„Und bis heute stehen an jenem Ort, an dem Aschak versuchte Agidel aufzuhalten, 4 Schichane“

Diese Worte der alten baschkirischen Legende wurden leider von der Realität eingeholt. Angesichts dieser Tatsache bleibt nur umso mehr zu hoffen, dass der Toratau und die übrigen beiden Schichane zukünftigen Generationen in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben. „Die Schichane“, konstatiert Vasilij Martynenko am Ende unseres Gespräches, „sind ja auch in in weltweiter Hinsicht einzigartig, sie können auch als Welterbe bezeichnet werden.“ Hoffentlich wird nicht auch diese Worte am Ende noch von einer Realität eingeholt, die letztlich nur die Realität einiger Weniger ist – derjenigen, die finanziell davon profitieren.

Matthias Kaufmann,
Oktober 2014

Sochi 2014 - Strandurlaub an der russischen Riviera - Teil 2

 

2. Teil – Am Strand

 

Das Frühstück hat länger gedauert. Schon kurz vor Mittag und wir machen uns auf zum Strand. Der Weg vom Hostel ist einfach zu finden. Einfach in die Richtung laufen, aus der die Leute mit den Handtüchern und Badeutensilien kommen. Denn, natürlich, ein echter Strand-Profi kommt morgens, geht vor der Mittagshitze und kommt Nachmittags wieder. Auch hier in Russland.

Zum Strand geht es durch einen kleinen Park mit Palmen und exotischen Pflanzen, vorbei an einigen Cafés und Restaurants, bis man plötzlich am Hafen steht. Nur eine einzige große, russisch beflaggte Yacht liegt hier vor Anker.

Das in Sotschi vieles neu gemacht wurde anlässlich der olympischen Spiele sieht man an kleineren Dingen, wie den 2-sprachigen Wegweisern (englisch und russisch) oder dem auf einer Grünfläche platzierten Cочи 2014 (Sotschi 2014) Schriftzug.

Bevor wir auf die Strandpromenade einbiegen, kommen wir an ein paar Statuen vorbei die indirekt an die großen Zeiten Sotschis vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion erinnern. Die Helden des sowjetischen Filmklassikers „Der Brillantenarm“ (teilweise in Sotschi gedreht) stehen hier in Bronze gegossen auf dem Trottoir und bringen jedem Glück, der seine Hand im vorbeigehen an ihnen reibt. Eine kleine Gruppe von Touristen hat sich vor den Figuren versammelt. Groß und klein wartet auf seine Chance, ein Foto mit Andrei Mironov oder Yuri Nikulin zu machen. Die beiden Schauspieler und ihren berühmtesten Film kennt in Russland wortwörtlich jedes Kind.

Wir biegen auf die Promenade ein. Das Meer ist nicht zu sehen, aufgereihte Souvenirläden verstellen den Blick. Ein Blick auf die Kleidung der Leute auf der Promenade verrät: Das Hauptgeschäft sind T-Shirts und Kappen. Solche mit einem Sotchi 2014 Schriftzug oder welche mit einem simplen „Россия“ (Russland) auf der Brust. Ich entscheide mich für ein, wie ich später herausfinde momentan trendiges Modell (http://www.spiegel.de/panorama/leute/mickey-rourke-traegt-putin-auf-t-shirt-von-designern-aus-russland-a-985548.html), mit einem Porträt von Putin und dem Beisatz „Der höflichste aller Menschen“.

An die Souvenirläden grenzt auf der rechten Seite ein Nachtclub, vor dem junge Frauen in knapper Bekleidung stehen und Werbung machen. Auf der linken Seite beginnt die Fressmeile.

Dann, der erste Strandzugang. Ein kleines Tor, markiert mit dem Namen des Strandes. Wie üblich muss erst mal eine Strandbar durchquert werden. Hier kann, wer will, Liegen mieten, oder Essen und Trinken kaufen. Die Benutzung des Strandes aber ist kostenlos.

Eine Steintreppe noch, wir sind da. Der Strand. Voll und beschirmt. Duschen und Umkleidekabinen. Stein und – Beton. Hinten eine Betonwand, alle 100 Meter ein Betonsteg der weit ins Wasser reicht und die Strandabschnitte voneinander trennt. Anderthalb Meter hoch. Dazwischen Menschen. Wie die Gurken im Glas und trotzdem entspannt. Familien, Rentner, Halbstarke, alles ganz normal.

Wir richten uns ein im Schatten der linken Stegmauer. Dafür sind sie gut. Und zum Runterspringen, wie die Jugend einige Meter weiter eindrucksvoll beweist, wer hier keinen Salto kann, hat keine Chance. Die Wagemutigsten springen nicht ins Wasser sondern zeigen ihre Salti mit einer Landung auf den harten Kieselsteinen. Die Mädchen sind beeindruckt.

Das Wasser ist klar und angenehm, wir schwimmen zu den Wellenbrechern, die am Ende der Stege knapp aus dem Wasser ragen. Ein älteres Paar und ein einzelner Mann sitzen hier auf dem von Algen überwucherten Beton mit den Füßen im Wasser und schauen aufs Meer. Wir setzen uns dazu. Hier, wo kein Beton links und rechts die Sicht einschränkt, kommt beinahe ein Gefühl für die Weite, Wildheit und Ursprünglichkeit der See auf. Ein Gefühl aus dem Unterbewussten, das zum Hinsehen zwingt.

Zurück am Strand ist das vorbei. Ebenso könnten wir an einem Badesee sein.

Im Betonschatten lege ich mich hin, die großen Steine massieren den Rücken, das an und abschwellende Gemurmel des Strandes schläfert mich ein. Die Brandung, das Wirrwarr aus fremden Lauten und Gesprächen, die ich nur halb höre und gar nicht verstehe, vermischen sich zu einem unbekannten Wiegenlied.

Ich wache auf, weil die Sonne mir das Kinn verbrennt. Die Mauer wirft keinen Schatten mehr. Schnell ins Wasser, abkühlen. Die Steine sind heiß, wir rennen. Neben uns spazieren 2 ältere, braun gebrannte Herren, gemächlich barfuß über den Strand. Vom Wasser aus sieht man hier übrigens keine Berge, wie so oft beworben. Nur Hochhäuser, die in der Sonne schimmern, und dahinter dunkle Wolken.

Nach dem Baden kommt der Strandhunger. Was man in Deutschland am Badesee mit Pommes oder schlimmerem bekämpft, bekämpft man hier mit Schawarma und Tscheburek (Hackfleisch in Blätterteig). 2 Strände weiter die Promenade hinunter finden wir eine vertrauenswürdige Bude mit Sonnenschirmen.

Ich bestelle an der Theke bei einem jungen, braun-gebrannten Mann. Sein Kollege steht daneben. Flirtet mit einer mittelalten russischen Frau, die auf ihre Bestellung wartet. Nachdem ich meine Bestellung aufgegeben habe, spricht sie mich an. Wo ich herkommen würde, fragt sie mich, ich hätte so einen interessanten Akzent. Ich antworte in meinem besten Russisch und gehe zurück an unseren Tisch. Irgendwas ist komisch mit der Frau, denke ich mir. Ihre bestellten 2 großen Bier werden gereicht und da bemerke ich es, die Frau ist schon ziemlich angetrunken. Keine Ausnahme hier.

Plötzlich verschwindet die Sonne. Erst jetzt merken wir, dass die Regenwolken sich über uns zusammengezogen haben. Der Sonnenschirm wird zum Regenschirm. Wir bleiben sitzen und warten ab. Nach 10 Minuten ist alles vorbei.

Die nassen Oberflächen werden von der Sonne wie im Zeitraffer getrocknet. Die noch feuchte Luft macht die Hitze noch drückender.

Wir gehen ein Stück die Promenade runter. Die Geschäfte, Bars und Restaurants werden immer edler. Teilweise noch im Bau, ist das der Teil für die Touristen mit etwas mehr Geld. Hier gibt es Bars mit polierten Glasoberflächen an denen schick gekleidete Männer ihren ersten Drink des Tages nehmen, während die Kinder draußen im Pool, 10 Meter vom Meer entfernt, planschen.

Hier finden wir einen angenehmen Strandplatz, an dem ich den Nachmittag im wohligen Dämmerzustand vergehen lasse. Unterbrochen nur von einigen Badeausflügen und einem kalten Bier mit Blick auf das Treiben am Strand.

Unter einem Sonnenschutz sitzen 4 junge Männer an einem Tisch. Anhand eines Schildes und dem Megaphon, das der eine auf seinen Knien balanciert, als Badeaufsicht erkennbar. Sie spielen Karten, kippeln mit ihren Stühlen. 2 von ihnen Rauchen Eine nach der Andern. Unweit von ihnen zündet sich ein Badegast eine Zigarette an. Geübt greift der Mann mit dem Megaphon ein. Brüllt den Gast mit verstärkter Stimme und einem Fingerzeig auf ein Schild an. Rauchen verboten!

Ordnung muss sein.

Außerdem fällt auf, die Wampendichte ist hier eindeutig höher als am ersten Strand. Wohin man auch sieht, überall Männer die stolz ihre straffen, dicken Bäuche zur Schau tragen. Ein Statussymbol. Ein wenig zurückgelehnt, Bauch raus, die knappste Badehose gekauft die es gab, ein Goldkettchen und fertig ist der Look, den der gemachte Mann hier am Strand trägt.

Langsam geht der Sonne die Kraft aus. Sie beginnt alles in schmeichelnd warme Farben zu tauchen. Ich sehe einige Fischer, draußen auf dem Steg. Mit der Kamera vor dem Auge nähere ich mich ihnen. Bleibe stehen, drücke ab. Als ich die Kamera sinken lasse, sehe ich, dass sich knapp einen Meter vor mir, mitten im Steg ein Loch auftut. 2 Meter tiefer umspült Wasser den rauen Beton.

Wir machen uns auf die Suche nach einem Restaurant. Auf der Promenade ist Hochbetrieb. Unter die späten Strandgäste mischen sich die ersten Feierlustigen. Überall laufen Werbeaktionen. Bars und Klubs versuchen auf sich aufmerksam zu machen. Verkleidete junge Frauen verteilen Flyer, Maskottchen tanzen und dazwischen versuchen Straßenunterhalter ihren Teil vom Kuchen abzukriegen.

Wir werden fündig im hinteren Teil der Promenade, ein kleines Restaurant mit schönem Blick auf das Meer, den Hafen und die untergehende Sonne. Wie es gute Tradition in Sotschi ist, gibt es auch hier einen musikalischen Alleinunterhalter. Ein Mann spielt eine kitschig verzerrte Gitarre zu Instrumentalversionen erfolgreicher Pop-Songs.

Das Essen ist nicht besonders und der Kellner fasst die Gläser am Bauch an, aber das ist nicht wichtig. Die Atmosphäre ist gut, die Menschen sind freundlich zueinander, entspannt, wie schon den ganzen Tag.

Und die Sonne geht unter in den Olympischen Ringen auf der Hafenmauer.

 

 

Viktor Sommerfeld, September 2014

Sochi 2014 - Strandurlaub an der Russischen Riviera - Teil 1

 

Nach meinem letzten Beitrag „School`s out for Summer – Im russischen Ferienlager“ folgt hier ein zweiter Artikel zum Thema: Wie verbringen die Menschen in Russland ihren Sommerurlaub?

 

Ich möchte hier über eine weitere Variante des typisch russischen Urlaubs schreiben. Der Badeurlaub am schwarzen Meer.

Sotschi ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Aushängeschild der Bade- und Kurorte an der russischen Schwarzmeerküste. Zu besten Zeiten in der Sowjetunion besuchten jährlich etwa 6 Millionen Touristen Sotschi um ihren Badeurlaub oder ihre Kur dort zu verbringen. In der Sowjetunion noch für die große Masse erschwinglich, stiegen die Preise für Unterkunft, Verpflegung und Unterhaltung nach Zusammenbruch der Sowjetunion allerdings stark an. Viele Menschen konnten sich den Urlaub hier nicht mehr leisten. Das im sozialistischen Russland gepflegte Konzept des Tourismus für die Massen wurde aufgegeben.

Heute ist Sotschi mit 4 Millionen Besuchern jährlich, neben den Badeorten in der Türkei und in Ägypten wieder eines der Topreiseziele für russische Sommertouristen.


Um den klassischen russischen Sommerurlaub zu erleben, habe ich mich mit einer Freundin nach Sotschi aufgemacht. Natürlich im Zug, denn das gehört zum russischen Badeurlaub wie der getrocknete Fisch zum Bier.


1. Teil – Im Zug


Es ist Ende Juli, früh am Morgen und kalt in Ufa.

Die Reise beginnt am Bahnhof.

Als wir am Bahnsteig ankommen, wartet der Zug der uns nach Sotschi bringen soll schon am Gleis. „Krasnojarsk – Adler“. Vor den geöffneten Waggontüren stehen Leute in Trauben auf dem Steig. Verschlafene, sich Streckende, Rauchende, manche bereits seit Tagen unterwegs. Die Zusteigenden wären selbst ohne Gepäck einfach an der Frische in ihren Gesichtern zu erkennen.

Im Zug ist es stickig und warm. Wir beziehen unser Quartier über zwei ausgesprochen korpulenten, noch schlafenden, jungen Frauen. Nachdem das ganze Gepäck verstaut ist, strecken wir uns auf den Betten aus, starren aus dem kleinen Kippfenster und warten bis der Zug sich in Bewegung setzt. 50 Stunden Richtung Südwest liegen vor uns.

Der erste Tag vergeht über Büchern, Gesprächen, einigen Partien Schiffe versenken und gelegentlichen Nickerchen. Je weiter wir kommen desto heißer wird es im Waggon, keine Klimaanlage die uns zur Hilfe kommt. Das Raumthermometer zeigt 35° C an. Die bisweilen längeren Aufenthalte an zu passierenden Bahnhöfen werden zur unverhofften Gelegenheit für eine kleine Abkühlung. Das wissen auch die Einheimischen. Am Bahnsteig preisen sie lautstark alle möglichen Erfrischungen an, Wassermelonen und kalte Pfirsiche, Creme und Wassereis, kaltes Bier, Limonade, Kwas und die großen 2 Liter Wasserflaschen. Wer keine Erfrischung nötig hat, kann stattdessen auch gefüllte Teigtaschen, Fisch und Meeresfrüchte aller Art, Gurken und Tomaten, Beeren, Süßigkeiten und viele Spezialitäten mehr deren Namen und genaue Funktion ich nicht kenne, direkt am Bahnsteig erstehen.

Am Abend des Zweiten Tages, der letzte Halt vor Einbruch der Dunkelheit. Die Sonne verwandelt den bröckelnden Beton und rostigen Stahl des Bahnhofsgeländes in Gold. Die Menschen drängen gierig aus der Enge der Waggons hervor. Es entsteht eine Atmosphäre der Verbundenheit zwischen den Reisenden, alle wollen das gleiche, ab in den Urlaub.

Ich sehe mich um. Da sind die Männer, die seit dem ersten Tag der Reise auf Oberbekleidung verzichten und nur Badehose und Schlappen tragen , die Mütter mit den großen Plastiktaschen voller Lebensmittel, die jungen Frauen in Hot Pants und Sportoberteil, Kinder die vergnügt herumrennen und ein Eis nach dem andern essen, junge Männer, die im Schatten des Bahnhofskiosk zusammen stehen, Bier trinken und rauchen, Paare, die endlich Platz haben sich zu umarmen und auch unsere Abteilnachbarinnen, die beiden jungen Frauen aus Krasnojarsk, die heute schon ihren 5. Tag im Zug verbringen und immer noch gut drauf sind. Mir wird klar, die Leute hier fahren nicht in den Urlaub, für die hat der Urlaub begonnen als sie in den Zug gestiegen sind.

Der nächste Tag beginnt früh. Um 6 Uhr wacht der Zug auf.

Das letzte Stück führt direkt an der Küste entlang. Links die Berge, rechts das morgenblaue Meer. Der Name „russische Riviera", mit dem die Küste in Sotschi und Umgebung bezeichnet wird, verspricht nicht zu viel. Aufwachen und am großen Fenster das Meer vorbeiziehen sehen, das ist ein Moment für den sich diese 50 Stunden Zugfahrt lohnen. Ein Gefühl das ungleich schöner ist als nach 3 Stunden Flugzeugenge in Malaga aus dem Flugzeug zu steigen und gegen eine Wand aus heißer Luft zu rennen. Vom Fenster aus sehe ich am Strand die Morgenschwimmer in der ersten Sonne liegen, die Angler, die die frühe Ruhe nutzen. Ich kann es kaum erwarten mich dazu zu gesellen.

 

Viktor Sommerfeld, August 2014

School`s out for Summer! - Im russischen Ferienlager

 

Sommerferien. Das hieß zu Sowjetzeiten: Ferienlager. Im Zelt oder im Bungalow, am Meer oder am See. Für die besonders verdienten Schüler und Schülerinnen ging es in die prestigeträchtigen Lager am schwarzen Meer, für alle anderen in eines der zahlreichen Betriebsferienlager überall in Russland. Da der Sommer im Ferienlager zum Großteil von der Regierung finanziert wurde versprach er zum Einen neue Bekanntschaften, Abenteuer und Erholung für sehr wenig Geld, zum Anderen aber auch ideologische Erziehung, „kindergerechte“ Militär-Spiele und Paradieren.

Auch wenn so manches großes Lager, wie die berühmte Elite Erholungs- und Erziehungstätte „Artek“ auf der Krim heute aus Geldmangel seinen Betrieb eingestellt hat, wird die Tradition der Ferienlager weiter gepflegt. Immer noch bildet das zahlreiche Angebot an Ferienlagern für Kinder jeden Alters eine billige Alternative zum Familienurlaub an der russischen Schwarzmeer-Küste, in der Türkei oder Ägypten. An einem sonnigen Wochenende in den langen russischen Sommerferien besuchte ich eines dieser Lager etwa 15 km außerhalb von Ufa.

Ein umzäuntes Gelände in hügeliger Landschaft, vielleicht einen halben Quadratkilometer groß, am Hang die Bungalows, 400 Kinder im Alter von 6 – 16, unten in der Ebene ein große Kantine, ein Fußball-, ein Basketball- und ein Volleyballfeld, hinter einer geschlossenen Baumreihe ein kleiner See. Alles in schlechtem Zustand und augenscheinlich seit Sowjetzeiten nicht verändert oder gar renoviert.

Der Tag beginnt für die 30 Kinder und Jugendlichen in meiner Gruppe unsanft. Um kurz vor 8 beginnen die beiden Erzieherinnen von draußen gegen die Türen der 6er Zimmer zu hämmern. Jetzt zack, zack, aufstehen und ab zum Frühstück. Wer es nicht von selbst schafft, unter der Decke hervorzuschlüpfen und sich der morgendlich klammen Kälte in den schlecht isolierten Räumen auszusetzen, dem wird kurzerhand von den größeren Jungs geholfen. Einmal hochgekommen entschädigt auf dem Weg zum Gemeinschaftswaschbecken vor dem Haus, die frühe Sonne für den unkomfortablen Tagesbeginn. Kaltes Wasser im Gesicht und ein paar Züge der frischen Luft tun ihr übriges und man geht munter zum Frühstück. Auf dem Weg hangabwärts der an vielen weiteren Bungalows vorbeiführt, vermischen sich die Gruppen und bilden einen Strom der sich am Eingang der Kantine kurz staut und sich dann auf die einzelnen Tische verteilt. Es gibt schwarzen Tee, Brot und Käse, eine Art Porridge und hart gekochte Eier. Zum Nachtisch werden große Orangen verteilt. Die Stimmung ist der Tageszeit angemessen. Man isst für sich und geht wieder. Ich fühle mich erinnert an meine Aufenthalte im Schullandheim zu Grundschulzeiten.

Nach dem Frühstück werden Zähne geputzt und die Jugendlichen ziehen sich mit ihren Kameraden auf die Zimmer zurück. Man legt sich nochmal aufs Bett und quatscht oder schaut mal ins Handy.

Dann kommt plötzlich Bewegung in die Gruppe, alle versammeln sich auf Geheiß der Erzieherinnen vor dem Bungalow. Nach einer kurzen Anwesenheitskontrolle, setzt sich der Tross in Bewegung Richtung Ausgang. Ich bleibe im Lager mit einigen Freunden die mich hierher eingeladen haben. Erst später werde ich aufgeklärt, wohin man ging. Außerhalb des Lagers warteten einige Busse, um die Kinder auf die umliegenden landwirtschaftlich genutzten Felder zu verteilen. Dort findet das statt, was das russische Ferienlager vom deutschen Schullandheim definitiv unterscheidet – Arbeitseinsatz. Man übernimmt leichte Aufgaben, wie z.B. Unkraut jäten.

Zum Mittagessen um 12 ist die Gruppe wieder zurück im Lager, in der Kantine gibt es Kartoffeln mit Hühnchenfleisch und Borschtsch. Getrunken wird ein russischer Most aus Cranberries.

Danach treten die Kinder auf dem, in der Mitte des Hang gelegenen Paradeplatz an. Was folgt ist ein Überbleibsel der sowjetischen Pioniertradition. Unter den gehissten Flaggen der Republik Baschkortostan und der russischen Föderation wird paradiert. Noch ist das nur Übung. Ein junger Mann der 2 Jahre bei der russischen Marine gedient hat, zeigt den Jugendlichen wie die militärischen Befehle lauten. Kurze Zeit später marschiert die Gruppe von 30 Jugendlichen unter der Führung eines besonders ehrgeizigen 12-jährigen Jungens auf dem Platz immer im Kreis. Nach etwa einer halben Stunde ist die sehr ernsthaft geführte Übung erfolgreich abgeschlossen und die Jugendlichen zerstreuen sich wieder. Es folgt Freizeit.

Viele der Jungen finden sich unten auf dem Fußballplatz ein und liefern sich unter den Augen einiger junger Mädchen ein chaotisches Großfeldspiel. Mein Team verliert 10:9.

Parallel laufen oben im Lager die Vorbereitungen für ein groß angelegtes Gruppenspiel das am Abend stattfinden soll. Worum es geht kann mir keiner so richtig erklären. Ich lasse mich überraschen.

Als die Sonne gegen Nachmittag schwächer wird, beginnt das Spektakel.

Die erste Aufgabe für die Gruppen, die wie ich nun verstehe jeweils eine Schule repräsentieren (in meinem Fall die polnische Schule von Ufa), ist die Parade. Rund um den beflaggten Kiesplatz, nehmen etwa 15 Gruppen Stellung ein. Sie sind jeweils durch uniforme Kriegsbemalung, Armbänder oder Halstücher eindeutig zuordenbar. Eine Gruppe nach der Anderen absolviert ihre vorgeschriebenen 2 Runden paradieren unter den Augen von 4 älteren Frauen, die augenscheinlich die Parade abnehmen. Zum Schluss jeder Parade tritt der Gruppenführer hervor, richtet einen militärischen Gruß an die Damen und salutiert. Nach der Entlassung kehrt die Gruppe geschlossen an ihren Platz zurück. Die Jugendlichen sind erkennbar freudig erleichtert als sie die Parade erfolgreich absolviert haben. Die Sache wird ernst genommen.

Der zweite Teil der Spiele beginnt direkt im Anschluss an die Parade, auf ein Kommando der Spielleiterinnen, 2 jungen Sportstudentinnen, stöbt die Menge plötzlich auseinander. Überall rennen groß und klein, ich verliere kurz die Übersicht, vor mir stürzt ein Junge auf dem abschüssigen Kiesplatz, ihm wird aufgeholfen und er rennt weiter, die Spiele sind eröffnet.

Nach einiger Beobachtung verstehe ich was sich da vor meinen Augen abspielt. Es ist ein Wettbewerb. Zwischen den Schulen. Es gibt Stationen. Dort werden verschiedene körperliche Aufgaben erledigt. Am Klettergerüst hangeln, Körbe werfen, Schubkarrenlauf, über Reifen springen, unter Seilen kriechen, auf Balken balancieren. Auf Zeit. Die Gruppe die am schnellsten alle Aufgaben erfolgreich bestanden hat, gewinnt. Doch das ist nicht alles.

Parallel findet eine Art Militärspiel statt. In jeder Gruppe gibt es Schützen, Opfer und Sanitäter. Die Schützen versuchen die durch Zielscheiben gekennzeichneten Opfer der anderen Gruppen auszuschalten. Als Bewaffnung dienen mit Sand gefüllte Socken. Trifft die Socke, so ist das jeweilige Opfer aus dem Spiel. Nur der Sanitäter kann ihn wieder ins Spiel bringen, indem er eine bestimmte Aufgabe erledigt. Was das genau ist konnte ich leider nicht herausfinden.

Das Lager ist für die nächsten 2 Stunden Schauplatz dieses sehr ehrgeizig geführten Wettkampfes. Jugendliche schreien und rennen, kommen plötzlich zu Zwanzigst hinter der Ecke des nächsten Bungalows hervorgeschossen. Es herrscht Chaos.

Meine Gruppe liegt gut im Rennen um die vorderen Plätze bis die letzte Aufgabe alle Siegchancen vernichtet. Anhand einer gezeichneten Karte muss eine Flagge gefunden werden. Jede Gruppe hat in Vorbereitung für eine Andere eine Flagge versteckt und eine Karte gezeichnet. Wir suchen die der Waldorfschule Ufa, wir suchen, und suchen. Die anderen Gruppen sind schon längst fertig, die Sieger sind gekürt, aber der Ehrgeiz ist ungebrochen. Das Vorhaben wird erst abgebrochen als sich die Sonne langsam dem Horizont nähert. Schluss. Es ist Duschenszeit.

Nach der Gemeinschaftsdusche in den abbruchreifen Sanitäranlagen unten bei den Sportplätzen, ist der lange Tag vorbei. Man zieht sich auf die Zimmer zurück, trinkt einen letzten Tee in gemeinschaftlicher Runde (der Wasserkocher gehört hier in jedem Zimmer zur Grundausstattung) und greift beim Rundgang der Erzieherinnen noch eine kleine Süßigkeit ab. Als das Licht ausgeht und man sich in die Decken gemummelt hat, beginnt der beste Teil jedes Ferienlagers. Die Nachtgespräche, wegen derer man am nächsten morgen wieder so schwer aus dem Bett kommt. 

Viktor Sommerfeld, August 2014

Die Hochzeit des Pfluges

Sabantuj ist eines der ältesten Feste der turksprachigen Völker im Wolga-Ural-Gebiet. Es wird jährlich in der Übergangszeit vom Frühling zum Sommer gefeiert, zum Abschluss der Feldarbeiten im Frühjahr. Die einzelnen Elemente des Festes zeugen jedoch von einer komplexen Kulturgeschichte mit ganz verschiedenen Schichten. Ein Ausflug zu einem baschkirischem Sabantuj.

Langsam klappert der kleine Bus hinweg über staubige oder, sofern asphaltiert, schlaglochgesäumte Wege. Alle Sitzplätze sind belegt. Einige Leute stehen im Gang und halten sich an den typisch gelben, an der Decke befestigten Griffen fest, wippen hin und her im Rhythmus des sich weiter durch die Landschaft des Vorurals windenden Busses.

An den Fenstern zieht ein sommerliches Baschkirien vorbei, weite grüne Wiesen und Hügel, die ersten Ausläufer des Gebirges weiter östlich, Rinder am Straßenrand, ein Hirte auf einem Pferd, kleine Dörfer mit neuen Moscheen. Eine alte Frau mit Kopftuch sitzt auf einer Bank vor einem mannshohen blauem Bretterzaun, dahinter ein Holzhaus in derselben Farbe.

Etwas länger als eine halbe Stunde dauert die Fahrt von Ischimbaj, Bezirkshauptstadt der gleichnamigen Region, in das Dorf Asnaevo. In dessen unmittelbarer Nähe findet an diesem Tag das Fest Sabantuj statt, eines der größten und traditionsreichsten Volksfeste der Tataren und Baschkiren. Unser Bus ist deshalb bei weitem nicht das einige Fahrzeug, vielmehr ist die Straße, die zum Dorf führt, mit zahlreichen weiteren Autos belebt.

Vor dem Festplatz, einer speziell dafür hergerichteten, weitläufigen Wiesenfläche am Fuße dicht bewaldeter Hügel, hat sich bereits ein beinahe ebenso weitläufiger Parkplatz gebildet. Jede Region feiert ihren eigenen Sabantuj und so kommen nicht nur aus den umliegenden Dörfern Besucher hier zusammen, sondern aus dem gesamten Gebiet Ischimbaj. Den Bussen und Autos entsteigen ganze Scharen von Menschen und bewegen sich in Richtung Festwiese.

Die Fruchtbarkeit der Natur

Sabantuj (tatarisch) bzw. Habantuj (baschkirisch) ist ein sehr altes Fest und entstand im Kern wohl bereits lange vor der Ausbreitung des Islam in der Region (10-13. Jahrhundert). Im Laufe der Zeit haben sich jedoch verschiedene historische und kulturelle Schichten darum gebildet.

Wörtlich lässt sich die Bezeichnung des Festes übersetzen als „Hochzeit (saban) des Fluges (tuj)“. Gefeiert wird es, zumindest mittlerweile, nach dem Ende der Aussaatzeit im Juni. Vor dem 20. Jahrhundert fand es hingegen unmittelbar vor Beginn der Aussaatzeit (Ende April) statt, die mit dem Fest auch eingeleitet wurde. Zwar gibt es unterschiedliche Theorien über die ursprüngliche Bedeutung von Sabantuj und dem Zweck seiner Durchführung, Einigkeit herrscht jedoch dahingehend, dass dieser Fokus auf die Landwirtschaft – zumal bei den in der Vergangenheit halbnomadisch lebenden Baschkiren – erst später hinzu kam.

Einer Annahme entsprechend wird vermutet, dass Sabantuj seinen Ursprung in Fruchtbarkeitsfesten zu Ehren des anbrechenden Frühlings hat. Nur im Winter in befestigten Dörfern lebend, zogen die Baschkiren im Sommer mit ihren Herden auf die Weiden. Das Fest wurde deshalb unmittelbar vor Auszug auf die Sommerweide begangen, um die Gunst der Natur zu gewinnen, die nötig war, um in den kurzen Sommern alle wesentlichen Produkte zum Überleben im Winter herstellen zu können.

Einen festen Termin für das Fest gab es dabei nicht. Dieser war abhängig von den natürlichen Bedingungen, in erster Linie dem Schmelzen des Schnees. Es soll zudem aus einer ganzen Reihe von Ritualen bestanden haben, die sich über einen bestimmten Zeitraum hingezogen haben. Eingeleitet wurden die Feierlichkeiten mit der Opferung eines Pferdes, dem Wertvollsten, was die nomadischen Baschkiren zu geben hatten. Erst später haben sich diese Vorstellungen dann mit den agrarischen Kulten der Ackerbauern verbunden und die Natur und die sie beherrschenden Wesenheiten galt es dann vor allem im Hinblick auf eine gute Ernte gütig zu stimmen.

Die Sicherheit der Stämme und des Landes

In der Struktur des Sabantuj gibt es daneben aber auch Elemente, die auf weitere Bedeutungen des Festes schließen lassen. So nahmen an ihm etwa nicht nur die Mitglieder der eigenen, sondern immer auch Vertreter anderer Stammesgruppen teil. Das Fest selbst wanderte durch die Dörfer, fand heute hier und morgen dort statt. So besuchte man sich gegenseitig, was stets auch mit der Übergabe von Geschenken einherging. Dahinter stand wohl die Konsolidierung der verschiedenen baschkirischen Stammesgruppen und letztlich auch die Bekräftigung der Sicherheit im Land.

Ein weiteres Element ist verbunden mit der Demonstration der Bereitschaft zur Verteidigung des Landes. Während des Festes absolvierten die jungen Männer unterschiedliche Wettkämpfe, unter anderem im Reiten, Ringen und Bogenschießen, ein Mittel zur Demonstration ihrer Stärke und Geschicklichkeit. Die Feierlichkeiten bekamen für sie somit auch eine militärisch-initiatorische Bedeutung in Vorbereitung zum Schutz der Ländereien. Einer anderen Theorie zufolge war das Fest dementsprechend ursprünglich dem Schutzherren des Landes und der bewohnten Räume gewidmet.

Im Zeichen der Landwirtschaft

Als Erster, der Sabantuj bei den Baschkiren genauer beschrieben hat, und zwar in einer Form, die bereits stark vom Islam und der Ausbreitung der Landwirtschaft geprägt war, gilt der russische Forschungsreisende Ivan Ivanovitsch Lepjochin, der sich im Jahre 1770 im Südural aufhielt. In seinen Aufzeichnungen heißt es:

„alle Dorfeinwohner gehen miteinander in die Metschet [Moschee] zum Gebet, und bitten Gott, daß er das Getraide gerathen lasse; hieraus wird ein allgemeiner Schmauß im Dorfe gehalten, die jungen Leute stellen allerley Lustbarkeiten an, als Ringen, Hupfen mit Eyern, Schaukeln und Tanzen; und wenn das Fest vorbey ist, geht es ans Ackern.“

In den verschiedenen Dörfern besaßen die Feierlichkeiten zwar ihr jeweils eigenes Kolorit, bestimmte feste Bestandteile gab es aber immer: die Sammlung von Produkten und Mitteln auf den einzelnen Höfen zur Durchführung des Festes, die Einrichtung eines Platzes für die Wettkämpfe, Preise und Geschenke für die Gewinner, ein gemeinschaftliches Gebet. Geleitet wurde das Fest von den Aksakalen, den Ältesten, die auch einen Ehrenplatz auf dem Festplatz eingeräumt bekamen. Der Platz war dabei nicht nur Ausstragungsort für Wettkämpfe, sondern auch Ort künstlerischer Darbietungen, für Gesang, Tanz, Musik und Gedichte.

Das 20. Jahrhundert hat erneut Veränderungen in das Fest und seine Organisation getragen. So wurden einige Rituale entfernt, die verbunden gewesen sind mit alten Glaubensvorstellungen und religiösen Motiven. Gefeiert wird es zudem seither nach Beendigung der Aussaatzeit, aber vor der Heuernte, wenn im landwirtschaftlichen Leben eine kleine Pause entsteht. Die Durchführung von Sabantuj erfolgt seitdem auch in Etappen: zuerst in den einzelnen Landwirtschaften, danach in den Regionen und größeren Städten. Letzteres stellt ebenfalls eine Neuerung dar, da es zuvor nur in den Dörfern stattfand.

Großer Sport und kleine Vergnügungen

Zurück in die Gegenwart. Zurück auf den Festplatz beim Dorf Asnaevo. Das Oberhaupt der Gebietsverwaltung Ischimbaj hat den Sabantuj soeben für eröffnet erklärt. Von einer Bühne im Zentrum des Platzes schallt laute Musik über das gesamte Gelände. Ohne Pause werden baschkirische Lieder und Tänze zum Besten gegeben, unterbrochen lediglich von den Ansagen der Moderatoren, die die jeweils folgenden Ensembles ankündigen.

Die größte Attraktion des Tages aber stellen die verschiedenen Wettkämpfe dar, die zeitgleich über den gesamten Platz verteilt stattfinden. Die Wettkämpfe haben sich über die verschiedenen Zeiten am ehesten halten können und bilden heute, losgelöst von jeglicher rituellen Bedeutung, im Prinzip den charakteristischsten Bestandteil des Festes.

Es sind vor allem zwei Wettbewerbe, die die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zum einen der Ringkampf „Kuresch“ (Куреш). Sich gegenseitig an den Gürteln des jeweils anderen festhaltend ist es das Ziel, seinen Gegner aus dem Stand auf den Rücken zu werfen. Ein ziemlicher Kraftakt. Die Männer knallen dabei teilweise so heftig auf die Matte, dass es aussieht, als hätten sie sich den Hals verdreht. Kontrolliert wird das Ganze von einem Schiedsrichter, die Ausführungen der Kämpfer werden von einer Jury bewertet.

Der Gewinner des Wettkampfes erhält traditionell ein Schaf. So auch hier. Die Tiere liegen schon an einer Ecke des Ringplatzes bereit. Nicht jeder Besucher des Sabantuj kann einfach an diesem Wettbewerb teilnehmen. Man muss sich vorher dafür anmelden und da Kuresch als offizielle Sportart organisiert ist, sind es vor allem auch Mitglieder entsprechender Vereine, die sich hierfür eingeschrieben haben.

Während die Ringer noch im vollen Gange sind, sammeln sich am anderen Ende des Festplatzes bereits die Zuschauer für den zweiten großen Wettkampf des Tages: dem Pferderennen. Immer mehr Menschen kommen für dieses Schauspiel zusammen, man steht, durch einen Graben von der Rennbahn getrennt, Schulter an Schulter und wartet auf den Startschuss. Ein Moderator auf der anderen Seite soll für zusätzliche Stimmung sorgen.

Über verschiedene Distanzen werden die Wettkämpfe ausgetragen, die Längste davon 4800m, 4 Runden auf der Rennbahn. Der Hauptpreis hier: ein nagelneuer weißer Lada Niva. „Und zum ersten Mal in der Geschichte unseres Wettbewerbes“, wie der Moderator erklärt, „nimmt heute auch eine Frau am Rennen teil.“ Sie schafft es am Ende auf den dritten Platz.

Mit dem Ende des Rennens verstreuen sich die Zuschauer erneut über den Festplatz, bewegen sich zwischen den zahlreichen anderen Spielen und Wettkämpfen hin und her, einen Blick darauf werfend oder selbst daran teilnehmend, denn hier ist das nun möglich. Unter den anfeuernden Rufen der Zuschauer kann man so zum Beispiel eine vertikal aufgestellte Holzstange hinaufklettern, ein ebenfalls traditioneller Wettbewerb.

In früheren Zeiten war an der Spitze ein Preis angebracht, der demjenigen gehörte, der es bis hinauf geschafft hat. Heutzutage gelingt es den Meisten, abgesichert durch Seile, den Mast zu erklimmen. „Molodez! (Klasse!) Nur noch ein bisschen!“, heißen die Umstehenden den Kletterern dabei ein. Bei einem ganz ähnlichem Wettbewerb gilt es, eine diesmal quer im Boden steckende, wankende Holzstange bis zum Ende zu balancieren, ohne herunterzufallen. Daneben kann man aber auch Schach spielen, beim Eierlauf mitmachen oder sich gegenseitig mit Säcken von einer Stange schlagen.

Zu Ehren der Gäste

Etwas abseits vom Treiben auf dem Festplatz, aber dennoch ein wesentlicher Teil der Feierlichkeiten, finden sich eine ganze Reihe von Jurten errichtet. Jede von ihnen präsentiert ein landwirtschaftliches Kollektiv der Region. Auf Schautafeln wird dargestellt, welche Ergebnisse sie im letzten Jahr erzielt haben, was für Veranstaltungen organisiert wurden sind oder was sich sonst so berichtenswertes zugetragen hat. Auch hierbei geht es jedoch nicht ganz ohne Wettbewerb ab. Die von Juroren als Schönste bewertete Jurte erhält am Ende ebenfalls einen Preis.

In den Jurten werden die Mitglieder der eigenen Wirtschaft, aber auch Gäste verpflegt. Die Tische sind reichlich mit Essen gedeckt, es gibt Tee aus dem Samowar oder hausgemachten Kumys, das traditionelle baschkirische Getränk aus vergorener Pferdemilch. Auch wir werden zu Tisch gebeten. „Gäste aus Deutschland“, ruft der Hausherr den bereits in der Jurte Sitzenden zu. Uns wird Platz gemacht, Plasteteller werden verteilt und die Aufforderung ausgesprochen, nicht schüchtern zu sein und sich zu bedienen. „Bik sur rechmet – herzlichen Dank“ können wir ihnen immerhin auf Baschkirisch antworten, was für große Erheiterung sorgt.

Als wir die Jurte nach einiger Zeit wieder verlassen, nähert sich Sabantuj bereits seinem Ende. Knappe vier Stunden hat das Fest gedauert. Nun beginnt der inoffizielle Teil. In den Dörfern besuchen sich Nachbarn und Verwandte gegenseitig, gratulieren sich zum Fest, trinken Tee und Selbstgebrannten und essen gemeinsam. Auch wir wurden eingeladen auf einen Tee im Dorf Asnaevo vorbeizukommen. Es bleibt natürlich nicht nur beim Tee. Auch im Haus unserer Gastgeber ist der Tisch bei unserer Ankunft bereits brechend voll gestellt mit verschiedenen Gerichten und Getränken. Gastfreundschaft – auch das traditionell ein wichtiger Bestandteil des Sabantuj.

Matthias Kaufmann,
Juli 2014

Nur fliegen ist schöner - Ein Nachmittag bei der Flugshow

Russen mögen Technik, schweres Gerät, zur Überwindung der natürlichen Grenzen des Menschen, Ausdruck seiner Schaffenskraft. Und mutige Männer. Es gibt ein paar Dinge die diese beiden Vorlieben vereinen, der Krieg zum Beispiel, oder die Raumfahrt, oder – ein bisschen einfacher und ungefährlicher – Flugshows.

In Ufa fand vom 26. - 28. Juni zum 12ten Mal das jährliche „Treffen der Luftfahrt-Enthusiasten“ statt. Der eindeutige Höhepunkt war die Flugshow „Virtuosen-Himmel“ am Samstag auf dem Flugfeld „Pervushino“, etwa 40 km vor den Toren der Stadt.

Ab Ortsausgang weisen am Straßenrand in regelmäßigen Abständen Schilder mit der Aufschrift „авиа шоу“ (Avia-Show) den Weg. Irgendwann kann man dann in der Ferne am Himmel schon die Flieger sehen und sich an ihnen orientieren.

Im Auto frage ich noch, ob da wohl viele Menschen hingehen würden, zu so einer Flugshow. Als wir uns gegen zwei unserem Ziel nähern, bekomme ich eine eindeutige Antwort auf meine Frage.

Der Stau beginnt bereits auf der Landstraße, kurz vor der Abzweigung zum Flugfeld. Um dem aus dem Weg zu gehen, fahren die Leute kurzerhand die Böschung runter, parken ihre Autos auf freiem Feld und setzen den weiteren Weg zu Fuß zurück. Wir folgen dem Beispiel. Zu Fuß geht es vorbei an endlosen Reihen von abgestellten Autos. Immer wieder bleiben wir stehen und starren in den Himmel, wo die Maschinen, ganz nah, ihre synchronen Manöver aufführen oder einfach herumtollen, Loopings drehen, trudelnd in den Sturzflug fallen, geschickt und wendig wie Raubvögel.

Aber erst als wir am Flugfeld, bestehend aus einem grauen Betongebäude, einem kleinen betonierten Hubschrauberlandeplatz und viel grüner Wiese, ankommen, wird das ganze Ausmaß des Ereignisses deutlich sichtbar.

Die Wiese ist durch einen hüfthohen Veranstaltungszaun in zwei Hälften getrennt, der von Ordnungspersonal in schwarzen Uniformen bewacht wird.

Auf der einen Seite stehen die verschiedenartigsten Flugmaschinen in Reih und Glied, Doppeldecker und Propellermaschinen, Segelflugzeuge und Hubschrauber, dazwischen beschäftigt aussehende Menschen.

Auf der anderen Seite herrscht das pure Chaos, eine Unmenge von Buden und Ständen zwischen denen sich eine Unmenge von Menschen tummelt. In der erbarmungslosen Mittagssonne bei einer Temperatur von dreißig Grad im Schatten, sind hier alle zusammen gekommen, um die tollkühnen Flieger zu sehen - und zu fotografieren, junge Ehepaare mit Kleinkindern, Großfamilien, alte Männer mit Sonnenhüten, junge und auch nicht mehr so junge Männer, die sich in der Hitze ihrer Oberteile entledigt haben, Frauen aller Altersgruppen auf erschreckend hohen Schuhen und die vornehme Dame mit dem großen Sonnenschirm, da in der Schlange zur öffentlichen Toilette.

Es riecht nach dem süßlichen Rauch von gut bestückten Grills als wir weitergehen, vorbei an Eismännern, einer Hüpfburg, Bierständen, Plastikdinos, Sonnenbrillentürmchen, einem Pappaufsteller in Form eines Flugzeuges mit Löchern zum fotografieren, ausgebreiteten Picknikdecken, Klappstühlen, einer kleinen Quad-Bike Strecke, einer Bühne mit zwei Moderatoren, Hubschraubern zum Anfassen, sexy Stewardessen, mit denen man Fotos machen kann und Typen in Roter-Armee Uniform, mit denen man Fotos machen kann, die aber alle zusammen erstmal ein Foto machen. Alles Event, oder was?

Was nicht fotografiert worden ist, ist nicht passiert! Das galt selten mehr als hier.

Mal abgesehen davon, dass hier Werbekulis als Lose eines Gewinnspiels für 50 Rubel das Stück verkauft werden (usw.), ist die Show, die auf der anderen Seite des Zauns stattfindet, wirklich beeindruckend. Immer wieder rauschen Flieger im Sturzflug heran, knapp über die Köpfe der Zuschauer, getreu dem Spruch mit dem die Veranstalter im Internet warben: „Die beste Show, hebe ab vom Boden und habe das Gefühl zu fliegen.“

Als die Wiederholungen anfangen zu langweilen und die Augen der Zuschauer nicht mehr bei jedem Manöver gebannt in den Himmel starren, gibt es Abwechslung. Erst springen 6 wagemutige Fallschirmspringer mit Signalfackeln aus einem Helikopter und landen direkt vor den Zuschauern, dann folgt der Höhepunkt der Show.

Es ist Reenactment-Zeit.

Ein wenig Patriotismus darf bei solch einer Veranstaltung in Russland nicht fehlen, also wird kurzerhand der Abschuss eines deutschen Jagdfliegers inszeniert. Der geht zuerst in die Luft, klar erkennbar am schwarzen Balkenkreuz der Wehrmacht. Kurz darauf startet ein sowjetischer, roter Flieger, während sich unten auf dem Flugfeld 4 Soldaten in Stellung bringen, die das Feuer auf den Deutschen eröffnen. Platzpatronen knallen. Der rote verfolgt den blauen. Dann ertönen Stimmen vom Band, die Funksprüche nachstellen sollen. Immer wieder wiederholt eine verrauschte deutsche Stimme mit sächsischem Akzent die Wörter: „Sie greifen an. Hundert Meter rechts!“, irgendwann hört man dann eine russische Stimme sagen: „Attakuju“ („Ich greife an“), woraufhin Maschinengewehrfeuer erschallt und es gleichzeitig anfängt am Heck des Deutschen Fliegers zu rauchen. Jubel vom Band und live im Publikum. Gewonnen!

Die Moderatoren reißen ein paar patriotische Witze, dann fangen die Kunstflieger wieder an ihre Runden zu drehen.

Wir nehmen das zum Anlass uns auf den Weg zu machen zum See, wo wir den Abend verbringen und ein erfrischendes Bad nehmen wollen.

Als wir den Flugplatz schon verlassen haben, zaubert direkt über uns ein besonders waghalsiger Flieger mit ein paar Schrauben und seinem Kondensstreifen noch einmal ein wildes Bild in den Himmel. Irgendwie romantisch.

Von Ufa nach Moskau - Ein Tag im Zug

 

Ich verabschiede mich. Es ist Sonntagmorgen, die Sonne steht noch tief im Osten und blendet mich. Draußen auf dem Bahnsteig, vor meinem Abteil, führen drei Freunde einen kleinen Abschiedstanz auf, ob sie dazu wirklich singen oder nur die Lippen bewegen, kann ich nicht sagen, die Abteilfenster lassen sich nicht öffnen. Der Zug setzt sich schleppend in Bewegung, einige Zeit können meine Begleiter auf dem Bahnsteig mithalten, nebenher rennen und winken. Dann wird er zu schnell und die drei verschwinden aus dem Blickfeld.

 

Alleine im Abteil. Auf jeder Seite ein Doppelstockbett aus 2 Pritschen, rote Lederbezüge, in der Ablage über den oberen Betten liegen eingerollt Matratzen und Decken, dazu auf dem Tischchen am Fenster, 4 Garnituren frische Wäsche, eingeschweißt in Plastikfolie. Auf der anderen Seite des offenen Abteils, unter dem gegenüberliegenden Fenster, direkt am Gang, noch eine Pritsche, zu einem Tisch umklappbar.

Pro Großraumwaggon gibt es etwa 10 dieser Schlaf- und Wohneinheiten. Dazu an dem einen Ende des Waggons, Toilette und Raucherzelle, am anderen ein Heißwasser-Boiler und die Kammer der Zugbegleiter.

Das ist die Bühne für die nächsten 30 Stunden.


Die Reise schon mehr als eine Stunde alt. Vorhin ein Zwischenstopp. Ein Mann stieg ein. Groß, dick und schwitzend. Legte sich gegenüber von mir auf die untere Liege links vom Fenster und fing an zu schnarchen. Alle paar Minuten wacht er auf und wischt sich mit einem weißen Handtuch aus einem der Wäschepakete den Schweiß aus dem Gesicht. Die Klimaanlage bläst kalte, leblose Luft aus den Schächten an der Decke.


Erneuter Halt, Sterlitamak, zwei mitgenommen wirkende mittelalte Männer, raue, robuste Typen, betreten das Abteil und werfen ihre schwarzen Sporttaschen auf die oberen Ablagen. Einmal in die Runde nicken, umziehen, Straßenklamotten aus, Jogginghose und Schlappen an. Der ostasiatisch aussehende der beiden kramt aus seiner Tasche ein mit Totenkopf bedrucktes Päckchen Zigaretten hervor, dann gehen sie wieder, erstmal eine Rauchen.


Rechts von mir fängt es an zu schnarchen, leise aber hörbar, was zum Problem werden könnte, denk ich mir, genau wie die Luft in diesem Wagen, 120 Mann und keine Möglichkeit ein Fenster zu öffnen. Trotzdem, eine bessere Stimmung als in jedem deutschen Zug, man ist entspannt und tut nichts. Die meisten liegen in ihren Betten und dösen und es ist erst Mittag. Einige unterhalten sich leise, niemand arbeitet oder „nutzt“ die Zeit. Ein bisschen wie aufm Zauberberg, die Zeit verschwimmt.


Die beiden Raucher kommen zurück und beginnen ohne Worte ein vollständiges Mahl auszupacken, da gibt es eingelegte Gurken und Tomaten, gefüllte Teigtaschen und Brot, Kartoffeln und Hühnchenschenkel, Alufolie knistert und Tüten rascheln. Am Ende kommt eine kleine, schwarze Plastiktüte zum Vorschein, daraus steht der Hals einer durchsichtigen Flasche hervor. Der russisch aussehende schenkt aus der Tüte großzügig in zwei Keramiktassen ein. Das Essen dauert eine wortlose halbe Stunde. Danach begibt man sich zu Bett und schläft routiniert ein. Die machen das hier öfter.


So vergeht der Tag ohne weitere Zwischenfälle und unnütze Worte, oben schläft man, wacht ab und zu auf für eine Zigarette und einen Schluck, unten sitze ich und lese, während der rechts von mir zwischenzeitlich zwar mal seine Position wechselt, aber unverändert weiter schnarcht und ab und zu angestrengt aufstöhnt.


Doch als die Abendsonne die blassbeigen PVC Wände des Zuges orange zu färben beginnt, durchbrechen zwei Ereignisse die friedliche Stille.


Erstens: Zwischenfall mit einer Zugbegleiterin

Ein Abteil weiter sehe ich die Beiden von oben an einem freien Fenstertisch sitzen, Karten spielen, die Reste vom Abendessen noch auf dem Tisch. Die Tassen sind schon wieder voll, sie wirken ein wenig heiterer als noch beim ersten Essen. Leise Flüche dringen herüber. Plötzlich sehe ich die Zugbegleiterin wie aus dem Nichts durchs Abteil rauschen. Eine knochige, ältere Frau, die „RJD“ Uniform aus Bluse, Schürze und knielangem Rock verleiht ihr militärische Autorität. Sie baut sich vor den beiden auf. Ohne jegliche Umschweife beginnt sie in einem nachdrücklichen Tonfall eine etwa fünfminütige Standpauke über das Benehmen im Zug zu halten. Hier seien auch Familien mit Kindern und der Alkohol, der sei eh verboten, sie behalte sich vor, die beiden auch am nächsten Bahnhof hinauszuwerfen. Ich beobachte wie die beiden harten Typen dasitzen wie zwei ertappte Schuljungen. Sie lassen die Ansage der Schaffnerin mit gesenkten Köpfen über sich ergehen. Erst fünf Minuten später, im Bett, nuckeln sie wieder an der Pulle. Ordnung muss sein!


Zweitens. Kurz darauf. Gespräch unter Männern

Kaum liegen alle wieder in den Betten, da fallen die ersten Wörter innerhalb unserer Zwangsgemeinschaft. Sie kommen aus dem gegenüberliegenden Obergeschoss und sind an mich gerichtet. Sie lauten „Otkuda ty?“, „woher kommst du?“. Die nächstliegende aller Fragen, wenn man sich so mitten in Russland im Zug trifft. Es stellt sich heraus, dass die Beiden von Oben aus Sterlitamak kommen und auf dem Weg nach Rjasan sind, einem Schwerindustriezentrum 200 Kilometer vor Moskau. Sie haben dort Arbeit. Der rechts neben mir will nach Moskau, erzählt aber sonst nichts. Das Gespräch geht noch kurz erstaunlich heiter weiter, ich erzähl was ich hier so mache und erfahre, dass der Blonde der beiden von oben Familie in Deutschland hat, war aber noch nie da. Zum Schluss bietet man mir einen Schluck Wodka an, ich stimme auf einen kleinen zu, und kriege ein Teetasse mit 3 Fingerbreit wieder. Als ich mittendrin absetzen muss, lachen alle. Dann zieht man sich wieder zurück.


Die Nacht ist unruhig, wie vermutet schnarchen alle 3, das Rattern des Zuges fängt plötzlich an mich zu stören und das Licht geht nicht aus. Zum Glück hab ich den Wodka getrunken.


Irgendwann als es draußen schon hell wird, hat der Typ rechts neben mir seinen wachen Moment. Erinnert sich, dass die Beiden von oben in Rjasan raus müssen, dort wo wir schon seit einiger Zeit stehen. Einmal wachrütteln, und keine zwei Minuten später sind die beiden umgezogen, eingepackt, fertig zur Arbeit, raus aus dem Zug, zurück in der echten Welt.


Bis Moskau ist es nicht mehr weit, der Zug läuft ruhig und gleichmäßig in den Kasanskaja Bahnhof ein. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, verlassen wir anderen nacheinander das Abteil. Eine kurze Begegnung endet.


Viktor Sommerfeld, Juni 2014



Zum "Festival des deutschen Films" - Ein Interview

Seit einigen Jahren findet jeden Frühling in Ufa das „Festival des deutschen Films“ als Teil der „Woche der deutschen Sprache“ statt.

Als „Journalist“, Deutscher und vor Allem als Filmliebhaber fiel die Entscheidung, mir das mal genauer anzusehen, nicht schwer. So habe ich mich also in der Festivalwoche vom 7.-11. April jeden Tag ins Kinotheater „Rodina“ aufgemacht, um mir meine Portion deutsches Kino abzuholen.

Nachdem ich eine ganze Woche im Kino zugebracht habe, wollte ich ein bisschen mehr über dieses Event herausfinden. Dafür habe ich Gisela Bakajewa, die Leiterin des deutschen Lesesaals in Ufa aufgesucht, von der man mir an der Universität sagte, sie habe das ganze organisiert.

Festivalprogramm 2014
Gisela Bakajewa

Guten Tag, Frau Bakajewa. Was ist ihre Aufgabe hier? Wie kommen Sie dazu die deutsche Filmwoche zu organisieren?

Offiziell bin ich hier im deutschen Lesesaal als Bibliothekarin angestellt, aber ehrlich gesagt mache ich nichts was mit der Bibliothek zu tun hat. Seit 3-4 Jahren bin ich für Projekte zuständig die sich mit Deutschland und der deutschen Sprache beschäftigen. Ich arbeite viel mit dem Goethe-Institut in Moskau zusammen, aber auch mit anderen Partnern organisiere ich Projekte und Veranstaltungen, hauptsächlich im Kulturbereich. Die deutsche Filmwoche ist vielleicht die größte von diesen Veranstaltungen, aber ich mach auch andere, internationale Projekte.


Findet die Woche des deutschen Films jährlich statt?

Ja, genau. Die deutsche Filmwoche gibt es jedes Jahr im Rahmen der deutschen Woche. Die deutsche Woche umfasst eine Reihe von Veranstaltungen in Ufa die mit der deutschen Sprache und Kultur verbunden sind. Es gibt verschiedene Konferenzen für Germanisten und Deutsch Interessierte, Sprachwettbewerbe wie den Dolmetscher-Wettbewerbe und kulturelle Veranstaltungen wie das deutsche Liederfestival. Aber das Filmfestival ist der Höhepunkt würde ich sagen, die umfangreichste Veranstaltung mit dem größten Publikum.

 

Sind sie schon immer Film interessiert oder ist das einfach Teil ihrer Arbeit?

Nein, nein, das Interesse gibt es schon lange, vor Allem für deutsche Filme, weil ich Deutsch studiert habe und das meine Haupt-Fremdsprache ist.

 

Wie geht die Auswahl der Filme von statten?

Ich habe die Auswahl diese Jahr ganz alleine getroffen. Der Prozess dauert für mich so ca. 2 bis 3 Wochen. Ich mache mir erst eine Kandidatenliste, das sind dann so 20-30 Filme. Dann recherchiere ich zu diesen Filmen, lese Kritiken und Diskussionen im Internet. Am Ende bleiben dann noch 12 bis 15 übrig. Ich bestelle alle diese Filme beim Film-Archiv vom Goethe Institut. Die sehe ich mir dann alle an und such davon 5 oder 6 aus, die dann bei der deutschen Filmwoche gezeigt werden. Die Filme, die ausgewählten und auch die, die es nicht geschafft haben, kann man hier bei uns im deutschen Lesesaal übrigens alle ausleihen.

 

Welche sind die Kriterien für die Auswahl?

Am wichtigsten ist das Thema, das Thema diesen Jahres war junges deutsches Kino von jungen Regisseuren. Die Filme die gezeigt wurden waren alle von jungen Regisseuren. Dazu sollten die Filme natürlich interessant sein, für ein breites Publikum. Wir zeigen auch immer einen Kinderfilm, dieses Jahr war das „Sergeant Pepper“. Ich mache aber keine professionelle Auswahl, ich bin kein Film-Regisseur. Am Ende suche ich die Filme aus, die ich selbst gerne sehen würde und hoffe das Andere die auch interessant finden.

 

Gibt es vom Goethe-Institut einen Filmkanon oder Vorschläge zur Auswahl?

Nein, da bin ich völlig frei, ich kann alle Filme bestellen die momentan im Archiv sind und das sind eine Menge.


Auffällig war ja das zumindest 4 der 5 Filme einen Bezug zur russischen Kultur hatten, war das auch ein Kriterium?

Nein, diese Berührungspunkte von deutscher und russischer Kultur zeigen zu wollen, war keines meiner bewussten Kriterien bei der Filmauswahl, das ist rein zufällig so gekommen.

 

Wie legen sie die Reihenfolge der Filme fest, gibt es da ein Konzept?

Naja, also „Goethe!“ als Eröffnungsfilm ist klar, der ist leicht und unterhaltsam. Den sehen die Leute gerne, und er führt an die deutsche Kultur als Thema heran. Dann am zweiten Tag, das war für mich klar, „Poll“. Als Eröffnungsfilm war der ein bisschen zu ernsthaft, aber er ist mein Favorit unter all den Filmen. Dann als Drittes brauchten wir wieder etwas leichteres [„Am Ende kommen Touristen“], und am vierten Tag zeigen wir traditionell dann einen politischen Filme [„4 Tage im Mai“]. Am Ende sollte dann nochmal ein leichter Film kommen, kein Drama, der die Zuschauer gut gelaunt entlässt [„Westwind“]. Und nicht zu vergessen natürlich auch was für die Kinder [„Sgt. Pepper“].

 

Wie war denn, mal zum Vergleich, das Programm des Festivals letztes Jahr?

Letztes Jahr war ich auch für das Filmfestival zuständig, zusammen mit der deutschen Lektorin, die wir dieses Jahr nicht hatten. Moment, ich habe ein Programm, ich hab das nicht alles im Kopf.


[Das Programm vom Jahr 2013:

MO „Renn wenn du kannst“ Regie: Dietrich Brüggemann;

DI „Ganz nah bei dir“ Regie: Almut Getto;

MI „Wintertocher“ Regie: Johannes Schmid;

MI„Nikolaikirche“ Regie: Frank Beyer;

DO „Das Lied in mir“ Regie: Florian Micoud Cossen;

FR „Lichter“ Regie: Hans-Christian Schmid]


Interessant, was das letzte Festival angeht, war das 3 Filme ohne russische Untertitel waren. Wir müssen aber alle Filme mit russischen Untertiteln zeigen, sonst könnten ja nur die Germanisten was

verstehen. Wir mussten also selbst übersetzen, das war wahnsinnig schwer. Ich habe selbst die Untertitel zu „Ganz nah bei dir“ geschrieben, Studenten haben die anderen Filme übersetzt. Wir sollten das alles in einer Woche schaffen. Da mussten wir Tag und Nacht arbeiten.

 

Sind die Filme im Film Archiv des Goethe-Instituts normalerweise immer untertitelt?

Es gibt beides, Filme mit und ohne russische Untertitel. Das war vielleicht ein Fehler von uns letztes Jahr, das wir Filme ausgewählt haben die teilweise ohne russische Untertitel waren. Wir hatten schon alle Flyer und Werbeartikel gedruckt, und haben das dann gemerkt. Erst haben wir überlegt ein Experiment zu machen und die Filme ohne Untertitel zu zeigen, aber die Leute von „Rodina“ haben gesagt, dann würde ja keiner kommen und sie müssten Tickets verkaufen. Dann haben wir die halt selbst übersetzt und das hat auch ganz gut funktioniert.

 

Ist die deutsche Filmwoche schon immer im „Rodina“ Kino?

Ja, das ist schon lange Tradition. Nur das erste Festival war nicht im „Rodina“, so viel ich weiß. Über die französischen Philologen wurde danach der Kontakt zu den „Rodina“ Leuten hergestellt, es gibt nämlich auch eine französische Filmwoche.

 

Ich danke ihnen für das Interview, Frau Bakajewa!

 

Viktor Sommerfeld, Mai 2014

"Und jetzt Odessa" - Abends vor dem Fernseher

Ich wohne jetzt seit knapp zwei Wochen bei einer Gastfamilie, das heißt, ich kam ein paar Tage vor dem Krim-Referendum an. Im Gegensatz zu Deutschland, ist das in Russland genug Zeit um eine Beziehung zueinander aufzubauen, die eine freie Meinungsäußerung zulässt. Meine Familie, das sind meine Gastgeberin, Elina Nurowna, ihr Ehemann Ilnur, der 9-jährige Sohn Davlad, und die Eltern von Elina; zum einen Teil tartarisch, zum anderen Teil baschkirisch. Nach meiner Einschätzung, die natürlich noch nicht von sehr vielen Russland Erfahrungen zehren kann, eine Familie des gehobenen Mittelstands. Ein komfortables, 3-geschossiges Haus am Ende der Straße einer Wohnsiedlung, im Garten ein Hund, eine Banja und im Sommer eigenes Gemüse. Alle studiert oder in angesehenen Berufen, Elina, Soziologin, Ilnur, Polizist, Elinas Mutter, ehemalige Chefärztin in Rente und Elinas Vater, Militär a.D. Ich wurde gastfreundlich, offen und herzlich empfangen und gleich, wie selbstverständlich, in den Alltag aufgenommen. Trotz meiner schlechten Russischkentnisse habe ich versucht, so viel wie möglich an russischer Berichterstattung zur politischen Situation in der Ukraine und an Reaktionen darauf, aufzuschnappen,

Nicht erst seit Beginn der Krim-Krise, wird in den deutschen Leitmedien wie Bild, Spiegel, SZ oder auch Zeit, ein dunkles Bild von Propaganda und tendenziöser Berichterstattung in den russischen Medien gezeichnet. Was nicht nur ein Urteil über die Abhängigkeit der russischen Medien vom Staat ist, sondern auch ein Urteil über die russische Bevölkerung, denn Propaganda funktioniert nur da, wo sie auf einen bereiten Empfänger trifft. Und gäbe es den nicht, müsste man im Westen nicht drüber schreiben.

Tagsüber ist Politik kein großes Thema, keine Zeit, kein Platz, es gibt wichtigere Dinge. Das Abendessen aber, während dem meist Rossija 1, das russische Staatsfernsehen läuft, ist die Zeit des Meinungsaustauschs. Wie in Deutschland, so auch hier.

Der erste Blick, bestätigte das Bild, das mir von den westlichen Medien vorgezeichnet wurde: Die russische Propaganda, sie wirkt!

Man erzählt mir freudig von Pro-Russischen Demonstrationen, die in Städten außerhalb der Krim aufflammen. Von den Maidan-Faschisten, die den Chef, des ukrainischen Staatsfernsehens aus dem Amt prügeln, weil er Putins Rede zum Krim-Referendum übertragen lässt. Von ukrainischen Soldaten, die Waffen in einem Lagerhaus horten, um damit die unbewaffnete Krim-Bevölkerung zu attackieren. Von Menschen, die im russischen Fernsehen auftreten und ihre Angst äußern, bei der Heimkehr in die Ukraine vom „Maidan“ umgebracht zu werden. Von ukrainischen Polizisten, die auf Befehl des „Maidan“ den Anführer der Pro-Russischen Bewegung in Donezk, Pavel Gubarev, ins Koma prügeln.

Und im Fernsehen, das während der Gespräche weiter läuft, ist ständig die Rede von der gemeinsamen Kultur Russlands und der Ukraine. Intelligent und verdächtig-vertrauensvoll aussehende Leute äußern sich abwertend zu den Maidan-Faschisten. Nikolaj Walujew tritt auf, „ein echter Politiker“ (Anmerkung: Mitglied und Duma-Abgeordneter der russischen Regierungspartei „Einiges Russland“), im Gegensatz zu Klitschko, „der eh kein Ukrainer, sondern eine von Deutschland und den USA kontrollierte Marionette ist“. Und neben ihm sitzt der Chef eines Moskauer Rocker Clubs, der seinen Freund Wladimir Putin lobpreist und seinen Stolz auf dessen mutige Taten als russischer Präsident verkündet.

Später, als das Speiseeis auf den Tellern schon geschmolzen ist, packt Elinas Mutter einen alten Sowjet-Atlas aus, und zeigt auf die Region um Odessa. Die wollten jetzt auch zu Russland gehören, das einzige Problem sei nur, dass es keine Verbindung zum russischen Festland gebe.


Soweit, so klar?


Eben nicht. Auf den zweiten Blick musste ich mir unweigerlich ein paar Fragen stellen.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den gemachten Beobachtungen, und den Beobachtungen die man machen würde, wenn man mir und meiner Familie abends in Deutschland beim Tagesthemen schauen über die Schulter guckte?

Es gibt keinen. Natürlich, die Menschen hier glauben das, was sie täglich in ihren Nachrichten aufgetischt bekommen. Aber das ist in Deutschland nicht anders. Der Unterschied liegt also in der Qualität der Informationen?

Viele Male, konfrontiert mit öffentlicher Berichterstattung, hab ich mir insgeheim gedacht, „was für ein Quatsch, wer soll das denn glauben“. Woher kommt diese reflexartige Skepsis, teilweise sogar Ablehnung gegenüber jeglicher Information aus den russischen Medien? Welche Qualifikation habe ich, zu beurteilen, ob das die Wahrheit ist oder nicht? Und warum sollten die Menschen mit denen ich hier jeden Abend sitze diese nicht haben?

Ich habe eine solche Qualifikation nicht. Nichts, außer einem Weltbild, das den Glauben an eine derartige Information nicht zulassen will. Ein Weltbild, das hauptsächlich aus gut 12 Jahren bewusstem Konsum von Medien geformt wurde. Angefangen mit dem Tagesspiegel meiner Eltern, bis zur selbstgesteuerten Informationsaufnahme in SZ, Spiegel Online und Zeit. Meine Ablehnung geschieht also auf Basis von Informationen, die denselben Quellen entstammen, wie die Stimmen, die den russischen Medien Propaganda vorwerfen. Endlich mal ein Zeitpunkt, um das schöne Bild der selbsterfüllenden Prophezeiung zu bemühen.

 

Den Menschen die mich jeden Tag umgeben, die mir Suppe, selbstgemachte Pilmeni, Tee, und auch mal einen Wodka auf den Tisch stellen, die ein Zimmer für mich räumen, das normalerweise von einem Familienmitglied benötigt wird, die mit aller Geduld und Liebenswürdigkeit versuchen mir die russische Kultur (und die tatarische und baschkirische) näher zu bringen, die mich täglich zum Lachen bringen, weil sie mir letztlich doch so ähnlich sind, warum sollte ich denen eine größere Leichtgläubigkeit vorwerfen als mir selbst? Das ist es nämlich was wir mit diesem Propaganda-Vorwurf tun. Die Leute hier haben ebenso wie wir ein Weltbild, das nach Bestätigung schreit. Nur eben ein ganz anderes.

 

Viktor Sommerfeld, März 2014

"Wir sind mit dir Krim"

Auch vor Ufa macht das Weltgeschehen nicht halt. Am 16. März 2014 – dem Tag des Referendums auf der Krim – haben sich hier, wie in verschiedenen anderen Städten des Landes auch, Menschen zur Unterstützung der russischsprachigen Bevölkerung auf der Halbinsel zu einer Demonstration versammelt. Es war eine sehr spezielle Sicht der Dinge, die dabei stark konzentriert zum Ausdruck gebracht wurde.

Bereits aus einiger Entfernung sichtbar waren die übergroßen, schwarz-orange-schwarzen Fahnen – die Farben des Georgs-Ordens, einer seit dem 18. Jahrhundert existierenden militärischen Verdienstauszeichnung. Benutzt werden diese Farben aber auch von der sogenannten „Nationalen Befreiungsbewegung“ (Nazionalnoe-oswoboditelnoe dwischenie, NOD). Sie sieht sich im Kampf um die Wiederherstellung der territorialen Ganzheitlichkeit Russlands, die dieses 1991 dank des „Verräters Gorbatschow“ verloren habe. „Russland, Ukraine, Belarus – ein Volk!“, heißt es in diesem Selbstverständnis.

Die NOD ist an sich nicht unbedingt eine Massenbewegung. Ihre Kernaussagen jedoch, gerade etwa zur historisch begründeten Zusammengehörigkeit der drei genannten Länder, sind allgemein unter großen Teilen der russländischen Bevölkerung weit verbreitet und gerade im Zusammenhang mit den Geschehnissen in der Ukraine und der Lage auf der Krim hoch aktuell und emotional stark aufgeladen. In zahlreichen russischen Städten hatte die NOD deshalb für den 15. und 16. März zu Veranstaltungen in Unterstützung des Referendums aufgerufen: „Krim, komm nach Hause zurück“, lautete dabei eine der zentralen Losungen. Man unterstütze das Streben der Krim-Bewohner nach Freiheit, historischer Gerechtigkeit und einem normalen und ruhigen Leben. „Ein Volk, eine Geschichte, ein Schicksal!“

In Ufa sind etwa 300 Menschen dem Aufruf gefolgt, für lokale Verhältnisse nicht unbedingt wenig. Dabei entstand allerdings der Eindruck, dass es sich hierbei in erster Linie um den aktiven Teil der eigenen, aber auch der Anhänger anderer Organisationen gehandelt hat: neben einem Meer aus NOD-Fahnen sind ebenso LDPR-Fahnen und jene der PWO (Partija Welikoe Otetschestvo – Partei Großes Vaterland) zu sehen. Außerdem haben sich einige Desantniki eingefunden, Angehörige der Luftlandetruppen, die ebenfalls ihre Fahnen in die Höhe hielten. Dazwischen fanden sich weitere Teilnehmer verschiedenster Altersstufen. Jungen in Camouflage, die Russlandfahnen schwenkten. „Die Krim war, ist und wird immer Russland sein“, ließ sich eine Teilnehmerin vernehmen. „Eine andere Wahl gibt es nicht. Nur nach Russland, nach Hause!“

Der Marsch folgte einer Route von etwa zwei Kilometern entlang der zentralen Magistrale der Stadt. NOD-Aktivisten verteilten während der ganzen Zeit die März-Ausgabe ihres Bulletins an Passanten. Der Leitartikel darin, eine Analyse der Ereignisse in der Ukraine. Auch hier jene grundlegende Einschätzung, wie sie in den letzten Monaten in den meisten großen Massenmedien des Landes ständig wiederholt worden ist: beim Umsturz in Kiew handelte es sich um eine ungesetzmäßige Ergreifung der Macht durch faschistische Kräfte, unterstützt durch die USA und die EU. „USA – Sponsor des weltweiten Terrors“, lautete eine der Losungen auf den mitgeführten Bannern. Eine andere: „Kein Weiterkommen dem Faschismus“ (Faschism ne projdjot).

Ähnliches war bereits in der Ankündigung zur Veranstaltung zu lesen, in der es hieß, dass „der Faschismus und die Aggressionen des Nato-Blocks nicht hinnehmbar seien“. Einer der Organisatoren erklärte während des Marsches: „Nur vereint können wir jeden beliebigen Feind zurückschlagen“. Sein schwarzes T-Shirt trug die Aufschrift Berkut. „Wenn wir keinen Maidan in unserem Land wollen“, so sagte er weiter, „dann dürfen wir nicht nach Westen schauen, sondern wir müssen den Patriotismus in unserem Land stärken.“ Ganz wie zur Bekräftigung dieser Aussage wirkte ein Plakat am Lastwagen der Organisatoren, in dem nach Ende der Veranstaltung alle mitgebrachten Banner verschwanden: ein mächtiger Braunbär blickt einem Weißkopfadler, dem Symbol der USA, streng in die Augen, beide brüllen sich scheinbar an. „Unser Land – unsere Regeln“ stand unter dem Bild geschrieben.

Nach Abschluss des Marsches, kurz nachdem dieser bereits offiziell für beendet erklärt worden war, tauchte plötzlich ein Mann mit iPad auf. Er stellte sich selbst als Bürgerjournalist vor, filmte die Anwesenden und stellte Fragen nach der Rechtmäßigkeit des Referendums. Anfangs versuchte man noch mit ihm zu diskutieren. Es wurde allerdings schnell klar, dass er wohl eine andere Meinung vertritt und man verlor schnell die Geduld. Er wurde als Provokateur beschimpft, man fragte nach seiner Zugehörigkeit und beantworte sich die Frage gleich selbst: „Welche schon, ganz sicher von der Partei des analen Fortschritts.“ Eine grobe Anspielung auf die Partei des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny (Partija Progressa). Das es aus Sicht der Demonstrationsteilnehmer nur einen Weg aus der Krise gebe, machte nicht zuletzt auch eine Losung während des Marsches sehr formelhaft deutlich: „Heimat. Freiheit. Putin!“

Matthias Kaufmann,
März 2014

Die Große Wasserweihe

In der Orthodoxen Kirche wird am 19. Januar jeden Jahres der in allen vier Evangelien beschriebenen Taufe Jesu Christi gedacht. Das Element Wasser erlangt an diesem Tag eine herausragende Bedeutung, es wird zum „großen Heiligtum“ geweiht. Dessen reinigende Kraft, so heißt es im russischen Volksglauben, wäscht alle Sünden hinfort. Zum festen Bestandteil dieses Tages gehört deshalb auch das rituelle Bad in einem Fluss oder See – mitten im strengsten Winter.

Sergiev-Kathedrale in Ufa

Die Luft ist kalt an diesem Morgen. Es herrschen minus 15 Grad. Die Gehwege liegen unter hohem Schnee begraben. Dennoch sind an diesem Sonntag nicht unbedingt wenige Leute auf den Straßen anzutreffen. Vor allem in Nähe der Kirchen wächst deren Zahl deutlich. Von der Sergiev-Kathedrale aus schlängelt sich eine vom Priester und den Diakonen der Kirche angeführte Prozession aus etwa 200 Leuten den Hügel hinab. Ein Chor singt Gebete. Ikonen, Kreuze und Fahnen werden vorneweg getragen. Ziel ist der unweit gelegene Fluss Belaja, der von einer dicken Eisschicht eingeschlossen ist. Nur an einer Stelle, direkt am Ufer, ist ein Loch in das Eis geschlagen. Es ist einer von 4 Plätzen in Ufa, an denen am heutigen Tag die sogenannte Große Wasserweihe stattfindet, eines der wichtigsten Ereignisse im orthodoxen Festkalender.

Entgegen der Kleinen Wasserweihe, die im Prinzip beliebig oft im Kirchenjahr vorgenommen werden kann, ist die Große Wasserweihe gebunden an den als „Taufe des Herren“ (Kreschene Gospodne) bezeichneten Festtag, der an die Taufe Jesu Christi durch den Propheten Johannes im Fluss Jordan erinnert. In der Russischen, wie auch in anderen Zweigen der Orthodoxen Kirche, wird dieser Feiertag im alten Stil, also nach julianischem Kalender begangen und fällt deshalb auf den 19. Januar des gregorianischen Kalenders.

Dieser Festtag besitzt im Russischen noch eine zweite Bezeichnung: Bogojavlenie – also die „Erscheinung des Herren“ oder Epiphanias, wie derselbe Feiertag auch in der lateinischen Kirche genannt wird (hier begangen am 6. Januar). Diese Bezeichnung verweist auf das weitere wesentliche Ereignis, welches die Taufe laut den biblischen Erzählungen auszeichnet. Demnach öffnete sich, nachdem Jesus bereits aus dem Wasser herausgestiegen war, der Himmel und der Heilige Geist stieg in Gestalt einer Taube auf die Erde hinab. Gleichzeitig war eine Stimme zu vernehmen, die Jesus als „geliebten Sohn“ bezeichnete. Dadurch ereignete sich die zweifache Offenbarung sowohl der Gottessohnesschaft Jesu, als auch der Allerheiligsten Dreifaltigkeit von Sohn, Vater und Heiligem Geist. Die Dreizahl spielt in den rituellen Handlungen des Festtages dementsprechend eine zentrale Rolle.

Die von der Sergiev-Kathedrale gestartete Prozession, die in Anlehnung an das biblische Geschehen auch als „Gang zum Jordan“ (Chod na Iordan) bezeichnet wird, ist mittlerweile an besagter Stelle am Flussufer angekommen. Es ist nicht unüblich, dass das Loch im Eis, der „Jordan“ im russischen Sprachgebrauch, in Form eines Kreuzes gestaltet ist. Hier jedoch wurde lediglich eine rechteckige Öffnung in den zugefrorenen Fluss geschlagen. Speziell ausgelegte Bretter sollen ein besseres Herantreten ermöglichen. Auf der zum Fluss hin gelegenen Seite der Öffnung ist ein kleines Pult errichtet, auf der gegenüberliegenden Uferseite ein orthodoxes Kreuz – beides geformt aus Eis.

Nachdem sich die Teilnehmer der Prozession hinter dem Kreuz versammelt haben, beginnen die Geistlichen mit der Zeremonie. Erneut Gesänge, Weihrauch wird über den Platz geschwenkt. Der Priester liest unter anderem Auszüge aus dem Buch des Propheten Jesaja, in dem die Ankunft des Herren auf der Erde verkündet wird, sowie die Beschreibung der Taufe Jesu aus dem Markusevangelium. Es folgen durch den Diakon litaneiartig vorgetragene Bittgebete: „Dass herabkomme auf dieses Wasser das reinigende Wirken der Dreieinigkeit, die über allem Sein ist, lasset zum Herrn uns beten!”, heißt es darin etwa. Gleichzeitig liest der Priester ein längeres Gebet, dessen zentrale Passagen, Anrufungen des Heiligen Geistes zur Heiligung des Wassers, jeweils dreimal wiederholt werden. Als Abschluss der Zeremonie taucht der Priester ein mitgeführtes Kreuz, dass bisher auf dem Pult gelegen hat, ebenfalls dreimal in das Wasser des „Jordans“ und besprengt damit die umstehenden Teilnehmer.

Источник: ufacity.info

Aus irgendeinem Grunde – vielleicht liegt es ja an der den Umständen entsprechend surreal wirkenden Gleichsetzung der zugefrorenen Belaja mit dem Jordan – ist es gerade hier besonders beeindruckend zu beobachten, wie sehr Religion doch ganz wesentlich durch die Wiederholung von Ereignissen lebt, die sich sozusagen in einer ‚mythischen Urzeit‘ abgespielt haben. Das biblische Geschehen wird nicht einfach nur erinnert, es wird regelrecht vergegenwärtigt und an den Ort der Zeremonie transferiert. Durch die Handlungen der Beteiligten findet eine Erneuerung des Heilsgeschehens statt. So, wie durch die Taufe Jesu nicht nur das Wasser des Jordan, sondern alle Gewässer geheiligt wurden sind, so wird durch die Große Wasserweihe im orthodoxen Verständnis ebenfalls die Natur des Wassers geweiht und damit, das Wasser als Ursprung allen Seins betrachtend, die Schöpfung insgesamt.

Das während der Großen Wasserweihe gesegnete Wasser wird in der Orthodoxen Kirche wohl auch deshalb als großes Agiasma bezeichnet, als das „große Heiligtum“. Durch das Ritual der priesterlichen Weihe ist es zum „Ort der Anwesenheit Christi und des Heiligen Geistes“ geworden, hat auf diese Weise heilsame Eigenschaften erlangt und soll, so heißt es, weder verderben noch seine Heiligkeit verlieren. Auf dem Gelände der Sergiev-Kathedrale, in der nach der Zeremonie am Fluss ein Abschlussgottesdienst stattfand, hat sich aus diesem Grunde mittlerweile eine lange Schlange geduldig in der Kälte ausharrender Menschen gebildet. In einem Nebengebäude lassen sie sich heiliges Wasser in mitgebrachte Flaschen oder andere Behältnisse abfüllen, um es für ein Jahr oder länger auf Vorrat mit nach Hause zu nehmen. Auch direkt aus dem Eisloch im Fluss wird Wasser abgefüllt.

Mit dem Wasser segnen die Gläubigen ihre Häuser, Wohnungen und andere Dinge. Benutzt wird es aber auch als Heilmittel gegen seelische und körperliche Beschwerden. Entweder indem man kleine Schlucke davon auf leeren Magen trinkt, oder indem man es zum Waschen der kranken Person benutzt bzw. sein Bett damit besprengt. Aufbewahrt werden die Behältnisse mit dem Wasser in der sogenannten „roten Ecke“. Damit wird jener Ort eines Hauses oder der Wohnung bezeichnet, an dem die Ikonen aufgestellt sind – der heimische Altar. In der Kirche selbst findet das Wasser beispielsweise Verwendung bei der Weihe liturgischer Gegenstände, Ikonen oder dem Backen von Prosphoren (dem bei der Kommunion verwendetem Brot).

Der Glaube an die Heiligkeit des gesegneten Wassers und damit verbunden an dessen Fähigkeit, den Körper von Krankheiten und den Geist von Sünden zu reinigen, findet seinen besonderen Ausdruck zudem in einem weiteren Brauch, der an diesem Tag häufig im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit steht – dem rituellen Bad. In diesem Zusammenhang wird das Eisloch im Russischen auch als „Kupel“ (купель) bezeichnet, was eigentlich der Begriff für das Taufbecken ist. Dadurch wird gewissermaßen auch lexikalisch deutlich, welche grundlegende Idee hinter dem Untertauchen im Wasser steckt: das Reinwaschen der Seele von religiöser Schuld und die (Wieder)Eingliederung in die kirchliche Gemeinschaft.

Dass es sich bei diesem rituellen Bad vor allem um einen Volksbrauch handelt, wird die orthodoxe Kirche nicht müde zu betonen: „Bei jedem beliebigem kirchlichen Feiertag ist es unumgänglich seinen Sinn und sein Wesen zu unterscheiden von den um ihn herum entstandenen Traditionen.“ Vermutlich wurde das Baden im Fluss am Epiphaniastag von Jerusalem über Konstantinopel in die von dort aus christianisierte Kiever Rus eingeführt. Jedenfalls ist der Brauch schon sehr alt und ungeachtet der regelmäßigen Hinweise der orthodoxen Geistlichkeit, dass ein solches Bad allein „nicht von Sünden befreit“, so zieht dieser Teil des Feiertages doch scheinbar die weitaus meisten Leute an. Allein in dem Eisloch in der Belaja – wie gesagt, einem von insgesamt 4 in Ufa – haben, laut lokalen Presseberichten, an diesem Tag etwa 1000 Personen eine solche rituelle Waschung vollzogen.

Unter Beobachtung von Sanitätern steigen die Gläubigen in das Eisloch und tauchen dreimal unter, wobei sich nach jedem Auftauchen bekreuzigt wird, also auch insgesamt dreimal. Es sind vor allem Männer, die sich diesem Akt unterziehen, vereinzelt aber auch Frauen und Kinder, obwohl vor allem in Bezug auf Letztere im Vorfeld des Festtages Ärzte regelmäßig strikt davon abraten. In einem Zelt gibt es anschließend die Möglichkeit sich aufzuwärmen. Zudem wird für alle Anwesenden kostenlos heißer Tee ausgeschenkt.

Auch wenn nun der Brauch des Eisbadens in erster Linie mit der Idee einer rituellen Waschung verbunden ist, so kann wohl andererseits ebenso davon ausgegangen werden, dass nicht immer nur rein geistliche Gründe die ausschlaggebende Motivation dazu liefern. Als feste Tradition gehört es mitunter an diesem Tag ganz einfach dazu. Dabei ist zudem nicht selten die Meinung zu hören, dass es, weniger aus spirituellen denn aus gesundheitlichen Gründen, gut für Körper und Geist wäre, ein Bad im kalten Wasser zu nehmen. Mitunter wird dies dann direkt verbunden mit dem Gang in die Banja. Zum Teil finden außerdem andere eher “weltliche” Ereignisse statt. An einer der weiteren Badestellen in Ufa, im Park Jakutowa, wurde in einem etwas größerem Eisloch, dass mehr Ähnlichkeit mit einem Schwimmbecken hatte, ein Wettschwimmen veranstaltet – wobei unter den Teilnehmer dann wohl auch in erster Linie das Vergnügen im Vordergrund gestanden haben dürfte.


Matthias Kaufmann,
Januar 2014

Good bye Mr. President

Tatarstan und Baschkortostan sind die beiden letzten Republiken der Russischen Föderation, deren Oberhäupter noch als “Präsident” bezeichnet werden. Laut eines 2010 verabschiedeten Gesetzes muss sich das bis zum 1. Januar 2015 ändern. Im November 2013 hat das Verfassungsgericht Baschkortostans ein dementsprechendes Projekt in das Parlament der Republik eingebracht. Während sich die Mehrheit der Bevölkerung eher ruhig demgegenüber verhält, regt sich Protest dagegen in erster Linie in den Reihen einiger baschkirischer Gruppen und Organisationen.

Von den insgesamt 83 Föderationssubjekten Russlands sind 21 Republiken, ein Status, der einhergeht mit gewissenen Autonomierechten und der vor allem dem, zumindest formal existierendem, Selbstbestimmungsrecht der verschiedenen auf dem Gebiet Russlands beheimateten ethnischen Gruppen Rechnung trägt. Die Republiken gelten als quasi-staatliche territoriale Einheiten der entsprechenden Titularethnien – also etwa der Baschkiren in Baschkortostan, der Tataren in Tatarstan usw. Zu den Sonderrechten der Republiken gehören unter anderem das Recht auf eine eigene Verfassung und die Pflege einer weiteren Staatsprache neben dem Russischen.

Seit der Umformierung der zuvor zumeist bereits als Autonome Sozialistische Sowjetrepubliken bestehenden Gebiete in die heutigen Republiken der Russischen Föderation Anfang der 1990er Jahre trugen die politischen Oberhäupter mehr als der Hälfte dieser Regionen den Titel Präsident. Bereits 2005 wurde in der Republik Kalmückien diese Bezeichnung ersetzt durch den Titel glava, was im Grunde auch einfach mit Oberhaupt übersetzt werden kann. Den Stein ins Rollen brachte allerdings erst 2010 ein Vorstoß Ramsan Kadyrovs, Oberhaupt der Republik Tschetschenien, bei dem er erklärte, dass “in Russland nur eine Person das Recht besitzt als Präsident bezeichnet zu werden”. Kadyrov bat das Parlament dementsprechend seinen Titel in glava zu ändern und betonte, man müsse die “Parade regionaler Präsidenten” im Lande einstellen. Unterstützung erhielt er dabei umgehend von den Oberhäuptern der anderen nordkaukasischen Republiken, die sich in einer gemeinsamen Erklärung an die Staatsduma gewandt und darum gebeten haben, ein entsprechendes Gesetz zu verabschieden, was im Dezember desselben Jahres auch geschah. Den Republiken wurde darin bis zum 1. Januar 2015 Zeit eingeräumt, sich eine neue Bezeichnung zuzulegen. Obwohl es in dem Gesetz auch heißt, dass bei der Umbenennung auf “historische, nationale und andere Traditionen des jeweiligen Subjekts der Russischen Föderation” Rücksicht genommen werden kann, wurde bisher ausschließlich der Titel glava verwendet.

Die Staatliche Versammlung Kurultai - das Parlament Baschkortostans

Anfang November 2013 hat das Verfassungsgericht Baschkortostans einen Gesetzesentwurf in das Parlament eingebracht, wonach das Oberhaupt der Republik zukünftig ebenfalls diesen Titel tragen soll. Um das Gesetz zur Abstimmung zu bringen waren 50.000 Unterschriften nötig, insgesamt kamen nach nur kurzer Zeit mehr als 70.000 zusammen. Die Mehrheit der Bevölkerung scheint dem Vorhaben wenig Bedeutung beizumessen. In den Diskussionsforen zu diesem Thema wird – sowohl von russischen als auch von baschkirischen TeilnehmerInnen – dementsprechend immer wieder die Meinung geäußert, Baschkortostan hätte “wichtigere Probleme als die Benennung seines Oberhauptes”. Der baschkirische Präsident Rustem Chamitov selbst hatte bereits im Vorfeld zum Ausdruck gebracht, dass er in der Umbennung keinerlei Sensation sehe und das davon auch keine Gefahr für den Status Baschkortostans als Republik ausgehe.

Anders sehen das die Vertreter einiger baschkirischer kultureller und politischer Organisationen. Nach Meinung des “Weltweiten Kurultai der Baschkiren” (vsemirnyj kurultaj baschkir), einer Organisation, die sich der “Entwicklung, Konsolidierung und Erneuerung der baschkirischen Kultur und des baschkirischen Volkes” verschrieben hat, wurde bereits das Gesetz 2010 unter “erdachten Vorwänden” verabschiedet. Das Verbot zur Verwendung des Begriffes “Präsident” besitzt aus Sicht des Kurultai einen “rein politischen Hintergrund” und ziele letztendlich auf die “Liquidierung offizieller Merkmale von Staatlichkeit der nationalen Republiken” und der “Unterordnung ihres politischen Statuses”. Dennoch erkenne man, wenn auch ausdrücklich “gezwungenermaßen”, die gegebenen politischen Realitäten an, lehnt allerdings den Vorschlag zur Umbennung des Titels in glava ab, da er nicht die “historischen und national-sprachlichen Traditionen des baschkirischen Volkes berücksichtige”. Als alternative Variante plädiert man stattdessen für den Begriff chakim, eine aus dem Arabischen stammende, noch heute im turksprachigen Raum verbreitete und laut dem Kurultai in “vergangenen Zeiten” auch von den Baschkiren verwendete Bezeichnung für ein politisches Oberhaupt.

Kategorisch abgelehnt wird jegliche Umbenennung hingegen vom “Baschkirischem Volkszentrum Ural” (Baschkirskij narodny zentr Ural), die darin eine Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht der Baschkiren und eine Schwächung der Regionen zugunsten des Moskauer Zentrums sehen. Ähnlich argumentiert auch die Bewegung “Kuk Bure” (himmlischer Wolf), die relativ aktiv in Erscheinung tritt, sich vor allem aus jungen Baschkiren zusammensetzt und sich als unabhängiger Kämpfer für die Rechte des baschkirischen Volkes versteht. Am 24. November 2013 hatten sie zu einer Demonstration gegen die Umbennung aufgerufen, zu der sich letztendlich allerdings nicht mehr als etwa 100 TeilnehmerInnen eingefunden haben. Kuk Bure treten offen nationalistisch auf und fordern den Erhalt einer “souveränen Staatlichkeit Baschkortostans”, allerdings, wie sie ausdrücklich hervoheben, “innerhalb der Russischen Föderation”, so wie es bei der Unterzeichnung des Föderationsvertrages 1992 auch ausgehandelt wurde. Aus ihrer Sicht verstößt das Gesetz zur Umbennung gegen die Verfassung der Russischen Föderation und stellt einen Verstoß gegen das Prinzip des Föderalismus dar. Das Einverständnis Chamitovs rühre ihrer Meinung nach daher, dass er alles tun würde, um sich auch weiterhin an der Macht zu halten. Abgelehnt wird von Kuk Bure zudem die Bezeichnung chakim, mit der die “Erniedrigung des politischen Statuses” lediglich verdeckt werden soll. Der Begriff besitze zudem, anders als vom “Weltweiten Kurultai der Baschkiren” behauptet, keinerlei baschkirische Tradition. Er existiere zwar in anderen turksprachigen Staaten wie Usbekistan und Kirgistan, allerdings als Stellung eines Gouverneurs unterhalb des Präsidenten. Aus Sicht der Bewegung ist somit nur die Beibehaltung der alten Bezeichnung akzeptabel.

Das es allerdings nichtsdestotrotz zur Umbenennung kommen wird ist nur noch eine Frage der Zeit, das Parlament hat dem Vorhaben mittlerweile zugestimmt und dabei festgelegt, dass in den baschkirischsprachigen Fassungen offizieller Dokumente auch eine baschkirischsprachige Variante für glava benutzt werden soll. Wie diese allerdings jedoch lauten wird ist noch unklar und weiterhin umstritten. Neben der Bezeichnung chakim gibt es noch weitere Vorschläge. In Tatarstan übrigens wird der Prozess zur Umbenennung bisher nicht besonders energisch betrieben. Der Präsident Rustem Minnichanov möchte laut eigener Aussage diese Bezeichnung, die ihm selbst “sehr gefalle”, nur gegen eine andere “geniale Variante” eintauschen – die habe man bisher allerdings noch nicht finden können.

Matthias Kaufmann,
Dezember 2013

Kulturschock im Tierheim

Jeder Besuch in einem Tierheim macht mich sehr trübselig. Egal wo es auf der Welt auch ist. In Deutschland, hat man auf dem Gelände viele Zwinger, Gehege, Hütten und manchmal auch ein Außengehege für die Tiere. Man erkennt sofort, dass es sich um ein Tierheim handelt. In Spanien kann man das nicht so schnell erkennen, da das Gelände auf den ersten Blick aussieht, wie ein normales Familiengrundstück. Sobald man eingetroffen ist, wird man gleich von 20 frei laufenden Hunden begrüßt, weil nur die aggressiven in Zwinger gesperrt werden.

Doch was ich in Russland gesehen habe hat mich geschockt. Ich habe mich mit einigen anderen Freiwilligen auf den Weg in ein Tierheim gemacht. Als wir am vermeintlichen Zielort ankamen, dachte ich, wir sollten das Haus was dort steht abreißen, da es so baufällig aussieht. Es stellte sich heraus, dass es das Tierheim war, in dem wir helfen wollten.

Das Tierheim ist auf einem alten Industriegelände errichtet worden, aber an sich wurde nichts renoviert. Es wurden lediglich alle Sachen, die nicht gebraucht werden, vor die Tür geschmissen.

Die erste Sache an die wir uns gemacht haben, war die Reparatur des Zauns, damit die Hunde nicht wieder ausbüchsen, oder andere ungebetene Gäste eindringen. Als nächstes machten wir uns daran, im Inneren des Gebäudes zu putzen. Da der Gestank so stark und penetrant war, fiel es mir zu Beginn sehr schwer normal zu atmen. Außerdem haben alle Freiwilligen einen Mundschutz und Handschuhe getragen, um eventuelle Infektionen zu vermeiden. Mein erster Gedanke war, dass hier wahrscheinlich noch nie richtig geputzt wurde. Wenn man darüber nachdenkt ein Haus zu reinigen, denkt man im ersten Moment garantiert nicht an Schaufel und Eimer. Doch genau damit haben wir begonnen, da auf dem Boden, eine 2 cm hohe Schicht aus Kot und Schmutz festgetreten war. Wir hatten viele Zuschauer, da viele Hunde hier frei umher gelaufen sind. Manchmal war es sehr schwersich auf die Arbeit zu konzentrieren, da alle Hunde gleichzeitig spielen und gestreichelt werden wollten. So hatte jeder zwei Aufgaben: das Aufräumen und das Beschäftigen der Hunde.

Ein herzlicher Empfang
Nahrung für die Tiere

Was ich dann als nächstes sah, hat mich umgehauen. Ich kam in die Vorratskammer, wo das Futter gelagert wurde. Es war nicht wie in Deutschland Trockenfutter oder Spenden von anderen Leuten, sondern einfach rohes Fleisch. Es waren einfach die Reste die beim Kochen weggeschmissen werden und die niemand gebrauchen kann und welche auch nicht auf Krankheiten oder Parasiten kontrolliert werden.

Wir arbeiteten den ganzen Tag und zwischendurch spielten wir mit den Hunden. Die Arbeit war sehr anstrengend, da man immer wieder die Treppen rauf und wieder runter rennen muss, um den Dreck hinaus zu bringen. Die Menschen, die dort arbeiten, sind dankbar für jede Art von Hilfe, denn sie sind total überfordert, was klar ist, wenn 3 Menschen für 150 Hunde sorgen müssen. Obwohl die Arbeit überaus anstrengend und schmutzig war und ich zwei Tage später noch leichte Kopfschmerzen hatte, war ich doch sehr froh dort etwas geholfen zu haben und würde es jederzeit wieder machen. Ich hoffe, dass das Interesse der Studenten, den Tieren zu helfen, nicht abreißen wird und sie, wie an dem Tag an dem ich mit anwesend war fleißig weiter arbeiten, um den bedürftigen Tieren zu helfen.

Pascal Hellfritsch Oktober 2013

Im Wandel der Zeiten

Die Pervaja Sobornaja Metschet ist die älteste Moschee Ufas und war zu Sowjetzeiten die einzig aktive der Stadt. Bis heute ist sie die „Hausmoschee“ der Zentralen Geistlichen Verwaltung der Muslime Russlands, die am 22. Oktober 2013 ihr 225-jähriges Gründungsjubiläum feierte. Beide Einrichtungen spiegeln auf besondere Weise die wechselvolle Geschichte, zumindest der letzten 200 Jahre, und die teilweise normalisierte, teilweise aber konfliktbeladene Gegenwart des Islam in Russland wider.

Im Jahre 1773 verabschiedete die Zarin Katharina II. einen als „Toleranzedikt“ bezeichneten Erlass, der, nicht zuletzt auch als Reaktion auf die während des 18. Jahrhunderts in Baschkirien häufig aufflammenden Unruhen und Aufstände, eine pragmatischere, in erster Linie an der Befriedung der Region interessierte Politik einleitete und eine Zäsur in der Haltung gegenüber den Muslimen des Reiches bedeutete. „Mit dem Gesetz Katharinas änderte sich der Umgang zum Islam und zu den Muslimen entscheidend“, kommentiert Artur Abdurachman Bikmurzin, den ich in der Pervaja Sobornaja Metschet treffe. Er ist Korrespondent der Zeitung „Magljumat al’ Bulgar“, dem publizistischen Organ der Zentralen geistlichen Verwaltung der Muslime Russlands. „Der Islam und seine Institutionen“, erklärt er, „wurden mit dem Erlass Katharinas offiziell wieder geduldet. Es konnten von nun an auch wieder Moscheen errichtet werden.“

Talgat Tadschuddin (rechts) / Foto: ZDUM

Parallel dazu kam es allmählich zum  Aufbau einer besonderen Verwaltungsstruktur: 1788 wurde die sogenannte „Orenburger Geistliche Versammlung“ gegründet, die, trotz des Namens, ihren Sitz in Ufa hatte und in deren Aufgabenbereich ab sofort die Organisation der muslimischen Gemeinden des Reiches lag. Der Vorsitz und damit die Position eines geistlichen Oberhaupts der russländischen Muslime wurde einem von zarischen Beamten ernannten Mufti übertragen. So entstand eine Art „Amtskirche“, wie sie für den Islam eher untypisch ist und die nicht zuletzt auch die staatliche Kontrolle über die religiösen Würdenträgern gewährleisten sollte. Nach mehreren Umbennungen und Umstrukturierungen zwischen 1918 und 1948, sowie erneut nach dem Zerfall der Sowjetunion, besteht diese Institution unter der Bezeichnung „Zentrale Geistliche Verwaltung der Muslime Russlands“ (ZDUM) bis heute fort. Ihr Vorsitzender ist Talgat Tadschuddin, Obermufti der Russischen Föderation.

Aufbau und islamische Renaissance

Der erste Mufti der Orenburger Versammlung las das Freitagsgebet noch in seinem eigenem Haus. Erst auf Betreiben seines Nachfolgers, Gabdesallam Gabdrachimov (1765-1840), erfolgte der Bau einer eigenen Moschee für die muslimische Gemeinde der Stadt – der Pervaja Sobornaja Metschet (Erste Versammlungsmoschee). Es war vor allem die kaufmännische Elite, die nach Erlass der Toleranzediktes den Aufbau islamischer Institutionen förderte. Auch die finanziellen Mittel zur Errichtung der ersten Moschee in Ufa bestanden vor allem aus den persönlichen Zuwendungen eines in der Stadt ansässigen Kaufmanns. Als Ort wurde das Gelände der ehemaligen Gouvernementsverwaltung zuf Verfügung gestellt, dass sich an der später so bezeichneten Tukaewa-Straße befand. „Bis heute“, so bemerkt Artur, „wird sie im Volksmund vor allem auch so genannt, die Mosche auf der Tukaewa.“

1830 war der Bau der Pervaja Sobornaja Metschet abgeschlossen, ein steinernes Gebäude mit einem Minarett. Trotz einiger Erweiterungsbauten, die seitdem stattgefunden haben, hat die Moschee bis heute ihre grundlegende Form bewahren können. Auf demselben Gelände entstanden außerdem 1865 das Gebäude der Orenburger Geistlichen Versammlung. Damit war der Grundbestand des bis heute bestehenden Komplexes der Zentralen Geistlichen Versammlung errichtet. 1887 erfolgte eine Erweiterung durch eine islamische Schule, die Usmania-Medrese. Neben den Moscheen waren es vor allem auch an diese angeschlossene Medresen, die nach dem Toleranzedikt neu gegründet wurden. Die Schuldichte islamischer Gemeinden überstieg dabei bald jene der umgebenden russisch-orthodoxen Bevölkerung, auch im Gebiet Ufa.

Die Folge der Islampolitik führte im Laufe des 19. Jahrhunderts so zum Aufblühen islamischer Kultur und Bildung im Wolga-Ural-Gebiet, zu einer „islamischen Renaissance“, wie dieser Prozess in der Geschichtswissenschaft mitunter genannt wird. Charakteristisch hierfür ist auch die Ausbildung einer eigenen regionalen muslimischen Identität. Die eigene Abstammung wurde zunehmend zurückgeführt auf das Reich der Wolgabulgaren (7.-10. Jahrhundert) und deren Islamisierung auf den unmittelbaren Auftrag des Propheten Mohammed. Damit grenzte man sich verstärkt von den übrigen islamischen Staaten und Reichen ab. Diese spezielle Tradition ist bis heute lebendig. „Tataren und Baschkiren“, erklärt Artur, „sind Träger der Religion seit vielen Jahrhunderten – seit ihre Vorfahren, die Wolgabulgaren, noch zu Lebzeiten Mohammeds, der eine Gesandtschaft zu ihnen schickte, den Islam angenommen haben.“ Hierin sieht er den Beginn der Ausbreitung des Islam auf dem Gebiet des heutigen Russland. „Nicht umsonst“, so Artur, „betrachtet Talgat Tadschuddin das heutige Russland hervorgegangen aus zwei Säulen: der heiligen Rus und den rechtgläubigen Bulgaren.“ In diesem Sinne forderte Tadschuddin bereits, den Halbmond in das Staatswappen Russlands aufzunehmen.

Vom Propheten Mohammed, so heißt es jedenfalls, besitzt die Pervaja Sobornaja Metschet auch eine geheiligte Reliquie: einige Haare von dessen Bart. Diese wurden der Überlieferung zufolge von Gesandten des osmanischen Sultans am Ende des 19. Jahrhunderts der Moschee als Geschenk überreicht. Sie haben, davon ist Artur überzeugt, nicht zuletzt auch dabei geholfen, dass die Moschee die Sowjetzeit unbeschadet überstanden hat und „nicht einen einzigen Tag geschlossen hatte.“

Unterdrückung und Überleben

Die antireligiöse Politik der Sowjetunion hatte auch für die islamischen Gemeinden weitreichende Folgen: Moscheen wurden geschlossen oder in Lagerräume, Schulen und Klubs umfunktioniert, noch bestehende hoch besteuert. Gab es 1892 auf dem Gebiet des heutigen Baschkortostan etwa 2500 Moscheen, waren es 1945 insgesamt nur noch 12 „arbeitende Kultstätten“, wie es im Sowjetsprech hieß. Geschlossen wurden auch die den Moscheen meist zugehörigen Bildungseinrichtungen. Auch die Usmania-Medrese der Pervaja Sobornaja Metschet ist davon nicht verschont geblieben, sie wurde 1918 in ein tatarisches Gymnasium umgewandelt. Ihren Höhepunkt erreichten die Repressionen schließlich im Zeitraum von 1928-1938 und nicht zuletzt im Zuge des „Großen Terrors“ (1936-38) unter Stalin. So wurde etwa auch der Imam der Pervaja Sobornaja Metschet 1936 verhaftet und zwei Jahre später erschossen, ebenso wie die gesamte Zusammensetzung der Zentralen Geistlichen Verwaltung, die 1938 unter dem Vorwurf der Verschwörung zerschlagen wurde.

Solche Ausmaße erreichten die Repressionen zwar seitdem nicht wieder, dennoch wurde von offizieller Seite auch in den Jahren nach dem Krieg (während dessen sich die Haltung etwas liberalisiert hatte) versucht, das religiöse Leben der Bevölkerung auf einem möglichst niedrigem Niveau zu halten. Die 1948 verabschiedete neue Satzung der Zentralen Geistlichen Verwaltung hielt diese in völliger Abhängigkeit zur Partei und gewährleistete damit die Kontrolle über den muslimischen Bevölkerungsteil der UdSSR. So wurde der Verwaltung etwa das Recht aberkannt, in den islamischen Gemeinden Medresen zu bauen bzw. generell Bildungsarbeit durchzuführen. Auch Moscheen wurden weiterhin keine neuen errichtet. Gab es in Ufa vor der Revolution insgesamt sechs Moscheen, blieb, nachdem 1960 die Gufran-Moschee abgebrannt war, die Pervaja Sobornaja Metschet bis 1991 die einzige noch funktionierende der Stadt. „Es waren vor allem die Gemeindeältesten, die Aksakale, die in jener Zeit den Glauben aufrecht erhielten,“ erklärt Artur. „Sie unterstützten die Moschee nicht nur materiell, sondern gaben auch ihr Wissen an die nächste Generation weiter. Man versammelte sich in ihren Häusern zum gemeinsamen Gebet, heute bei jenem, morgen bei einem anderen.“ Das religiöse Leben verlief im Grunde unbemerkbar für den Rest der Bevölkerung.

Als 1980 Talgat Tadschuddin in Moskau in das Amt der Vorsitzenden der Zentralen Geistliche Verwaltung eingesetzt wurde, sagte man ihm, dass er wahrscheinlich der letzte Mufti sein werde. Noch immer erhoffte man sich den baldigen Anbruch des Kommunismus als einer Welt ohne Religion. Nach dem Ende der Sowjetunion setzte allerdings eine gegenläufige Entwicklung ein und auch der Islam erfuhr eine starke Wiederbelebung. Allein in Baschkortostan wurden seit 1991 über 200 neue Moscheen gebaut, auch die Medresen als die traditionellen islamischen Bildungsstätten wurden wieder eröffnet. Daneben entstanden bisher zudem insgesamt 7 islamische Universitäten in Russland, eine davon im Bestand der Zentralen Geistlichen Verwaltung in Ufa. An ihr lernen in Vorbereitung für die zukünftige Ausübung eines geistlichen Amtes mehr als 700 Studenten die theologischen Grundlagen des Islam und dessen Geschichte. Die Pervaja Sobornaja Metschet selbst wurde erst vor kurzem von Grund auf restauriert. Anlass hierfür bot das 225jährige-Jubiläum der Zentralen Geistlichen Verwaltung. „Dabei wurde nicht nur die Moschee saniert“, wie Artur bemerkt, „der ganze Komplex wurde und wird erneuert. Neben dem Gebäude der Geistlichen Verwaltung ebenso die daran angeschlossene Druckerei und die Bäckerei. Auch ein Hotel wird zur Zeit gebaut.“

Alte Traditionen und neue Herausforderungen

Foto: ZDUM

Die Jubiläumsveranstaltung für die Geistliche Verwaltung fand am 22. Oktober 2013 im Baschkirischen Nationaltheater in Ufa statt. Neben Delegationen aus zahlreichen Ländern der islamischen Welt und offiziellen Vertretern der Russisch Orthodoxen Kirche, hat auch Präsident Putin daran teilgenommen. Er betonte dabei die Rolle, die der Islam als traditionelle Religion auf dem Gebiet der Russischen Föderation in Geschichte und Gegenwart spielt, bezeichnete ihn als ein „herausragendes Element im kulturellen Code Russlands“. Gleichzeitig warnte er aber vor dessen „Politisierung“ und den „von außen kommenden extremistischen Versuchen zur Spaltung der Gemeinschaft“. Erst am Vortag hatte in Wolgograd eine Selbtsmordattentäterin in einem Bus eine Bombe gezündet. Die Tat wird dem Umfeld islamistischer Gruppen aus Dagestan zugeschrieben.

Die Aufgliederung der islamischen Gemeinschaften in Folge der religiösen Erneuerungen nach dem Zerfall der Sowjetunion führte seit 1991 zur Herausbildung von über 50 eigenständigen Muftiaten (Geistliche Führungen) auf lokaler, regionaler und zum Teil auch ethnischer Ebene. Eine scharfe Konfliktlinie auch zwischen diesen Gemeinden selbst verläuft dabei zwischen den als traditionell wahrgenommenen Formen des Islam auf Russischem Gebiet, die in erster Linie mit nationalem Brauchtum gleichgesetzt werden, und nicht-traditionellen, die als aus dem Ausland kommende Formen des islamischen Fundamentalismus betrachtet werden, wofür sich im innerrussischen Diskurs das Schlagwort der „Wahabiten“ herausgebildet hat. In der Wahrnehmung des größten Teils der russischen Bevölkerung wird hiermit vor allem die Konfliktregion des Nordkaukasus in Verbindung gebracht. Spätestens nach dem Anschlag auf den obersten Mufti Tatarstans im Sommer 2012 in Kasan, dem sein Stellvertreter zum Opfer fiel, werden aber auch in der Wolga-Ural-Region Prozesse politischer Radikalisierung beobachtet. Die Mehrzahl der religiösen Führer des Wolga-Ural-Gebiets, aber auch der Gläubigen Muslime selbst, sieht sich hingegen in der Tradition des sogenannten „rossiskaja islam“ stehend – eines „russischen Islam“, dessen Wurzeln zu den religiösen Erneuerungs- und Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts zurückreichen und der sich als offen und modernisierungsfähig betrachtet, sowie eine Verbindung islamischer Werte mit staatsbürgerlicher Loyalität gegenüber Russland anstrebt. Auch der Anschlag in Kasan wurde so als Ausdruck des Konfliktes zwischen traditionellen und nicht-traditionellen Formes des Islam gedeutet.

Foto: ZDUM

In einem persönlichen Treffen mit den obersten religiösen Würdenträgern kurz vor der feierlichen Versammlung zum 225-jährigen Jubiläum in Ufa ließ Präsident Putin die anwesenden Muftis wissen, dass es unumgänglich sei, die „russische islamisch-theologische Schule zu stärken“ und den „traditionellen muslimischen Lebensstil“ zu fördern, als Gegengewicht zu „radikalen Ideologien“. Die Schaffung islamischer Kultur- und Bildungszentren und Klubs für Jungen und Mädchen seien hierfür eine wichtige Voraussetzung für eine, so Putin, „Sozialisation des Islam“. Darüber hinaus forderte er die Muftis dazu auf eine aktivere Rolle bei der sozialen Integration von Migranten zu spielen, die nach Russland kämen: „Viele von ihnen sind eure Glaubensgenossen. Sie sollten eure Stimme hören, eure Anteilnahme spüren; ansonsten werden sie zum Objekt der Propaganda für unterschiedliche fundamentalistische Strukturen.“

Aus historischer Perspektive ist es zumindest nicht ganz uninteressant, dass diese Worte auf der Jubiläumsveranstaltung zur 225-jährigen Gründung der Zentralen Geistlichen Verwaltung gesprochen werden, einer Institution, die ja vor allem auch gegründet wurde, um eine dem Staat gegenüber loyale religiöse Elite zu schaffen und damit zumindest die indirekte Kontrolle über die Gläubigen zu erhöhen. Zwar haben sich seit dem Ende der Sowjetunion neben der Zentralen Geistlichen Verwaltung in Ufa weitere zentrale Verwaltungseinrichtungen herausgebildet, etwa der 1996 gegründete Muftirat in Moskau. Die zum Teil scharfe Konkurrenz, die gerade zwischen diesen beiden Institutionen herrscht, dreht sich nicht nur um die Zuordnung muslimischer Gemeinden unter ihre Verwaltungshoheit, sondern auch um die Nähe zur politischen Macht. Diese Traditionslinie scheint so in der islamischen „Amtskirche“ seit 225 Jahren ungebrochen. Wenige Tage nach den Feierlichkeiten zum Gründungsjubiläum jedenfalls erhielt Talgat Tadschuddin, von Präsident Putin selbst überreicht, den staatlichen Orden „Für die Verdienste gegenüber dem Vaterland“.


Matthias Kaufmann,
November 2013

Ein fragwürdiger Feiertag

Seit 2005 ist der 4. November in Russland ein gesetzlicher Feiertag, der “Tag der Einheit des Volkes”. Erinnert werden soll dabei offiziell an die Vetreibung polnischer Heere aus Moskau im Jahre 1612. Während die Mehrheit der Bevölkerung sich mit dem eigentlichen Anlass wenig verbunden fühlt, waren es von Beginn an vor allem russische Nationalisten, die diesen Tag für sich entdeckt haben. In mehreren Städten des Landes wird seitdem der sogenannte “Russische Marsch” veranstaltet. 2013 fand dieser zum ersten Mal auch in Ufa statt.

Den 4. November hat es in der Geschichte Russlands als Feiertag bereits einmal gegeben – von 1649 bis 1917. Zu dieser Zeit wurde er allerdings bezeichnet als “Tag der Gottesmutter-von-Kasan-Ikone”. Genau diese Ikone soll das Volksheer, dass die polnisch-litauische Besatzung 1612 aus Moskau vertrieb, beim Einmarsch in die Stadt vor sich hergetragen haben. Nach der Revolution haben die Bolschewiken diesen Feiertag abgeschafft und stattdessen den 7. November als Tag der Revolution in den Feiertagskalender aufgenommen. Nach dem Ende der Sowjetunion blieb das Datum zunächst unter anderem Namen als Feiertag bestehen, 2005 wurde er dann aber auf Initiative einiger konservativer Abgeordneter, darunter Wladimir Schirinowski, Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei LDPR, in einem Beschluss der Duma durch den 4. November als dem “Tag der Einheit des Volkes” ersetzt.

Laut Lew Gudkow, dem Leiter des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum in Moskau, wird er von der Mehrheit der Bevölkerung auch dementsprechend betrachtet, als Versuch, den 7. November aus dem kollektiven Gedächtnis zu streichen, wie er in einem Gespräch mit der Deutschen Welle berichtet. Die meisten Leute sehen darin nur einen weiteren freien Tag, ohne ihn groß von anderen freien Tagen zu unterscheiden und ohne darüber hinaus etwas Besonderes damit zu verbinden. Hingegen haben nationalistische und rechtsextreme Gruppen den Tag von Beginn an als Plattform für sich eingenommen. Auch im Bewusstsein eines großen Teils der Bevölkerung verbindet sich laut Gudkow der 4. November mittlerweile mit dem “Russischen Marsch”.

Bei den Märschen versammelt sich ein breites Spektrum an konservativen, nationalistischen, rechtsradikalen und ultraorthodoxen Gruppen und Bewegungen, Kosakenverbände und Hooligans aus der Fußballszene. Sie demonstrieren für ein “slawisches” Russland, für die Stärkung der russischen Sprache und Kultur und gegen die Einwanderungspolitk der Regierung, fordern etwa die Visapflicht für Arbeitsmigranten aus Zentralasien und dem Nordkaukasus. Schwarz-gelb-weiße Fahnen des russischen Reichs aus dem 19. Jahrhundert bilden eines der präsentesten Symbole bei den Aufmärschen. Neben Moskau, wo diesmal etwa 8000 Menschen teilgenommen haben, fand der Marsch in über 60 weiteren russischen Städten statt, in geographischer Hinsicht ein Rekord, wenn auch ein zweifelhafter.

Auch in Ufa wurde in diesem Jahr zum ersten Mal ein “Russischer Marsch” durchgeführt. Aufgerufen haben dazu das lokale Büro der National-Demokratischen Partei (NDP) und verschiedene kleinere Gruppen, darunter eine Bewegung namens “Russkaja Baschkirja”. Bereits im Vorfeld wurde bezweifelt, dass eine Veranstaltung russischer Nationalisten in einer Stadt wie Ufa, die stets das konfliktfreie Zusammenleben ihrer ethnisch stark gemischten Bevölkerungsteile betont, viele Teilnehmer versammeln könne. Gerechnet wurde mit etwa 500 Menschen. Tatsächlich eingefunden haben sich letztendlich weitaus weniger. Die Veranstalter sprechen von 300 Demonstrierenden, aber selbst diese Zahl erscheint eher zweifelhaft. Nach eigenen Schätzungen haben sich nicht mehr als 200 Personen zu der Veranstaltung eingefunden. Wenn man dabei bedenkt, dass die Teilnehmer aus verschiedenen Städten und Regionen Baschkortostans angereist sind, so lässt das immerhin den Eindruck entstehen, dass zumindest organisierte Formen russisch-nationalistischer Bewegungen in der Republik tatsächlich eher eine Randerscheinung bilden

Der Marsch verlief auf einer Strecke von kaum 2 Kilometern in einem am nördlichen Stadtrand gelegenen Bezirk. Am Vorabend wurden zahlreiche Hauswände entlang des Weges mit Protestlosungen gegen die Veranstaltung der Nationalisten versehen: “Ufa gegen Faschismus” war dort etwa zu lesen. Nach einer halben Stunde war der eigentliche Marsch bereits beendet. Im Anschlus daran versammelten sich die Teilnehmer zu einer Abschlusskundgebung innerhalb eines von der Polizei abgesperrten und bewachten Bereichs. Nichtteilnehmer wurden davon auf Abstand gehalten. Am Rande zeigten sich einige wenige Aktivisten der baschkirischen nationalistischen Bewegung „Kuk Bure“ (Himmelswolf), die zuvor in einem offenen Brief verlangt hatten, den Marsch abzusagen. Sie wurden von der Polizei umgehend des Platzes verwiesen. Zu Auseinandersetzungen oder Zusammenstößen kam es weder während, noch nach Beendigung der Veranstaltung.

Die Forderungen, die während des Marsches und der auch im Laufe der Kundgebung zum Ausdruck gebracht wurden, entsprachen einerseits dem allgemeinen Trend der „Russischen Märsche“ (Visapflicht für Migranten, Anerkennung der ethnischen Russen als staatsbildendes Volk etc.), enthielten aber auch lokale Besonderheiten. So verlangte etwa der Leiter des örtlichen NDP-Büros ein Ende des Seperatismus, der sich seiner Meinung nach in letzter Zeit in der Republik verstärkt habe. „Ein Land – ein Präsident!“ heißt die entsprechende Losung. Sie verweist auf eine Initiative zur Durchsetzung des Verbotes, das Oberhaupt eines „Subjektes der russischen Föderation“, wie die ihrem Status nach eigentlich Autonome Republik Baschkortostan dabei genannt wird, als Präsidenten zu bezeichnen. Verlangt wird die Umgestaltung der Russischen Föderation in einen  „Nationalstaat nach europäischem Vorbild“.

Eine weitere zentrale Forderung bildet die Beilegung des nach Ansicht der Organisatoren existierenden „ethnolinguistischen Konfliktes“, der in Baschkortostan und Tatarstan, aber auch in anderen nationalen Republiken herrsche. Man verlangt die russische Sprache nicht nur als Staatssprache anzuerkennen, sondern auch als Muttersprache aller Bürger Russlands, die entsprechend auch von jedem zu beherrschen sei. Gleichzeitig möchte man, wie die Koordinatorin der Gesellschaft „Bildung und russische Sprache in den Schulen Baschkiriens und Russlands“ in ihrem Vortrag während der Kundgebung besonders hervorhob, Baschkirisch als Pflichtfach an den Schulen abzuschaffen: „Es kann nicht sein, dass man russische Schüler dazu zwingt, Baschkirisch zu lernen.“

Die Lage der ethnischen Russen in den nationalen Republiken wird insgesamt als Diskriminierung empfunden: im Hinblick auf die Beteiligung an der Regierung, im Hinblick auf Zugang zu Hochschulen und Universitäten, als auch im Hinblick auf das historische Gedenken – von einer „Verzerrung russischer Geschichte“ in Baschkirien ist dabei die Rede, von einer „Totschweigetaktik“ (zamaltschiwanie) gegenüber russischen Persönlichkeiten und ihrer Rolle in der Geschichte der Region. Besonders beispielhaft hierfür ist die Forderung, die Bedeutung eines Wojewoden aus dem 18. Jahrhundert als Beschützer der Stadt Ufa offiziell anzuerkennen. Er hat im Pugatschev-Aufstand (1773-1775) auf Seiten der zarischen Armee gegen die Aufständischen gekämpft, zu denen auch die baschkirischen Heere unter Führung Salawat Julaews gehörten, dem Volkshelden der Republik Baschkortostan.

Am Ende drückte man noch seine Solidarität mit den Kameraden in Kasan aus, wo der „Russische Marsch“ von den Behörden nicht gestattet worden war. Für sich selbst haben die Organisatoren den Tag auf ihrem Blog hinterher als Erfolg verbucht, nicht zuletzt, da mehr Teilnehmer erschienen sein, als man anfangs erwartet habe. Man sähe dies als ausreichenden Anlass, den „Russischen Marsch“ auch in Ufa zu einer Tradition zu machen. Bleibt zu hoffen, dass dieses Vorhaben nicht gelingt und sich der Eindruck von der Randständigkeit russisch-nationalistischer Bewegungen in Baschkortostan bestätigt. Eine „russische Renaissance in Baschkirien“, von der im Blog bereits gesprochen wird, dürfte jedenfalls erstmal reines Wunschdenken sein.

Matthias Kaufmann,
November 2013

Das islamische Opferfest in Ufa

Das Opferfest „Eid al-Adha“, oder wie es auf Russisch auch genannt wird, „Kurban Bajram“, ist einer der wichtigsten Feiertage im islamischen Festkalender und bildet den Höhepunkt der Hadsch, der Pilgerfahrt nach Mekka. Da es jedoch nicht jedem Muslim möglich ist, diese Reise anzutreten, so sollte zumindest der Teil der Opferung vollzogen werden, was an jedem beliebigem Ort geschehen kann. In den russischen Republiken mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung ist Kurban Bajram ein allgemeiner Feiertag – so auch in Baschkortostan.

Die Bezeichnung Kurban Bajram hat als Übernahme aus den Turksprachen in den russischen Wortschatz Eingang gefunden. Der Begriff Bajram lässt sich mit Feiertag übersetzen, Kurban ist die Bezeichnung für das rituelle Opfer, das den wesentlichen Kern des Festes bildet. Erinnert wird dabei an den Propheten Ibrahim (bzw. Abraham im Alten Testament), dem im Traum der Erzengel Gabriel erschienen ist und ihm im Namen Allahs auftrug, seinen ältesten Sohn zu opfern. Er sollte so seine Gottergebenheit unter Beweis stellen. Im letzten Moment allerdings ersetzte Allah den Jungen durch ein Lamm. Ibrahim hatte seine Bereitschaft ausreichend demonstriert und somit die göttliche Prüfung bestanden. In Anlehnung an diese Überlieferung sollte während des Festes, das insgesamt drei Tage dauert, jeder männliche Muslim, der er sich finanziell leisten kann, ein Tier opfern bzw. opfern lassen und dabei anwesend sein. Neben Schafen sind offiziell auch Kamele und Kühe als Opfertiere anerkannt, deren Anschaffung allerdings um einiges teurer wäre.

Das Opferfest findet 40 Tage nach Beendigung des Fastenmonats Ramadan statt. Wie alle religiösen Feiertage im Islam ist auch Kurban Bajram ein beweglicher, das heißt, er „wandert“ durch das Jahr, da er auf Grundlage des kürzeren Mondkalenders festgelegt ist. Die Daten verschieben sich so jedes Jahr um 11 Tage nach hinten. 2013 fiel der Beginn des Opferfestes auf den 15. Oktober.

Mit Sonnenaufgang, zu dieser Zeit des Jahres gegen neun Uhr früh, beginnt das feierliche Morgengebet. Für gewöhnlich füllen an diesem Tag die Gläubigen in dichten Reihen die Moscheen. Keine Ausnahme bildet die Pervaja Sobornaja Metschet, das älteste und bis heute eines der bedeutendsten muslimischen Gotteshäuser in Ufa. Ich selbst treffe erst ein, kurz nachdem das Morgengebet beendet ist und gerade eine große Menschenmenge hinaus auf den Hof strömt. Ich bin dort mit Ilnar vom Austausch Ufa-Halle verabredet, der selbst zuvor am Feiertags-Namaz – so die Bezeichnung der täglichen fünf Pflichtgebete – teilgenommen und sich bereit erklärt hat, mich etwas herumzuführen und mir genaueres über das Fest zu berichten.

„Normalerweise sind hier nicht so viele Leute“, hält er zunächst einmal fest, als wir die Moschee betreten, denn trotz der zuvor herausgeströmten Massen befinden sich immer noch zahlreiche Gläubige innerhalb des Gebäudes. „Vor dem Feiertagsgebet ist, wie sonst auch, die rituelle Waschung zu vollziehen. Man beginnt mit den Händen inklusive den Handgelenken, spült danach den Mund aus und reinigt die Nase durch ein- und ausatmen des Wassers. Danach wäscht man sich das Gesicht, reinigt den rechten und dann den linken Unterarm, fährt sich mit nassen Händen durch die Haare und befeuchtet die Ohren. Ganz zum Schluss wäscht man erst den rechten und dann den linken Fuß.“ Erst dann ist man gereinigt für das anschließende Gebet. Idealerweise sollte vor dem Namaz auch nichts gegessen werden. Anders als beim Freitagsgebet hält der Imam an diesem Tag seine Rede nicht vor dem Gebet, sondern danach. Als wir den Hauptraum mit der Gebetsnische betreten, gibt er gerade ein Fernsehinterview. Die Gläubigen, die sich jetzt noch in der Moschee befinden, stehen in kleinen Gruppen beieinander und reden oder sitzen verteilt um die Mullas, die singend Suren aus dem Koran rezitieren. In grünen Boxen kann man ihnen dafür Geldspenden hinterlassen.

Wir verlassen die Moschee und bewegen uns in Richtung eines angrenzenden Geländes, auf dem die Schlachtungen stattfinden. Die Schafe, die auf diesem Hof in einem Gehege versammelt ihres Schicksals harren, stehen nicht mehr zum Verkauf, sondern sind alle vorbestellt. In einer kleinen Seitenstraße in unmittelbarer Nähe der Moschee hingegen werden noch Schafe verkauft. In dichten Reihen stehen hier mehrere Lastwagen nebeneinander, von deren Ladeflächen herab die Tiere angeboten werden, einige liegen auch vor den Fahrzeugen auf dem Boden. Eine der Verkäuferinnen nennt uns den Preis von 4000 Rubel für eines ihrer Exemplare. „Das ist billig“, versichert sie, „die Tiere sind klein.“ Ein gesundes und wohlernährtes Tier kostet im Durchschnitt zwischen 5000 und 6000 Rubel. Die hier verkauften Tiere werden, ebenso wie die vorbestellten Schafe, zur Schlachtung in eine für die Opferungen hergerichtete Baracke auf dem Moscheegelände gebracht: entweder werden sie getragen, an einem Seil hinter sich hergezogen oder, wie ich gleich bei meiner Ankunft beobachten konnte, in einer Schubkarre liegend dorthin geschoben.

Als wir in die Baracke hineingehen, hängen in mehreren Reihen bereits jeweils drei bis vier Schafe mit abgezogenem Fell. Auf dem Boden liegen, an den Beinen zusammengebunden, die noch lebenden Tiere. Die Menschen stehen dichtgedrängt und beobachten das Geschehen, eine Frau hockt am Boden und fährt mit ihrer Hand einem Schaf durch das Fell, sichtbar um es zu beruhigen. Im allgemeinen verhalten sich die Tiere jedoch auffällig ruhig. „Eigentlich ist es Frauen und Kindern nicht gestattet, bei den Schlachtungen anwesend zu sein“, bemerkt Ilnar nebenbei. Hier scheint es allerdings durchaus üblich zu sein. Auch später am Tag begegnen mir in anderen Moscheen Frauen und Kinder, die den Opferungen beiwohnen.

Mittlerweile wurde eines der noch lebenden Schafe zur Tötung vorbereitet. „Das Tier ist mit dem Gesicht in Richtung Mekka ausgerichtet“, flüstert mir Ilnar zu. Ein anwesender Mulla wird spricht einige Worte über dem Tier, seine beiden Hände mit den Handflächen nach oben vor sich haltend. Auf meine Frage, was der Mulla gesagt hat, antwortet Ilnar: „Das ist die übliche Formel, die vor jeder Opferung gesprochen werden sollte: ‘Bismillah Allahu Akbar’, was soviel heißt wie ‘Im Namen Allahs, Allah ist der Größte’.“ Diese Formel kann aber im Prinzip von jedem Muslim aufgesagt werden. Schließlich wird mit einem Messer die Halsschlagader des Tieres durchtrennt. Aus der klaffenden und dampfenden Wunde rinnt das Blut in einen extra dafür vorgesehenen kleinen Graben. Es heißt, dass mit dem ersten Tropfen Blut demjenigen, der das Tier hat Opfern lassen, alle Sünden vergeben sind. Das Tier zuckt noch für einige Augenblicke am Boden, bis es schließlich reglos liegen bleibt. Nachdem es ausgeblutet ist, wird ihm das Fell abgezogen, der Kopf abgetrennt und an den Hinterpfoten an einen Haken aufgehangen. Damit erst beginnt die eigentliche Schlachtung. Mit einem Beil wird das Tier zerlegt. „Das Fleisch wird für gewöhnlich aufgeteilt“, erklärt Ilnar. „Ein Drittel erhalten Arme und Bedürftige, ein Drittel ist für die allgemeine Verköstigung oder für Verwandte und Freunde vorgesehen und ein Drittel behält der Opfernde für sich und seine eigene Familie.“ Die meisten Leute hier tragen ihren Anteil in ganz gewöhnlichen Plastetüten mit sich fort. Ilnar lädt mich derweil ein, mit ihm zu einer weiteren Moschee zu fahren, bei der direkt vor Ort für alle Anwesenden eine Verköstigung stattfindet.

Die Gufran-Moschee befindet sich nur wenige Minuten Fahrzeit entfernt. Geopfert wird hier direkt auf der Straße, entlang des Zaunes und noch außerhalb des Moscheegeländes. Nur wenige Meter auf der anderen Seite stehen halb zerfallene bunte Holzhäuser. Auch hier drängen sich die Menschen an den Gestellen, an denen die Schafe hängen und geschlachtet werden. Dazwischen sieht man auch immer wieder Mitarbeiter des veterinärmedizinischen Dienstes, die auf die Einhaltung von Hygienebestimmungen achten. Ein Kamerateam des lokalen Fernsehsenders berichtet direkt vor Ort vom dem Geschehen.

Im Hof der Moschee selbst wird aus zwei großen Kesseln dampfendes Essen ausgeteilt. Aus den der Moschee überlassenen Anteilen des geopferten Tiere wird hier Plow zubereitet. Ilnar und ich reihen uns ebenfalls in die lange, dicht gedrängte Schlange ein. Als allerdings nur noch wenige Leute vor uns stehen, ist auch der zweite große Kessel geleert. Die Menschen zerstreuen sich, gehen in die Moschee oder besuchen den direkt auf dem Gelände gelegenen Friedhof, einer der ältesten islamischen Begräbnisplätze der Stadt. Ilnar führt mich in ein kleines Haus gegenüber der Moschee, einem Geschäft, in dem religiöse Artikel angeboten werden: sehr schlichte und sehr prachtvolle Koranausgaben, Kopftücher, Tjubeteikas (die Kopfbedeckung für Männer), CDs mit Aufnahmen von Koransuren, diverse Amulette. Eng stehen die Leute über die Vitrinen gebeugt und betrachten die Auslagen.

Im Anschluss an den Besuch in der Moschee und den Opferungen verbringen die meisten Gläubigen den Rest des Tages in der Regel im Kreise von Verwandten und engen Freunden. Man besucht sich gegenseitig zu Hause und macht sich kleine Geschenke. Auch für Ilnar ist es jetzt Zeit, sich zu verabschieden, wobei er mir zuvor noch eine kleine islamische Gebetskette überreicht, eine Misbaha: „S prasdnikom – zum Feiertag.“

Ich selbst begebe mich zum Abschluss noch in die Hauptmoschee Ufas, Ljalja Tjulpan, im Norden der Stadt. Den Feiertags-Namaz am Morgen hat hier Talgat Tadschuddin gehalten, Großmufti und Vorsitzender der Zentralen geistlichen Verwaltung der Muslime Russlands, die ihren Sitz in Ufa hat. Noch immer herrscht hier reges Treiben. Im Gebetsaal, der 300 Menschen Platz bietet, stehen die Gläubigen in mehreren langen Reihen, darauf wartend, das bei einem der Mullas, die verstreut um Saal sitzen, ein Platz frei wird. Ich setze mich in einer Ecke auf den Teppich, beobachte die Menschen in ihrem Feiertagstreiben und lasse das Geschehen auf mich wirken.

Kurban Bajram, so geht mir dabei vor allem durch den Kopf, verläuft in Ufa sehr ruhig. Von den Spannungen, wie sie im Vorfeld etwa – nicht zuletzt auch aufgrund der aktuellen Ereignisse - aus Moskau berichtet wurden, ist in Ufa nichts zu spüren. Zwar steht auch hier vor den Moscheen überall Polizei, allerdings in sehr viel geringer Zahl und auch ohne damit verbundener allgemeiner Sicherheitskontrollen, wie ich sie selbst schon in Moskau allein während eines üblichen Freitagsgebets beobachten konnte. Die Stimmung hier ist hingegen sehr entspannt. Die starke islamische Prägung des Stadt und der gesamten Region wird dabei direkt spürbar – und Kurban Bajram als Feiertag scheint letztlich nur ein selbstverständlicher Teil dessen zu sein.

Matthias Kaufmann,
Oktober 2013

Von Zwiebeltürmen und Ikonen – Orthodoxe Kirche in Russland

Ein essentieller Bestandteil der russischen Kultur und des russischen Selbstverständnisses ist die orthodoxe Religion. Während der Herrschaft der Kommunisten hat die Kirche in Russland stark gelitten, doch seit dem Ende der Sowjetunion ist ein Wiedererstarken der orthodoxen Kirche zu verzeichnen. Unterschiede zu der katholischen und protestantischen Kirche gibt es einige. Viele Teile des orthodoxen Gottesdienstes werden einem Christen aus Europa fremd und exotisch erscheinen.

Die orthodoxe Kirche zählt heutzutage 300 Millionen in der ganzen Welt. Damit ist sie nach der katholischen und protestantischen Kirche die drittgrößte christliche Gemeinschaft der Welt. In Baschkortostan, wo die Baschkiren größtenteils Anhänger eines moderaten Islams sind, ist die Bedeutung der orthodoxen Kirche sicherlich geringer als in anderen Teilen Russlands. Doch auch in Ufa findet man im Zentrum der Stadt sehenswerte Kirchenbauwerke, von denen die meisten Anfang des 20. Jahrhunderts noch zu Zarenzeiten gebaut worden sind. Charakteristisch für russisch-orthodoxe Kirchengebäude sind die „Zwiebeltürme“. Eine mögliche Erklärung für diese besondere Bauform ist die Nähe zu islamisch geprägten Ländern. Moscheen werden meistens ebenfalls mit Kuppeln versehen. Das Innere eines orthodoxen Gotteshauses besticht in erster Linie durch seine Farbenpracht und Bildervielfalt. Typisch sind die vielen Heiligen-Ikonen, die Wände und Säulen verzieren. Von den vielen prunkvollen, oft vergoldeten Kunstwerken wird man beim ersten Besuch geradezu erschlagen. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll.

Ich selbst gehe zwar nicht mehr zur Kirche, doch war ich in meiner Kindheit regelmäßiger in der Kirche. Daher bin ich auch sehr an den Riten der orthodoxen Kirche interessiert. Der orthodoxe Gottesdienst besteht aus der Feier der Sakramente, aus Gebeten und Gesängen und heiligen Handlungen. Man zelebriert den Gottesdienst nach einer bestimmten, gut 1.000 Jahre alten Ordnung. Nach dem Selbstverständnis der orthodoxen Kirche ist sie die direkte Fortsetzung der Kirchen des Zeitalters der Apostel. Das Wort „orthodox“ bedeutet übersetzt rechtgläubig. Im Russischen wird die entsprechende Übersetzung „православный“ (prawoslavnij) verwendet.

Zu Beginn des Gottesdienstes fällt als erstes auf, dass während des gesamten Gottesdienstes nahezu die ganze Gemeinde steht. Dabei steht jeder mit dem Gesicht in Richtung Altar. Lediglich für Ältere und Kranke gibt es an den Seiten Sitzbänke, auf denen sie sich vom langen Stehen ausruhen können. Denn sogar ein gewöhnlicher orthodoxer Gottesdienst kann sich ganz schön in die Länge ziehen, anderthalb bis zwei Stunden sind völlig normal. Die Liturgie wird in der alten kirchenslawischen Sprache abhalten und ist unverständlich für jemanden, der erst seit einigen Monaten Russisch lernt. Fast durchgehend werden Gebete gemurmelt und Texte rezitiert. Regelmäßig läuft ein vollbärtiger Hilfspriester durch die Kirche und verteilt jede Menge Weihrauch-Geruch im Kirchengebäude. Auch diese Prozedur ist fest vorgeschrieben. Unterwegs macht er an jeder wichtigen Ikone Halt, schwenkt den Weihrauch-Behälter Richtung Bild und küsst es dann. Wichtig ist, dass er einmal, um die gesamte Gemeinde herumläuft. Ein Kirchenbesucher, der auf der falschen Seite steht, wird vom Hilfspriester freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen. Während der Prozedur singt die Gemeinde. Offensichtlich kennen die Kirchenbesucher alle Lieder auswendig, denn sie verwenden keine Gesangsbücher. Zudem gibt es keine Orgeln oder sonstigen Instrumente, weil Gesänge als Gebete verstanden werden. Da Instrumente nicht beten können, sind sie in orthodoxen Kirchen nicht gestattet.

Die Gläubigen bekreuzigen sich ständig. Man bekreuzigt sich jedes Mal, wenn Gott, Jesus oder der Heilige Geist erwähnt werden und wenn das Kreuz oder eine Ikone verehrt werden. Und das geschieht offensichtlich sehr oft. Auch beim Bekreuzigen gibt es Unterschiede zu den Westkirchen. Orthodoxe Christen bekreuzigen sich mit drei Fingern (Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger), was für die Dreifaltigkeit Gottes steht. Man bekreuzigt sich von der Stirn bis zur Brust und anschließend von der rechten zur linken Schulter – im Gegensatz zum Brauch der katholischen Kirche. Einige übereifrige Kirchenbesucher verbeugen sich nach dem Bekreuzigen sogar so weit, dass sie mit ihrem Kopf ihre Knie erreichen. Der vollbärtige Pfarrer steht die meiste Zeit in der Seitenkapelle mit dem Rücken zur Gemeinde. Er ist in ein langes schwarzes, bis auf die Knöchel reichendes hemdartiges Gewand gehüllt.

Plötzlich klingelt ein Telefon. Ein gut gekleideter Mann Mitte Vierzig nimmt das Handy aus der Tasche, schaut kurz drauf und geht ran: „Tut mir Leid, ich kann grad nicht reden. Ich bin in der Kirche“. Dass jemand während eines Gottesdienstes in der katholischen Kirche ans Telefon ist unvorstellbar. Hier scheint es die Wenigsten zu stören. Vielleicht sind sie einfach zu sehr in den Gottesdienst vertieft. An der Eingangstür hängen dabei sogar riesige Schilder mit dem Hinweis, dass Mobiltelefone in der Kirche nicht gestattet sind.

Einerseits scheint der Ablauf der orthodoxen Messe streng reguliert zu sein, andererseits wirkt vieles lockerer als in den Westkirchen. Menschen kommen mitten während des Gottesdienstes und gehen wieder noch bevor er zu Ende ist. Ständig laufen die Gläubigen in der Kirche umher, zünden Opferkerzen auf den überall in der Kirche stehenden Kerzenständern an, küssen Heiligenbilder. Die meisten Frauen – die neun Zehntel aller Kirchenbesucher ausmachen – haben ein Kopftuch auf und einen bis zu den Knöcheln reichenden Rock an. Doch sieht man auch ein zwei junge Frauen in Miniröcken, an denen sich offenbar niemand stört. Die Kopftücher decken das gesamte Farbenspektrum ab und sind mit schönen Mustern, vor allem Blumenmustern, versehen. Männer jedoch sollen wie in den Westkirchen vor dem Betreten des Gotteshauses ihre Kopfbedeckungen abnehmen.

Die orthodoxe Kirche legt großen Wert auf Traditionen. In Russland hielt die christliche Religion Einzug, als der Kiewer Großfürst Vladimir im Jahre 988 das Christentum zur Staatsreligion erhob. Unter der jahrzehntelangen Unterdrückung durch die Mongolen ab 1240 blieb die Kirche ein Rückzugspunkt für Volkstum und nationale Traditionen. Seit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahre 1454 begriff sich die russische Landeskirche als Schutzmacht über die zahlreichen anderen Landeskirchen im vorderen Orient, die unter die Herrschaft muslimischer Herrscher geraten waren. Bis ins 20. Jahrhundert hinein benutzten russische Staatsführer dieses Argument als Vorwand, das Osmanische Reich zu attackieren und den Machtbereich Russlands bis zum Schwarzen Meer auszudehnen.

Zum Abschluss des Gottesdienstes sagt schließlich der Pfarrer auch mal wieder etwas. Dann gerät die Gemeinde in Aufruhr. Viele strömen nach vorne zum Altar, um sich vom Kirchenvertreter persönlich den Segen geben zu lassen und küssen ihm die Hand. Einige gehen von Ikone zu Ikone, bleiben jeweils für ein kurzes persönliches Gebet stehen. Nach anderthalb Stunden bin ich ganz froh, aus dem mit Weichrauch geräucherten Kirchengebäude wieder an die frische Luft zu kommen.

David Witkowski
Juli 2013


Russland und das Weltall

Sergej Korolyov 1937 (Quelle:Wikimedia Commons)
Buran

Die sowjetische Raumfahrt galt seit dem Start von Sputnik 1 im Jahr 1957 als weltweit führend. Sie wurde zeitweise vom amerikanischen Apollo- Programm und der Mondlandung 1969 eingeholt, war aber weiterhin vor allem im Bereich orbitaler Stationen präsent.

Der Wissenschaftler Konstantin Ziolkowski legte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts, mit der Erforschung der theoretischen Grundlagen des Weltraumfluges, den Grundstein für das russische Raumfahrtprogramm. Eine große Hilfe für das russische Raumfahrtprogramm war die deutsche V2 und ihre deutschen Ingenieure, welche nach 1945 als Kriegsbeute nach Russland gebracht wurden. Die V2 wurde dann Schritt für Schritt in Sachen Reichweite Nutzlast und Präzision soweit verbessert, dass man sie als Orbitalrakete nutzen konnte. Die russische Raumfahrt stand wie die US-amerikanische in enger Zusammenarbeit mit dem Militär. Deshalb wurde die Identität von Sergei Koroljov ( er war der Kopf des russischen Raumfahrtprogramms) erst nach seinem Tod im Jahr 1966 der westlichen Welt preisgegeben. Die wohl herausragendste Leistung Koroljovs war wohl die Entwicklung der R-7 Rakete, welche 1957 als Interkontinentale Kriegswaffe konstruiert wurde, aber dann zur meistbenutzten Trägerrakete weltweit umfunktioniert wurde. Mit ihrer Hilfe wurden unter anderem der Sputnik ( erster Satellit) und Juri Gagarin (erster Mann im All) in den Weltraum befördert.

Ein weiterer Meilenstein des russischen Raumfahrtprogramms waren Lunik eins bis drei (1959-1963). Diese Flugkörper waren der Hauptbestandteil Russlands für den Wettlauf zum Mond. Lunik 1 flog am Mond vorbei und lieferte wichtige Daten im Bezug auf Strahlung, schlug dann aber eine fehlerhafte Richtung ein und ist heute noch auf direktem Weg zur Sonne. Lunik 2 hingegen war ein voller Erfolg, da er der erste Flugkörper war, welcher gezielt auf der Mondoberfläche einschlug und Daten über seine Oberfläche lieferte. Außerdem schoss Lunik 3 die ersten Bilder der Rückseite des Mondes. Das Lunikprogramm wurde 1963 durch das Luna Programm abgelöst, welches dazu diente, Mondgestein zur Erde zu bringen und einen Mondrover abzusetzen.

Ab 1980 begann die Sowjetunion mit dem Bau ihrer eigenen Raumfähre, der Buran. Die Buran war dem Spaceshuttle auf den ersten Blick sehr ähnlich, was aber nur daran lag, dass es mit der damaligen die einzige vorstellbare Form war. Sie war um einiges leistungsfähiger als das Spaceshuttle, so konnte die Buran z.B. 30 Tonnen mit sich ins All führen und das Spaceshuttle nur 25. Sie war dafür ausgelegt, mit Hilfe einer Trägerrakete, die Atmosphäre zu verlassen, den Orbiter abzuladen und danach selbstständig wieder zur Erde zurück zu kehren. Diese Trägerrakete war die Energija und sie  ist mit ihren 54 Metern Höhe und ihrem Startschub von 35000kN bis heute eine der leistungsfähigsten Raketen, die je gebaut wurden. Sie kam nur 2 Mal für Testflüge zum Einsatz, welche sie aber erfolgreich absolvierte. Die Buran war im Gegensatz zum Spaceshuttle nicht nur zum bemannten Flug konstruiert, sondern auch für ferngesteuerte und vollautomatische Flüge ausgelegt. Sie war eine widerverwendbare Raumfähre, wurde aber nie im Einsatz auf die Probe gestellt, sondern absolvierte lediglich einige unbemannte und einen bemannten Testflug. Es wurden drei Buran zwischen 1976 und 1988 gebaut. zwei der Raumfähren und die Energijaträgerrakete wurden allerdings durch einen Unfall ihm Hangar zerstört und sieben Arbeiter getötet, als das Dach der Halle zusammenbrach und die Millarden Euro teuren Objekte unter Tonnen von Schutt begrub. Das letzte noch existierende Exemplar der Buran steht momentan im Museum für Raumfahrt in  Speyer (Deutschland).Ein Nachbau der Buran steht heute in Moskau im Gorki Park und wird benutzt um touristen und anderen Interessierten zu zeigen, wie der Arbeitsplatz der Kosmonauten ausgesehen hätte.

Mit dem Ende des kalten Krieges und wegen Budgetproblemen wurde das Raumfahrtprogramm eingestellt und konnte bis heute trotz vieler Versuche nicht wiederbelebt werden, was aber die Hoffnung nicht nehmen soll, dass es in den nächsten Jahren vielleicht wieder ein Programm in der Richtung geben wird.

Pascal Hellfritsch

Juli 2013


Wo Europa zu Asien wird

Das Uralgebirge stellt per Definition die Grenze zwischen Europa und Asien dar. Jeder Europäer hat schon einmal von dem Gebirgszug gehört. Doch die wenigsten haben eine genaue Vorstellung davon oder machen sich die Mühe, in diesen entlegenen Teil Europas zu reisen. Ich war drei Tage lang im Ural wandern und habe mir die ominöse Grenze zu Asien selbst angeschaut.

Der Ural ist kein hohes Gebirge. Von weitem erinnert er vielmehr an eine lang gezogene Hügelkette, die sich sanft über der weiten Ebene Russlands erhebt. Er zieht sich von der Nordküste Russland bis zur südlichen Grenze mit Kasachstan. Der höchste Berg Narodnaja im nördlichen Ural erreicht eine Höhe von 1895 Metern. Der Name „Ural“ stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus den Turksprachen der hier seit Jahrhunderten ansässigen Völker – allen voran die Baschkiren – und bedeutet so viel wie Gebirge. Viel Kreativität wurde bei der Namensgebung also nicht an den Tag gelegt.

Gemeinsam mit Tim, einem Australier, den ich über Couchsurfing kennen gelernt habe, mache ich mich auf in den Ural. Ja, ich bin selber erstaunt, dass es Australier in Russland gibt. Unser Ziel ist jedenfalls der Nationalpark Taganaj in der Nähe der Stadt Slatoust, 400 Kilometer östlich von Ufa. Wir wollen drei Tage lang wandern und zwei Nächte in freier Natur verbringen. Am Parkeingang besorgen wir uns eine Karte des Gebiets, die aber wegen fehlender topographischer Markierungen und ungenauer Kennzeichnungen weitgehend unbrauchbar ist. Letztendlich verlassen wir uns bei der Orientierung auf einen Kompass und unseren Instinkt.

Gleich für den ersten Tag nehmen wir uns vor, den höchsten Berg des Parks zu erklimmen, den „Круголец“ (Krugolez, der Runde), der so genannt wird, weil sich seine kreisrunde Spitze wegen des weißen Gesteins von der Umgebung abhebt. Nur am ersten Tag treffen wir unterwegs eine Handvoll anderer Wanderer. Am zweiten und dritten Tag kreuzen wir keine Menschenseele, was den Eindruck erhöht, sich fernab jedweder Zivilisation zu befinden. 

Enttäuschend ist aber, dass wir kaum wilde Tiere zu Gesicht bekommen. Schließlich wurde uns versichert, dass es im Park alle möglichen Arten von Tieren gibt, sogar Braunbären sollen vorkommen. Doch auf unseren Streifzügen durch die Wälder bekommen wir kein größeres Säugetier zu Gesicht. Auch die Flora wird mit der Zeit langweilig: Bäume, Bäume und nochmals Bäume. Nur wenige Blüten und Sträucher bieten einen schönen ansprechenden Anblick. Beim Wandern durch die ausgedehnten Wälder kann man durch die Bäume die Gipfel der Berge nicht erkennen – was mit der Zeit frustriert.

Am Abend des ersten Tages schaffen wir es aber nach kilometerlangem Marsch doch noch auf den Gipfel. Die Aussicht entlohnt allemal. Es bietet sich ein toller Blick über einen Teil des Südurals. Wenn man in Deutschland auf einen Berg steigt, sieht man in den Tälern rundherum Kulturlandschaften und menschlichen Einfluss. Auf der Spitze des Krugolez aber hat man abermals den Eindruck, dass es in einem Umkreis von Hunderten von Kilometern keine Menschen gibt. Nur grüne Wälder, soweit das Auge reicht. Am zweiten Tag durchqueren wir ein weites Tal und erklimmen den Mont Blanc. Nein, wir sind natürlich nicht mal eben in die französischen Alpen gereist. Auch im Ural gibt es einen Mont Blanc (Мон Блан), der jedoch viel kleiner ist und mit seinem zerklüfteten Gipfel an den höchsten Berg der Alpen erinnert.

„Irgendwie total unrealistisch, mitten im Ural zu sein“, sagt Tim, als wir am ersten Abend am Lagerfeuer sitzen, und spricht dabei meine eigenen Gedanken aus. „Ich mein, wer fährt schon hierher zum Wandern?“ Tatsächlich waren auch die Parkaufseher am Eingang ziemlich überrascht, als wir uns als Deutscher und Australier zu erkennen gaben. Für Europäer geht am Ural die zivilisierte Welt zu Ende. Hinter dem Ural liegt nur noch Sibirien, das Land der ewigen Kälte, wo die Sonne höchstens ein paar Tage im Jahr scheint. Das war zumindest die Vorstellung des Autors dieser Zeilen vor Beginn der Reise.

Eine europäisch-asiatische Grenze gibt es eigentlich nicht, denn beide Kontinente gehören zur Eurasischen Erdplatte. Die Bezeichnung Europas als Kontinent ist geschichtlich bedingt und geht auf das Weltbild der Antike zurück. Ursprünglich wurde der Fluss Don im heutigen Westrussland als Grenze zu Asien angesehen. Erst mit der Expansion des Russischen Reiches unter Iwan dem Schrecklichen und seinen Nachfolgern ab dem 16. Jahrhundert wurde der Ural als Grenze Europas zu Asien proklamiert. Heute gibt es im Ural an vielen verschiedenen Orten Denkmäler, die für sich in Anspruch nehmen, genau an der Grenze zwischen Europa und Asien zu stehen.

Ein weiteres interessantes historisches Detail: Die Urheimat der Magyaren, der heutigen Ungarn, wird hier vermutet. Hinweise darauf geben immer noch vorhandene sprachliche Gemeinsamkeiten zwischen dem Ungarischen und der Sprache der hier seit Jahrhunderten lebenden Baschkiren. So bedeutet etwa Apfel im Ungarischen „alma“ und im Baschkirischen „әлма“ (sprich: ällma). Eine nahe Verwandtschaft zwischen finno-ugrischen Sprachen, zu der das Ungarische gehört, und den Turksprachen, wird von den meisten Linguisten aber abgelehnt.

Am dritten und letzten Tag unserer Wandertour kamen wir auf dem Rückweg in die Stadt an einem Bergsee vorbei. Unsere kleine Reise wurde deswegen mit einem erfrischenden Bad abgeschlossen. Bevor ich meinen Zug zurück nach Ufa nehmen musste, ließen Tim und ich es uns nicht nehmen, sofort in ein Restaurant essen zu gehen. Denn wir hatten uns ja drei Tage lang nur von Brot, Dosenfutter und Trockenwurst ernährt.

David Witkowski
Juli 2013


Tag des Sieges oder Tag des Militarismus?

Der 9. Mai – Tag des Sieges – ist für viele Russen der wichtigste Feiertag im Jahr. An diesem Tag gedenkt das ganze Land des Sieges über Nazi-Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg. In Moskau veranstaltet man neben unzähligen Gedenkfeiern, Musik- und Tanzaufführungen eine riesige Militärparade. Ein Spektakel,  das Tausende von Menschen live und Millionen von Menschen an den Fernsehbildschirmen verfolgen.

Die Twerskaja-Straße ist zu beiden Seiten so mit Menschen überfüllt, dass kaum an ein Durchkommen zu denken ist. Doch unser Treffpunkt ist nur noch 200 Meter weit entfernt, an Aufgeben ist jetzt nicht zu denken. Es ist 10 Uhr am Morgen des 9. Mai in Moskau und ich habe vor, mir die weltberühmte Militärparade anzusehen. Da ich als Ortsfremder keine Ahnung von geeigneten Orten hatte, habe ich mich am Tag vorher mit der „Eingeborenen“ Julia verabredet. Sie war offensichtlich nicht die einzige Moskauerin, die die Idee hatte, es in der Nähe des Majakowskaja-Platzes zu versuchen.

Nach weiteren 15 Minuten des mehr oder weniger aggressiven Durchkämpfens komme ich am vereinbarten Treffpunkt an. Gemeinsam mit Julija und ihrem Bekannten suchen wir nach einer geeigneten Lücke in der Menschenkette, die sich am Straßenrand gebildet hat. Schließlich entscheiden wir uns für Stehplätze in der vierten Reihe. Kurz darauf geht ein erstes Raunen durch die Menge, die Menschen aus südlicher Richtung johlen und pfeifen. Falscher Alarm – es ist nur ein langweiliges Kehrfahrzeug, das die Straße ein letztes Mal abfährt.

Doch gleich geht das Klatschen wieder los, dabei ist weit und breit auf der Straße nichts zu sehen. Kein Wunder, die Hälse der Menschen recken sich in Richtung Himmel. Ein russischer Militärflieger fliegt über der Stadt hinweg. Von unserer Position aus ist er zwischen den Häuserschluchten nur kurz zu sehen, doch die Menge ist begeistert. Denn es geht gleich weiter mit Bombern und Düsenjets. Die Flugzeuge fliegen so tief, dass man glauben könnte, sie würden jeden Moment die Fernsehantennen auf den Dächern streifen. Abgeschlossen wird die Flugschau durch drei in Dreiecksformation fliegende Düsenjets, deren Kondensstreifen die drei Nationalfarben Russlands haben. Erneut Begeisterungsstürme.

Auf einmal vernehme ich deutsche Männerstimmen gleich neben mir. Auf Nachfrage geben sie sich als Vater und Sohn zu erkennen. Zwei Hobby-Militärexperten, die regelmäßig zum 9. Mai nach Moskau reisen, um der Parade beizuwohnen. Sie sehen genauso begeistert aus wie die umstehenden Russen. Plötzlich fängt die Erde an zu beben. Ursache dafür sind die sich nähernden Panzer. Unzählige Panzer. Gefolgt von Militärtransportern, Raketenträgern und vielen vielen anderen Militärfahrzeugen. Die ganze Parade dauert ungefähr 15 Minuten und wird begleitet von den Jubelstürmen der umstehenden Zuschauer.

Da drängt sich mir die Frage auf, ob man hier den Sieg Russlands feiert oder ob der Tag lediglich Anlass ist, mit eigener militärischer Stärke zu protzen? Fakt ist, dass die Militärparade in heutiger Form erst seit 2005 wieder stattfindet. Anfang der 90er beschloss man, sie als Relikt aus Sowjetzeiten nicht mehr stattfinden zu lassen. Unter Putin wurde sie dann zum 65. Jahrestag wieder eingeführt. Dabei gibt es auch viele Gegenstimmen, die Putin vorwerfen, er wolle mit seinen Paraden das Großmachtstreben Russlands unterstreichen. Die sowjetischen Symbole wurden weitgehend ersetzt. Als Zeichen der Anteilnahme für das Kriegsende und Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg hat sich das Sankt-Georgs-Band, ursprünglich eine Auszeichnung aus zaristischen Zeiten, eingebürgert. Es wird entweder an der Kleidung getragen oder als Wimpel an Autoradioantennen angebracht. Das erinnert an Autofahnen in Deutschland während Welt- und Europameisterschaften im Fußball.

Viele Russen haben heute das Gefühl, dass die historischen Leistungen ihrer Nation nicht ausreichend anerkannt werden. Einmal fragte mich eine russische Bekannte, wer denn meiner Ansicht nach den Krieg gewonnen habe. Sie war dann ganz erstaunt, als ich sagte es seien vor allem Großbritannien, die USA und Russland gemeinsam gewesen. Dabei hätten ihrer Meinung nach die Amerikaner doch erst im Sommer 1944 aktiv in den Krieg eingegriffen. Alliierte Rohstofflieferungen über Murmansk wären nicht so bedeutend gewesen. Offenbar sehen Russen die Leistungen ihres Landes im Ausland nicht ausreichend gewürdigt. Ein in Russland lebender Italiener sagte mir, dass man sich davor hüten sollte, mit Russen über Geschichte zu diskutieren. Für eine objektive Diskussion seien sie viel zu patriotisch.

Natürlich darf man nicht vergessen, dass kein Land so sehr unter den Nazi-Schergen gelitten hat wie Russland. 27 Millionen Russen sind im Zweiten Weltkrieg umgekommen. In Russland wird der Zweite Weltkrieg der Große Vaterländische Krieg genannt, in Anlehnung an den ähnlich heroischen Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahre 1812. Begonnen hat der Krieg laut russischer Geschichtsschreibung im Juni 1941 mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion. Das offizielle Ende ist der 9. Mai 1945, der Tag des Sieges.

Wieso eigentlich der 9. Mai? In deutschen Geschichtsbüchern wird doch gelehrt, dass die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai unterzeichnet wurde. Das stimmt soweit auch, nur wurde die letzte Unterschrift gegen Mitternacht auf das Dokument gesetzt, als in Moskau wegen der unterschiedlichen Zeitzonen schon der 9. Mai begonnen hatte. Deswegen wird bis heute im gesamten Bereich der ehemaligen sowjetischen Einflusssphäre der 9. Mai als Ende des Krieges gefeiert.

Nach der Militärparade mache ich mich auf den Weg in Richtung Roter Platz. Vor dem Bolschoi-Theater versammelt sich eine riesige Menschenmenge, wo traditionelle russische Lieder gesungen und Tänze aufgeführt werden. Die Überlebenden des Krieges gegen Nazi-Deutschland erhalten Blumen und kleine Geschenke von jüngeren Generationen. Am Ende des Tages haben die meisten dann einen riesigen Blumenstrauß in der Hand. Die Veteranen erzählen den jüngeren Generationen Geschichten aus den schrecklichen Zeiten. Doch zugleich wird auch getanzt und gefeiert, denn es ist ja der Tag des Sieges.

Den festlichen Abschluss des Tages bildet ein Feuerwerk gegen 22 Uhr, das von acht verschiedenen Stellen in der ganzen Stadt verteilt gestartet wurde. Alles in allem ein sehr erlebnisreicher Tag. Etwas verstörend war der Anblick von Menschen in Uniformen mit Sowjetfahnen und einem riesigen Gemälde Stalins, das durch die Straßen Moskaus getragen wurde. Und auch die Begeisterung der Massen für das Militär konnte ich nicht nachvollziehen. Da bin ich aber nicht der einzige – Julia, meine Stadtführerin, ist überzeugte Pazifistin. Ich bin jedenfalls froh, dass es Militärparaden dieser Art in Deutschland nicht gibt.

David Witkowski

Mai 2013


Als der Himmel auf die Erde stürzte

Am 15. Februar ist ein Meteor über Tscheljabinsk hinweg geflogen. Nach der Explosion sind Teile davon in den 100 Kilometer entfernten Tscherbakul-See gestürzt. Ein Ereignis, das tagelang die Schlagzeilen von Medien in der ganzen Welt beherrschte. Sechs Wochen später mache ich mich auf in die Region. Wie laufen mittlerweile die Wiederaufbau-Arbeiten? Wie gehen die Menschen vor Ort mit den Ereignissen um?

Zerstörte Straßenzüge? Kaputte Fenster? Menschen mit Bandagen am ganzen Körper? Leute, die ängstlich immer wieder nach oben schauen, ob denn nicht erneut ein Himmelskörper im Anflug ist? All das hätte man bei einem Spaziergang durch die Straßen von Tscheljabinsk erwarten können, auch wenn es natürlich stark übertrieben ist. Doch nichts davon entspricht der Realität. Es scheint vielmehr so, als hätte es den Meteor nie gegeben.

Fast schon ein wenig enttäuscht war ich am Morgen des 8. April beim Verlassen des Tscheljabinsker Bahnhofsgebäudes. Es bot sich das typische Panorama einer russischen Industrie-Großstadt, doch von durch den Meteor hervorgerufenen Zerstörungen keine Spur. Offensichtlich haben die russischen Fensterbauer ganze Arbeit geleistet und innerhalb kürzester Zeit sämtliche zerstörten Gebäude in der Region mit neuen Fenstern versehen. Nur bei einem einzigen Gebäude konnte man anstatt eines Fensters eine provisorische Plastikfolie erkennen. Die Reparaturkosten sind vom russischen Staat übernommen worden. Böse Zungen behaupten daher, dass einige Anwohner ihre Fenster selbst kaputtschlugen, um ebenfalls neue Fenster finanziert zu bekommen.

Einen Eindruck von den Ereignissen des 15. Februar 2013 kann man lediglich aus Gesprächen mit Einheimischen gewinnen. An jenem Tag ging immerhin der größte bekannte Meteor seit 1908 auf die Erde nieder. Außergewöhnlich war dabei die hohe Anzahl an Verletzten, denn erstmals explodierte ein Meteor in der Nähe einer Millionenstadt. Die Verletzungen wurden jedoch nicht durch den Meteor selbst hervorgerufen, sondern durch indirekte Einflüsse, vor allem durch umherfliegende Glassplitter. Gemeldet wurden knapp 1.500 verletzte Personen und über 7.000 Gebäude mit Tausenden zerstörten Fenstern. Der Gesamtschaden wird von offizieller Seite auf eine Milliarde Rubel (25 Millionen Euro) beziffert.

Einmalig sind auch  die vielen Aufzeichnungen des Ereignisses. Gerade die in nahezu jedem russischen Neuwagen installierten Autokameras liefern Unmengen von Videomaterial für die Nachwelt. Wieso Russen eigentlich Videokameras in ihren Autos haben? Nun, die Antwort ist sehr einleuchtend, wenn man den Verkehr in Russland kennen gelernt hat und weiß, dass Korruption hier sehr verbreitet ist. Im Falle von unverschuldeten Unfällen sollte man vor Gericht so viel Beweismaterial wie möglich vorweisen können – am geeignetsten ist eine Videoaufzeichnung  des Unfallhergangs. Praktisch ist, dass sich die Kameras nicht nur dafür eignen, Autounfälle aufzunehmen, sondern nebenbei auch historisch einmalige Geschehnisse wie die Explosion von Meteoren.

Der Meteor von Tscheljabinsk explodierte laut NASA-Angaben in einer Höhe von ungefähr 20 Kilometern und hatte eine Sprengkraft von 440.000 Tonnen TNT – 20- bis 30-mal mehr Energie als bei der Detonation der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Er hatte einen Durchmesser von 15 bis 20 Metern und wog um die 10.000 Tonnen. Vor dem Eintritt in die Erdatmosphäre wurde der Meteoroid nicht entdeckt, weil solche kleinen Flugobjekte nicht systematisch beobachtet werden.

Für all diejenigen, die sich über die exakte Bezeichnung des Flugobjekts wundern, denn dem Autor war dies vor Beginn der Recherchen auch nicht klar. Als Meteoroiden werden kleine Flugobjekte mit einem Durchmesser von einigen Millimetern bis zu mehreren Metern bezeichnet, die auf einer Umlaufbahn um die Sonne unterwegs sind. Dringt ein solcher Meteoroid in die Erdatmosphäre ein, erzeugt er am Himmel eine Leuchterscheinung – den Meteor. Die wenigen Teile des Objektes, die den Erdboden erreichen ohne vollständig zu verglühen, sind die sogenannten Meteorite.

Für die Einwohner Tscheljabinsks war es in jenem Moment natürlich vollkommen egal, ob da jetzt ein Meteor oder ein Meteorit über ihren Köpfen hinweg flog. Dennoch waren die meisten in erster Linie weniger erschrocken als sehr überrascht. Die Augenzeugin Olga Achramenko, Public-Relations-Studentin in Tscheljabinsk, war zum Zeitpunkt des Ereignisses im Büro. Da ihr Schreibtisch gegenüber einem großen Fenster steht, wurde sie schnell auf ein außergewöhnlich helles Licht aufmerksam. Es ging von dem verglühenden Meteor aus und war zeitweise sogar heller als die Sonne. Sofort lief sie hinaus, um das Spektakel besser beobachten zu können. Wie die meisten Menschen dachte sie zunächst an ein abstürzendes Flugzeug, denn in der Nähe der Stadt befindet sich ein wichtiger Militärflughafen. Doch bald wurde klar, dass das Flugobjekt zu groß für ein Flugzeug war und außerdem ein anderes Geräusch machen würde. Im ersten Moment wussten die meisten nicht, was man machen sollte. Medien wie das lokale Radio konnten nicht sofort aufklären, obwohl viele Anrufe mit Fragen eingingen.

Ljajla Ilinskaja, Dozentin für Wirtschaft an der Süd-Uralischen Staatlichen Universität, war gerade auf dem Weg zur Arbeit. Sie berichtet, dass der Meteor höchstens 30 Sekunden gebraucht hat, um den gesamten Horizont zu durchqueren. Eine ältere Frau in ihrer Nähe habe sich auf den Boden geworfen und ängstlich „Krieg, Krieg!“ geschrien, doch die meisten Menschen haben sich ruhig verhalten. Als sie an der Universität ankam, erblickte sie das ganze Ausmaß der Zerstörung: Nahezu alle Fenster der Gebäude waren nicht mehr heil. Für die Studenten der Universität hatte der Meteor aber auch angenehme Folgen. Der Direktor ordnete drei Tage Ferien an, um die nötigsten Reparaturen schnell umsetzen zu können.

Ljajla hat zu unserem Treffen sogar vier kleine Stücke des Meteoriten mitgebracht, die sie von Bekannten aus der Umgebung Tscherbakuls erhalten hat. Ich durfte die kleinen dunkelschwarzen Steine in die Hand nehmen – ein erhabenes Gefühl, Materie in der Hand zu halten, die Millionen von Jahren durch den Weltraum geflogen ist. Die Dozentin ist sich sicher, dass es sich um echtes Meteoritengestein handelt. Im Internet sind seit ein paar Wochen aber auch dubiose Angebote von Steinesammlern zu finden, die angebliche Stücke des Flugkörpers für Tausende von Rubeln versteigern.

Ljajla freute sich sehr über die weltweite mediale Aufmerksamkeit, die Tscheljabinsk in den Tagen nach dem Meteoriteneinschlag erfuhr. In der Tat, Tscheljabinsk war für die meisten Menschen in Europa vorher kein Begriff. Auch ich wusste vor meinem Besuch nicht so recht, wie man sich die Stadt vorstellen soll. Der amerikanische Russland-Reiseführer gibt eine wenig schmeichelnde Beschreibung: „Industrial, earthy, like many Russian cities in shocking disrepair beyond the main squares and streets, and lacking high-profile sights, Chelyabinsk would at first glance seem to be a place best visited as a springboard than as a destination itself.” (Industriell, schmutzig, wie viele russische Städte außerhalb der Hauptplätze und –straßen in schockierendem Bauzustand, fehlende hochklassige Sehenswürdigkeiten – man könnte auf den ersten Blick den Eindruck bekommen, dass Tscheljabinsk eher als Sprungbrett denn als Ziel selbst einen Besuch wert ist.)

Natürlich ist Tscheljabinsk als russische Industriestadt keine Schönheit. Die aktuelle Jahreszeit ist auch nicht die geeignetste, um einen schönen Eindruck von der Stadt zu bekommen. Noch sind alle Bäume kahl und das Tauwetter führt dazu, dass Autos und Gebäude von einer dicken braunen Dreckschicht verdeckt werden. Trotzdem hat die Stadt bei mir kein negatives Bild hinterlassen.

Tscheljabinsk ist vor allem bekannt für die erstklassige Eishockeymannschaft Traktor Tscheljabinsk und als Industriezentrum von landesweiter Bedeutung. Im Zweiten Weltkrieg wurden hier so viele Panzer und Fahrzeuge hergestellt, dass die Stadt Tankograd (Panzerstadt) genannt wurde. Einige Panzer aus dem Krieg können heute im Siegesgarten (Сад Победы) bestaunt werden.

Interessant ist auch, dass Tscheljabinsk östlich des Ural und somit in Asien liegt. Die lokalen Autoritäten erhoffen sich, aus dem Meteoriten Kapital schlagen zu können und möchten mehr  Reisende in die wenig touristisch geprägte Region holen. Für den Sommer haben sich immerhin schon zwei japanische Reisegruppen angekündigt.

David Witkowski

April 2013

 


Von Kriegern und Dichtern

Wenn  man durch die Straßen Ufas läuft, baschkirische Wohnungen betritt oder ein Spiel der lokalen Eishockeymannschaft besucht, kommt man an seinem Namen nicht vorbei. In Baschkortostan ist er allgegenwärtig, sogar eine Großstadt ist nach ihm benannt. Die Rede ist vom baschkirischen Nationalhelden Salawat Julajew.

Salawat Julajew wurde am 5. Juni 1754 in dem Dorf Tekejewo geboren. Da es in Baschkortostan zwei Dörfer mit diesem Namen gibt, beanspruchen beide für sich, Geburtsort des Nationalhelden zu sein. Die Einweihung eines Denkmals im einen Tekejewo führte vor einiger Zeit zu großen Protesten im zweiten Tekejewo. Schon dieses Beispiel zeigt, von welcher Bedeutung Salawat Julajew für die gesamte Region ist.

Schon Salawats Vater war ein bedeutender Heerführer der Baschkiren und nahm auf der Seite der Russen im Jahre 1770 am Krieg gegen die Polen teil. Salawat blieb als ältester Sohn im Dorf und übernahm entsprechend der Tradition die Aufgaben und Pflichten seines Vaters. Da er in einer vom Krieg geprägten Umgebung aufwuchs, erlernte er schon früh das Kämpfen. So soll er der Legende nach im Alter von 14 Jahren einen Bären allein mit einem Dolch erlegt haben. Das erklärt, wieso Salawat trotz seiner Jugend eine so wichtige Funktion in dem Pugatschow–Aufstand von 1773 bis 1775 ausübte.


Pugatschow war Kosake, der sich als Zar Peter III. ausgab. Jener Zar war ein reformorientierter Herrscher gewesen, ganz dem aufgeklärten Absolutismus verschrieben. So hatte er unter anderem den Bauern die Aufhebung der Leibeigenschaft versprochen. Doch bereits sechs Monate nach Regierungsantritt wurde der Zar 1763 ermordet. Seine Gemahlin Katharina II. folgte auf den Thron und nahm viele Versprechungen Peters III. wieder zurück. Viele Menschen in Russland verehrten Peter III. auch noch Jahre nach seinem Tod, wovon Pugatschow bei seinem Aufstand gegen die russische Zentralgewalt profitieren konnte. Dem Aufstand schlossen sich Baschkiren und andere Völker der Wolgaregion an. Zunächst gelang es den Aufständischen weite Gebiete zwischen Ural und Wolga zu besetzen, doch Anfang 1775 errangen die kaiserlichen Truppen den Sieg. Pugatschow wurde gefangen genommen und in Moskau hingerichtet.

Professor Nasir Kulbachtin, Experte für baschkirische Geschichte an der Staatlichen Baschkirischen Universität, ist sich sicher, dass Salawat Julajew während des Aufstands nicht eine einzige Schlacht verloren hat. Das hänge unter anderem mit der von ihm angewandten Taktik zusammen. Baschkiren waren schon immer Nomaden gewesen und wie alle Turk-Völker ausgezeichnete Reiter. Julajew nutzte dieses Können, indem er den Gegner durch blitzschnelle Attacken seiner hoch disziplinierten Kämpfer einkesseln ließ und durch fluchtartige Rückzüge größere Verluste vermied. In seinen Kampfgruppen vereinte er Baschkiren und andere Völker. Verwendet wurden vor allem klassische Waffen wie Pfeil und Bogen sowie Säbel. Doch später passte Julajew die Taktik an die des zaristischen Feindes an und ließ auch vermehrt Gewehre und Kanonen einsetzen.

Ende November 1775 wurde auch Salawat Julajew gemeinsam mit seinem Vater gefangen genommen und in die estnische Festung Rogervik geschickt. Dort verbrachte er noch den Rest seines Lebens, bevor er am 26. September 1800 verstarb. Die herrschende Zarin Katharina die Große wollte den Aufstand und alle mit ihm verbundenen Personen aus dem Gedächtnis der Bevölkerung tilgen. So war es jahrzehntelang nicht erlaubt, den Namen Salawat Julajew auch nur zu nennen.

Der Ursprung des Mythos Salawat Julajew liegt aber nicht nur in seinem Märtyrertod für den Unabhängigkeitskampf der Baschkiren, sondern vor allem in seinen lyrischen Hinterlassenschaften aus der langen Zeit in Gefangenschaft. Seine Gedichte spendeten vielen Baschkiren auch nach seinem Tod Hoffnung auf bessere Zeiten. Noch heute werden sie von vielen baschkirischen Schulkindern gelesen und gelernt.

In der ganzen Republik Baschkortostan gibt es heute viele Denkmäler und Einrichtungen, die den Namen von Salawat Julajew tragen. Die wichtigste Sehenswürdigkeit von Ufa ist ein überdimensionales Reiterstandbild des Helden, das über dem Fluss Belaja thront. In dem Ort Malojas gibt es ein Salawat-Julajew-Museum. Dort wird unter anderem sein Säbel ausgestellt. Der Griff ist aus gelbem Kupfer in der Form eines Löwenkopfs und mit kleinen Steinen geschmückt. Auf der Schneide ist etwas in arabischer Schrift eingraviert, das bis heute aber kein Wissenschaftler hat übersetzen können.

Das Bild Salawats in der heutigen Bevölkerung ist gespalten. Gilt er für Baschkiren als wichtigster Verteidiger der baschkirischen Nation, wird er von Russen kritischer betrachtet. Ein baschkirischer Freund berichtet, dass in seiner Schulzeit eine russische Lehrerin vor versammelter Klasse Salawat einmal als Dieb und Dissidenten bezeichnet hat – also ganz in der Tradition Katharinas der Großen. Einige Dinge ändern sich nie…

David Witkowski

März 2013

 


Made in Baschkortostan: Flüssiges Gold der Leidenschaft

Baschkortostan – Heimat unzähliger Wälder und Wiesen, einer artenreichen Tier- und Pflanzenwelt und gleichzeitig Geburtsort des einzigartigen baschkirischen Honigs. Er gilt als beliebtestes Mitbringsel der Republik, wird auf Verkaufsmärkten und auch im Internet als bester und reinster Honig weltweit angepriesen und ist wohl fast bei jedem Russen unabdingbarer Bestandteil des täglichen Teegenusses.

Was aber macht ihn so besonders und damit zum Aushängeschild Baschkortostans? Ist es der einzigartige Geschmack, der durch spezielle Pflanzenarten in der Umgebung zustande kommt? Ist es eine ausgefallene Herstellungsmethode, die den Honig besonders wertvoll macht? Oder sind es spezielle Inhaltsstoffe, die den baschkirischen Honig auf Platz Eins rücken lassen? Fakt ist, dass Honig generell gewisse Heilungsprozesse beschleunigt und dass gerade dem baschkirischen Honig besondere Heilungskräfte zugesprochen werden.

Honig wird schon seit der Steinzeit von Menschen genutzt und galt bis zum 19. Jahrhundert als wichtigstes und einziges Süßungsmittel. Im antiken Ägypten erreichte seine Popularität ihren Höhepunkt – er galt als „Speise der Götter“ und als „lebend gewordene Tränen“ des Sonnengottes Ra. Selbst Ramses II lies sich sein Gehalt in Honig auszahlen. Mittlerweile gibt es in jedem deutschen Supermarkt verschiedene billige Gläser des süßen Goldes zu kaufen – doch weder Herkunft noch Herstellung sind immer eindeutig.

Beim baschkirischen Honig kann man sich der Reinheit und des unverfälschten Geschmackes sicher sein. Die Imkerei gilt vor allem in den unzähligen kleinen Dörfern der Republik als wichtige Einkommensquelle. Wiesen und Wälder geben den Bienen genügend Nahrung für den leckeren Honig.

Wolodja, 43 Jahre, hat sein Leben der Imkerei zugeschrieben. „Das Leben auf dem Dorf ist hart“, erzählt er. „Es gibt keine Arbeit für die Menschen. Wir alle leben von der Landwirtschaft, aber Geld bringt uns das nicht. Wir brauchen auch Mehl für Brot und Konfekt für die Kinder, das müssen wir irgendwie bezahlen." Das Leben eines Dorfbewohners schildert er sehr schwarz, keine Arbeit, keine Perspektive. Alkoholismus ist das größte Problem. Er selbst war Alkoholiker, bis er vor 6 Jahren die Reißleine zog. Nun ist er zweifacher Familienvater, arbeitet als Heizer und Monteur für die kleine Dorfschule und hat eine große Liebe: die Imkerei.

Als ihm vor acht Jahren zwei Bienenfamilien geschenkt wurden, kaufte sich Wolodja zwei Bienenhäuser und begann sich mit der Bienenzucht zu beschäftigen. Seine Informationsquelle waren für den völlig Ungelernten Bücher und seine Freunde. Mit leuchtenden Augen zeigt er Bilder aus dem zerfledderten „Schulbuch der Imkerei“, dem er sein ganzes Wissen verdankt. Er verliebte sich sofort in die Bienen und ihren goldgelben Schatz und entdeckte schnell die Geheimnisse der Imkerei. Aus seinem spät entdeckten Hobby wurde Leidenschaft und aus den anfänglichen zwei Familien vier. Im letzten Jahr betreute Wolodja sieben Bienenhäuser, in diesem Jahr expandierte er schon auf 12 Bienenfamilien und im nächsten Jahr sollen es noch mehr werden.

Mittlerweile produzieren seine Bienen 200 Liter Honig pro Jahr, der in riesigen Töpfen in seinem kleinen Häuschen gelagert wird. Er wohnt sozusagen im Honig. Auf dem Zentralmarkt in Ufa würde ein 3-Liter Glas seines Honigs wahrscheinlich 2000 Rubel einbringen, doch diese Möglichkeit ist ihm nicht gegeben. Die größten Abnehmer seines vorzüglichen Honigs sind Familienmitglieder und deren Freunde. Diese bekommen den geschleuderten Bienennektar dann zum Freundschaftspreis von 1000 Rubel, oder gar geschenkt. . „Einmal habe ich einen 35-Liter- Eimer verkauft, der hat unserer Familie dann diesen Staubsauger eingebracht“, erzählt er stolz und zeigt dabei auf ein riesig blaues Ungetüm, mit dem seine Frau nun freudig 3Mal am Tag das 1-Zimmer- Häuschen saugt.

„Leider habe ich nur Töchter“, berichtet Wolodja ein wenig enttäuscht, denn die Imkerei ist Männerarbeit und auch nicht ganz ungefährlich. Seine Frau höchstpersönlich hat eine Bienenallergie. „Dafür haben wir aber eine Salbe gegen die Schwellung“, sagt sie. „Und Marianna, unsere Jüngste wurde bisher noch gar nicht gestochen.“ Sie weiß, dass die Imkerei der Familie zumindest ein kleines Nebeneinkommen einbringt.

„Durch die große Hitze in diesem Jahr gibt es übrigens keinen Lindenhonig“,erwähnt Wolodja noch. Leider. Denn der Lindenhonig ist einer der Besten aus Baschkortostan.“ Aber der Wildblütenhonig aus diesem Jahr ist auch ganz deliziös, wie sich bei der Kostprobe am Mittagstisch herausstellt.

Baschkortostan ist reich an Schönheit und Naturschätzen. 600 Flüsse und 800 Seen bereichern das Gebiet und bieten fruchtbaren Boden und bestes Klima für die Honigbiene. Die Burzyansky-Region in Baschkortostan mit seinem Naturschutzgebiet „Schulgan-Tash“ ist die Heimat der baschkirischen Biene, einer wilden Biene, die laut Herstellern den wertvollsten und seltensten Honig auf der Welt produziert. Es ist also die Natur der Republik, die der Honigbiene zur Produktion des baschkirischen Honigs unvergleichliche Inhaltsstoffe bietet und die ihm seinen unverkennbaren Geschmack verleiht..
Der besondere Zauber liegt aber wohl dennoch in der Herstellung. Der Honig aus den baschkirischen Dörfern wird mit einer ganz besonderen Zutat versehen: der Leidenschaft. Und genau diese verleiht dem Honig einen ganz speziellen Geschmack, der ihn eindeutig zum König aller Honige weltweit krönt.

Wolodja Nikolaew, 43 Jahre ist zweifacher Familienvater und seit 6 Jahren trockener Alkoholiker. Seinen Lebensmut verdankt er nicht zuletzt seiner Leidenschaft, der Imkerei, die ihn seit 8 Jahren beschäftigt. Seine Familie kommt aus dem mariischen Dorf Baiturowo, etwa 90 km nordöstlich von Ufa entfernt. Wolodja lernte in Ufa Radiotechniker, konnte aber im Dorf nie eine Arbeit finden.

Julia Hoppe
August 2010


Tualetnaja Bumaga – Auf der Suche nach dem Charmin-Bären

„Toilettenpapier ist Papier, zur Bewahrung der Hygiene nach dem Stuhlgang oder dem Harnlassen“ – so wird in der russischen Version von Wikipedia Toilettenpapier definiert. In der deutschen Ausgabe hingegen ist nicht einfach von „Papier“ die Rede. Nein! Hier wird stattdessen das Wort „Tissue-Papier“ verwendet. Dabei handelt es sich – auch das erklärt Wiki sofort – „um ein saugfähiges, feingekrepptes Hygienepapier aus Zellstoff“. Hat dieser kleine aber feine Unterschied in der Wortwahl einen tieferen Hintergrund?

Heute erscheint es uns in Deutschland als Selbstverständlichkeit, dass wir nach dem „Geschäft“ zu einer kleinen Papierrolle greifen, uns ein paar vorgestanzte, drei- oder vier-lagige Blättchen abreißen und uns damit ausgiebig rektal putzen. Springt man in der Geschichte um einige Jahrhunderte zurück, so stößt man diesbezüglich allerdings auf Verhaltensweisen, die etwas befremdlich anmuten. Neben der bloßen Hand verwendete man früher zum Abwischen des Hinterns auch gerne einmal alte Lumpen, Maiskolben oder – und das klingt in der heutigen Zeit ziemlich verrückt – lebendiges Federvieh. Ab dem 19. Jahrhundert kam dann die Zeitung ins Spiel. Mit der Erfindung der Schnellpresse wurden Zeitungen für Jedermann erschwinglich. Beim Toilettengang erfüllten sie dann nicht nur eine unterhaltende Funktion. Der Herausgeber der US-Magazins „Old Farmer's Almanac“, Robert B. Thomas, erkannte diesen Trend und ließ in den 1840er Jahren ein Loch in die Hefte stanzen. Die Leser konnten es nun mit einem Nagel an der Wand befestigen und es sowohl als Spender für Lesestoff wie für Toilettenpapier benutzen. Erst im 20. Jahrhundert führte der Weg über raues Krepppapier schlussendlich zum viel weicheren Tissue-Papier.

In Russland ist das Thema „Wischkomfort“ bis heute eher von untergeordneter Bedeutung. Zu Sowjetzeiten musste wegen allgemeinen Papiermangels oft noch auf Zeitungspapier ausgewichen werden. Heute gibt es neben den drei- und vier-lagigen Ausführungen zu sehr hohen Preisen hier eine große Auswahl an oft grauem, krepppapierartigem Toilettenpapier, welches dann auch im russischen Normalhaushalt sehr häufig zu finden ist. An Vielfalt mangelt es bei diesen eher unluxuriösen Klopapiersorten allerdings nicht. Mit oder ohne Papprolle, elastisch wie Gummiband und löchrig oder hart und krümelig, mit Noppen oder ohne, wegspülbar oder mit Schwimmbojenqualität, diverse Pastelltöne, all das steht zur Auswahl. Wer soll da durchschauen, was wirklich das Beste für seinen Popo ist und gleichzeitig den Preis im Auge behalten?

Baschkirenheute ist wie immer bemüht, seinen Lesern das Leben leichter zu machen und hat deshalb in einem mehrmonatigen Test 15 verschiedene Sorten Toilettenpapier auf Herz und Nieren geprüft, darunter 13 preiswerte Fabrikate von russischen Herstellern, ein teureres schwedisches Produkt und – um auch den Vergleich zur guten alten Zeit zu ziehen – Zeitungspapier.

Jede der Toilettenpapiersorten musste sich von einem deutsch-russischen Testteam in acht Kategorien bewerten lassen. Beurteilt wurden dabei der optische und manuelle Ersteindurck – man will sich ja schließlich auf das Abwischen freuen, die Wegspülbarkeit und die Portionierbarkeit, also ob man nach dem Abreißen von der Rolle ein funktionsfähiges Stück Papier in der Hand hält, oder nur einen unzureichend geeigneten Fetzen. Ebenso untersucht wurde, ob das Papier während des Wischens dem Druck der Finger standhält und auch die Ergiebigkeit floss in die Bewertung mit ein. Am allerwichtigsten waren jedoch das Wischgefühl und der Preis.

Das Ergebnis ist – was den Komfort betrifft – wenig erstaunlich. Das teuerste Papier im Test, eine Rolle „Deluxe“ der Marke Zewa, schmiegte sich mit Abstand am sanftesten an die Redaktions-Pos. Trotz des Preises von 22,50 Rubel (ca. 0,60 €) pro Rolle und trotz der eher mageren zwei Lagen, belegt es damit den ersten Platz.

Als nächstes folgt dann allerdings eine Überraschung. Der Preis von 6,50 Rubel (ca. 0,17 €) ist einer der kleinsten im Feld. Die freundlich-grüne Verpackung schürt Hoffnung. Der erste Eindruck ist aber eher ernüchternd – farblos, einlagig, so dünn, dass man schon durchschauen kann. Der Gebrauch verblüfft. „Grau, aber ohoo!!“, schreibt jemand auf seinen Bewertungsbogen. Platz zwei für „Первая Потребительская на втулке“ (Das erste Konsumtoilettenpapier auf der Rolle).

An diese erst- und zweitplatzierten Fabrikate schließt sich ein Mittelfeld an, in dem zwar die meisten Papiere mit Spottpreisen glänzen können, dem Po aber qualitativ wenig bis nichts zu bieten haben. Am besten schneidet hier noch die Marke „Светогорский Стандарт“ (Der Standard aus Svetogorsk) ab. Sie ist in mehreren blassen Farbtönen zu haben, wie etwa lachsrosa oder türkis, bekommt insgesamt die Schulnote 3 und kostet 6,40 Rubel (ca. 0,16 €).

Viele der getesteten Toilettenpapiere haben allerdings schwere Mängel, die auch durch den kleinen Preis nicht zu rechtfertigen sind. Das „MilaЯ Туалетная Бумага из зеллюлозы“ (Kleines Toilettenpapier aus Zellulose) zum Beispiel ist nicht wegspülbar. So bleibt immer eine kleine Überraschung für den nächsten Toilettengänger übrig und als besonderes Extra kleben die Papierflocken auch in der Bürste fest, wenn man deren Dienste einmal in Anspruch nehmen muss.

Ebenfalls nicht zu empfehlen sind die Marken „Нежность“ (Zartheit) und „!недорогая туалетная бумага“ (Billiges Klopapier). Diese Toilettenpapiere krümeln beim Abreißen. Auf dem Fußboden sammeln sich dann Unmengen an grauen Flocken, sodass man das Bad täglich ausfegen muss, um die Brocken nicht in der gesamten Wohnung zu verteilen.

Noch hinter das Zeitungspapier auf die letzten beiden Plätze kommen „Туалетная Бумага надежная“ (Zuverlässiges Toilettenpapier) und „2слоиная“ (Das Zweilagige). Deren Gebrauch ist schlicht schmerzhaft. Mit den sehr rauen bzw. genoppten Oberflächen haben diese beiden Sorten das Prädikat „Toilettenpapier“ nicht verdient. Das Zeitungspapier hingegen ist gar nicht so unangenehm, wie man vielleicht denken mag. Allerdings ist es schlecht saugfähig und die allzu glatte Oberflächenstruktur verzögert den Wischvorgang unnötig, da bei einer Wischbewegung nur sehr wenig abgetragen wird.

Ob der kleine Unterschied zwischen den Wikipedia-Definitionen nun vielleicht dadurch zustande kommt, dass die russischen Autoren mit „Tissue-Papier“ noch keine Erfahrungen gesammelt haben, oder ob sie ihre Arbeit in diesem Fall einfach etwas weniger detailverliebt verrichtet haben, bleibt offen. Sicher ist aber, dass das Testteam bei keinem der untersuchten Toilettenpapiere so zufrieden lächeln konnte, wie der flauschige Braunbär aus der Fernsehwerbung. Wer mehr Luxus für den Po will, der muss in Russland wohl oder übel etwas tiefer in die Tasche greifen, als wir es für unseren Test getan haben.

Tobias König
Juni 2010


Alexejewka – die Geschichte eines sterbenden Dorfes

Die holprige Landstraße führt an einem dreisprachigen Schild vorbei. „Willkommen in der Kolchose Rossiya“ ist darauf in russischer, baschkirischer und deutscher Sprache zu lesen. Kurze Zeit später hält der Bus in Prishib, einem Dorf, etwa 90 Autominuten von Ufa entfernt. Der Eiswind fegt über die von Holzhäusern gesäumte Hauptstraße. Gegenüber dem erstaunlich modernen Glasbau der Oberschule wartet bereits Julias  Vater mit dem Auto auf uns. Julia, eine Studentin der Germanistik an der Baschkirischen Staatlichen Universität, hatte uns im Unterricht nur eine Kurzversion ihrer Herkunftsgeschichte erzählt und uns neugierig gemacht. Ein deutsches Dorf mitten in Baschkortostan? Das war uns neu und musste entdeckt werden.

Die ersten Worte des Vaters gingen an uns vorbei – spricht er Russisch oder Deutsch? Richtig zuordenbar war es nicht, auf jeden Fall irgendwie anders. Hinter dem letzten Haus von Prishib biegen wir auf einen unbefestigten Feldweg ab und nach kurzer, holpriger Fahrt sind wir am Ziel: Alexejewka – Julias Heimatdorf. Der Wagen hält vor dem kleinen kunterbunten Häuschen der Familie Mak. Die Mutter hat schon alles vorbereitet. Der Tisch ist reich gedeckt und neben knuspriger Ente und leckeren Salaten erwartet uns auch das eine oder andere Glas Wodka. Unsere Gastfamilie spricht – und das ist kaum zu glauben – Deutsch mit schwäbischem Dialekt, denn Schwäbisch ist hier Muttersprache.
Als wäre es ein Traum sitzen wir mitten im Herzen Baschkortostans in einem deutschen Wohnzimmer bei einem Glas Selbstgebranntem und unterhalten uns auf Deutsch. Der Alkohol lockert unsere Zungen und wir fallen in den Bann der unglaublich spannenden Geschichte um das Dorf Alexejewka.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts besaß das russische Zarenreich riesige Gebiete unbewohnten Landes. Um der Finanznot des Staatshaushaltes entgegenzuwirken erlaubte es Zarin Katharina II. ausländischen Staatsbürgern, sich in diesem Gebieten anzusiedeln und versuchte so, potentielle Steuerzahler anzulocken. Die damalige politische und wirtschaftliche Situation in Mitteleuropa und die von Katharina II. geschaffenen finanziellen und rechtlichen Anreize überzeugten Viele, sich auf eine abenteuerliche Reise nach Russland zu begeben. Etwa 100.000 Menschen, vor allem aus Süd- und Südwestdeutschland, gründeten daraufhin Kolonien auf dem Boden der heutigen Ukraine, ebenso wie in Gebieten nahe der Wolga und der Schwarzmeerküste.

Der große Kinderreichtum dieser Einwanderer führte innerhalb von 150 Jahren zu einer Versiebzehnfachung der deutschen Bevölkerung in Russland. So entstanden neben den Mutterkolonien tausende Tocherterkolonien – deutsche Siedlungen sogar bis nach Sibirien. Zu diesen neueren Kolonien gehören auch die Dörfer in Baschkortostan. Neben Prishib und Alexejewka wurden zwischen 1906 und 1910 neun weitere deutsche Dörfer in der Nähe von Ufa gegründet.

 

Das Abendessen neigt sich dem Ende. Bei Tee und Keksen fragen wir die Familie, für welches Land denn ihre Herzen heute schlagen. .“Wir sind natürlich Deutsche“ , sagen sie voller Stolz und Julias Mutter ergänzt: „Hier auf unserer kleinen Insel sind wir Deutsche. Wir sprechen einen deutschen Dialekt, wir pflegen deutsche Sitten und Traditionen und wir sind Katholiken. Es ist nicht immer einfach. Wir sprechen kein richtiges Deutsch und kein richtiges Russisch. Aber irgendwie können wir uns immer verständlich machen“.

Auch in den anderen deutschen Familien auf der sogenannten „Sprachinsel Prishib / Alexejewka“ ist der schwäbische Dialekt Muttersprache. Ab der ersten Klasse lernen die Kinder dann Russisch und Hochdeutsch, denn das Schwäbische ist keine Schriftsprache. Familie Mak erzählt uns, die geschriebene Sprache hätten sie früher Kodisch genannt, eine Schrift, die für sie heute nicht mehr lesbar wäre. Nach einigem Überlegen kommen wir zu dem Schluss, dass es sich beim ominösen Kodisch um eine der gebrochenen Schriftarten – umgangssprachlich auch als altdeutsche Schrift bekannt – handeln muss.

Wir sind erstaunt, als uns von den Sprachunterschieden zum 10 Minuten entfernten Dorf Prishib berichtet wird. Während man in Alexejewka beispielsweise zum Huhn „Hinkel“ sagt, bedeutet es in Prishib „Hiener“. Obwohl in beiden Dörfern schwäbischer Dialekt gesprochen wird, können sich einzelne Wörter sehr stark unterscheiden. Der Vater erzählt von einer Reise nach Novosibirsk, auf der er mit einigen Wolgadeutschen in Kontakt gekommen ist. Obgleich auch sie in einem deutschen Dialekt mit ihm sprachen, konnte er ihren Worten nicht folgen, aber der Wodka half, das Kommunikationsproblem zu lösen.

Es dämmert bereits, als wir unseren Rundgang durch Alexejewka beginnen. Die Häuser entlang der Hauptstraße sind heute nur noch zu einem kleinen Teil von deutschen Familien bewohnt. Von den ehemals 2000 Deutschen in Prishib und Alexejewka sind noch circa 210 geblieben. Zu Beginn der 1990er Jahre hat eine große Migrationswelle nach Deutschland für diesen Bevölkerungsschwund gesorgt. Die anhaltende Landflucht tut ihr übriges, um die deutsche Bevölkerung in Baschkortostan weiter zu dezimieren.

Julias Mutter ist eine von zwei Grundschullehrerinnen hier im Dorf und entführt uns an diesem spannenden Samstagabend in das kleine Schulhäuschen. Nicht nur Birken säumen den Eingang, sondern auch Pappeln, die die ersten Dorfbewohner pflanzten, um sich in den klassischen russischen Birkenwäldern heimischer zu fühlen. Zurzeit gibt es 16 Schüler, die sich in zwei Klassen aufteilen. Nur noch vier von ihnen sind deutsch. Das Interieur in den zwei Klassenzimmern ist seit der Gründung 1932 noch immer sehr gut erhalten und zeugt von viel Liebe und Wertschätzung gegenüber der eigenen Vergangenheit.
Ein kleines Schulmuseum bringt uns vor Freude beinahe zum Weinen. Baschkirische, russische und deutsche Ausstellungsstücke lassen den kleinen Raum fast Platzen. Ein niedlicher Kostümfundus, eine winzige dreisprachige Schulbibliothek, Wandzeitungen, Fotoalben, mit Vokabeln beschriftetes Geschirr und eine kleine Sammlung traditioneller Küchenutensilien aus der Gründerzeit. All dies ist von unendlich großem Wert, aber unsere Zeit zu kurz, um all den wundervollen Kleinigkeiten ausreichend Respekt zu zollen. Wie auf Wolken schweben wir weiter, beeindruckt und voller Hochgefühl, durch den Eissturm „Buran“ zum Häuschen der örtlichen Bibliothekarin.

Sie führt in Alexejewka eine Bibliothek mit etwa 9000 Büchern. Die meisten davon sind in baschkirischer Sprache geschrieben, aber 400 Werke auf Deutsch erhältlich. Die ältere Dame erzählt aus ihrer Kindheit. Geschichten, Lieder und Gedichte seien in der Gründerzeit nur mündlich überliefert worden. Stolz zeigt sie uns alte Schulhefte, in die sie früher die Lieder ihrer Mutter fein säuberlich aufgeschrieben hat. Nun sehen wir den schwäbischen Dialekt doch einmal in geschriebener Form und unterdrücken ein Lachen, als wir die lustig „falsch“ geschriebenen Wörter erblicken. Es wurde eben alles so aufgeschrieben, wie man es hörte – ohne Rechtschreibregeln.

Am nächsten Morgen besuchen wir den Sonntagsgottesdienst in der katholischen Kirche des Dorfes. Die kleine hölzerne Kapelle wurde erst 1996 wiedererrichtet, denn zu Sowjetzeiten war es hier nicht gestattet, seine Religion frei auszuüben. „Trotzdem hat die Dorfälteste immer alle Kinder getauft und mit uns gemeinsam die christlichen Feste gefeiert“ “, erinnert sich die Mutter. Nach Wiederaufbau der Kirche übernahm der Tiroler Pater Johannes die kleine Gemeinde und fortan wurde der Gottesdienst auf Deutsch gehalten – sehr zur Freude der Dorfbewohner. Der frühe Tod des Paters im Alter von 48 Jahren bedeutete das Ende der deutschsprachigen Messen und versetzt die Dorfbewohner noch heute in große Trauer. Nun betet ein deutscher Pater auf Russisch – ein kleiner weiterer Tropfen, der den Stein höhlt und das Dorf mehr und mehr „entdeutscht“. Umso fröhlicher begegnen uns die Gemeindemitglieder bei der Messe am Palmsonntag und suchen deutschsprachigen Kontakt zu uns. Man sieht ihnen die Freude beim Gebrauch ihrer Muttersprache an - einer Sprache, die nun droht, in Vergessenheit zu geraten.

Als wir uns am Nachmittag auf den Heimweg nach Ufa machen, sind wir von den Erlebnissen überwältigt und auch ein wenig traurig. Die aktuelle Situation in Alexejewa lässt erahnen, dass es in der nächsten Generation hier keine Deutschen mehr geben wird. Die Kolchose, bisher Arbeitgeber für viele Dorfbewohner ist bankrott. Von den Jugendlichen hält es keinen mehr auf dem Land. Sie ziehen in die Städte, denn das Landleben ist für sie nicht mehr zeitgemäß. Es bleibt zu hoffen, dass diese Siedler als Teil der russischen Geschichte für immer in Erinnerung bleiben und dass es den anderen deutschen Kolonien in Russland vielleicht besser ergehen wird. Der Tag in Alexejewka jedenfalls wird so schnell nicht aus unserem Gedächtnis verschwinden. Ein für immer unvergessliches Erlebnis – mitten auf einer kleinen deutschen Insel, im Herzen von Baschkortostan.

Julia Hoppe, Tobias König
April 2010