Der Nostradamus des Fußballs

Alle Vorhersagen trafen ins Schwarze

Mitten in der Fußballweltmeisterschaft hat ein achtarmiger Krake aus dem deutschem Oberhausen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen. Einem der Angestellten des Großaquariums Sea Life ist die Idee gekommen, das Volk mit dem Totalisator zum aktuellen Thema zu amüsieren.

Schon bald stellte sich heraus, dass der Krake Paul, dem damit eine ehrenvolle Mission zugefallen ist, anscheinend ahnungsvoll war, als er die kleinen Muscheln aus dem Plastikcontainer herausgezogen hat - alle seine Vorhersagen waren wahr. So sagte der Achtarmige die Ausgänge von sechs Spielen erfolgreich voraus: die Siege der Deutschen gegen Australien, Ghana, England und Argentinien, sowie die Niederlagen gegen Serbien und Spanien. Und am 9. Juli machte Paul gleichzeitig zwei Prognosen — im Spiel für den dritten Platz hat er die Landsleute, und im Spiel für "das Gold" die Spanier bevorzugt. Soll man sagen, dass er hundertprozentig recht hatte?!

Nach ein paar Tagen, als der Meisterschaftspokal übereicht wurden war und der Jubel darum abzuebben begann, wendete sich das Publikum wieder an Paul. Erstens, schenkte man dem Orakelkraken die Kopie des Weltpokals als Belohnung für seine fehlerfreien Prognosen. Und zweitens, ernannten die Spanier den Oktopus zum Ehrenbürger des Landes, unter anderem, des Meerstädtchens Carballiño. Der Bürgermeister von Carballiño, Carlos Montes, versprach nach Oberhausen zu kommen um dem Wahrsager die Auszeichnung persönlich zu überreichen. Es handelt sich dabei um eine durchsichtige Box, die denen ähnlich ist, die für die Vorhersagen des Kraken verwendet wurden, nur diesmal ist statt der Fahnen der WM-Teilnehmer das Wappen von Carballiño drin.

Sowohl Liebe, als auch Hass

Mit den letzten Ereignissen hat der Krake viele Bewunderer und gleichzeitig Missgünstigen gewonnen. Insbesondere konnten die Gelehrten das süße Geschöpf nicht leiden, sie bezweifelten sein Geschlecht und überhaupt die Möglichkeit vorauszusagen. Die Biologen entschieden, dass es die geschickte Arbeit der Tiererzieher sei. Einige beschlossen, dass der Oktopus am Fiasko der deutschen Mannschaft im Halbfinale schuldig sei. Geunkt! Und einige versuchten sogar, ihn aus dem Aquarium zu stehlen.

Obwohl sich die Freunde und die Fans des talentvollen Achtarmigen nicht besser benehmen. Die ständigen Versuche der Menschen, ins Aquarium zu geraten, den Kraken zu füttern oder ihn einfach zu fotografieren hatten negative Folgen für Pauls Gesundheit. Deshalb blieb der Verwaltung nichts anderes übrig, als einen persönlichen Bodyguard für das Orakeltier einzustellen. Der 39-jährige Olaf Kiepen soll nun den Besucherstrom kontrollieren, streng auf ihr Verhalten achten, damit sie den Blitz beim Fotografieren nicht anschalten und an die Wänden des Aquariums nicht klopfen, und um die Möglichkeit des Angriffes auf den berühmten Renter zu verhindern.

Wer durch des Schicksals Fügung in Oberhausen sein kann, genieße das Lied ihm zu Ehren, das der Musiker Perry Grippe aus Kalifornien geschrieben hat. Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich im Internet die Hymne mit dem Titel "Für den Kraken Paul, wir lieben dich“ angehört.


Julia Baydzhanova
Juli 2010

Ziehen Sie Masken an, damit Sie Sie selbst werden können!

Der Kölner Karneval ist die fünfte Jahreszeit, zusätzlich zu den vier schon bekannten. Er beginnt sechs Wochen vor Ostern und lockt mit seiner Ausgelassenheit jährlich etwa eine Million Touristen an.

Wir nahmen aktiv an dieser sprudelnden Heiterkeit teil. Dieses Jahr begann das Festival am 11. Februar. Eben an diesem Tag war unser Seminar zu Ende und wir kehrten nach Hause zurück. Man warnte uns vor den Straßenumzügen, aber trotzdem erwarteten wir nicht die Menschen in Faschingskostümen schon zu sehen, wenn wir nur zur Tür der Jugendakademie hinausgingen. In aller Früh bummelten Aladin, Rotkäppchen und Marienkäfer durch Walberbergers Straßen. Noch auffallender war eine U-Bahn-Station: Geschäftsleute mit Aktentaschen, Schüler und Studenten schienen in Vergessenheit geraten zu sein. Statt ihrer drängten sich Hexen, Frösche, Spinnen, Prostituierte und Nixen auf dem Bahnsteig. Sie stiegen alle ein und man konnte uns, einfache Menschen, kaum bemerken. Aus einer bunten und (ungeachtet der Frühe)schon ziemlich besoffenen Menge sprangen ab und zu die Flügel des Engels, der Schwanz des Leoparden und der Schopf von Elvis Presley. Ein alter Seemann, eher eine Wasserratte, mit der Tabakpfeife im Mund, half uns Geld aus einem „hartnäckigen“ Fahrkartenautomat zurückzubekommen. Eine vergnügte Gesellschaft von Jungen und Mädchen in Operationskitteln, mit Stethoskopen um den Hals und Spielzeug-Skalpellen in den Händen, konnte sich so lange nicht entscheiden auszusteigen, dass sie, als sie in einer Station heraussprang, im Wagen einen ihrer Freunde vergaß.

Inzwischen wollte unser Staunen kein Ende nehmen, dass man in Köln keinen Menschen ohne Faschingskostüm sehen konnte. Stewardessen, Panzersoldaten, Indianer, Chinesen, Piraten und Zwerge, Karlssons, rosa Häschen und Teddybärchen, Marylin Monroe und Freddy Krüger…Nicht weit vom Hauptbahnhof schlugen Straßenverkäufer den neu angekommenen und nicht vorbereiteten Touristen Perücken und Masken vor. Überall grellte Musik, zu den Füßen lagen Flaschen und Konfetti, irgendwo raufte man sich schon, um die Ecke erbrach sich ein betrunkener Pinocchio.

Irgendwann erschrak ich: eine lustige und angemalte Menge folgte einem dunkelhäutigen Buben, der tänzelte und seine Flöte spielte, er intonierte die Hymne des Festivals; das Gedränge ging auf einmal in meine Richtung! Ich wurde nicht erdrückt, aber davon überzeugt, dass Deutsche jedem nachfolgen, der ihnen eine gute Musik und einen Slogan vorschlägt…

 

Aber das war so lustig, übermütig und keck, ich bedauerte sogar, dass es keine solche Tradition in Russland gibt, um sich von den Alltagsproblemen ablenken zu lassen, eine Maske anzuziehen und eine andere Rolle zu spielen oder, wahrscheinlich, man selbst zu werden…

Apropos: vor dem Fasching haben wir uns auch hübsch verkleidet. In der Jugendakademie hat man für uns eine Abschiedsparty vorbereitet, die ein Kostümfest war. In Walberberg fand man einen Kostümverleih: Kleider, Jacken, Hüte, Krawatten, Modeschmuck und Schuhe. Solch einen Schatz habe ich sogar in der Künstlergarderobe des Fernsehzentrums in Ufa kaum gesehen. Meine Aufmerksamkeit zogen große, weiße Flügel, wie von einem Engel, auf sich.

Nach einer halben Stunde der einfachen Verwandlung erschien ein weißer Engel in der Akademie. Manche waren starr vor Staunen: Julia, die zehn Tage lang eine Hose oder Jeans anhatte, trug ein langes Kleid, das einer antiken Tunika ähnlich war. Der Engel hatte einige Aufgaben: Freunde zu amüsieren, seinen Segen zu Heldentaten den Jungen zu geben, die sich als Soldaten oder sowjetische Offiziere verkleidet hatten, einen traurigen Maler zu begeistern und den Kurator Philipp tanzen zu lehren. Und der hat einige moderne Tänze trotz seines Widerstands gelernt. Und erfolgreich. Das übrigens zeigte er am nächsten Morgen.

Ich schlief ohne Kostüm ein, aber noch lang konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass ich immer noch große weiße Flügel auf meinem Rücken habe. Aber dank allen Tugenden, die ich an diesem Abend geübt hatte, können sie jetzt wohl wachsen…

Nota Bene: die Geschichte des Faschings ist genauso alt wie die Geschichte Kölns. Aber so zu feiern, wie man heute feiert, fing man etwa vor 180 Jahren an. Die Session des Karnevals beginnt am Elften im Elften um Elf Uhr Elf, ab diesem Zeitpunkt bummeln die Menschen in Kostümen durch die Stadt, überall in der Stadt veranstaltet man die sogenannten Karnevalssitzungen. Einige Tage vor dem Höhepunkt findet Weiberfastnacht statt. Bereits am frühen Morgen ziehen Frauen in Faschingskostümen auf die Straßen, zuerst gehen sie zur Arbeit und um 10 kommen alle auf dem Platz „Alter Markt“ zusammen. Um Elf Uhr Elf stürmen die vielen Frauen das Rathaus Kölns und eröffnen damit den Straßenkarneval. An diesem Tag empfiehlt man allen Männern die Krawatten der teuren Marken gegen irgendwelche billigeren zu tauschen, weil die mit Scheren ausgerüsteten Frauen die Krawatten jedes erstbesten Mannes abschneiden. Jeder Widerstand ist nutzlos, ein Brauch ist doch ein Brauch.

Was den ersten offiziellen Karnevalstag Rosenmontag betrifft, so findet der Volksjubel an diesem Tag seinen Höhepunkt. Einer Meinung nach stammt der Name dieses Tags nicht von der Blume Rose, sondern vom deutschen „rasender Montag“, was bedeutet „ein verrückter Montag“. Der Karneval endet mit der Verbrennung einer Puppe, dann kommt Aschermittwoch, der erste Tag des Großen Fastens.

Julia Baydzhanova, Sofya Kovalenko März 2010

240 warm oder: Wie die Russen die Deutschen vor dem Frost retteten…

Einmal pro Monat findet in Halle eine Vorstellung statt, die immer vor ausverkauftem Hause gespielt wird. Und dabei weiß keiner, was passiert. Das ist ein Improvisationstheater: hinter den Kulissen ist dasselbe reale Leben.

Obwohl manche solch eine Aufführung für eine Art des Psycholabors halten, wo eine bestimmte Lebenssituation modelliert wird, ist das keine vorgeübte Vorstellung, keine bis in die Einzelheiten durchgedachten Rollen, keine Regiesituation, sondern, ja, manchmal eine übertriebene, aber doch eine Realität. Das Leben im Konjunktiv. Was es wäre, wenn…

In solch einem Theater sind alle Schauspieler Autoren. Hier gibt es keine Pause und das Bühnenbild ist eigentlich nicht so wichtig. Das Thema ist undeutlich, was ein Genre betrifft, ob es eine Komödie, Tragödie oder Farce wird, kann man nur feststellen, nachdem der Vorhang schon gefallen ist. An dieser lebensvollen Handlung konnte potentiell jeder teilnehmen und der Schauspieler kann plötzlich in den Zuschauerraum gehen…und nie zurückkehren…

Als wir eingeladen waren, an dem Improvisationsstück „240 warm“ im Circus Varieté teilzunehmen, erschrak ich. Wie kann man so was einem Menschen vorschlagen, der kaum Deutsch spricht und nie im Scheinwerferlicht stehen wollte? Und dann verstand ich, dass es ein „In-diesem-Leben-soll-man-alles-probieren“-Vorschlag ist und stimmte zu. Man verlangte von uns als einziges: wir selbst zu sein.

Lebenslustige Russen stürmten plötzlich in die Reservation von fünf Deutschen herein, wie eine frische Luft ins Fenster. Bis dahin mummten sich Luisa Regensburg (Nadja Hagen), Beate Storch (Andrea Habier), Lars Thümmler (Martin Kreusch), Kai Krammer (Alexander Terhorst), Frank Lange (Jan Felix Frenkel) 24 Tage lang in elf Kleidungsschichten ein, teilten ordentlich Speisereste und wurden allmählich verrückt. Die Ursache war eine Umweltkatastrophe: Schnee und Frost in den Gebieten, wo Regen im Winter üblich ist, überraschten die ganze Stadt. Die Behörden waren zu, Verkehrsmittel waren außer Betrieb, keine Lebensmittel blieben in den Geschäften. Und um sich zu retten, verbargen sich die Haupthelden in ihrer WG. Merkwürdigerweise hatte man keinen Strom in der Wohnung, deshalb blieben Fernseher, Radio und Telefone ganz nutzlos, die Türklingel selbst gab drei Wochen lang keinen Laut von sich. Die Post häufte sich hinter der Tür auf. Der Ausgang war zugemauert. Wenn der Schnee sogar zu Hause nicht schmilzt, was für Schreckliches passiert dann draußen?!

Am Tag als alles zu Ende ging – so kann man die Handlung auf der Bühne beschreiben -, teilten die Helden die Überbleibsel; ganz hoffnungslos und resigniert machten sie einen Korb auf, den die vorsorglichen Mieter für einen Katastrophenfall vorbereitet hatten. Drin war ein ägyptischer Gott mit einem großen sechsten Glied, ein Buch über den Lebenssinn(!) und weitere Kleinigkeiten. Sie entschieden sich, den potentiellen letzten Tag ausgiebig zu verbringen. Dank des Heimtrainers, den man in einen Stromgenerator umgebaut hatte, erwärmten sie das Zimmer. Viel Spaß machte die letzte Flasche Bier, die unter dem Sofa fast verloren ging. Fünf erfrorene Leute waren fast bereit in den ewigen Frieden einzugehen…als es plötzlich an die Tür klopfte. Freche Gäste – eine für Deutschland - scheinbar - beispiellose Geschichte – trommelten mit den Füßen an die Tür und forderte laut: „Machen Sie auf!“

Das waren wir. Wir trugen Sommerkleider, Schuhe mit Absätzen und erzählten emotional vom Leben „hinter der Mauer“, ja, bestimmt, die Deutschen waren dadurch überrascht. Sie wussten nicht Bescheid, dass Flugzeuge immer noch fliegen, Menschen zur Arbeit gehen und das Geldsystem Europas durch den Warenaustausch nicht verändert wurde (und die Währung Europas blieb unverändert.) Mit der Welt hatten sie sich selbst begraben. Zum Glück in einem kalten Winter kamen zwei Mädchen aus der Partnerstadt Ufa nach Halle und gingen aus Langweile zu Besuch. Das Mitbringsel („Kuschtenesch“ auf baschkirisch) – Wodka und Einlegegurken – weckten die Lebensgeister von unseren Helden. Sie begannen in der Wohnung zu rennen, sich auszuziehen, einander zu umarmen und zu küssen. Und irgendwann wurde der russische Trinkspruch „Auf Ihr Wohl!“ zu „Auf´s Leben!“, den alle Mitbewohner der WG mit jedem Zuschauer ausbrachten.

Dank den Witzen und beliebten Wortspielen ging im Zuschauersaal jede Minute lautes Gelächter los. Und sogar als wir auf die Bühne traten, änderte sich nichts. Die Zuschauer lachten über unsere Aussprache, die Erinnerungen der Deutschen an den Russischunterricht in der Schule und die Gewohnheit Wodka „zu essen“.

Die Gefahr schachmatt zu sein wurde zum Happy End! Der Beifall wollte sich sieben Minuten lang nicht legen, fünfmal kehrten die Schauspieler auf die Bühne zurück. Das war ein wunderbares Gefühl, 250 zufriedene Gesichter zu sehen und zu verstehen, dass ihre gute Laune teilweise dein Verdienst ist.

Als wir nach Hause gingen, begegneten wir einem älteren Ehepaar an der Haltestelle. Sie bedankten sich bei uns für einen schönen Abend und fragten pfiffig: „Sie sind aber keine echten Russinnen, nicht wahr?“
Das scheint mir eine richtige Anerkennung zu sein!

Julia Baydzhanova
Februar 2010