Der Park der gefallenen Denkmäler

Als Ende 1991 die Sowjetunion zusammenbrach, fielen auch einige ihrer in Stein gehauenen Manifestationen, Denkmäler umstrittener Führungspersonen und Skulpturen sozialistischer Propaganda. Sie wurden zerstört, zerschmolzen oder anderweitig beseitigt. In Moskau allerdings fand man eine weitere Lösung und sammelte sie an anderer Stelle neu. Im Laufe der Zeit hat sich dort ein Park mit ganz eigentümlichem Charakter entwickelt.

Ein Sonntagnachmittag in Moskau, ein heißer Sommertag dazu. Die Menschen drängt es in die Parks und auf die öffentlichen Plätze der Stadt. Von der Metrostation Oktjabrskaja ziehen große Massen in den unweit gelegenen Gorki-Park. Direkt gegenüber, auf der anderen Seite des vielspurigen Krimskjy val, befindet sich der Eingang zu einem weiterem beliebtem Ausflugsziel, dem Moskauer Skulpturenpark „Muzeon“. Über 700 Arbeiten sind auf dem Gelände untergebracht, mehr als 200 weitere befinden sich im Magazin. Bekannt ist der Park dabei nicht zuletzt wegen jener Skulpturen, die im Wandel der Zeiten hier einen neuen Aufbewahrungsort gefunden haben.

Es sind vor allem Schöpfungen der Jahre zwischen 1930 und 1950, in erster Linie Abbildungen ehemaliger Sowjetführer, aber auch Arbeiter- und Bauerndenkmäler sowie andere Plastiken des Sowjetrealismus. Seit 1992 wurden sie von ihren alten Standorten hierher gebracht und so, wie sie beim Abladen hinfielen, zunächst liegen gelassen – die aus dem Englischen stammende Bezeichnung vom „Park der gefallenen Denkmäler“ trägt so in gewisser Weise eine zweifache Bedeutung.

Im Laufe der Zeit und mit zunehmendem Ausbau des Parks kamen weitere Skulpturen hinzu, zeitgenössische Werke insbesondere der 2000er Jahre. Auch die gefallenen Denkmäler wurden erneuert und wiedererrichtet. Mittlerweile bilden sie im Ensemble der Anlage aber eine deutliche Minderheit. Eine kleine Insel verdichteter sozialistischer Ästhetik in einer rapide sich erneuernden Umgebung. Denn gerade die Parkanlagen entlang der Moskwa, stehen seit Sommer letzten Jahres im Zentrum eines groß angelegten Projektes zum Ausbau der städtischen Naherholungsgebiete: der Schaffung einer 10 Kilometer langen Uferpromenade zwischen dem Kreml und den Sperlingsbergen.

Seit Herbst 2013 wurde in diesem Zusammenhang auch das Muzeon-Gelände erweitert um eine Fußgängerzone entlang des Flusses. Ein Mikrokosmos angenehmen städtischen Lebens im Sommer: zahlreiche Cafés, aber auch die schattigen und satten grüne Rasenflächen laden zum Verweilen ein, eine ganze Anlage tanzender Springbrunnen sorgt nicht nur bei den kleinsten Besuchern für spielerische Abkühlung, es gibt Bühnen für Musik, Büchertauschkisten und Fahrradverleihstationen. Pulsierendes modernes Leben.

Nur weniger Meter weiter thronen die Herren einer anderen Zeit, die Lenins, Stalins und Breschnews. Auch zwischen ihnen tummeln sich die Besucher, machen Picknick oder Fotos von ihren Kindern, während ein übergroßer steinerner Maxim Gorki strengen Blickes in den Himmel starrt. Die vielfachen Augenpaare Lenins sind verloren in die Ferne gerichtet. Scheinbar wie in Gedanken vertieft sitzt Michail Kalinin im Schatten eines Baumes und nur wenige Schritte weiter wird gerade die Statue von Felix Dserschinski restauriert. Der „eiserne Felix“, berüchtigter Gründer des ersten russischen Geheimdienstes.

Ein Sonntagnachmittag in Moskau, ein heißer Sommertag dazu, eine surreal anmutende Koexistenz zweier völlig verschiedener Welten. Mitunter droht die eine Welt die andere jedoch auf gespenstische Weise einzuholen. Erst im Februar 2014 trat ein Duma-Abgeordneter mit dem Vorschlag auf, die Dserschinski-Statue an alter Stelle wieder zu errichten, dem Platz auf der Lubjanka, vor dem Gebäude des FSB. Diese Idee wird seit 14 Jahren regelmäßig vorgetragen, fand aber auch dieses Mal bei der Moskauer Stadtverwaltung keine Zustimmung. Und so bleibt Dserschinski deshalb erst mal weiterhin dort, wo er sich seit August 1991 befindet, unter all den anderen gefallenen Denkmälern – wenn auch, grotesk genug, erneut aufrecht stehend in den sonnigen Sonntagnachmittag blickend.

Matthias Kaufmann,
August 2014

Straßentheaterfestival Archangelsk

Bereits zum 20. mal verwandelten sich in diesem Jahr die Straßen von Archangelsk in eine offene Bühne für Schauspiel und Musik. Aus insgesamt 8 Ländern sind Künstler und Ensembles in den russischen Norden gereist, um eine Woche lang unter freiem Himmel das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Ein kleiner Eindruck, vor allem in Bildern.

Die – in wörtlicher Übersetzung – "Erzengelstadt" im hohen Norden Russlands liegt nur knappe 200 Kilometer südlich vom Polarkreis entfernt. Die Sommer hier sind entsprechend kurz und mit durchschnittlich 17 Grad Tagestemperatur auch relativ kühl. Dafür allerdings gibt es etwa drei Monate lang – von Mai bis Juli – die "Weißen Nächte" zu erleben, das heißt es ist 24 Stunden lang taghell. Genau in diese Zeit fällt auch das Straßentheaterfestival, dass in der relativ kleinen Regionshauptstadt, die alles andere als ein Touristenmagnet ist und in der im Rest des Jahres auch vergleichsweise wenig passiert, ein wirkliches Highlight darstellt.

Das "Internationale Festival des Straßentheaters", so der offizielle Titel, wird organisiert vom Jugendtheater Archangelsk unter der Leitung von Wiktor Panow, der zugleich Präsident des Festivals ist. 1990 fand dieses zum ersten Mal statt und konnte sich in den darauffolgenden Jahren zu einer alljährlich wiederkehrenden Kulturveranstaltung entwickeln. Mehr als 200 Kollektive aus der ganzen Welt haben seitdem die Stadt besucht.

Zur Jubiläumsveranstaltung, die vom 22. bis 29. Juni 2014 stattfand, waren erneut einige jener Künstler eingeladen, die bereits in den Jahren zuvor am Festival teilgenommen haben und die sich besonderer Beliebtheit bei Veranstaltern und Besuchern erfreuen konnten. Nachdem jedoch zunächst das rauhe nordische Klima seinen Tribut verlangte und die geplante Eröffnungsfeier sowie die ersten Auftritte auf der Straße Gefahr liefen, auf Grund von Regen wortwörtlich ins Wasser zu fallen, sind die Auftaktveranstaltungen kurzherhand in das Gebäude des Lomonosov-Theaters verlegt worden. Am dritten Tag hieß es dann aber endlich: hinaus auf die Straße.

An verschiedenen Orten im Stadtzentrum konnte den, in der Mehrzahl kostenfreien, Darbietungen gefolgt werden, die es aus einem sehr dichten Programm auszuwählen galt. Vertreten waren, neben dem Jugendtheater Archangelsk und anderen Gruppen aus Russland selbst, Künstler aus Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Polen, Israel und der Ukraine. Außer klassischem Schauspiel gab es verschiedene Performances und musikalische Märsche zu erleben, die nicht selten im aktiven Spiel mit den Zuschauern diese unmittelbar in das Geschehen integriert haben.

Der Großteil der Veranstaltungen fand entlang des zentralen Teils der Uferpromenade statt, die sich mit ihren insgesamt 7km Länge im Halbkreis um die Innenstadt zieht. Archangelsk ist als älteste Hafenstadt Russlands stark geprägt vom Wasser, dass es umgibt – vor allem vom breiten Strom der nördlichen Dwina. Die Promenade ist deshalb einer der beliebtesten Plätze der Stadt. Das Festival hat diesen Ort noch zusätzlich belebt und sich, ihn zur Kulisse machend, auf seine ganz eigene Weise darin eingebunden.

"Monstration" Novosibirsk 2014

Jährlich am 1. Mai füllen sich die Straßen russischer Städte mit den Kolonnen der traditionell am Tag der Arbeit stattfindenden Demonstrationen. Auch Novosibirsk ist dabei keine Ausnahme. Allerdings findet hier gleichzeitig noch eine Veranstaltung statt, die dieses Treiben in einem farbenprächtigen Fest des Absurden gekonnt auf die Schippe nimmt.

Auf dem Kalinin-Platz am nördlichen Rand der Innenstadt von Novosibirsk strömen, im Rhythmus der eintreffenden U-Bahnen, immer mehr Menschen zusammen. Es sind vor allem junge Leute, sie tragen bemalte oder beschriebene Schilder und Plakate mit sich oder sind verkleidet und somit selbst sozusagen ein wandelndes Plakat. Es wir immer bunter, enger, lauter und die Stimmung immer ausgelassener. Irgendwo spielt jemand Gitarre.

In dieser dichten Menge herrscht große Bewegung. Man läuft hin und her und schaut sich um, was für Losungen und Sprüche sich die anderen Teilnehmer ausgedacht haben. Denn diese sind der Kern des Ganzen, im Grunde wie bei anderen Versammlungen auch. Der wesentliche Unterschied hier ist allerdings, dass man sich und seine Verlautbarungen alles andere als ernst nimmt. Ganz im Gegenteil ist die “Monstration” (russ. Monstrazija), so die offizielle Bezeichnung, ein Gegenentwurf, eine große Satire auf die traditionellen 1. Mai-Demonstrationen. „Prasdnik vesny i truba“ (Feiertag des Frühlings und des Rohrs) war so etwa in ironischer Anspielung auf die offizielle Bezeichnung des „Prasdnik vesny i truda“ (Feiertag des Frühlings und der Arbeit) auf einem der Plakate zu lesen.

Seit nunmehr 10 Jahren findet die Monstration bereits in Novosibirsk statt. Entstanden ist sie 2004 auf Initiative der Künstlergruppe „CAT“ (Contemporary art terrorism) und als deren Reaktion auf eine als inhaltsleer und ritualisiert empfundene Demonstrationskultur, die durch ständiges Wiederholen alter Phrasen im Grunde nichts neues zu sagen hat und so auch keinen ernsthaften politischen Dialog mit niemandem führt.

Artjom Loskutov

Zu der Künstlergruppe, die mittlerweile selbst nicht mehr existiert, gehörte auch Artjom Loskutov. Er ist bis heute die treibende Kraft hinter der Monstration geblieben und seiner Ausdauer, vor allem in den ebenfalls jährlich wiederkehrenden Verhandlungen mit der städtischen Verwaltung, ist es zu verdanken, dass die Monstration mittlerweile eine Größe im Kulturkalender der Stadt geworden ist. Seit 2010 hat sie mehr Teilnehmer als alle anderen Aktionen am 1. Mai in Novosibirsk zusammen. Den zahlenmäßigen Höhepunkt erreichte sie 2012 mit mehr als 6000 „Monstranten“ (offiziell 6666). In diesem Jahr haben sich über 4000 Teilnehmer eingefunden.

Als der Platz die Menge an Menschen längst nicht mehr aufnehmen kann, wird der Beginn des eigentlichen Marsches verkündet. 3,5 Kilometer über die zentrale Verkehrsader hinein in die Innenstadt, zum Leninplatz mitten im Zentrum. Eine aus der Mitte des Zuges heraus unüberblickbare Masse an „Monstranten“ strömt die Straße hinunter. Ein Lautsprecherwagen sorgt für Begleitmusik. Zwischendurch wird immer mal wieder angehalten, die Fotografen aufgefordert ihre Arbeit zu machen oder spontane Losungen skandiert. Die Atmosphäre ist dabei die ganze Zeit buchstäblich euphorisierend – ein unglaublich positives Massenspektakel bis zum Schluss.

In ihrem Selbstverständnis ist die Monstration eine „künstlerische Aktion mit Losungen und Transparenten, welche die Teilnehmer als wesentliches Kommunikationsmittel mit den Zuschauern und als künstlerische Technik verwenden, mit deren Hilfe wir die uns umgebende Wirklichkeit gedanklich verarbeiten.“ Die Monstration trage keinen offenen Protestcharakter und sei keine politische Aktion. Als solche versucht sie die Stadtverwaltung jedoch jedes Jahr aufs Neue einzuordnen, was nicht zuletzt eine deutliche Verschärfung der Auflagen zur Folge hätte. Erst am Vortag zur diesjährigen Monstration musste Loskutov erneut zusichern, dass es sich um eine künstlerische Aktion handelt. In ihrer Selbstbeschreibung bleibt die Monstration deshalb in erster Linie ein Happening, Public-Art und Aktionskunst, bei der das Absurde deutlich im Vordergrund steht.

Die Mehrzahl der Losungen ist auch in diesem Rahmen zu verorten: auf das alltägliche Leben bezogene Scherze, Wort- und Sprachspiele oder auch einfach nur purer Nonsens. Mitunter sind die Sprüche aber vielschichtiger oder doppeldeutiger, als sie zunächst erscheinen. Die Grenze zum politischen bleibt so letztendlich dennoch sehr schmal. „Trudno byt blogom“ (Es ist schwer, ein Blog zu sein) heißt es etwa auf einem der Plakate (in Anlehnung an den letztes Jahr erschienenen Film „Trudno byt bogom“ – Es ist schwer, ein Gott zu sein), was sich auch als Kommentar zu dem Gesetzesentwurf zur schärferen Kontrolle von Blogs im Internet lesen lässt.

Diese Mehrschichtigkeit gilt nicht zuletzt auch für die Hauptlosung, die auf einem großen roten Banner dem Zug an Monstranten vorneweg getragen wird, in der Mitte traditionell gehalten von Loskutov selbst und der novosibirsker Künstlerin Marija Kiseljova an seiner Seite. Als kreative Ideengeberin der Monstration neben Loskutov sollte sie zumindest genannt werden. Die jährlich wechselnde Hauptlosung (2013: „Vperjod v tjomnoe proschloe“ – Vorwärts in die dunkle Vergangenheit) wird bis kurz vor Beginn des eigentlichen Marsches geheim gehalten und erst vor Ort präsentiert.

„Ad nasch“ (Die Hölle ist unser) heißt es in diesem Jahr, was an die in letzter Zeit sehr aktuelle Losung „Krim nasch“ (Die Krim ist unser) erinnert. „Die Monstration ist eine karnevaleske Prozession durch die Stadt, in der wir den Wahnsinn ironisieren, der uns umgibt“, fasst ein äußerst zufrieden aussehender Loskutov diesbezüglich am Abend in einem Interview für den Fernsehsender Doschd noch einmal zusammen – ein ironisches Grinsen auf dem Gesicht und ein Gummihuhn in die Kamera haltend.

Übersetzungen und Erklärungen einiger der Losungen auf den Fotos:

01) in der Mitte: „Nur bei uns! Die neuesten Mittel zum ausfindig machen von Schuldigen.“

rechts: „Ewiger Frühling in einer Einzelzelle.“

02) links unten: „Hier ist nicht der Zirkus.“

03) rechts: „Gehen sie weiter, nicht stehenbleiben. Hier gibt es nichts zu sehen.“

04) „Achtung, das Leben ist wunderbar!“

05) links: „Der Karneval findet nicht statt!“

rechts: „Ausgang“

07) „Nicht verheiratet“

08) links: „so halt“

rechts: „Waka Waka“

09) „Nichtsdestotrotz“

10) „Fleisch wurde vom Fleisch satt, Fleisch wurde vom Spargel satt, Fleisch wurde vom Fisch satt und hat sich mit Wein satt getrunken, und du nicht!“

11) „Hätte das nur jemand fotografiert!“

12) links: „Heiratet nicht!“

rechts: „Lotterie, das ist die Zählung der Optimisten.“

14) „Ich werde Ljoscha bei mir als wohnhaft melden.“

15) in der Mitte, mit Mondgesicht: „Gagarin, ich habe sie geliebt.“

16) oben links: „Das Auge folgt dir.“

oben rechts: hier steht „prodam b ljudej“, wobei der Buchstabe b allerdings sehr klein geschrieben ist. Wenn man ihn übersieht liest man: „Verkaufen Leute“. Wenn man ihn allerdings schnell mitliest klingt es ähnlich wie „prodam bljadej“, was so viel heißt wie „Verkaufen Scheißkerle“

unten: „Was ist, was ist! Was ist, was ist... Was ist, was ist?“

18) „Was wir hier machen? Na denk doch selbst mal logisch nach!“

19) „Die Welt wird sich nicht selbt retten (leider).“

24) in der Mitte: „Mit Geduld und Zeit... das war`s, ich bin müde!“. Abänderung eines russischen Sprichworts, das im Original etwa so viel bedeutet wie „Mit Geduld und Zeit kommt man mählich weit“.

25) oben links: „Kritisiert die Dosen nicht.“ Im russischen heißt Dose 'banka' und hat dieselbe Pluralform wie die Bezeichnung für die Banken (also die Geldinstitute).

oben rechts: „Weg mit Alkohol, weg mit Nikotin, gerettet werden alle durch Betakarotin!“

26) oben links: „Nicht das was angeblich, aber nichts desto trotz!"

oben mitte: „Ich gehe nicht zur Monstation“

27) in der Mitte: „Radieschen ist so ein Früchtchen“ (Rediska – tot eschjo frukt). Der Ausdruck "Rediska – nerochoschij tschelovek" (Radieschen ist ein schlechter Mensch) stammt aus einem sowjetischem Kultfilm. Das Wort "frukt" (Frucht) wird im Bezug auf einen Menschen abwertend gebraucht (ähnlich wie im Deutschen der Ausdruck "Früchtchen". „Tot eschjo frukt“ ist ein feststehende Redewendung, die so viel bedeutet wie - er ist ein komischer Typ.

29) weißes Schild links: „Wir propagieren Heterosexualismus“

Pappschild rechts: „Sprot und Biele“

30) „Die Creme ist unser“

33) im Vordergrund links: „Das Knirschen der spirituellen Klammern“ (duchovnych skrep skrip). Der Ausdruck „duchovnyj skrep“ (die spirutelle Klammer) wurde von Präsident Putin in einer Rede gebraucht, die sich auf die Schaffung einer neuen nationalen Idee bezog.

im Hintergrund links: „Grüße an die trockennasigen Primaten“

Matthias Kaufmann,
Mai 2014

Green City - Ecoactivism for Change Perm-Berlin

Vom 24. bis 31. März haben sich in Perm StudentInnen aus Russland und Deutschland zusammengefunden, um Erfahrungen über ökologische Initiativen und Umweltbewegungen in beiden Ländern auszutauschen und eine gemeinsame Plattform zur Planung eigener Projekte zu schaffen. Was etwas schwierig begann, formte sich zu einer interessanten Erfahrung für alle Beteiligten.

Montagmorgen. Ein Seminarraum an der Universität in Perm. Langsam, nach und nach treffen die ersten TeilnehmerInnen ein, verteilen sich und ihre Sachen auf den Holzbänken. Einzelne Gespräche kommen in Gang. Ein erstes Kennenlernen. Währenddessen füllt sich der Raum immer mehr. Am Ende sind es knapp 30 Personen, eine tatsächlich nicht unbeachtliche Zahl. Etwa die Hälfte stammt jeweils aus Russland und Deutschland, mit sehr unterschiedlichen Hintergründen.

„Ich interessiere mich seit einiger Zeit für die osteuropäischen und zentralasiatischen Kulturräume“, erklärt etwa Gabriel, Student der Umweltwissenschaften aus Lüneburg, „und da das Austauschprojekt auch noch aus meinem Studienbereich kam, war das für mich der perfekte Rahmen neue Lebenswelten kennenzulernen.“ Mascha aus Jekaterinburg, die selbst Deutsch und Englisch studiert, bekennt: „Mein eigenes ökologisches Bewusstsein ist eigentlich erst vor kurzem erwacht, als ich über die Situation zur Mülltrennung und Müllverarbeitung in meiner Heimatstadt einige Nachforschungen angestellt habe.“ Dabei hat sie für sich mit Schrecken feststellen müssen, dass laut Ergebnissen aus dem Jahr 2010 Jekaterinburg – zusammen mit Perm und Tscheljabinsk – das Schlusslicht bildet, was die ökologische Situation in den russischen Regionen betrifft. „Ich hoffe jetzt durch meine Teilnahme hier viele nützliche Informationen und Impulse sowohl von russischer, als auch von deutscher Seite zu erhalten, um vielleicht in Zukunft selbst mehr einbringen zu können.“

Organisiert wurde das Treffen in Perm auf Initiative von Zoia Kashafutdinova, die erst vor einigen Wochen in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist. Zuvor hatte sie als Teilnehmerin des Stipendienprogramms der Marion-Dönhoff-Stiftung selbst einen sechsmonatigen Freiwilligendienst bei der Umweltschutzorganisation BUNDjugend Berlin absolviert, die von deutscher Seite aus auch Partner für den Austausch wurde. „Wir haben gleich zu Beginn meines Aufenthaltes überlegt, was für ein Projekt für beide Seiten interessant sein könnte“, berichtet Zoia. „Mir war es einerseits wichtig, nach meiner Rückkehr jene Erfahrungen, die ich in Berlin gemacht habe zu teilen, vor allem im Hinblick auf die verschiedenen ökologischen Bürgerinitiativen. Aber es ist eine Sache“, so Zoia weiter, „selbst davon zu berichten, oder 14 Leute nach Perm zu holen, die ihrerseits neuen Input geben könnten. Und natürlich wollte ich andererseits auch zeigen, was in Perm in dieser Hinsicht geschieht.“ Damit war die Idee für den Austausch schnell gefunden.

Auf russischer Seite konnte die Stiftung Obwinskaja Rosa als Unterstützer für das Projekt gewonnen werden, für die vor allem die Erhaltung und Pflege von Naturschutzgebieten im Stadtgebiet Perm an vorderster Stelle ihrer Tätigkeiten steht. „Für uns stellt dieser Austausch eine großartige Möglichkeit dar“, erklärt Elena Pleschkowa, Präsidentin der Stiftung, „nicht nur den deutschen, sondern auch den russischen Beteiligten jene Permer Initiativen zu zeigen, von denen sie vielleicht gehört, die sie selbst aber noch nicht gesehen haben. Außerdem ermöglicht es uns allen wichtige Erfahrungen der Zusammenarbeit und des Kennenlernens einer anderen Projektkultur zu sammeln“.

Noch am ersten Tag, im Seminarraum der Universität, wurden erste Interessen zusammengetragen, aus denen heraus sich schließlich kleinere Arbeitsgruppen bildeten. Urban gardening, nachhaltige Ernährung und Müllbeseitigung, das waren die drei thematischen Komplexe, auf die sich die TeilnehmerInnen geeinigt haben.

Es stellte sich allerdings bald das grundlegende Problem ein, dass die Vorstellungen davon, was genau im Laufe der nächsten Woche innerhalb der einzelnen Arbeitsgruppen passieren wird bzw. welche Ergebnisse insgesamt erzielt werden sollen, zunächst noch sehr vage waren, und zwar auch von Seiten der Organisatoren. Dieser Umstand sollte in den ersten Tagen für einige Irritation unter den TeilnehmerInnen sorgen. Hinzu kamen zudem anfänglich einige Kommunikationsschwierigkeiten, die in einem Sprachgewirr aus Russisch-Englisch-Deutsch die entstandene Grundsatzdiskussion darüber, was gemacht werden kann und was nicht, gebremst und einige Informationen einfach haben untergehen lassen.

Es war allerdings spannend zu beobachten, wie diese Startkomplikationen durch die gemeinsamen Bemühungen Aller überwunden worden sind, da jeder Einzelne, und das wurde im Prinzip vom ersten Tag an deutlich, mehr als nur gewillt war, die gemeinsame Zeit produktiv zu gestalten. „Neben dem ‘äußeren’ Projekt“, wie Elena Pleschkova im Nachhinein feststellen sollte, „gab es noch ein sehr wichtiges ‘inneres’ Projekt: das gegenseitige Verstehen und die Fähigkeit, einander zuzuhören“. Zu Recht kann dies wohl als eine der wertvollsten Erfahrungen des Austauschs betrachtet werden.

Über die gemeinsame Projektarbeit hinaus stand dann vor allem ein erstes Kennenlernen der ökologischen Situation Perms im Mittelpunkt. „Einerseits“, umschreibt Zoia ihr Konzept, „wollte ich den deutschen und russischen TeilnehmerInnen des Austauschs den ‘klassischen’ Ökologen zeigen, vor allem in Gestalt des Lehrstuhls für Biogeozönologie und Umweltschutz.“ Hierzu gehörten dann auch Vorträge von Dozenten der Fakultät und eine Besichtigung des botanischen Gartens der Permer Universität.

„Andererseits“, so Zoia weiter, „beobachte ich in Perm in den letzten Jahren eine rege Entwicklung neuer und sehr unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher Initiativen.“ Auf dem Programm stand so etwa der Besuch des Umweltzentrums „Nanuk“, deren Mitglieder unter anderem ökologische Bildungsmaßnahmen für Kinder und Erwachsene durchführen. Besucht wurde auch der sogenannte „Nachtigallengarten“ (Sad Solov’ev) im Tal des Baches Uinka. 2007 haben Anwohner des umliegenden Wohngebietes damit begonnen, das Gebiet vom Müll zu befreien und einen ökologischen Pfad anzulegen. Unter Missachtung föderaler Gesetzgebung – das Tal besitzt den Status eines Wasserschutzgebiets und wäre somit eigentlich föderales Eigentum – wurde ein Teil des Areals an eine Privatperson übergeben, die nun den Bau von Wohnhäusern für ca. 6000 Personen auf diesem Gelände vorsieht. Die TeilnehmerInnen des Austauschs konnten einer öffentlichen Anhörung beiwohnen, auf der die meisten der Anwesenden sich gegen die Bebauung aussprachen. Eine endgültige Entscheidung steht bislang aber noch aus.

Eine ähnliche Situation findet sich im Tschernjajevskij Les, einer ca. 690ha großen Waldfläche auf dem Stadtgebiet. Das als Naherholungsgebiet bei der Permer Bevölkerung beliebte Areal zählte bisher zu den besonders geschützten natürlichen Territorien. Diesen Status droht es nun zu verlieren, da die Stadtverwaltung auf dem Gelände den Bau eines neuen Zoos plant. Eine Allianz verschiedener Umweltschutzgruppen versucht das zu verhindern und den Wald in seinem jetzigen Zustand zu erhalten. Am 29. März kam es im Rahmen der weltweit durchgeführten Earth Hour deshalb genau hier zu einer gemeinsamen Aktion, an der sich auch die TeilnehmerInnen des Austauschs mit einem kleinen Konzert auf Instrumenten aus Müll beteiligt haben. (Ein Video dazu, auf Russisch, gibt es HIER zu sehen).

Insgesamt konnte dank des dichten Programms letztendlich ein breiter erster Einblick gewonnen werden: „Ich habe mir erwartet zu erfahren wie die Menschen vor Ort leben und wie sie umweltbezogene Probleme sehen oder welche Probleme es in dieser Region überhaupt gibt. Diese Erwartungen wurden erfüllt“, fasst Gabriel seine Eindrücke zusammen. Andererseits blieb allerdings wenig Zeit für die eigentliche Arbeit in den Projektgruppen. Erste Ideen konnten aber dennoch entwickelt werden. So ist etwa die Gestaltung eines deutsch-russischen Kochbuchs für nachhaltige Ernährung geplant, sowie eine Infobroschüre zu Formen des Urban gardenings vor allem für russische Leser, da diese Art der Stadtraumnutzung in Russland weitestgehend unbekannt ist. „Jetzt ist es vor allem wichtig, dass wir die entstandenen Kontakte aufrecht erhalten und versuchen, diese Ideen im Online-Verfahren zu realisieren“, erklärt Elena Pleschkova. Inwieweit das funktioniert, wird sich zeigen müssen. Der Gegenaustausch in Berlin 2015, bei dem die Ergebnisse dann vorliegen sollen, ist aber zumindest bereits in Planung.

Die Fortsetzung des "Heiligen Russland"

Das Symbol könnte mächtiger kaum sein: an jener Stelle, an der 1918 Nikolaus II. mitsamt Frau und Kindern von den Bolschewiken erschossen wurde, ragt heute eine 60 Meter hohe Kathedrale in den Himmel. Sie ist durchdrungen vom Andenken an den als Märtyrer verehrten letzten Zaren und seiner Familie. Die "Kathedrale auf dem Blut" in Jekaterinburg schlägt eine direkte Brücke in die vorrevolutionäre Vergangenheit und verleiht dem Selbstverständnis der Russisch-Orthodoxen Kirche damit einen regelrecht greifbaren Ausdruck.

"Die Atmosphäre ist wie mit Elektrizität geladen und ich spüre ein nahendes Gewitter", schrieb die ehemalige Zarin Alexandra Fjodorowna im Mai 1918 in einem Brief an ihre Hofdame. Zu diesem Zeitpunkt war bereits mehr als ein Jahr seit der Abdankung Nikolaus II. vergangen. Seit August 1917 lebte er mit seiner Familie in der Verbannung in Tobolsk. Nur wenige Tage nach dem Schreiben seiner Gattin wurden sie allerdings nach Jekaterinburg verlegt, wo man sie, völlig abgeschirmt von der Außenwelt, in einem von der örtlichen Tscheka so bezeichnetem "Haus zur besonderen Verwendung" einquartierte. Es gehörte ursprünglich Nikolai Ipatjew, einem ortsansässigem Ingenieur, und wurde Ende der 1880er Jahre als geräumige Villa an einer Hanglage erbaut. Die Tschekisten hatten es eigens zur Unterbringung der Zarenfamilie beschlagnahmt. Ursprünglich war vorgesehen, diese von Jekaterinburg aus weiter nach Moskau zu überführen, wo Niklaus II. vor einem Gericht der Prozess gemacht werden sollte. Doch dazu kam es nicht mehr, die bolschewistische Führung hatte es sich schließlich anders überlegt. Nach Öffnung der Archive in den 1990er Jahren steht außer Zweifel, dass der Befehl zur Beseitigung der Zarenfamilie direkt von Lenin aus Moskau kam.

Das verschanzte Ipatjew-Haus, Anfang 1918 (Quelle: commons.wikimedia.org)

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli wurden sie in den Keller des Ipatjew-Hauses geführt. Unter dem Vorwand, ein Foto von ihnen machen zu wollen, da es in Moskau bereits Gerüchte über ihre Flucht gegeben hätte, ließ man sie sich in zwei Reihen aufstellen, für Alexandra Fjodorowna und den kranken Alexej wurden Stühle gebracht. Daraufhin betrat das Erschießungskommando den Raum. Ohne Umschweife erklärte Jakuw Jurowski, Tscheka-Offizier und Kommandant im Ipatjew-Haus, man habe Befehl zu ihrer Hinrichtung, woraufhin er Nikolaus II. sofort erschoss. Die übrigen Mitglieder des Kommandos eröffneten das Feuer auf die ihnen zuvor zugewiesenen Personen. Da jedoch nicht alle von den Kugeln sofort getötet wurden, mussten die Tschekisten mit ihren Bajonetten nachhelfen. Insgesamt dauerte der Vorgang ganze 20 Minuten, wie Jurowski später festhielt. Die Leichname wurden schließlich in ein Waldstück außerhalb der Stadt transportiert, dort mit Schwefelsäure übergossen, verbrannt und in einer Grube verscharrt. Alle Hinweise auf die Tat sollten spurlos beseitigt werden.

Das Ipatjew-Haus selbst blieb zunächst jedoch erhalten und diente verschiedenen musealen Einrichtungen. Allerdings entwickelte es sich nach und nach auch zu einer Wallfahrtsstätte für russische Monarchisten, weshalb im Vorfeld des 60jährigen Jahrestages der Erschießung der Zarenfamilie 1977 auf Anordnung Boris Jelzins, zu diesem Zeitpunkt erster Sekretär des Gebiets Swerdlowsk, dass Haus in einer nächtlichen Aktion abgerissen wurde. Der Verwischung aller Spuren konnte auch die Entdeckung des Grabes der Zarenfamilie 1979 nichts entgegensetzen, da die Bekanntmachung dieses Fundes während der Sowjetzeit nicht möglich war. Erst 1991 wendeten sich die beiden Entdecker an die Öffentlichkeit. Die sterblichen Überreste wurden exhumiert und eine DNA-Analyse identifizierte sie eindeutig als jene von Nikolaus II. und seinen Angehörigen.

Der Zerfall der Sowjetunion brachte auch eine ideologische Krise mit sich, in deren Verlauf es, nicht zuletzt geleitet vom von vielen Russen als demütigend empfundenes Gefühl des verlorenen Großmachtstatus, zur erneuten Aufwertung der Romanov-Dynastie und des letzten Zaren kam – vor allem als eines Symbols nationaler Größe mit historisch langer Tradition. Die Rückbesinnung und das Wiederanknüpfen an diese Tradition bilden einen wesentlichen Kern in der Identitätsfindung des postkommunistischen Russland. 1998 war es derselbe Boris Jelzin, mittlerweile Präsident der Russischen Föderation, der in einem Staatsakt die Gebeine der Zarenfamilie in der Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg beisetzen ließ, genau 80 Jahre nach deren Ermordung. Dabei betonte er, dass „viele glorreiche Seiten in der Geschichte des Vaterlands mit dem Namen Romanow verbunden sind.“

In diesem Prozess einer auf Kontinuität und Einheit der russischen Geschichte und Gegenwart ausgerichteten Identitätsfindung spielt die Orthodoxe Kirche eine zentrale Rolle. Für einen Großteil der Bevölkerung repräsentiert sie eine direkte Linie zu dem Russland vor 1917, an dessen Gegebenheiten man kirchlicherseits bemüht war wieder anzuknüpfen. Die Lücke, die das Wegbrechen der kommunistischen Ideologie hinterlassen hatte, konnte sie immerhin zu einem bedeutenden Teil wieder einnehmen und ein geistiges und nationales Gemeinschaftsgefühl vermitteln. In diesem Sinne kann die Heiligsprechung Nikolaus II. und seiner Familie im Jahr 2000 wohl auch als geistliche Überhöhung eines nationalen Symbols verstanden werden. Mit der 2003 an der Stelle des abgerissen Ipatjew-Hauses fertiggestellten „Kathedrale auf dem Blut“ wurde diesem Symbol ein einzigartiger Erinnerungsort geschaffen.

Bereits von außen wird schnell deutlich, wer hier im Mittelpunkt steht. Direkt neben dem Eingang befindet sich ein Denkmal des Zaren, auf den Armen trägt er seinen Sohn Alexej, umgeben vom Rest der Familie. Hinter ihnen ein sie alle überragendes Kreuz. Die Kathedrale ist errichtet im neobyzantinischen Stil, in dem zur Zeit Nikolaus II. die meisten Kirchen erbaut wurden sind. Laut Absicht des Architekten versinnbildlicht sich bereits hierin eine Verbindung der Zeiten und eine Wiedergeburt orthodoxer Traditionen. Das Gebäude selbst teilt sich in einen oberen und einen unteren Teil, die beide jeweils einen eigenen Kirchenraum besitzen. Der obere Teil symbolisiert ein nicht verlöschendes Altarlämpchen, ewig brennend in Erinnerung an die Ereignisse, die sich hier abgespielt haben. In der unteren Kirche, die teilweise auch als Museum genutzt wird, führt ein von Heiligenbildern gesäumter Gang direkt zum Ikonostas, in dem sich an prominenter Stelle auch eine Ikone des Zaren selbst befindet. Der Altar dahinter ist an genau der Stelle aufgestellt, an der Nikolaus II. und seiner Angehörigen ermordet worden sind. Die Kirche gilt heute als einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Russlands. Jedes Jahr findet hier in der Nacht vom 16. zum 17. Juli ein mehrstündiger Gedenkgottesdienst zu Ehren der Zarenfamilie statt, an den sich zudem eine Kreuzesprozession zum 25 km entfernten Ganina Jama anschließt, dem Ort, an dem die Zarenfamilie nach ihrer Ermordung verscharrt worden ist. 2013 haben ca. 8000 Personen an diesem Ereignis teilgenommen.

Die Anknüpfung an vorrevolutionäre Gegebenheiten durch die orthodoxe Kirche schließt in sich allerdings auch noch ein weiteres Moment mit ein – die staatskirchliche Tradition. Damit verbunden sind neben den Bemühungen, die Orthodoxie erneut zur Staatsreligion zu machen, auch jene, dass das Staatswesen wieder auf orthodoxen Grundlagen gründen zu können. Bei der Heiligsprechung Nikolaus II. war es für die Geistlichkeit deshalb wohl auch wichtig zu betonen, dass „der letzte orthodoxe russische Monarch und seine Familie aufrichtig danach strebten, ihr Leben nach den Geboten des Evangeliums zu richten“ und „beseelt waren […] vom aufrichtigen Wunsch, das 'heilige Russland' zu retten". In diesem Sinne kann das Symbol des Heiligen Zaren auch als ein in die Zukunft ausstrahlendes Ideal interpretiert werden, dass nur durch Zusammenhalt von Staat und Kirche ein nationales Wiedererstarken möglich ist. Einen deutlichen Ausdruck erfuhr dieses Verständnis im Zuge der Zeremonie zur Amtsübernahme Wladimir Putins im Jahr 2000. Der neue Präsident holte sich den Segen des Patriarchen, welcher wiederum versicherte, dass "die russisch-orthodoxe Kirche der weltlichen Macht unabdingbar in den Unternehmen helfen wird, die auf die Wiedergeburt des Heimatlands gerichtet sind."

Das Ideal vom 'heiligen Russland' – dem Zusammenwirken von starkem Staat und orthodoxer Kirche, die dabei auch eine Vermittlerfunktion zwischen Staat und Gesellschaft einnimmt – sowie dessen Kontinuität und Einheit in Geschichte und Gegenwart fand in einer kürzlich in Moskau zu besichtigenden Ausstellung einen sehr aktuellen Ausdruck. Anlass hierfür bildete der 400. Jahrestag der Thronbesteigung der Romanovs. Etwa 13.000 Besucher täglich verzeichnete die Manege, in der die Ausstellung unter dem Titel „Die Romanovs. Meine Geschichte“ vom 4. bis 26. November 2013 zu besichtigen war. Organisiert und eingerichtet wurde sie allerdings nicht von Historikern, sondern von orthodoxen Mönchen unter Leitung des Archimandrit Tichon, Vorsteher des Moskauer Stretenski-Klosters, und mit Unterstützung des staatlichen Kultusministeriums und der Stadt Moskau. In den einzelnen Abschnitten wird die russische Geschichte dergestalt wiedergegeben, als das dort die Wohltaten der einzelnen Zaren, die zum Wachstum und Aufblühen Russlands beigetragen haben, hervorgehoben werden und in roter Warnschrift auf jene verwiesen wird, die dem Land aus Sicht der Ausstellungsmacher Schaden zufügen und es somit schwächen wollten. Als Aufsichtspersonal in den Räumlichkeiten waren die Mönche selbst eingesetzt, die auch die Fragen der Besucher beantworteten. Der Nikolaus II. gewidmete Raum beschreibt dessen Zeit als den „Höhepunkt in der Entwicklung des Russischen Reiches“. Was darauf folgte war Chaos und Zerstörung. Doch diese Zeiten konnten glücklicherweise überwunden werden und Russland erneut zu seinen Traditionen und somit zu sich selbst zurück finden. Am Ende der Ausstellung – ein Porträt von Präsident Putin.

Matthias Kaufmann,
November 2013