Adventskalender

In jedem Land gibt es Feste. Zu jedem Fest gehören verschiedene Symbole und Bräuche. Eines der wichtigsten Feste in Russland ist Silvester und in Deutschland – Weihnachten. Was erinnert uns an diese Feste? An Silvester bestimmt Tannenbaum, Väterchen Frost und … Mandarinen, danach  riecht es immer. Welche Assoziationen gibt es über Weihnachten? Natürlich die Heilige Nacht, Adventskranz und Weihnachtskalender. Die ersten zwei sind klar und leicht zu verstehen, aber was hat das alles mit den Adventskalendern zu bedeuten? Was ist das überhaupt und wozu dient er?

Adventskalender oder Weihnachtskalender, wie man ihn auch noch nennt, ist ein Kalender, der bis zum Weihnachtsfest gebliebene Tage anzeigt. Er ist dafür geeignet, die Wartezeit bis zum Fest zu verkürzen und die Vorfreude zu steigern. Die erste Erwähnung über den Adventskalender wurde mit 1851 datiert. Das waren kein richtiger Kalender, aber etwas Ähnliches, z.B. es wurden an die Tür 24 Kreidestriche gemalt, von denen die Kinder jeden Tag von 1. Dezember bis zum Heiligen Abend einen Strich abwischen durften oder die religiösen protestantischen Familien hängten 24 Bilder nach und nach an die Wand und die Kinder nahmen täglich ein Bild ab. Neben den Kreidestrichen und Bildern gehören dazu auch Weihnachtsuhren und Adventskerzen, die man von Tag zu Tag bis zur nächsten Markierung abbrennen ließ.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber die früheste Form des richtigen Adventskalenders kommt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist mit dem Namen von Gerhard Lang verbunden. Man sagt sich, die Mutter von Gerhard Lang bastelte für ihren damals kleinen Sohn eine Papierschachtel, die sie auf einem Karton genäht hatte, und füllte jedes Abteil mit einem leckeren Gebäckstück - Plätzchen auf. Jeden Tag durfte er nur ein Schachtel aufmachen und süßes Gebäck essen. Die Mutter war der Meinung, dass mit diesem Spaß die Zeit bis zu Weihnachten nicht mehr so langweilig und lang ist. Aber die Zeit verging schnell und Gerhard Lang war schon groß genug und kam 1903 auf die Idee eine Art Adventskalender zu produzieren. Es war ein einfacher Kalender, ohne Fenster und bestand aus zwei Blättern, mit den Zahlen auf dem ersten Teil und mit den Engelsbildern auf dem zweiten. Man konnte jeden Tag einen Engel ausschneiden und auf eine Zahl kleben. Aber danach erinnerte er sich an seine Kindheit und beschloss ein Schokoladenadventskalender herzustellen und so entstand in den 1930-er Jahren „Christkindleinhaus zum Füllen mit Schokolade“.

 

Mit der Zeit erscheinen auch Adventskalender, wie wir sie heute in jedem Laden kaufen können – mit Fenster und Türen, die man öffnen und kleine Überraschung bekommen kann.

Hinter den 24 Türchen stecken normalerweise Weihnachtsplätzchen oder Schokoladenstücke in verschiedenen Formen und Figuren, aber heutzutage kann man dort sogar Spielzeuge finden.


Die meisten Adventskalender sind für die Kinder geeignet, obwohl das moderne Leben und die Entwicklung der Gesellschaft sogar Erwachsenen ermöglicht was Schönes und Interessantes an dieser Tradition zu finden.


Im Handel sind schon lange Adventskalender verbreitet, die die Frauen besonders schön finden können, da hinter jeder Tür sich etwas zur Schönheitspflege versteckt. Oder einen Bieradventskalender, wie ich ihn beim letzten Einkauf entdeckt habe. Hinter jedem Türchen können die Männer eine 0,5 L Bierflasche finden.

Das wäre ein Geschenk!

Hallescher Adventskalender

 

Man kann natürlich auch Adventskalender selbst basteln und verpacken, so haben sie einen größeren persönlichen Wert,

da man mit diesem Geschenk mehr Zeit, Geduld und Fantasie

zeigt.

Was Ihnen mehr gefällt, ist Ihre Entscheidung, aber

Adventskalender würde ich auch gerne als Geschenk

bekommen.

 

Auf die Adventskalender!

 

 

Alöna Mironowa

Oktober 2014

Laternenfest in Halle

Ich mag es einfach so im Park spazieren zu gehen und die Schönheit der Natur und Stille des Flusses zu genießen. Es war ein normaler Tag, wie alle anderen, aber etwas war anders. Im Park herrschte Hochbetrieb. Hin und her lief man hier, es wurde Vieles verkauft, verschiedene Bühnen eingerichtet und viel gesungen und getanzt. Was war da für einen Anlass? Die Antwort kennt jeder Hallenser – Hallesches Laternenfest.

Es ist schon zur Tradition geworden am letzten Wochenende im August eines der schönsten Volks- und Heimatfeste nicht nur Halle, sondern auch Mitteldeutschlands zu feiern, es geht natürlich ums Laternenfest. Der Ursprung des Festes liegt weit in der Geschichte zurück. Auf die Idee ein Laternenfest zu feiern kam der Hallesche Wirtschafts- und Verkehrsverbund, denn man wollte schon lange die Schönheit des Saaletales anderen „präsentieren“ und dadurch eine gute Stadtwerbung machen und Prestige erlangen. So wurde 1928 entschieden das Laternenfest zu feiern und dazu noch einfache Spaziergänger eingeladen mitzumachen. Jährlich werden 30 000 Laternen und Lichter das Saaletal schmücken und beleuchten. 

Das hallesche Laternenfest besuchen nicht nur Hallenser, sondern auch die Bewohner anderer Bundesländer. Hier wird nicht nur Hochdeutsch gesprochen. Also, liebe Leser, wenn Sie verschiedene Dialekte hören möchten, so herzlich Willkommen in Halle zum Laternenfest!

 

Was zieht die Besucher an?  Das Besondere und Interessanteste an diesem Fest ist ein buntes Programm für Groß und Klein. Hier gibt es genug Veranstaltungen, für jedes Alter. Am Ufer der Saale wurde vieles für Kleinkunst, Kunsthandwerk und Design eingerichtet.

 

Auch für Familien mit Kleinkindern gibt es was zu erleben, für sie gab es genug Karusselle, Kinderbaustellen, einen Verkehrsgarten auf der Peißnitz, viel Eis und Zuckerwatte. Mmmm, klingt lecker, nicht wahr? Für solche, die was unternehmen oder sich einfach entspannen wollten, gab es verschiedene Möglichkeiten, so etwa das Anschwimmen in der Saale, Fischerstechen, Bogenschießen, Schach, Bootskorso, Entenrennen und -schönheitswettbewerb, Mittelalterspektakel am Saaleufer und natürlich Glühwürmchenaussetzen.

 

 

 

Für Essen und Getränke wurde also gesorgt, für jeden Geschmack war etwas dabei. Bratwurst, Currywurst, Bockwurst, am Spieß gebratener Spanferkel, Erbsensuppe, Tomatensuppe, Hamburger und Brötchen, Quarkkrapfen und natürlich Bier, viel Bier. Den ganzen Tag wurde viel gesungen und getanzt.

 

 

 In allen Veranstaltungsbereichen der Peißnitzinsel, der Ziegelwiese über dem Ufer bis zum Amselgrund und dem Promenadenufer gabt es mit Unterstützung von regionalen Rundfunksendern Non-Stop-Programme mit Musik, Show und Unterhaltung.

 

Der Höhepunkt war ganz am Abend. Dieser wurde mit einem Bootskorso eingeleitet. Als die Dämmerung einbrach, begannen die Boote hin und zurück zu schwimmen. Das waren keine einfachen Boote. Das waren bunte, geschmückte Boote, wo man auch gut feiern und Karaoke singen konnte. Es gab sogar Schwänen-, Piraten- und Vikingerboote.

 

 

 

 

 

 

 

 

Und danach kamen Glühwürmchen… Das waren einfache schwimmende Lichter, aber so schöne! So wunderschöne! Die Schiffen und Boote schwammen unter diesen Glühwürmchen und es war unbeschreiblich schön anzusehen. Da dachte ich mir: „Was könnte noch schöner sein? - Nichts!“ Aber doch, es gab noch ein Feuerwerk, das vom Turbinensportplatz und von der Burg Giebichenstein organisiert wurde. Das Feuerwerk fiel wie Regen, hatte zahlreiche Vogelformen mit Flügeln und einfache Salven. Das alles dauerte bis Mitternacht, ich war sehr müde, aber zugleich glücklich.

 

Manchmal lohnt es sich im Park einfach so spazieren zu gehen.

Alöna Mironowa

September 2014

Windkraftanlagen

In Deutschland, wie in jedem neuen Land, gibt es viel Interessantes und Besonderes. Wenn man nach Deutschland kommt, fällt sofort die Sauberkeit und Ordnung auf. Als ich zum ersten Mal in Deutschland ankam, merkte ich mir noch eine Besonderheit – es gibt viele Felder mit Windkraftanlagen. Wenn man aber viel reist, merkt man dann, dass es bundesweit sehr viele davon gibt. 

Jetzt ist die Zeit ein bisschen mehr davon zu erfahren. Windkraftanlagen, oder wie man sie auch nennt Windenergieanlagen, sind ganz umweltfreundlich, denn alle Europäer legen viel Wert auf die Umwelt. Ich denke, dass wir in Russland so was in der nächste Zukunft auch haben werden. Bisher verschwenden wir Wasser, Heizungsenergie, Strom und andere Ressourcen unserer riesigen und an Bodenschätzen reichen Heimat.

Bevor man eine neue Windkraftanlagen aufstellen soll man einen  Anemometer in der Höhe von 30-100 Meter installieren und 2 bis 3 Jahre lang Information über die Windgeschwindigkeit und –richtung sammeln. Die gesamten versammelten Daten benutzt man fürs Zusammenstellen einer Karte über die Windenergieverfügbarkeit. Windkraftanlagen werden dort aufgebaut, wo die Windgeschwindigkeit ganz hoch ist, also mehr als 4,5 m/s.

Die Windgeschwindigkeit hängt von der Bodenhöhe ab, so werden Windanlagen meist auf den Hügel und Anhöhen in den Wind eingeschwenkt. Generatoren für die Windanlagen werden auf den Türmen in der Höhe von 30-60 Meter aufgerichtet. Es werden auch verschiedene zusätzliche Faktoren beachtet, die die Windgeschwindigkeit beeinflussen könnten, solche wie Bäume, hohe Gebäude oder andere hohen Anlagen.

Bei dem Windkraftgeneratorenaufbau spielt die Umweltbeeinflussen eine wichtige Rolle.  Die deutschen Gesetze kontrollieren die beschränkte Lärmbelastung und den Schallabstand streng. Tagsüber dürfen nicht mehr als 45 dB(A) erreicht werden, nachts – 35 dB(A). Die nächste Wohngegend darf nicht in einem Umkreis von 300 Metern um die Windkraftanlage sein.

Die modernen Windenergieanlagen werden während der Vogelzugssaison eingestellt, denn es könnte zum Schaden von Vögeln  kommen.

Schon eine Windanlage ermöglicht es den Strom für ein ganzes Dorf zu produzieren. Was übrig bleibt, kann im Prinzip verkauft werden.

In September ging mein Traum in Erfüllung – ich wollte immer schon einmal auf eine Windanlage hinaufklettern! Ich war ganz oben, dort, wo ständig drehende Rotorblätter den Menschen Energie geben und keine Naturzerstörungen oder –veränderungen verursachen.

Ich finde es sehr gut, wenn Menschen sich Gedanken über Umweltschutz machen. Schützt unsere Natur und lebt gesund!

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

September 2014

Urlaub – so ein wunderschönes Wort! - Teil 1

Das erste Wort, das ich in Deutschland gelernt habe  war „Urlaub“.

Ich denke, alle werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass Urlaub ein wichtiger Teil unseres Lebens ist. Während des Urlaubs erholen wir uns, ruhen uns aus, reisen und geben unser Geld aus. Man bereitet sich immer vor – man arbeitet viel und rastlos, spart Geld, sucht sich Reiseroute und Urlaubsziel und wenn die Zeit sich dem Urlaub nähert, so geht man ins Reisebüro und bucht seine Traumreise.

Ich möchte hier über meinen Urlaub in der EU schreiben. Meinen ersten Urlaub beschlossen Sophia (meine gute Freundin) und ich am Meer zu verbringen. Alles wurde vor einem Monat? entschieden und gebucht. Wir wollten uns ein bisschen erholen, im Meer schwimmen und die Sonne genießen. Die meisten Russen meinen, dass es ganz preisgünstig ist in den EU-Ländern den Urlaub zu verbringen. Ich habe dieses verjährte Vorurteil abgebaut!

Wir wollten alles selbst organisieren, Sie werden bestimmt fragen „Wie denn selbst?“, das alles lässt sich einfach erklären – wir wollten selbst das Hotel buchen und Flugkarten kaufen, danach selbst den Weg vom Flughafen bis zum Hotel finden. Aber Flugtickets, Hotel, alles war sehr teuer! Da entschieden wir uns nur für eine Urlaubswoche (kann man so sagen? ich meine hier nur eine Woche zum Erholen). Auf die Suche dann!

 

Wo wollen wir überhaupt hin? Das stand noch nicht fest. Fast den ganzen Monat besuchten wir verschiedenen Reisebüros, suchten uns das passende Urlaubsziel.  Das wichtigste oder der Kernpunkt unserer Suche waren: Meer, Strand, Sonne und das alles nicht mehr als für 400 Euro.

Alles war so teuer und wir hatten mal Angst, dass das alles schief geht, z.B. in die Türkei zu fahren kostetet 500-600 Euro, nach Palma de Majorca noch mehr! Es ist richtig teuer sich in der EU zu erholen. Die Deutschen, genau wie die Russen, erwerben Geld, sparen es, um danach einmal pro Jahr etwa 10 Tage die Seele baumeln zu lassen, sich in der Sonne zu aalen und die Füße ins Meer zu halten.

 Das Schicksal meinte es gut mit uns und schenkte uns eine Reise – nach Griechenland nach Rhodos! „Das Glück ist schon so nah!“ - dachte ich mir und fing an meinen Koffer zu packen. Schon nach 3 Stunden lagen Sophia und ich am Mittelmeerstrand! Die ganze Woche genossen wir das Gemurmel des Strandes. Meine Augen weilten auf den Wellen, die meine Füße kitzelten. Wir rekelten uns in der Sonne. Wir haben viel Obst und Meeresprodukte gegessen und im Club getanzt! So eine großartige Erholung!

Sich zu erholen ist immer gut! Genießt Euren Urlaub!

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

 

September 2014

Sommer ist ein kleines Leben…

Mitte August. Es sind die letzten Sommertage, der Herbst zeigt uns  schon seine ersten gelben Herbstblätter. Es kommen immer mehr glückliche, ausgeruhte, sonnengebräunte und grade vom Urlaub wiederkehrte Menschen auf die Straßen.

Mein deutscher Sommer ist schon vorbei, der verging sooo schnell. Es war lustig und ereignisreich.

Ich will euch ein bisschen von meinem Sommer 2014 erzählen. Diesen Sommer verbrachte ich in Halle, wo  immer Hochbetrieb herrscht, besonders unter Studenten, weil sie bis Ende Juli Prüfungen haben und dadurch bis Anfang August hier bleiben und erst danach bis Oktober nach Hause in die Ferien fahren.

In Halle gibt es die Peißnitzinsel mit dem beliebten Sommertreffpunkt, der Grillplatz genannt wird. Jede einzelne freie Minute versuchen Menschen hier ihre Zeit zu verbringen, um Steaks, Wurst oder Gemüse zu grillen. Diese typisch deutsche Tradition in der Freizeit zu grillen, finde ich auch cool.

Freitags und samstags finden im Park Open Airs statt. Von 20.00 bis 21.00 Uhr abends macht hier ein DJ Musik, dann kommt die Jugend und es fangen richtige Partys an.

Am Tage kann man zum Bootverleih gehen und ein Boot, ein Kajak oder ein Tretboot ausleihen, um danach durch die Saale zu paddeln und die Schönheit des Flusses betrachten. Hier kann man auch ein Fahrrad ausleihen und einfach so durch den Park fahren und ein Picknick machen. Eine weitere Freizeitbeschäftigung im Sommer ist das Schwimmen, zum Beispiel im Freibad der Saline. Man kann hier den ganzen Tag verbringen, sich sonnen, baden oder einfach die Wärme des Sommertages genießen.

Auf der Peißnitzinsel gibt es das Cafe „Peißnitzhaus“, das den ganzen Sommer eine kleine Bühne für verschiedenen Bands und Musiker zur Verfügung stellt. Dadurch kann man abends zum Konzert kommen, Bier oder Wein  trinken und gute Musik hören.

Ich habe auch bemerkt, dass viele Deutschen bundesweit gern in den Urlaub fahren. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Manche organisieren Radtouren und fahren da natürlich Rad, einige fahren ihre eigenen Autos oder mit dem Zug und die anderen mieten Autos.

Der Sommer in Halle ist schön und diejenige, die nicht in den Süden fahren konnten, haben hier eine sehr gute Möglichkeit sich gut auszuruhen, hier in der Heimatstadt, wo es nach Bockwurst, Zimtbrötchen und gutem Kaffee riecht.

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

August 2014

 

 

 

 

Je weiter, desto näher...

Seit meiner Ankunft in Halle hat mich ein Freund von mir immer wieder zum russischen Chor eingeladen. Ich hatte ständig keine Zeit, alle Hände voll zu tun. Erst Anfang Juni gelang es mir das zu machen und jetzt bedauere ich das nicht.

Der Russische Chor wird von den deutschen Studenten organisiert, die die  Russische Sprache an der Uni studieren. Ich war am Anfang ein bisschen skeptisch, aber als sie angefangen haben zu singen, kam ich nicht mehr umhin als zu lächeln.

Man kann es sich kaum vorzustellen! Die deutschen Studenten der Martin-Luther-Universität singen russische Lieder wie  „Katjuscha“  auf Russisch!!! nach 70 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges!

Die Welt im meinem Kopf schien verrückt zu werden. Die Studenten haben mir mit ihren Liedern  meine Seele und mein Herz erfreut. Bis ins Innerste! Ich wollte mitsingen, mittanzen! Das war so erbaulich! Da hörte man die Seele meiner Heimat! Mir hat es sehr gefallen!

Die Republik Baschkortostan ist ein Bestandteil der Russischen Föderation. Hier wird offiziell Russisch gesprochen. An nationalen Feiertagen werden oft nationale baschkirische  Lieder gespielt und da tanzten viele Vertreter der  baschkirischen Nation mit.

Ich  habe mich immer gefragt wieso machen sie das? Und erst jetzt bekam ich die Antwort! Das ist deine Musik, Lieder auf deiner Sprache! Das passiert irgendwie unbewusst, du bist auf einmal glücklich und es ist dir sofort klar, dass das zu deinem Kulturerbe gehört und du Teil davon bist.

Ich hörte Lieder und ich vergaß mein Heimweh. Als ich noch in Russland war, machte ich mir gar keine Gedanken über meine Kultur und darüber, dass ich sie schätzen sollte. Das versteht man erst dann, wenn man lange Zeit  im Ausland wohnt. 

Einmal bin ich zur Russendisko gegangen. Das war keine richtige Russendisko, sondern eine Disko mehr in Richtung GUS-Ländern. Es gab mehr moldawische, ukrainische und weißrussische Musik und nur ein paar russische Lieder. Die deutschen Frauen tanzten wild. Es war herrlich anzusehen! Ich habe da verstanden, dass alles, was die Europäer für Russisches halten, noch zur Postsowjetischer Zeit gehört.

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

August 2014

Die Russen in Halle!

Etwa Mitte Februar fangen die Partnerstädte Ufa und Halle sich an auf die Sommerzeit vorzubereiten, genauer gesagt auf den Austausch, der jeden Sommer stattfindet.

Das Projekt wurde schon zu sowjetischen Zeit durchgeführt und läuft bis jetzt. Dadurch haben die Jugendlichen aus beiden Städten eine sehr gute Möglichkeit Deutschland und zwar Halle zu besuchen.

Anfang Juli. Die russischen Teilnehmer sind komplett ausgewählt, sie wechseln schon ihre Rubel gegen Euro und packen ihren Koffer. Die deutsche Seite macht sich schon Sorgen, bald kommen die Russen!

In deutschen Läden ist schon alles „bereit“ zum Empfang der Russen – überall sind Rabatte.

Es scheint die Sonne, der Händel auf dem Marktplatz bereitet sich darauf vor die neuen 15 Russen kennenzulernen, er  weiß schon Bescheid, dass er bald zum beliebtesten Treffpunkt wird.

Dieses Jahr habe ich die Studenten in Deutschland empfangen, es war so komisch für mich - normalerweise habe ich in Russland immer mitgemacht. Ich versuchte mich an alle meine Gefühle zu erinnern, wie ich mich gefühlt habe, wenn ich nicht gewusst hatte, was mich erwartet. Mir fiel es schwer, denn meine 2 Monate in Deutschland waren unvergesslich, es war eine Euphorie.

Neuer Austausch ist da! Yuhuuu!!! Ich bin wieder nach 4 Jahre dabei und mache mit!

Mit der Ankunft des Austausches, vergeht mein Leben im Tempo „Non Stop Party“, ich gehe um 5-6 Uhr morgens ins Bett und denke dabei „Mann, ich werde nicht alt, bin noch jung! Yuhuu!“.

Die Teilnehmer aus Ufa haben ein schönes Programm vorbereitet, dem deutschen Publikum hat es sehr gut gefallen und die beliebtesten Programmpunkte wurden wieder aufgerufen. Gut gemacht! Vielen Dank an alle, die dieses Konzert organisiert haben und besonders an die Organisatoren in Ufa, sie haben sich dafür viel Mühe gegeben!

3 Wochen vergingen sehr schnell und es ist die höchste Zeit den ganzen Austausch nach Russland zu bringen.

Ich hoffe, den Teilnehmer hat es hier seht gut gefallen, so wie es uns, dem Austausch 2010, passiert ist. Ich denke jeder hat einen Teil seines Herzens hier gelassen.

Und den deutschen Teilnehmern wünsche ich, dass sie einen Teil ihres Herzens in Russland lassen.

Es ist die Zeit nach Russland zu fliegen. Geschäfte stehen leer, keine Rabatte mehr, alle haben einen zweiten Koffer…

Der Händel sieht traurig aus und zugleich fröhlich, er hat so viele Studenten aus Ufa kennengelernt und lernt noch mehr in der Zukunft kennen.


Der Austausch sitzt schon im Zug. Der Zug fährt langsam los. Ich bekomme Gänsehaut. Mir wird klar, dass der normale Alltag wieder beginnt, mein zweiter Austausch ist vorbei…

Ich stehe am Hauptbahnhof in Halle und verstehe, dass die Anderen verschiedene Abenteuer in Russland erwartet. Was für Glückspilze seid ihr alle!

Genießt alles!

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

Juli 2014

Entscheidet der Geschmack oder doch die Farbe?

In jedem Land ist alles anders, als in den anderen - das habe ich schon 2010 bemerkt, als ich in Deutschland gewesen bin.

Als ich zum ersten Mal in Deutschland in einen Supermarkt ging, war ich total überrascht. Das gesamte Obst und Gemüse sah wie gemalt aus.  Die Kartoffeln waren schon geschält, gewaschen und verpackt. Alle hatten gleiche Form. Bei den Äpfeln war es genauso – sie waren alle gleich groß und hatten die gleiche Farbe. Da dachte ich mir nur: „JA, Vera, das ist Europa! Hier isst man nur ausgewählte Produkte!“.

Vor 2-3 Jahren begann man auch in Ufa große Einkaufszentren zu bauen und saubere geschälte Kartoffeln und glänzende gleichförmige Äpfel zu verkaufen. Es schien, als ob Europa jetzt auch Ufa erreicht hat.

Als ich klein war, aß ich Äpfel und Birnen vom Baum aus Omas Garten. Ich legte keinen Wert auf die Schönheit der Früchte oder auf deren Form. Meine Eltern und ich pflanzten Kartoffeln, pflückten Erdbeeren, die wir selbst gezüchtet hatten. Das alles konnten wir im Prinzip in jedem Obst- und Gemüseladen kaufen, aber wir machten es selbst! Denn es hat mehr Wert, weil meine Eltern all ihre Kräfte, alle Freizeit opferten um das alles anzupflanzen.

Als ich auf einem Seminar in Berlin war, sahen wir einen Dokumentarfilm über Bauern, die Obst und Gemüse anbauten. Die meisten Bauern sind sehr betrübt, dass die Mehrheit der EU-Bürger nur ausgewählte Produkte kauft. Beim Kauf entscheiden oft die Größe und die Farbe. Viel von dem Obst und Gemüse wird weggeworfen oder verfault, weil es nicht die richtige Größe hat oder nicht schön genug ist.

Mir ist es ganz egal, wie groß eine Kartoffel ist, ich esse sie, weil ich Hunger habe. Es gibt viele Menschen in Afrika, die von einer kleinen unschönen Kartoffel, einem Apfel oder einer Birne träumen….aber nichts davon zum Essen haben.

Und auf einem anderen Kontinent leben Menschen, die sich ihre Lebensmittel nach der Größe, der Form und der Farbe aussuchen. Für die pflanzt man sogar gelbe und viereckige Wassermelonen!

Was ist denn auf unserer Welt los? Haben wir denn den Verstand verloren?

Ich wünsche mir sehr, dass man in Russland weiter „normales“ Obst und Gemüse verkauft und wir, Russen, dann dafür dankbar sind, dass wir diese Produkte kaufen und essen können!

Es freut mich, dass die EU ihr Problem erkannt hat und hoffe, dass man in Zukunft andere Prioritäten setzt.

Mit dieser Hoffnung in die Zukunft….

Vera Tokareva / Übersetzt von Alöna Mironowa

Juni 2014

Schwerer Dienst

Dieser Artikel ist Margarita gewidmet. Sie ist eine Freiwillige, die ich während des Seminars kennengelernt habe. Margarita arbeitet mit jungen Müttern und ihren Kindern. Das sind Frauen, die nach der Entbindung oder in der Schwangerschaft kein Zuhause haben. Sie wenden sich an die Organisation, in der Margarita tätig ist. Diese Organisation stellt solchen Müttern Wohnfläche zur Verfügung und sorgt für ihre Kinder. Das alles kostenlos, aber nur unter der Bedingung, dass sie dort nicht länger als 3 Monate bleiben.

Manche denken, dass es leicht ist Freiwilliger zu sein. Vielleicht ändert man seine Meinung, nachdem man diesen Artikel gelesen hat…

Baschkirienheute: Hallo. Also, stell dich am besten erst mal vor – wir heißt du und wo genau in Deutschland machst du deinen Freiwilligendienst?

Margarita: Ich bin Margarita und wohne zurzeit in Hessen.

Baschkirienheute: Wie lange bist du schon in Deutschland?

Margarita: Seit drei Monaten.

Baschkirienheute: Wie heißt deine Freiwilligenorganisation?

Margarita: “Wir fördern unsere Kinder“.

Baschkirienheute: Was für einen Freiwilligendienst machst du dort?

Margarita: Also, am Anfang, hatte ich 2 Möglichkeiten zur Auswahl. Die erste war in der Stadt Schwerin, da sollte man mit behinderten Menschen arbeiten und die zweite war in Hessen – Arbeit mit den Kindern. Ich ließ mir Zeit zum Überlegen und entschied mich für die zweite Variante.

Baschkirienheute: Welche Aufgaben hast du dort?

Margarita: Ich soll auf die Kinder aufpassen. So habe ich sozusagen eine Mutterfunktion – die Kinder füttern, Milchflaschen vorbereiten, Säuglinge wickeln und dazu noch mit allen spielen. Normalerweise arbeite ich mit den Säuglingen oder Müttern und zwar bringe ich ihnen etwas für ihr zukünftiges Leben bei – z.B. wie man sich richtig ernähren soll. Aber es ist sinnlos, denn die Frauen nehmen sich das Obst nie selbst, sondern ich muss alles klein schneiden und ihnen bringen und erst danach essen sie es.

Meine Arbeit ist psychisch und körperlich anstrengend. Manchmal bin ich gleichzeitig mit 3 Säuglingen beschäftigt und dann weiß ich nicht mehr wo mir der Kopf steht. Das bedrückt mich. Ich habe starke Rückenschmerzen, weil ich die Kinder sehr oft auf den Arm nehme. Ich denke, dass mich das bis zum Jahresende noch “umbringt“!

Baschkirienheute: Was gefällt dir an deiner Arbeit?

Margarita: Meine Arbeit macht mir Spaß, alles passt. Für mich ist es ein gutes Praktikum für meine Zukunft. Ich hoffe, ich werde auch Mutter und dann weiß ich, wie ich mit meinen Kindern umgehen muss.

Baschkirienheute: Was hat dich an deiner Arbeit gewundert?

Margarita: Die Faulheit der deutschen Mütter! Das nervt. Sie sind schon daran gewöhnt, auf Kosten des Staates zu leben und keinen Finger krumm zu machen. Sie sind überzeugt davon, dass soziale Einrichtungen ihnen schon helfen werden. Sie brauchen nicht zu arbeiten, und trotzdem wird schon alles werden. Viele Mütter gehen nur zum Schein zum Jobcenter. Ich sehe, dass sie hier wie in einem Hotel wohnen. Die Mütter wollen die Küchen nicht putzen oder ihre Zimmer aufräumen, sie brauchen das nicht. Sie alle denken, dass es ja die Freiwilligen gibt, die das für sie erledigen. Ab und zu weiß ich deshalb nicht, wie ich mich bei solchen Personen verhalten soll. Jeden Tag beobachte ich und wundere mich nur, wie normale, gesunde Frauen dem Staat so auf der Nase herumtanzen können!

Baschkirienheute: Wie viel Frauen wohnen zurzeit dort?

Margarita:  Momentan 6 Frauen.

Baschkirienheute: Jeden Tag stößt du auf das Schicksal verschiedener Menschen. Kannst du uns etwas Interessantes davon erzählen?

Margarita: Jedes Mädchen, jede Frau hat ihr eigenes Schicksal. Manche haben früher schon auf der Straße gewohnt, manche haben keine Freunde oder Verwandte, die ihnen helfen können und wieder andere, haben zwar Familie, die aber nicht helfen will. Das ist komisch!

Baschkirienheute: Gibt es etwas, was du gerne anderen sagen möchtest? Oder möchtest du irgendwelche Gedanken mit uns teilen?

Margarita: Sehr oft denke ich, dass wir verschieden sind. Am Anfang hatte ich eine andere Vorstellung von den Deutschen. Ich nehme einen großen Mentalitätsunterschied wahr. Hier fühle ich mich nicht zu Hause. Die Deutschen sind sehr nett, aber verschlossen und zurückhaltend. Ich vermisse die russische Seele!

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

Juni 2014

 

Wohnheim für Flüchtlinge

Ich wohne schon seit zwei Monaten in Deutschland und lerne jeden Tag etwas über dieses Land. Das gefällt mir! Ich war für 10 Tage auf einem Seminar in Berlin und habe dort viel erfahren, das ich jetzt gern mitteilen möchte.

In Berlin gibt es ein spezielles Haus und zwar ein Wohnheim für Flüchtlinge. Wir waren dort zu Besuch und lernten einen Flüchtling aus dem Irak kennen, der in diesem Haus schon seit über 20 Jahren wohnt. Er erzählte, wer hier wohnt und wie sie wohnen und zeigte uns das ganze Wohnheim.

Alle, die hier wohnen, verlassen ihre Länder aus verschiedenen Gründen. Ich hielt es für taktlos, präzise und persönliche Fragen zu stellen und entschloss mich, ihm einfach nur zuzuhören.

Hierher kommen Menschen aus verschiedenen Ländern. Jeder hat seinen eigenen Grund dafür. Sie kommen in die EU nicht nur um Geld zu verdienen oder ein besseres Leben zu haben. Es gibt auch diejenigen, die mit der politischen Verwaltung ihres Landes unzufrieden waren oder die, die sich hier selbst finden wollen.

Bei ihrer Ankunft in der EU sollten sie bestenfalls Dokumente haben, die den Grund des Ankommens belegen. Wenn sie aber nichts dabei haben, dann müssen sie selbst ihren Grund zum Hierbleiben erklären. Es ist ein sehr schweres bürokratisches System der Einstellungsformalitäten, aber die ankommenden Menschen werden nicht im Stich gelassen, sie bekommen immer Hilfe.

Ein Flüchtling bekommt 60-70 Euro pro Monat- davon müssen sie den ganzen Monat leben, oder besser gesagt, überleben. Die ersten 4 Jahre darf man in Deutschland nicht arbeiten, erst danach darf man sich Arbeit suchen. Wenn man Glück hat, bekommt man Arbeit und wird unabhängig und frei.

Alle im Wohnheim lebenden Flüchtlinge sind untereinander tolerant und versuchen neue Generationen auch tolerant zu erziehen.               

Innen sieht das Wohnheim, meiner Meinung nach, nicht sehr gemütlich aus. Das erste Stockwerk ist nur für Familien. Dort gibt es einen kleinen Kindergarten und Gemeinschaftsräume um gemeinsam die Zeit zu verbringen. In der zweiten Etage wohnen nur Männer, in der dritten – nur Frauen. Jede Etage besitzt Toiletten, Badezimmer, eine Küche und Abstellkammern zwischen den Zimmern.

Alle Flüchtlinge führen ein aktives Sozialleben – sie lernen Deutsch, besuchen die Musikschule, singen im Chor oder spielen Theater. Ihre Kinder gehen zur Schule.

Das Leben ist vielseitig. Alle haben ihr eigenes Leben, ihr eigenes Schicksal. In unserem Leben stoßen wir auf verschiedene Probleme. Aber haben diese Menschen ihre Probleme wirklich in ihren Heimatländern gelassen? Und was haben sie jetzt?

Werden Staaten durch Flüchtlinge multikultureller und bauen sich dadurch nach und nach alle Staatsgrenzen ab?

Lebt und seid glücklich, egal wo und egal mit wem!

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

Juni 2014

Lebenslanges Lernen

Wir lernen lebenslang. In der Kindheit lernen wir sitzen, krabbeln, laufen, sprechen. Danach lernt man in der Schule, studiert an der Uni, vielleicht besucht man zahlreiche Künstlergruppen und lernt dort singen und tanzen. Das durchlebt jeder Mensch.

Jetzt finde ich mich in der Lebenssituation wieder, dass ich nach meinem Studienabschluss wieder zur Schule gehe und Deutsch lerne. Es ist aber eine Volkshochschule, hier kann man alles lernen – malen, kochen, Design, viele Fremdsprachen oder Restaurant. Diese Schule hilft allen ein Hobby zu finden.

Die Volkshochschule besuche ich dreimal pro Woche. Der Unterricht dauert anderthalb Stunden. In meiner Gruppe gibt es 16 Menschen und zwar 16 Ausländer. Der Lehrer unterrichtet auf Deutsch.

Am Anfang war es schwer zu verstehen, was der Lehrer überhaupt sagt,doch nach 2 Wochen versteht man schon, worum es geht. Das in der Volkshochschule Erlernte hilft den Ausländern sich leichter in Deutschland einzuleben.

Durch meine Beobachtungen und in Gesprächen mit den „Kurs-Kameraden“ habe ich erfahren, dass die Mehrheit von ihnen in Deutschland leben möchte. Ich stelle mir die Fragen: Warum? Was passt ihnen in ihrer Heimat nicht? Was reizt sie an Deutschland?

Ich bin schon seit einem Monat in Deutschland und habe verstanden, dass Deutschland einfach genau so ein Land ist, wie mein Heimatland. Hier gibt es nur eine andere Sprache, andere Traditionen, eine andere Kultur und die Menschen sind auch ganz anders, genau so wie in Russland oder in den anderen Staaten.

Ich glaube, dass jeder von uns einen Kompass in sich hat, der dabei hilft, den Ort zu finden, an dem es sich gut leben lässt.

Vielleicht hängt das Streben in den EU-Ländern zu wohnen oder hier zu studieren von Ambitionen oder vom Schicksal ab. 

Wenn mir jemand letztes Jahr gesagt hätte, dass ich den ganzen Sommer und Herbst hier verbringe und dazu noch Weihnachten hier feiere, hätte ich es nicht geglaubt. Die Wege des Herrn sind unergründlich! Oder ist jeder selbst seines Glückes Schmied? 

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

 May 2014

Zimmer gesucht!

Ich will Dir, mein lieber Leser, eine gute Nachricht mitteilen: ich habe für mich eine Wohnung gefunden und bin schon umgezogen. Das war wie Magie. Ohne Sprachkenntnisse war es ziemlich anstrengend eine Wohnung zu finden. Aber zum Glück gibt es Webseiten wie z.B.http://www.wg-gesucht.de. Da muss man nur bestimmte Parameter eingeben und danach bekommt man eine große Auswahl von Zimmern und Wohnungen. Das haben Alöna und ich gemacht und wir bekamen mehrere Suchergebnisse. Doch die meisten davon passten uns nicht, oder umgekehrt, ich als Mieterin passte nicht.

 

Eines Tages war ich schon sehr verzweifelt, denn wir hatten nur 3 Möglichkeiten– das eine Zimmer war im gleichen Haus, in dem Alöna wohnt. Per Anruf erfuhren wir, dass das Zimmer schon vergeben war. Das zweite war das Zimmer, in dem ich jetzt wohne. Und die dritte Alternative wäre gewesen, dass ich bei Alöna wohne, da bei ihr ein Zimmer zur Zwischenmiete frei war.

 

Da riefen wir den Vermieter des zweiten Zimmers an und bekamen einen Besichtigungstermin. Erst als wir schon vor der Tür standen, fiel mir plötzlich ein, dass das dasselbe Haus und dieselbe Wohnung war, in dem ich 2010 während des Austauschs gewohnt habe. Ich konnte meinen Augen nicht trauen! Das konnte doch nicht wahr sein, dass ausgerechnet das Zimmer, in dem ich die glücklichsten Wochen meines Lebens verbracht habe, vermietet wird!

 

Vorsichtig fragte ich den Vermieter, ob er einverstanden ist, dass ich einziehe und er stimmte zu. Das ist doch cool! Es ist einfach back to future. Wie konnte das überhaupt passieren? Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen - man weiß nie was man bekommt!

 

Ich habe jetzt in diesem, weit von Russland entfernten Land, in Deutschland, in Halle, nun mein eigenes Zimmer. Aber es ist nicht nur ein Zimmer. Es ist mein warmes selbstgemachtes Nest, mein „Fleckchen Erde“ mit warmen Erinnerungen und meiner ganz persönlichen Geschichte. Um es noch gemütlicher zu machen, habe ich jetzt alle Hände voll zu tun.

 

Ich habe nette Mitbewohner. Der Junge heißt Timu und kommt aus Deutschland. Das Mädchen heißt Tarina und kommt aus Indien. Beide studieren hier in Halle. So eine internationale Wohnung!

 

P.S.

 

Am 26. Mai war ich mit Blanca im Rathaus um mich anzumelden. Seitdem bin ich offiziell für 8 Monate Bürgerin der Stadt Halle!!!

 

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

 

Mai 2014

 

Deutschland. So nah und doch so weit!

Mitte Januar 2014. Ich bin in der Küche von Irina Sucharewa. Da kommen wir plötzlich auf die Idee, dass ich für ein Jahr nach Halle als Freiwillige fahre. Da strömen alle Erinnerungen vom Studentenaustausch Ufa-Halle 2010 zusammen. Ich hab viele neue Freunde gewonnen und mich in Halle verliebt! Für die Austauschteilnehmer ist es ein Traum wieder nach Deutschland und zwar nach Halle zu fahren – da ist es doch klar, dass ich diese Chance nicht verpassen wollte.

Erstmal muss man fürs Projekt viel Papierkram sammeln. Um meinen Traum, nach Halle zu fahren, Wirklichkeit werden zu lassen, musste ich viel Geld und viel Mühe investieren. Nur um ein Visum zu bekommen, musste ich nach Ekatarinenburg fahren, ein Vorstellungsgespräch führen und danach noch warten… ob ich das Visum bekomme oder nicht.

Bei all diesen bürokratischen Sachen und dem Warten glaubst du noch nicht, dass du Glück hast und nach Deutschland fahren darfst, da alles nicht von dir, sondern vom „Herrn Schicksal“ abhängt.

Bei mir herrschte Verwirrung, alles war unklar. Einerseits habe ich in Russland eine feste Arbeit, meine Familie, meinen Freund Vitalik, anderseits aber Halle mit meinen hallischen Freunden, neue Emotionen und einfach eine Möglichkeit in einem fremden Land zu wohnen und in ein neues europäisches Leben einzutauchen.

Das Schicksal meinte es gut mit mir und schenkte mir die Ehre 8 Monate in der EU, in Deutschland, in Halle zu wohnen.

5 Mai 2014, früher Morgen, der Koffer ist gepackt, Flugkarten in den Händen. Das Flugzeug wartet schon auf der Startbahn. Los geht`s… wir fliegen nach Deutschland!

Dass ich in einem fremden Land bin, begreife ich erst am nächsten Morgen, am 6.Mai. Das Anpassen fällt mir schwer. Ich bin jetzt in einer Stadt, in einem Land, wo man eine Fremdsprache spricht, wo es eine ganz andere Lebensweise gibt und wo sogar die Infrastruktur sich stark von unserer unterscheidet – da kann man schon einen kleinen Kulturschock bekommen. Man sagt: jeder Mensch gewöhnt sich an alles und das mache ich auch. Das schwerste für mich ist das Leben ohne Vitalik.

Nach 8 Projektmonaten mach ich mich dann mit großer Freude auf den Weg nach Hause. Wenn man in ein neues, fremdes Leben eintritt, stellt man das Tüpfelchen aufs i. Genau das passierte mit mir – nur hier habe ich verstanden, was ich vom Leben will, was für eine nahe Beziehung ich zu meiner Familie habe und überhaupt wie meine Zukunft sein soll.

Momentan habe ich 2 Mega-Aufgaben: 1. eine Wohnung für mich finden und 2. Deutsch in einer Volkshochschule lernen. Ein Fahrrad habe ich schon, denn ohne ist es hier schwer klarzukommen.

Vera Tokarewa / Übersetzt von Alöna Mironowa

Mai 2014

BEHÖRDENKAPITALISMUS

15 Flaschen Wodka aus Polen, Dampflokomotive aus dem Jahre 1944, Traktor Porsche und 20 gebrauchte Feuerwehrjacken – was verbindet diese Sachen? Ihr werdet es nie erraten. Ebay ist es nicht.

Schon seit geraumer Zeit bin ich großer Fan von Ebay. Zum Beispiel kaufe ich dort fast alle meine Tickets von Leuten, welche zum Konzert wollten, aber aus unbekannten Gründen doch nicht können. Die Leute haben jetzt die Wahl die Tickets verfallen zu lassen oder irgendwelchen Freunden zu schenken, welche nicht unbedingt zu diesem Konzert wollten. Oder sie stellen sie zu Ebay und ich schlage zu und kaufe die Tickets meist viel billiger als im Vorverkauf. 

Ein anderes Beispiel, ich habe von einem Kumpel eine Xbox gekauft. Eigentlich wollte ich schon immer eine haben, doch war ich zu geizig und brauche ich sie auch gar nicht. Nun, wo ich alleine wohne und der Kumpel diese Xbox verkaufen wollte, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Ich bin stolzer Besitzer einer Xbox. Diese Freude hielt ungefähr 5 Wochen an, ich spielte immer mal, wenn es regnete. Allerdings regnete es in den letzten Wochen kaum. Trotzdem will ich sie verkaufen, ich habe sie in meinem geliebten Ebay zum Verkauf angeboten. Also biete ich sie nicht nur 3 Freunden, sondern über 20 Millionen Menschen zum Kauf an.

Ein wirklich tolles System, so findet man wirklich für jeden Mist einen Interessenten und kann Sachen für Höchstpreise verkaufen. Diese System verwendet ungefähr jeder zweite Deutsche im Alltag. 

Jetzt komme ich zu meinem Einleitungssatz zurück. Deutsche Gerichtsvollzieher, der Zoll oder die Polizei und andere Behörden stellen täglich die komischsten Sachen sicher, haben diese eingelagert und irgendwann vor kleinem Publikum wie vor 200 Jahren mit Hammerschlag versteigert. Jetzt wollen die Behörden «Neuland» betreten (wie Frau Merkel vor kurzem feststellte) und ihre Sachen über eine eigene Plattformen verkaufen – ich habe darüber in der Mitteldeutsche Zeitung gelesen und war wirklich gespannt, was denn deutschen Drogenhändlern weggenommen und dem ordentlichen Steuerzahler verkauft werden soll.

Auf der Seite www.zoll-auktion.de konnte ich interessante Sachen entdecken: 

Das Hauptzollamt Berlin verkauft zum Beispiel 15 Flaschen Wodka, 12 Liter Champagner Moet & Chandon, 6 Pakete Kaffee – woher haben sie denn diese Köstlichkeiten, wurde etwa ein illegaler Puff ausgeräumt? 

Das Finanzamt Braunschweig verkauft einen Supersportwagen mit 7500 ccm Hubraum, 8 Zylindern, Cabrio – zur Zeit steht das Gebot bei 5200 Euro.

Über die Seite www.justiz-auktion.de verkauft ein Gerichtsvollzieher aus Sachsen-Anhalt eine Dampflok. Diese Lokomotive wurde in Jahr 1944 gebaut, fuhr bereits für Hitler in den Krieg, später spielte sie sogar in einem Film mit – Mindestgebot für dieses Prachtstück liegt bei 30.000 Euro. Einziger Haken an der Sache, man muss dieses zarte 120 Tonnen Objekt selber abholen. Aber eigentlich doch ein Schnäppchen oder? Man bekommt 4 Kilogramm Lokomotive für einen Euro, viel billiger als Hackfleisch.

Ich habe vergeblich versucht, die Preise für konfiszierte Drogen und Schusswaffen heraus zu bekommen, ich weiß doch, dass dies für euch viel interessanter wäre, aber leider wird hier so was nicht verkauft. Das behält die Polizei lieber für sich.

Auf den Kapitalismus! Und vergesst nicht auf meine Xbox zu bieten.

Ilia Nasyrov,
August 2013

Hochschullandschaft in Deutschland

Was heißt eigentlich Universität und wie läuft das Universitätsleben ab. Ich werde über Verschriften, Vorteile und Nachteile schreiben und noch einen tieferen Einblick in das Bildungssystem geben.

Ich würde gern mit eine Frage beginnen: was fällt einem zuerst ein, wenn man das Wort Universität hört. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist es immer etwas Großes und Ernstes. Ich stelle mir die Universität als eine großes weißes Gebäude mit hohen Säulen vor. Ja, immer mit Säulen und mit eine Flagge drauf. Für mich kommt erst an zweite Stelle was man studiert, welche Dozenten unterrichten und welche technische Ausstattung die Universität aufweist.

Na klar, das alles ist nur ein Scherz. Das Gebäude mit weißen Säulen und Flagge drauf fiel mir nur als erstes ein, als ich an das Wort Universität gedacht habe. Die deutschen Studenten stellen sich die Universität anders vor, als wir, die russischen Studenten.

Auf die Unterschiede zwischen den deutschen und den russischen Universitäten möchte ich in meinem Artikel eingehen.

Von Außen und Innen:

Auf den ersten Blich kann man natürlich nichts abgefahrenes erkennen. Hier gibt es ebenso große Vorlesungsraume, Studenten an den Tischen und referierende Dozenten, welche Seminare halten. Sogar die Unterrichteinheiten sind gleich lang. Ich achte ehrlich nicht darauf, in welchem Zustand sich die Seminarraume oder das Inventar sich befinden (Tische und Stühle gleicher Art und sehr gemütlich). In die meisten Räumen gibt es Beamer und Whiteboards mit Filzstiften. Kreide muss man nicht vom Pförtner holen, es gibt ja nicht einmal einen Pförtner.

Auch gibt es hier keine die Leichen aufweckende Stundenklingel, an welche ich bereits aus Schultagen gewöhnt bin. Die Dozenten schauen typischerweise auf ihre Uhr und beenden die Stunde. Wenn die Dozenten hereinkommen, bleiben alle sitzen, wühlen in ihren Unterlagen, spielen mit dem Handy oder machen einfach irgendwas.

Der Dozent hat bei den Deutschen eine besondere Rolle. Die Rolle des Lernhelfes. Der Dozent gibt üblicherweise Materialien heraus und Quellen zu weiteren Informationen. Er teilt bei weitem nicht alles aus, sondern es ist Teil der Bildung, dass Student sich alle Informationen selber sucht. Also, die Phrase «Das haben wir von Ihnen nicht bekommen» könnte ihr hier getrost vergessen. Zusammenfassend, der Dozent gibt die Richtung vor und prüft am Ende des Jahres.

Stark verwundert hat mich, dass zu Ende der Stunde oder nach Vorträgen mit Klopfen auf den Tisch die Begeisterung ausgedrückt wird. Jegliche positive Reaktion wird mittels Klopfzeichen honoriert. Es scheint wohl, dass Applaus für die Universität zu laut ist, aber Klopfen geht in Ordnung!

Stud.IP:

Noch ein  interessanter Fakt, wenn man sich an der Universität immatrikuliert, erhalt man zusammen mit seinem Studentenausweis seine persönliche Zugangsdaten zum Stud.IP. Das ist ein Universitätsinternes Internetnetzwerk. Also das Passwort kann man andern, aber Anmeldename bleibt ewig. Zugang zu diesem Netzwerk haben nur Studenten und Lehrkräfte. Hier kann man alles finden: Seminarpläne, Vorlesungsverzeichnes und andere Veranstaltungen. Ich hab so was zum ersten mal in Natura gesehen.

Hausaufgaben erhält man von seinem Dozenten ebenso über dieses Stud.IP. Dort kann man sich seinen Wochenstundenplan selber zusammenstellen, sich für Seminare anmelden, aber auch mit Dozenten und Kommilitonen Nachrichten austauschen. Alles will ich nicht erzählen, ihr wisst doch, wie ein soziales Netzwerk funktioniert. Ich füge nur noch hinzu, dass es im Stud.IP etwas ernster als auf Facebook zugeht –es gibt dort weder Fotos noch Musik, aber wer braucht das schon. Allerdings gibt es Foren für Freizeit Veranstaltungen, den Verkauf irgendwelchen Sachen und Wohnunganzeigen.

Mit einem Satz, Studenten finden auf Stud.IP alles, was sie brauchen. Die Website funktioniert auа Deutsch und Englisch. Der Einsatz der Seite ermöglicht es einem viel seiner kostbaren Zeit zu sparen.

In diesem Zusammenhang war für mich noch ungewöhnlich, dass bei Aushängen anstelle deines Namens dein Anmeldename für Stud.IP (welche nur du weisst) verwendet. Also, es steht links dein Anmeldename und rechts deine Examensnote.

Fortsetzung folgt:

Weisst ihr jetzt was ich meine? Seht ihr diese kleinen Unterschiede zwischen dem deutschen und russischen Bildungssystem. Lasst uns nächstes Mal tiefer in den Jungle der deutschen Studentenschaft eintauchen.

Hochschullandschaft in Deutschland (2)

Wie bereits angekündigt, will ich Euch in die unergründlichen Tiefen des deutsche Studentenlebens entführen. 

Studentenausweis:

Die Studentenausweise in Deutschland sind Plastikkarten im Kreditkartenformat mit Passbild und Studentennummer. Das Geburtsdatum findet man hier wie bei uns auch nicht. Deswegen reicht der Studentenausweis nicht, um sich Zutritt zu einem Nachtclub zu verschaffen. Man sollte schon seinen Personalausweis dabei haben. Die Inhaber von Studentenausweisen genießen eine Vielzahl von Vorteilen, so zum Beispiel vergünstigten Eintritt in Museen und Kinos – wie ihr euch sicher schon denken konntet. 

So kann man auch das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs kostenfrei nutzen, allerdings Wochentags nur am Abend, oder am Wochenende ganztags. Allerdings darf man dazu nicht den Studentenausweis vergessen. Ach ja, die Karte gilt nur in deiner Unistadt. Sagen wir so, wenn ihr irgendwo anders hinfahrt, müsst ihr für alles bezahlen, wie jeder Erwachsene. 

Auch kann man auf die Karte Geld laden und die Karte als Zahlungsmittel in der Mensa verwenden. Und schon hat man keine Probleme mehr mit Kleingeld. Ja und in der Bibliothek kann man mit der Karte für die Benutzung von Scannern, Druckern und Kopierern bezahlen, in dem man die Karte einfach auf das dafür vorgesehene Feld legt und einem ein entsprechend der Blattanzahl entstehender Preis abgezogen wird. 

Auch das Verlängern der Gültigkeitsdauer ist sehr einfach, man braucht nicht ins Immatrikulationsamt um einen neuen Stempel zu bekommen. Man begibt sich einfach in das Hauptgebäude, steckt die Karte in  einen speziellen Automat und schon wird das alte Gültigkeitsdatum entfernt und durch ein neues ersetzt.

Zusammenfassen kann man sagen, dass der Studentenausweis eine sehr clevere Angelegenheit ist und weit über die simple Dokumentenfunktion hinausgeht.

Unterricht und Studenten:

Ein Student ist auch in Deutschland ein Student. Natürlich gibt es bereits in der Gesellschaft Unterschiede, aber das ist ein ganz anderes Thema. Ich sage euch, schon das Verhältnis zu den Lehrkräften ist ganz anderes, wie auch die Einstellung zum Studium. 

Der Student ist hier nicht unbedingt jung. Man trifft hier auf Leute verschiedenster Alterstuffen. In Deutschland kann man sogar bis zum 30. Lebensjahr studieren, es ist eben nicht wie bei uns, wo man ungefähr bis zum 24. Lebensjahr das Studium absolviert und sich dann in das Arbeitsleben stürzt.

Noch eine Neuigkeit, die Studenten in Deutschland studieren weniger als die Studenten in Russland. Also richtigerweise muss man sagen, sie verbringen nicht so viel Zeit in der Universität. Es gibt einfach nicht so viele Lehrveranstaltungen, wie bei uns. Die Ausbildung ist viel spezialisierter. Das bedeutet zum Beispiel, dass man keine Geschichts- oder Literaturvorlesungen besucht, wenn man Informatik studiert. 

Und noch ein Vorteil des deutschen Systems, du entscheidest selber was und wie du studierst, stellst dir also einen für dich interessanten Stundenplan zusammen. Auch die Examen legst du ab, wie es dir genehm ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich am 1. Januar 2 Uhr in der Nacht meine Literaturprüfung ablegen kann. Es gibt einfach einige Prüfungstermine zur Auswahl. Hier gibt es keine mir so vertrauten Studienbücher mit Noten und Unterschriften. Hier gibt es nur Examen, Examen und nochmals Examen.

Ach, eigentlich benehmen sich die Studenten überall gleich, sie sehnen sich nach Freizeit und gute Noten.

Zusammenfassung:

Die Frage ist doch, war das schon immer so, oder war nicht zu Sowjetzeiten unser System deutlich überlegen? Meine Eltern berichten immer, dass das sowjetische Bildungssystem, das beste der Welt gewesen sei. Jetzt stellt sich mir die Frage das beste der sowjetischen Welt oder der ganze Welt? Das können nur die Studenten entscheiden, Studenten, die mehrere Bildungssysteme kennengelernt haben. Mir kommt in diesem Zusammenhang eine Liedzeile eines bekannten russischen Musikers in den Kopf «Wenn eine Eiche als Affenbrotbaum geboren wird, bleibt sie bis zum Tod ein Affenbrotbaum». 

Meine lieben Leser, ich möchte mit den Worten – Reisen bildet – meinen Ausflug in das deutsche Bildungssystem beenden.

Sergej Popov, Übersetzt: Ilia Nasyrov,
August 2013

BILD VON DEUTSCHLAND (2)

Ich kaufte die neue Ausgabe der Zeitung «Bild». Wisst ihr, ich glaube, dass ich so langsam verstehe, warum «die Zeitung mit den Bildern» in Deutschland so beliebt ist.

Ich lese schon die 2. Ausgabe in Folge und konnte feststellen, dass die Zeitung des Springer-Verlages immer Themen und Probleme aufgreift, welche in der Gesellschaft gerne diskutiert werden. Die Journalisten sagen, dass sie mit ihren Artikeln nur die Bedürfnisse der Leser befriedigen, und nicht ihrem journalistischen Drang freien Lauf lassen können. Dem zufolge bekommt die Leserschaft viel Klatsch und Tratsch aufgetischt. Daher schmunzelt das deutsche Bildungsbürgertum über die reißerischen Artikel der «Bild». Aber ich bin mir sicher, dass heutzutage nicht ein Politiker die Möglichkeit auslassen wird auf den Seiten der Bild zu erscheinen.

Jetzt kommen wir zum schon traditionellen Highlight – meine Top-Fünf-Artikel der aktuellen «Bild»:

  1. 70-jährige Oma fährt betrunken durch Braunschweig und zieht eine Schneise der Verwüstung: Sie rammte einen Anhänger, fällte einen Baum und zerstörte ihren Wagen komplett. Lediglich Bremsspuren waren nirgends zu entdecken.
  2. Bastian Schweinsteiger macht wieder große Sprünge. Nach einer Operation am rechten Fuß sprang Schweini wieder sechs Meter, seine Fans sind begeistert.
  3. Sylvie van der Vaart und Robin Thicke verließen die Party im Adlon Hand in Hand durch die Hintertür. Im Interview gab er an, nur zwei Stunden Schlaf gefunden zu haben.
  4. Im Zoo von Cottbus wurde ein schielendes Chamäleon geboren. Anzumerken ist allerdings, dass alle Chamäleons die Augen unabhängig voneinander bewegen und somit immer schielen.
  5. Ein Beamter in Berlin beantragte Sonderurlaub für einen Yoga-Kurs. Dem Feuerwehrmann wurde sein Wunsch abgelehnt.

Die «Bild» schreibt mit einfachen Worten über Themen, welche andere Massenmedien nicht anfassen und bleibt stets ihrem Format treu. Das scheint einfach, meist aber nur auf der ersten Blick. Nur am Rande möchte ich erwähnen, dass eine Zeitung in erste Linie gut verkaufen muss. Die «Bild» ist ein Verkaufsschlager.

Ilia Nasyrov,
August 2013

TANTE-EMMA-LADEN

Heute habe ich in den Nachrichten gehört, dass in meiner derzeitigen Heimat (ja, in Halle) ein neuer Tante-Emma-Laden eröffnet wird. Ich dachte, dass ich nach mehr als einem halben Jahr in Deutschland alle komischen umgangssprachlichen Wörter kenne. Aber was ist ein Tante-Emma-Laden? Ich habe gerätselt, was für eine Art von Geschäft dies sein könnte? 

Die Üblichen kenne ich: Edeka, Aldi, Kaufland, NP und sogar Lidl, aber Tante-Emma-Laden war mir unbekannt. Oder ist es etwa gar kein Lebensmittelhandel, sondern etwas vielleicht ganz anderes? Meine Gedanken driften in ganz andere Gefilde ab, ich hoffe doch sehr, dass sich Tante Emma nicht selber verkauft. Dies ist doch in Deutschland legal. 

Nach einigen Recherchen in Internet fand ich heraus, dass es sich um ein kleines Geschäft handelt, wo man praktisch alles kaufen kann. Man kann Butter, Milch und Kartoffeln, aber eben auch Toilettenpapier und Zahnpasta kaufen. Meist wird der Laden von nur ein oder zwei Verkäuferinnen betrieben, so dass die Kunden diese  gut kennen und man immer ein Gesprächsthema findet. Also ein Paradies gerade für ältere Damen. Schön und gut, solche Läden kenne ich aus meiner Heimat von jeder Straßenecke, aus jedem Dorf.

Ebenso verstand ich bisher nicht, warum der Laden Tante-Emma-Laden heißt. Ich fragte in meiner WG herum. Diese Läden nennen sich Tante-Emma-Läden, weil die Mütter ihre Kinder dorthin schickten, um schnell vergessene Sachen zu kaufen. Wie immer, wenn ein Ei für den Kuchen fehlt oder das Toilettenpapier unerwartet ausging. Da schickte die Mutter ihre Kinder los mit dem Satz «Geh mal zur Tante Emma eine Flasche Bier für den Vater holen». Dabei spielte es gar keine Rolle, ob die Verkäuferin wirklich Emma hieß oder nicht.

Was ich an der ganzen Sache bemerkenswert finde: bisher konnte ich immer nur lesen, dass wieder ein neuer noch größerer Supermarkt eröffnet hat, und nun kehren wohl wieder diese kleinen persönlichen Geschäfte ins Alltagsleben zurück. Ich wäre sehr begeistert, wenn sich diese Tendenz durchsetzen würde. Zwar bin ich noch kein Rentner, will auch nicht mit Verkäuferin über das Wetter reden, habe aber auch kein Lust für ein Stück Butter durch die ganze Stadt fahren zu müssen. 

Warum kam es zu dieser Tendenz? Sind etwa die Boom-Zeiten der großen Supermärkte vorbei oder liegt es an der Überalterung der Deutschen? Also eine richtige Antwort kann ich darauf zur Zeit nicht geben, aber ich hoffe ganz stark, dass man in meiner Heimat diese Tendenz rechtzeitig erkennt und nicht wie hier erst alle Tante-Emma-Laden schließt, bevor man sie später wieder eröffnen muss. 

Zum Beispiel kaufe ich meine Zugfahrkarten auch viel lieber bei der netten Angestellten der Deutschen Bahn persönlich, anstelle des unpersönlichen Fahrkartenautomatens. Aber vielleicht bin auch ich nur ein furchtbar altmodischer Mensch – oder wie man heute eben sagt: ein Hipster.

Ilia Nasyrov,
Juli 2013

DIE 12. LANGE NACHT DER WISSENSCHAFTEN


Schon die ganze letzte Woche sprach mein Mitbewohner sehr oft von der Langen Nacht der Wissenschaften und dass er dafür noch viel vorbereiten müsse. Um ehrlich zu sein, hat mich das nicht wirklich interessiert. Was kann ich dafür, dass mein Mitbewohner Überstunden machen muss. Wahrscheinlich hat er wieder ganze Tage in der Mensa oder mit jungen Studentinnen verbracht... Tja, da muss man dann nachts halt nacharbeiten. So hab ich es mir zumindest vorgestellt. 

Es rückte die ominöse Lange Nacht der Wissenschaften näher und überall sprachen die Studenten schon darüber. Da wurde mir klar, dass entweder alle faulen Wissenschaftler in dieser Nacht ihren Arbeitsrückstand nacharbeiten müssen, oder ich irgendwas falsch verstanden habe. Zweites war des Rätsels Lösung! 

Es handelt sich um eine Art «Nacht der offene Hochschule». Die einzelne Fakultäten der Martin Luther Universität zeigen den interessierten Bürgern ihre Räumlichkeiten, stellen ihre Forschungsprojekte vor und versuchen die Leute einfach von der Wissenschaft zu begeistern. So wurden von 18.00 Uhr bis 1:00 Uhr nachts mehr als 300 verschiedene Veranstaltungen durchgeführt. Das ganze Programm war sehr gut organisiert, man konnte mit kostenlosen Bussen zwischen den einzelnen Fakultäten hin und her fahren. Es gab überall Stände mit Getränken und Verpflegung. Die Bevölkerung nahm das Angebot sehr dankbar an, es war überall voll. Was mich persönlich sehr überrascht hat, war der Anteil weißhaariger Besucher. Des Weiteren war ich ausgesprochen von dem Interesse der Besucher erstaunt, es wurden nicht nur die üblichen Highlights, wie die Anatomische Sammlung der Medizinische Fakultät oder verschiedene Bierbuden dicht umlagert. Nein, selbst Vorträge zur landwirtschaftlichen Nutzung Zentralrusslands oder Vorträge über Platon und Nietzsche waren sehr gut besucht.

Selbst die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften) nahm an dem Abend teil und öffnete ihre sonst der Bevölkerung verschlossenen Pforten. Hier fanden mehrere öffentliche Debatten hochrangiger Teilnehmer statt. Auch gab es eine interaktive Ausstellung zu populärwissenschaftlichen Themen, wo selbst dem Kindesalter längst entrückte Herrschaften ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen konnten.

Aber selbstverständlich wurde auch auf mehreren Bühnen musikalisch und tänzerisch einiges geboten. So gab es allerdings auch einige Veranstaltungen, über welche ich recht schmunzeln musste – wie zum Beispiel Gummistiefelweitwurf oder Kuhwettmelken.

Das war ein toller Abend, großes Lob an die Veranstalter, die Universität und auch an das interessierte Publikum.

Ilia Nasyrov,
Juli 2013

BILD VON DEUTSCHLAND


In öffentlichen Verkehrsmitteln, in einem Café oder auf einer Parkbank: überall kann man Personen antreffen, die die neueste Ausgabe einer Zeitung lesen. Aktuelle Presse zu lesen hat in Deutschland Tradition.

Die größte Tageszeitung in Deutschland und eine der beliebtesten in Europa ist die «Bild». In der Zeitung gibt es viele Bilder und wenig Text. Die Zeitung wird in nahezu allen Läden und Geschäften Deutschlands verkauft und kostet 0,60 € pro Ausgabe. Ein Abonnement für die Zeitung gibt es nicht.

Die allgemeine Stimmung ist immer positiv und man merkt sofort, dass die Journalisten alles sympathisch finden, worüber sie schreiben: Zum 125. Mal darüber, dass Brad Pitt und Angelina Jolie sich vielleicht scheiden lassen wollen oder dass der 49-jährige Til Schweiger auf den Fotos vom Strand zugenommen hat oder Heidi Klum zwei oder drei Mal das gleiche Kleid getragen hat. Und alle wissen doch, dass all diese Berichte auf der Grundlage von ein paar schlechten Fotos von fernen Freunden von Nachbarn im Treppenhaus gemacht werden.

Die Deutschen haben nichts gegen die Boulevardpresse und lesen das gern. Diese Tageszeitung lesen etwa 12 Millionen Menschen täglich - das bedeutet, dass die Zeitung «Bild»  statistisch von jeder siebten Person in Deutschland gelesen wird.

Heute kaufte ich die neueste Ausgabe der Zeitung «Bild». Auf den ersten Blick kann ich Ihnen sagen, dass es, erstens, immer ein Thema des Tages gibt, welches von schweren politischen Themen bis hin zum neusten Klatsch sein kann. Zweitens ist die Sprache sehr einfach, so dass auch ich es gut verstehen kann. 

Weiter würde ich Ihnen gern meine Top-Fünf-Artikel der Zeitung «Bild» vorstellen:

 

  1. Im Jahr 2012 wurden in deutschen Flughäfen insgesamt 3.014 Taschen geklaut. Das ist 18% mehr als im Vorjahr. Also 8 Gepäckstücke pro Tag. 
  2. Ein 55-jähriger Taxifahrer in Wilster hat einen 10-jährigen Junge festgenommen, der ein Auto geklaut hat. Der gestohlene Ford Mondeo wurde dem Besitzer des Autos zurückgegeben, das Kind den Eltern. 
  3. Israelische Wissenschaftler fanden heraus, dass Musikwerke von Mozart für frühgeborenen Babys gut sind. Sie wachsen besonders gut. Leider sind aber Bachs Werke weniger förderlich. 
  4. Um die Nachbarn zu ärgern, hat ein Geschäftsmann aus  Zuffenhausen auf dem Dach seiner Firma einen amerikanischen Kampfjet aus der Zeit des Vietnamkriegs abgestellt. 17 Meter lang, 6 Meter Spannweite. 
  5. Deutschland schickt zehn Polizisten nach Mali, um den Konflikt in Westafrika zu lösen. 

Und es war nur ein kleiner Teil der Zeitung. Das Land der Ordnung und Regeln hat eben auch ein dramatisches Leben. Dem kann ich nichts mehr hinzufügen, morgen kaufe die nächste Ausgabe. 

Ilia Nasyrov,
Juli 2013

SKURRILES DEUTSCHLAND


Ich finde Deutschland  sehr schön und das Leben hier unwahrscheinlich angenehm. Mir gefällt, dass vieles so geordnet abläuft, so strukturiert. 

Ein paar ganz simple Beispiele: Ich kann heute schauen, auf welchem Gleis der Regional Express Halle - Leipzig am 31. August 2013 kurz nach 12 Uhr ankommen wird. Oder wenn an einem Geschäft geschrieben steht, dass es von 7 bis 19 Uhr geöffnet hat, dann arbeiten die Verkauferinen auch von 7 bis 19 Uhr.

Natürlich sind das Kleinigkeiten, aber in der Summe machen sie das Leben angenehm und berechenbar - vielleicht sogar ein bisschen langweilig. Manchmal versuchen die Deutschen einfache Sachen so exakt und genau zu regeln, dass es nicht nur für mich, als Ausländer, sondern auch für die Einheimischen albern ist.

Ich möchte dazu ein Beispiel bringen: wie bereits berichtet, war ich am Wochenende in Berlin zum Boxen. In der Nähe der Halle (nicht an der Saale) mussten wir das Auto parken, da fing das Problem schon an. Üblicher Weise ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag das Parken kostenlos. Allerdings nicht, wenn eine Veranstaltung dort stattfindet. Dann kostet es offiziell 3€ pro Stunde, und wir mussten dann insgesamt 15€ für unseren Abend bezahlen.

Wir  dachten, dass alle Politessen bereits mit einem Feierabendbier in  irgendeinem Biergarten in Berlin saßen. So wäre es vielleicht in Russland, aber nicht hier. Hier geht die gute deutsche Beamtin auch Samstagnacht pflichtbewusst ihrem Dienst nach und war obendrein auch noch sehr fleißig. Es hatten nicht nur wir einen Strafzettel, sondern alle  ca. 5000 dort parkenden Autos auch.

Als wir nach dem Boxen wieder an das Auto kamen, haben wir uns sehr geärgert. Jetzt kommt aber das Skurille an der ganze Sache. Die Strafe betrug nur 10€. Damit war die Strafe viel billiger als die Parkgebühr. So was versteht kein Deutscher, kein Russe. 

Auf dem Strafzettel steht z.B. das Datum, die Uhrzeit zweier Kontrollen (dass wir unseren Wagen in diesem Zeitraum nicht bewegt haben), der Tatort mit Angabe vor welchem Haus das Auto stand, Kennzeichen, Modell des Autos, Tatvorwurf, Strafe, Aktenzeichen, Zeuge und als Highlight hat sie die Positionen der Ventilkappen vermerkt um zu beweisen,dass wir unseren Wagen in diesen Zeitraum nicht bewegt haben. 

Wenn ich ehrlich sein möchte und einen Parkticket kaufen will, hätte ich zur Kasse gehen und 15€ in Münzen bezahlen müssen. Die Strafe kann ich aber bequem von zu Hause per Internet überweisen.

Ilia Nasyrov,
Juni 2013

MAX-SCHMEHLING-HALLE (NICHT AN DER SAALE)


In den letzten Tagen gab es nur ein Thema: Hochwasser. Hochwasser im Fernsehen, Hochwasser in Radio, Hochwasser in den Zeitungen und sogar auf der Straße.

Ich wollte einfach ein Wochenende nichts vom Hochwasser hören und keine Gummistiefel sehen. So entschloss ich mich nach Berlin zu fahren. Ich wollte ein paar Museen anschauen und am Abend zur Boxweltmeisterschaft gehen. Eigentlich möchte ich euch vom Boxen berichten, erzählen wie  toll es dort war, was für eine grandiose Show geboten wurde.

Ich kam in die Max-Schmehling-Halle (nicht an der Saale), die ersten Vorkämpfe liefen schon. Der nächste Kampf wurde angesagt: Robert Woge gegen Darios Sek. 

Robert Woge, geboren in Bernburg, trainiert in Halle an der Saale. Das habe ich wirklich nicht erwartet. Robert Woge: Halbschwergewicht, Interkontinentaler Meister des IBF, Profiboxer, 11 Kämpfe, 11 Siege, 11 Mal durch KO. Darios Sek: Halbschwergewicht, Profiboxer, 20 Kämpfe, 19 Siege, 7 Mal durch KO. Das klingt nach einem spannenden Kampf. Aber zuerst wurde Robert Woge zum Thema Hochwasser interviewt. Er berichtete davon, dass die Kindergärtnerin seiner Tochter vom Hochwasser betroffen ist, und entschuldigte sich dafür, dass er heute in Berlin sei, nicht in der Heimat helfen würde. Also holte mich das Hochwasser auch in der fernen Hauptstadt Deutschlands ein. Aber lasst mich lieber von dem Boxkampf berichten. 

Es war einfach toll, von Anfang bis Ende. Das begann schon damit, dass unsere Tickets falsch ausgedruckt wurden und wir vom Sicherheitsdienst erstmal wieder vor die Halle gebracht wurden. Dort konnten wir klären, dass es sich doch um echte Karten handelte. Der Sicherheitsdienst brachte uns dann an der ganzen Schlange an den Kontrollen vorbei, wir betraten die Halle wie richtige VIPs - und davon gab es hier eine Menge. Natürlich kenne ich mich bei den deutschen Prominenten nicht aus, aber man merkt es doch den Leuten an. Alle drehen sich nach ihnen um, rufen ihre Namen und fotografieren sie mit ihren Handys. 

Aber noch häufiger als auf Prominente traf man  hier auf komische Randerscheinungen der Gesellschaft, mit welchen man sonst wohl nie zusammen auf einer Veranstaltung ist. Es waren sehr viele ältere Herren, mit ihren sie doch sehr liebenden, sehr jungen und meist extrem leicht bekleideten Damen, oder besser doch Mädchen. Angeblich sollen auch die Klitschko-Brüder vor Ort gewesen sein, aber ich konnte sie leider nicht finden. 

Erst spät in der Nacht begann der Hauptkampf. Das Licht in der Halle ging aus. Spot an auf die erste Flagge, die Britische, zweiter Spot auf die deutsche Flagge. Dann begann extrem laute Rapmusik und der schwarze Boxer aus Großbritannien kam in die Halle. Danach trat der Deutsche Weltmeister Huck unter dem Gegröle der Fans und der Jazzmusik seiner Liveband in die Halle. 

Naja, kurz gesagt, Huck hat den Briten besiegt und alle Fans waren glücklich. Trotz Bierpreisen von 5 Euro pro Plastikbecher Berliner Kindel. 

Liebe Hallenser, ich habe ganz vergessen zu sagen ... Robert Woge hat gewonnen, leider nicht mit KO. 

Ilia Nasyrov,
Juni 2013

HOCHWASSER (2)


Eigentlich müsste ich mich für meinen letzten Artikel entschuldigen. Hätte ich gewusst, dass das Hochwasser mit derartiger Wucht zuschlägt, hätte ich keinen solchen sarkastischen Artikel geschrieben. Wahrscheinlich muss man erst einmal mit eigenen Augen sehen, was das bedeutet, ein Hochwasser in einer so dicht besiedelten Gegend wie Deutschland.

Ich hatte geschrieben, dass es ein deutsches und ein russisches Hochwasser gibt. In der Tat, es gibt ein russisches und ein deutsches Hochwasser. Wie bereits in dem letzten Artikel geschrieben, sind russische Hochwasser, was Pegelstand und Durchflussmenge angeht, genauso wie in Deutschland. Aber man muss berücksichtigen, dass in Deutschland 229 Menschen auf einem Quadratkilometer und in Russland nur 8 Menschen auf einem Quadratkilometer wohnen.

Jetzt zum aktuelle Hochwasserstand: Ich berichte zunächst vom Hochwasser im Sachsen von dem Fluss Mulde. Die Mulde fliest vom Süden kommend in Richtung Elbe. Hierbei fliest die Mulde zwar durch keine Großstadt im russischen Verständnis, aber durch ein doch sehr dicht besiedeltes Gebiet. Mit anderen Worten, alle paar Kilometer durchfliest sie eine Kleinstadt oder ein Dorf.

Die Mulde stieg ungefähr fünf Meter über ihren üblichen Pegelstand hinaus, so wurden am Ort Golzern ein Pegelstand von knapp acht Meter gemessen. In einer Sekunde flossen zwei Millionen Liter Wasser die Mulde entlang. Mit dieser Macht traf die Mulde auf die sächsische Stadt Grimma. Die Stadt Grimma wurde überflutet. Hierzu muss man sagen, dass die Stadt seit dem letzten Hochwasser vor elf Jahren für fünfhundert Millionen Euro restauriert wurde. Die Summe wird wohl wieder für die Restaurierung der Stadt benötigt.

So rollte die Flutwelle weiter in Richtung Eilenburg, welches 2002 ebenfalls von der Mulde zerstört wurde. Hier hielten diesmal die Deiche, die Stadt wurde verschont. 30 Minuten später  ging das Dorf Hainichen in den Flut unter. Etwas später noch das Dorf Gruna. So schlängelte sich die Mulde gen Norden. 

Was ich damit sagen wollte ist, dass ein Hochwasser hier auf Grund der Bevölkerungsdichte extrem hohe Schäden verursacht, da praktisch jede halbe Stunde irgendein neuer Ort betroffen ist.

Und ich muss erwähnen, dass die Mulde hier nur ein Beispiel ist, wir haben zur Zeit hier Hochwasser parallel noch an Elbe, Saale, Unstrut, Donau und unzähligen weiteren Flüssen. Man kann sich weder die Wassermengen noch die Schäden vorstellen, wenn man es nicht selber sieht.

Ilia Nasyrov, 
Juni 2013

Dieser Artikel ist den Freiwilligen gewidmet

Ich mochte die Grunde und Ziele der Freiwilligen hier in Deutschland darstellen, was diesen Menschen bewegt.

Dieser Artikel ist den Freiwilligen gewidmet, und zwar den Gründen für ihren Dienst. Und dem, was sie hier machen. Die Idee dieses Artikels kam mir, als ich mit anderen Freiwilligen in Kontakt traft und mit Menschen sprach, die Ähnliche Projekte verfolgen. Alle diese verschiede Menschen kamen aus verschiedenen Ländern, aus verschiedenen Gründen, zu verschiedene Zeitpunkten und noch dazu verschiedenen Alters. Aber was alle diese Menschen verbindet? Das sind nicht nur die Reiselust oder Interessen am fremden Nationen uтd Kulturen oder persönliche Erfahrungen zu sammeln. Nein, das alles können Sie mir selber sagen. Ich versuche dieses Thema von anderer Seite zu erörtern und will nicht auf die oben bereits aufgezahlten trivialen Grunde eingehen.

Beginnen wir damit, was alle diese Leute überhaupt hier machen. In der Regel, braucht es für den Freiwilligendienst keiner fachliche Kenntnisse. Zuerst kommt einem die Arbeit mit Kindern oder die Hilfe im Altenheim in den Kopf, und das ist auch die häufigsten Beschäftigung. Die Arbeit mit Kindern in Kindergarten oder in der Vorschule ist besonders häufig.  Aber es пшие auch andere Projekte. Einige Freiwillige arbeiten mit Ausländern, wie diese Tätigkeit nennt, kann ich nicht genau sagen, bei jeden anders. Weil Deutschland sich mitten in Europe und der EU befindet, пшие es hier viele Migränen nicht nur aus den Nachbarländer. Deswegen arbeiten viele Freiwilligen mit den Migranten, helfen bei den Dokumenten und Probleme zu lösen, welche Migranten hier zu Lande haben. Üblicherweise arbeiten sie mit Menschen gleicher Herkunft. Es gibt noch so viele verschieden Projekte, leider kann ich nicht alle aufzählen. Ich habe von ein Paar sehr originellen Projekten erfahren, so zum Beispiel: der Arbeit im Garten oder de Unterrichtung der arabischen Sprache. Aber davon soll hier keine Rede sein.

Aber was verbindet all die Leute, welche für eine lange Zeit in ein fremdes Land fahren? Viele von ihnen sogar oder Kenntnis der kulturelle Besonderheiten oder der Sprache des Gastlandes! In allgemein soll der Freiwillige jung sein und ganz wichtig ohne Verantwortung für Kinder und Familie, sowie ohne festen Arbeitsplatz. Die erste Punkt ist nicht so wichtig, ich habe schon viele Freiwillige getroffen, welche schon lange nicht mehr jung sind. Aber der zweite Punk ist wohl ein wesentlicher. Auf die Frage "was hast du dich entscheiden, weg zu fahren" die Antwort ist sehr klar. Was soll man dazu auch neues sagen? Ja – das Land von Innen her kennenzulernen, Ja – die Kultur kennenzulernen, Ja – die Sprache kennenzulernen. Der Wunsch zu reisen hält in meinen Augen eine Woche, zwei Woche oder gar ein Monat an, nicht aber ein ganzes Jahr. Es ist doch schon keine Reise mehr. Alle diese Antworten sind so banal, dass sie alle diese Menschen wiederum verbinden. Ehrlich gesagt, habe ich auch so gedacht, bis ich hierher gekommen bin. Ab und zu treffe ich Leute, die denken, dass ohne ihre Hilfe nichts werden kann, und sie hier sind, nur um zu helfen. Ich würde auch gern glauben, das es so gute Menschen auf der Erde gibt. Wenn du so ein Gutmensch bist, warum hilfst du nicht in deinem Land? Hilfe wird überall benötigt, warum muss man hierher fahren. Vielleicht schaue ich aus zu persönlichen Blickwinkel auf diese Sache, aber mir scheint es, dass alle diese Menschen die wahren Gründe für ihre Reise hinter einer Maske verstecken.

Das interessanteste, dass ich genauso gedacht habe, als ich auf die Fragen geantwortet habe. Die Antwort kam mir später, als ich schon eine Zeit lang hier verbracht habe. Eine lange Aufenthalt in einem Land, wie auch alles andere, kann man es in verschiedene Perioden einteilen. Also, die Erste nennen wir sie touristische Periode, dauerte bei mir persönlich so ca. zwei Monate an. Ich begann zu verstehen, weswegen ich hierher gekommen bin. Und das waren nicht so triviale Grunde, wie Reisefieber, das Interesse einer Kultur kennenzulernen oder eine Sprache zu lernen. Nein, nein, diese Grunde gab es bei mir auch, aber eher sekundär. Der Hauptgrund für mich hierher zu kommen, war eher einer Flucht. Das klingt jetzt vielleicht komisch. Ja wirklich komisch, egal. Und das Interessanteste war, dass viele Freiwilligen zugestimmt haben. Verstehen Sie, alle diese Menschen tragen etwas in sich, wovor sie weggelaufen sind. Verschiede Grunde, aber weggelaufen. Einige nur für eine gewisse Zeit, andere für immer. Jetzt unverständlich. Wenn man nur wüsste wovor? Wovor sie weggelaufen sind? Es gibt doch kein Krieg oder Armut in unseren Ländern. Ja und die Freiwilligen kommen doch teilweise aus wohlhabenden europäischen Ländern, wie Frankreich, Spanien, England oder aus der Tschechischen Republik. Dann habe ich eine andere Frage, wenn du weggelaufen bist, bedeutet dies, dass irgendwas bei dir nicht in Ordnung war? Als ich mir selber die Frage stellte, habe ich erschrocken. Eigentlich ist alles in Ordnung, ich studiere an der Universität, habe Hobbys und Eltern, sowie Bekannte, welche mich lieben. Andere haben Arbeit und Familie. Und vielleicht fahren Einige nicht nur aus Abenteuerlust, sondern auf der Suche nach etwas Neuem. Um das Leben von einer anderen, neuen Seite zu betrachten. Nicht von dieser alten Seite, wie früher. Es muss wohl so sein! Oder ist es vielleicht nur aus dem Gefühl heraus, dass man etwa andern musste.

Aber am Anfang wusste ich das auch nicht. Aber ich erinnere mich, dass ich einfach etwas andern wollte. Und wisst ihr, ich bereue es nicht. Und jetzt scheint mir so, als wenn ich viel verloren hätte,wenn ich diesen Schritt nicht getan hätte. Und mit dieser Meinung bin ich nicht allein, und das ist, was ich in diesem Artikel sagen wollte. Ich widme diesen Artigen den freiwilligen!

Sergey Popov, Übersetzt: Ilia Nasyrov,
June 2013

HOCHWASSER

 

Nun haben wir den Mai hinter uns, in Halle haben wir seit zwei Wochen Badesaison in den Freibädern. Allerdings hatten wir bisher nur Regen und Herbstwetter. Es soll der kälteste und feuchteste Mai seit vierzig Jahren und nebenbei ist es auch meines ganzen Lebens sein. Und ich möchte ganz am Rande darauf hinweisen, dass ich fast in Sibirien aufgewachsen bin.

Mir scheint es so, als würde es seit sechs Wochen unentwegt regnen. Aber es scheint wohl nicht nur mir so, sondern dies bestätigt auch ein Blick auf die heimische Saale. Die Saale ist über ihre Ufer getreten und hat die von mir geliebte Peißnitz überflutet. Aber was ich nicht erwartet habe: ein deutsches Hochwasser unterscheidet sich von einem russischen Hochwasser.

Beide Male handelt es sich um Wasser, um viel zu viel Wasser. Beide Male tritt es über die Ufer der Flüsse und gefährdet Dörfer und Felder. Aber das russische Hochwasser kommt, überflutet, was es überfluten möchte und verschwindet wieder. Dies ärgert einzelne Bauern, vor allem aber die Angler. Wäre mein Vater kein Angler gewesen, hatte ich von vielen Hochwassern wohl nie etwas mitbekommen. 

Aber hier in Deutschland ist das Hochwasser ein Medienereignis, ein präzise geplantes. Über das Hochwasser wird in der letzte Zeit häufiger berichtet als über Angela Merkel. 

Ein jedes Bundesland hat eine Verwaltung speziell für Hochwasser, hier in Sachsen-Anhalt nennt sie sich «Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Hochwasservorhersagezentrale». Darüber müssen wir wohl mal reden.

Was heißt hier Landesbetrieb? Ich hab gelernt, dass ein Betrieb eine Fabrik oder Produktionstätte ist, die etwas herstellt. Was wird hier hergestellt, Hochwasser? Oder lustige bunte Diagramme mit minutengenauen Wasserstandsangaben? Aber beides hilft doch nicht gegen Wasser, oder? 

Was heißt hier Hochwasserschutz? Wie schützt uns denn diese Verwaltung vor Hochwasser? Trink sie es aus? Oder füllt sie es in Discounter-Mineralwasserflaschen ab? 

Wasserwirtschaft, was ist das nun wieder? Ich kenne nur eine Sauwirtschaft, aber es gibt ja auch Wasserschweine.

Hochwasservorhersagezentrale – da fehlen mir komplett die Worte.

Also, in Deutschland ist man bestens informiert, wann, wie und wie viel Wasser kommt. Aber wem hilft dies? Baut man sich schnell einen Berg unter das Haus? Oder setzt man die Häuser flink um? Was machen denn die Deutschen nur mit diesen Informationen?

Auch wenn das Hochwasser nicht so spektakulär werden sollte, wie der besagte Landesbetrieb es bewirbt, die hinter dem Hochwasser stehenden Organisationen sind es auf jeden Fall.

Ilia Nasyrov,
Mai 2013

ALLES NUR GEKLAUT?


Das Stadtwappen von Halle  Ist so einmalig schön. Es zeigt keinen stolzen Adler, keinen mutigen Löwen, kein scharfes Schwert, welches die Stadt vor Banditen schützt, keine Krone, keine Statussymbole. Es ist einfach nur rot vor weißem Untergrund: ein Halbmond ein großer und ein kleiner Stern. 

Aber die Geschichten zu dem Wappen sind sehr interessant. Hört mal zu: 

König Karl der Große durchreiste sein Reich und traf am schönen Ufer der Saale auf dort arbeitende Halloren. Die Halloren kochten Salz aus einer dortigen Salzquelle. Der König hatte noch nie so schwer arbeitende Menschen gesehen und fragte ganz begeistert, was er für die Leute tun könne. Die Salzkocher antworteten: «Erlaube uns hier eine Stadt zu errichten!» Der König amüsierte sich und fragte, ob die Halloren soviel Geld hätten – eine Stadt sei doch sehr teuer. Die Salzkocher antworteten überzeugt, dass sie heute Salz und Wasser, morgen aber bereits Gold und Silber hätten. «Wir haben unsere Salzquelle, mehr brauchen wir nicht!»

Der König war von den Leuten beeindruckt und stimmt der Stadtgründung zu und sprach – «Seid mit Gott – Halbmond und Sterne sollen Euch den Weg weisen!»

So kam es, dass Halle zu Mond und Sternen im Wappen kam. 

Falls Euch diese Legende komisch vorkommt, ich hätte da noch eien andere Erklärung auf Lager, diesmal etwas wissenschaftlicher angehaucht. Es handelt sich bei den Sternen nicht um die Himmelskörper, sondern um Salzkristalle. Wen überrascht es da, dass der Mond auch kein Mond ist, sondern  eine Salzsiedepfanne darstellen soll. 

Seit ungefähr 20 Jahren gibt es aber noch eine Deutung. Nach der Wende kamen kluge Beamte aus den alten Bundesländern und in deren Schlepptau noch eine Menge Geschäftemacher. Diese sahen das Wappen von Halle und verkündeten überall, dass die Hallenser Diebe seien – den Sowjetstern haben sie von Lenin und den Halbmond von Atatürk geklaut. Na endlich haben wir die Wahrheit erfahren – vielen Dank! 

Ilia Nasyrov,
April 2013

SCHNEE IN DEUTSCHLAND – EIN TOLLES ERLEBNIS!


Ein Freund aus der Heimat schrieb mir vor ein paar Tagen eine Nachricht: „Ich habe auf Arbeit einen Spaten geklaut – ich werde mal mein Auto wieder ausgraben, ich habe es satt zu Fuß zu gehen…“ und etwas später schrieb dieser Freund noch: „Falls ich überhaupt das Haus verlassen kann – es gab diesen Winter so viel Schnee, dass man die Eingangstür schon nicht mehr aufmachen kann.“ Wir lachten darüber und haben die Sache vergessen – in meiner Heimat am weißen Fluss haben wir fünf Monate lang immer solches Wetter und niemand wundert sich.

Vor einer Woche hatten wir in Halle bis zu 15 Grad und strahlenden Sonnenschein. Alle haben sich schon auf den Frühlingsanfang gefreut - dann kam aber eine für die Deutschen beziehungsweise Europäer eine ihnen unbekannte Katastrophe. Es hat geschneit. 

Liebe Leser, ich übertreibe nicht, selbst im trockenen Halle fielen noch mal 20 cm Schnee und das furchtbarste – er blieb liegen. 

Meine Landsmänner werden nicht verstehen, was genau die Katastrophe  ist oder wo das Problem liegt. Ich habe mich auch erst über den Schnee gefreut, weil alles so schön aussieht und ja, ich mich irgendwie ein kleines bisschen wie in Russland fühlte. 

Ich hatte aber den abenteuerlichen Plan nach Leipzig zur Buchmesse zu fahren. Erst am Bahnhof wurde mir bewusst, dass man es hier nicht mit 20 cm Neuschnee zu tun hatte, sondern mit einer Naturkatastrophe größeren Ausmaßes. Es wurde angezeigt, dass die Züge Verspätungen hatten, teilweise gigantische Verspätungen. Vielleicht sind sie ja des Wetters wegen über Italien von Magdeburg nach Halle gefahren. Kurzum – ich bin lieber wieder umgekehrt und nicht nach Leipzig gefahren. Ich hatte doch die Befürchtung, dass ich vielleicht am Abend überhaupt nicht mehr nach Halle zurück fahren kann, falls nochmal 3 cm Schnee fallen sollten. 

Zuhause schaute ich die Nachrichten – der Flughafen Frankfurt war gesperrt, mehrere hundert Flüge konnten nicht stattfinden, die Reisenden schliefen auf Armeebetten im Terminal. Massenkarambolage auf der Autobahn - mehr als 100 Fahrzeuge wurden in einem Unfall zerstört. 

So saß ich dann bei Tee zuhause und dachte über all dies nach. 

Warum bricht hier alles zusammen, wenn es schneit? Warum funktioniert in Russland aber auch bei Schnee alles wie immer? Oder herrscht bei uns in Russland einfach immer so ein Chaos wie in Deutschland, wenn Schnee fällt? Ich muss darüber nachdenken, aber was soll ich auch sonst tun – es liegt ja Schnee.

In den letzten Tagen habe ich mich in Deutschland allerdings auch besonders wohl gefühlt, wie zuhause: viel Schnee, so dass man eigentlich gar nicht auf die Straße will, die Eingangstür ist auch zugehweht - schade, dass es bei mir im Büro keinen Spaten gibt.

Ilia Nasyrov,
Marz 2013

RUSSEN – DIE LETZTE KAVALIERE?


Liebe Deutsche, ich kann ja verstehen, dass eure Frauen es nicht verstehen sich zu schminken wie Russinnen, dass eure Frauen Euch nicht lecker bekochen, dass sie Euch nicht umsorgen, wie es eine traditionell erzogene russische Frau vielleicht machen würde. Aber lasst uns doch mal nachdenken, warum dasso ist. Die Frauen sind doch eigentlich gleich, vorallem morgens, vorallem ungeschminkt und sie können sogar kochen, wenn sie nur wollen – und ich spreche hier aus Erfahrung, meine Herren!

Mangelt es vielleicht nur an der Motivation? 

Wenn man  einer Frau in Russland Blumen schenkt, ist das ein Zeichen hoher Verehrung. Vielleicht liegt es daran, dass Blumen in Russland um ein Vielfaches teurer sind als hierzulande und dabei nicht annähernd von solcher Qualität wie in Deutschland. 

Gern und oft führt man die Dame seiner Wahl auch in Restaurants und Cafés aus. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, man führt sie nicht in irgendeine Spelunke, wo man Kaffee und Kuchen als Sonderangebot für 1,99 € bekommt – es muss teuer sein. Ich glaube, man kann in Russland ein Café sehr erfolgreich führen, wenn man einfach die Preise verdoppelt. Aber die Damen wissen das Engament zu schätzen und honorieren es mit obengenannten Vorzügen . 

So macht  ein jeder Russe seiner Hochverehrten immer mal wieder einen kleinen Feiertag. 

Aber damit nicht genug – man hat  von staatlicher Seite, also gesetzlich verankert, den 08. März zum Feiertag berufen. Niemand soll arbeiten – ein jeder soll die Frauen verehren. Verehrt werden sollen aber nicht nur die eigenen Frauen, sondern auch die Kolleginnen auf Arbeit, die Verkäuferinnen, Lehrerinnen und eben alle, mit denen man so zu tun hat.

Daher habe auch ich meiner hochgeschätzten Korrekturleserin, die auch meine Chefin ist, gestern bereits zum Frauentag gratuliert. Hätte ich sie heute persönlich gesehen, hätte ich ihr selbstredend frische Blumen geschenkt.  

Meine lieben deutschen Leser, leider erachtet es eure Regierung nicht als Notwendigkeit den Frauen per Gesetzbeschluss und Feiertag zu huldigen - aber Sie, meine Herren, Sie sollten es nicht verpassen den Tag so zu begehen, als wäre es ein gesetzlicher Feiertag und sich die Zeit für Ihre Frau nehmen, so wie es ihr gebührt. 

Vielleicht kann ich Ihnen noch ein Geheimnis verraten – wenn wir unsere Frauen irgendwann nicht mehr so verehren würden, dann würden sie wahrscheinlich über kurz oder lang auch überdenken, ob sie noch die Geschöpfe sein wollen, auf welche wir doch so stolz sind.

Ein Hoch auf die Damen, ein Hoch auf den so wichtigen 8. März!

Ilia Nasyrov,
Marz 2013

«Mitfahrgelegenheit» ist eine nützliche Wortneuschöpfung

Die nächste Information ist nützlich für alle, die Geld sparen und durch Deutschland und Nachbarländer reisen wollen. Man sollte sich merken, dass man Europa doch günstig bereisen kann.

Natürlich können Sie mich fragen, wofür man dieses Wort kennen muss? Und was bedeutet das Wort? Halt, ich erzähle alles der Reihe nach. Meiner Meinung nach sollte jeder, der schnell und kostengünstig durch ganz Deutschland und die Nachbarländer reisen möchte, dieses lange deutsche Wort kennen. Einige werden schon verstehen, was ich meine, Andere kennen diese Möglichkeit vielleicht noch nicht.

Aus meinen eigenen Erfahrungen heraus kann ich sagen, dass es sich nicht um ein magisches Portal handelt, bei dem man seine Wunschstadt oder den Ort, in den man reisen möchte, nennt, aber auch kein Zauberpulver oder Zauberwort, mit welchem man wie in den Märchen von Harry Potter durch den Kamin in eine andere Stadt reisen kann. Nein. Es ist keine Zauberei.

Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich in meinem ersten Artikel eine Website, auf der man Informationen über Fahrten finden kann, erwähnt habe. Tatsächlich haben meine Freunde da einen Fahrer gefunden, der uns von Berlin nach Leipzig gebracht hat. Es handelt sich um die Website namens "Mitfahrgelegenheit.de" - ein bisschen zu lang und kompliziert zu lesen.

Wenn man dieses Wort bei Google eingibt, dann bekommt man noch andere ähnliche Webseiten, zum Beispiel: mitfahrzentrale.de; verkehrsmittelvergleich.de; stmoritz.ch. Ich würde Ihnen gern etwas über die populärste dieser Seiten berichten.

In der Tat, die Website funktioniert folgendermaßen: Man kommt auf diese Seite (keine Anmeldung erforderlich); man wählt ein Land ; dann geben Sie den Abfahrtsort und den Zielort ein. Der Computer gibt sofort eine Menge Möglichkeiten an.

Es ist wichtig, dass man Unternehmen von Privatpersonen unterscheidet. Das ist aber nicht so schwierig. Alle Anzeigen von Unternehmen sind mit einem typischen Kennzeichen markiert (z.B. "DB"). Private Personen sind mit einem anderen Symbol markiert. Wenn man das Symbol anklickt, bekommt man weitere Information über den Fahrer: ob Mann oder Frau, Raucher oder Nichtraucher und die Anzahl der freien Sitze im Auto. Die Routenplanung wird auf der Karte angezeigt, auch Kontaktinformationen, Telefonnummer und E- Mail-Adresse. Jetzt muss man nur anrufen und verhandeln, aber zuerst muss man Deutsch lernen.

Übrigens ist es unhöflich unbekannte Leute nach 20:00 Uhr anzurufen, denn höchstwahrscheinlich sind viele gerade damit beschäftigt Nachrichten im Fernsehen anzuschauen, die um diese Zeit beginnen. Man vermutet, dass die Leute von der Arbeit nach Hause kommen, Nachrichten schauen und sich ausruhen. In diesem Fall kann man auch eine SMS schicken, man wird auf jeden Fall eine Antwort erhalten.

Die Preise bei solchen Fahrern sind grundsätzlich niedrig, ungefähr 6-7 € für 100 km pro Person. Das ist toll. Wahrscheinlich möchten die Fahrer das Geld für Benzin bekommen. Außerdem ist Zusammenfahren nicht so langweilig.

Wichtig ist, rechtzeitig anzurufen und einenTreffpunkt zu vereinbaren. Meist sagt einem der Fahrer dann, wo es ihm am bequemsten wäre. Auch braucht man sich keine Sorgen zu machen, wenn im Wagen noch drei Plätze frei sind, man aber alleine am Treffpunkt steht - man muss die freien Plätze nicht bezahlen - man bezahlt wirklich nur das, was vorher abgemacht wurde. Man bezahlt direkt beim Fahrer am Ende der Reise, ach ja, es ist unüblich mit dem Fahrer über den Preis zu verhandeln.

Was ich noch aus meiner Erfahrung berichten kann, dass man vor der Art des Reisens keine Angst haben braucht. Diese wird in Deutschland täglich von vielen Menschen genutzt, ist recht beliebt und schon seit einer Weile etabliert. Also, wenn es die Bevölkerung hier so eifrig nutzt, sollten auch wir es nutzen und keine Angst davor haben.

Sergej Popov, Übersetzt: Ilia Nasyrov,
Februar 2013

 

UNSERE KLISCHEES UND VORURTEILE

«Die Deutschen sind in allem zu genau» – so behauptet «der Russe mit seinem Bären»,  während «der Grieche, der zum Arbeiten zu faul ist» klagt, dass «an der heutigen Finanzkrise nur die Juden Schuld haben». 

Dieser Artikel ist unseren Klischees und Vorurteilen gewidmet. 

Die meisten Klischees begründen sich auf realen Charakterzügen eines Volkes, aber das wichtigste Goldkörnchen versiebt häufig unter der Masse der Diskriminierung und den Vorurteilen. Zweifellos hat jedes Volk seine eigene (kulturelle, historische und religiöse) Tradition. Aber die Zeit der Schwarz-Weiß-Filme ist abgelaufen, heute sind die Klischees über die Deutschen leider nicht mehr «up to date». Alle möglichen Ausführungen über zum Beispiel «immer pünktliche Landsmänner» sind noch unbegründeter als Horoskope aus billigen Zeitungen. 

Angela Merkel ist zurückhaltender und geschäftstüchtiger als Silvio Berlusconi, aber das ist kein Grund zu sagen, dass "alle Deutschen preziös und humorlos" sind. 

Wissen Sie, dass «deutsche Pünktlichkeit» heute nur im Fahrplan von Bussen und Zügen existiert – na ja, man bekommt ja auch die unerwünschte Werbung jeden Morgen pünktlich in den Briefkasten eingeworfen. Vielleicht war das aber auch schon alles. Der Flughafen Berlin Brandenburg verspätet sich zum Beispiel schon um zwei Jahre. Und das ist auf Bundesebene. 

Es gab und gibt auch keine Sammelbegriffe für «typisch deutsches Aussehen». Geheimtipp: gemäß der Anhebung der Landschaft des Landes von der Ostsee zu den Alpen verändert sich auch das Erscheinungsbild der lokalen Bevölkerung und das nicht weniger als die Mundart der deutschen Sprache. Aber noch ein bisschen mehr – und ein durchschnittlicher Bürger in Deutschland wäre ein Mulatte mit griechischer Nase, türkischem Schnurrbart und arabischen Augen. Spaß!

Ja, und hier ist ein weiteres bekanntes Klischee: «Deutsch ist ausfällig und nur zum Fluchen geeignet» – in der Tat, solch ein Gefühl haben nur die Leute, die kein Deutsch sprechen. Ehrlich gesagt, ich höre in letzter Zeit eine Menge ähnlicher Kommentare über die russische Sprache. Ob Sie es glauben oder nicht, aber die meisten Ausländer sagen, dass meine Muttersprache sehr brutal klingt. Und die Deutschen fluchen tatsächlich nicht – die Deutschen rufen einfach einen Rechtsanwalt oder einen Versicherungsvertreter an. 

Ich will nicht Ihre jahrhundertealten Klischees erschüttern, aber das heutige Deutschland ist eine multikulturelle Gesellschaft aller Völker, Bräuche und Religionen. Und in genereller Hinsicht, wir leben in einer Welt der vielfältigen Erscheinungen und Menschen. Die Weltbevölkerung beträgt derzeit 7,121,836,032 Menschen. Ich schlage vor, dass sich jeder von uns selber und dann mal seine Nachbarn betrachtet. 

Wir sind unterschiedlich und wir bleiben zusammen. 

Ilia Nasyrov
Februar 2013

Flug Moskau-Berlin oder Comeback nach Deutschland

Berlin ist das erste Treffen mit Deutschland; Berlin ist der Beginn von etwas völlig Neuem.

Bevor ich nach Deutschland kam, dachte ich schon lange darüber nach, was eigentlich mein erster Eindruck in Deutschland sein wird. Schon die ersten paar Minuten in einem neuen Land hinterlassen bei mir einen lebendigen Eindruck, der lange in meiner Erinnerung bleibt. Ich würde sogar sagen, dass das für mich auf irgendeiner Rezeptionsebene passiert. Und meine ersten paar Minuten in Berlin waren genauso farbenfroh, wie mein erster Besuch in Deutschland. Vielleicht aber noch besser, weil ich eine lange Zeit auf diesen Moment gewartet habe.

Wenn ich in einer Stadt eine Weile bleiben muss, fange ich an zu dieser Stadt eine persönliche Beziehungen aufzubauen. Ich stelle mir immer vor, dass diese Stadt eine Person oder sogar ein Wesen ist, welches einen eigenen Charakter, eigenes Verhalten und auch eine eigene Stimmung hat. Ich versuche immer genau zu bestimmen, ob eine Stadt männlich oder weiblich ist. Jede lebendige Person, die sich bewegt, denkt und atmet, hat ein bestimmtes Geschlecht. Und ich definiere es natürlich mit den Namen der Stadt. Zum Beispiel, Ufa ist für mich weiblich und Novgorod ist offensichtlich männlich. Deshalb wäre Berlin für mich männlich! Und wenn jemand anders denkt, möchte ich mich für diese Schwäche entschuldigen.

Also, Berlin hat mich mit Regen und Schnee begrüßt. Aber das bedeutet nicht, dass Berlin nicht gastfreundlich war. Es war umgekehrt: ein herzliches Willkommen mit dem Namen Katha und Max hat auf mich gewartet. Weil ich weiterfahren musste, war Berlin doch traurig und traf mich mit seinem schlechten Wetter. An der nächsten Haltestelle nahmen wir einen Zug. Im Fenster rauschten Häuser, verfallene Fabriken und Betonwände mit Grafitis vorbei. Die Luft, Himmel, Bäume - das alles sollte ich doch kennen. Aber ich hatte doch das Gefühl, als ob ich auf einem anderem Planet wäre - der Planet, der den Namen Deutschland trägt. Es hat endlos in dichten Flocken geschneit. Naja, ich glaube, Sie kennen doch dieses Gefühl, wenn man gerade angekommen ist. Der Zug fegte durch Berlin zur letzten Haltestelle, wo wir ins Auto umsteigen mussten und damit unsere Reise fortsetzten. Das Treffen mit Halle stand noch bevor.

An unserer Umstiegstation kamen wir zu früh an und wir mussten auf unser Auto in einem Fußgängertunnel warten. Es dauerte über eine Stunde und währenddessen habe ich mir Passanten angesehen. Ich betrachtete genau ihre Kleidung, Gesichter und die allgemeine Eile. Dabei aß ich einen Döner und einige Stückchen aus meinem Döner fielen auf den nassen und dreckigen Asphalt der Unterführung. Ich bin sicherlich kein Fan von Fast Food, aber ich denke, dass in Russland dieses Fast Food nicht so populär ist oder ich habe es bisher nicht gesehen. Döner ist wie "Schaurma" in Russland, man verkauft ihn an jeder Ecke. Ich habe gedacht, dass ein Bekannter oder Freund von Katha und Max uns nach Halle bringen würde. Ich war sehr überrascht, dass unser Fahrer ein fremdes Mädchen war. Sie willigte ein, uns nach Halle mitzunehmen, obwohl sie keinen meiner Freunde kannte. Es stellte sich heraus, dass meine Freunde die Anzeige des Mädchens zufällig im Internet gefunden hatten. Dieser Website werde ich wohl einen eigenen Artikel widmen. Ich sage nur, dass ich mir sowas nicht hätte vorstellen können. Das ist doch eine gute Möglichkeit durch Deutschland relativ billig und schnell zu reisen. Auf dem Weg fragte die Fahrerin meiner Freunde, was sie tun und sie haben sich auf Deutsch unterhalten. Wir fuhren durch typisch-europäische Winterlandschaft und es schneeregnete die ganze Zeit. Die Straßen waren ungewöhnlich glatt, aber trotzdem fuhr das Auto erschütterungsfrei. Als ich eingeschlafen war, hörte ich im Unterbewusstsein leise das deutsche Radio.

Sergey Popov, Übersetzt: Ilia Nasyrov,
Januar 2013

Das Kindermusical oder: Hochzeit, China, Bizet und alle- alle-alle!

Am 9. Mai fand im Konzertsaal Steintor Varieté das 31. Internationale Kinderchorfestival statt. Die neun Chorgruppen aus Deutschland (Halle und Magdeburg), Dänemark, Schweden, Ungarn, Frankreich, Georgien, der Ukraine und China nahmen die Zuschauer ins zauberhafte musikalische Kindermärchen mit dem Titel «Geschichte eines Schlosses» für fast zwei Stunden mit.

Zuerst traten die jungen Zöglinge der halleschen Gesangsschule auf. Sie haben das Festival mit dem Begrüßungslied eröffnet. Hinterher gingen die kleinsten Teilnehmer des Festivals zur Bühne — die Gäste aus der chinesischen Partnerstadt Jiaxing. Abwechselnd sang jede Chorgruppe drei Lieder. Dabei hielten sich die Hallenser an den klassischen Aufführungsstil und die Chinesen fügten ihrer Darbietung ein paar emotionale Bewegungen hinzu. Diesem Vorbild des chinesischen Ensembles folgten später Dänen, Ukrainer und Schweden.

Ein schöner, fast kirchlich-engelhafter Gesang der ersten Gruppe wurde dadurch getrübt, dass es einem der Mädchen in der zweiten Reihe schlecht wurde. Vor Aufregung war sie einer Ohnmacht nah, aber der Leiter des Chores übergab sie rechtzeitig ihren Organisatoren.

Unsere Nordnachbarn eroberten das Publikum nur mit weiblichen Stimmen. Kleine Umgruppierungen auf der Bühne, Lichtinstallationen und Rauscheffekte führten dazu, dass sie sich wesentlich von dem allgemeinen Hintergrund abhoben und dem Zuschauer einprägten. Auch die Jury hat das Talent der Mädchen aus Kopenhagen hoch anerkannt.

Die Franzosen boten die klassischen Werke von Chopin und Bizet dar und das Klavierspiel ihres Leiters wurde zu einem der unverzichtbaren Bestandteile der Vorstellung. Die Ukrainer entspannten die allgemeine pathoshafte Atmosphäre mit rosa Kostümen und scherzhaften Liedern. Während die Schweden die Bühne in ihren Nationaltrachten betraten, hatten die Choristen aus Magdeburg Jeans und T-Shirts an, damit betonte sie die Stilbesonderheiten ihres Schaffens.

Es kam nicht ohne Improvisation aus: die Organisatoren des Festivals baten um Aufmerksamkeit und führten ein Lied auf, das sie kaum gelernt hatten —sie lasen den Text ab. Aber im Prinzip schwächte das den Eindruck von der Melodie und den professionellen-schönen Stimmen nicht ab. Zum Höhepunkt der Veranstaltung wurde die Aufführung der georgischen Künstler. Mit der Begleitung der Nationalinstrumente sangen und tanzten sie ganze 15 Minuten - Hochzeitstanz, Akrobatenstücke der kleinen Bergbewohner in Kosakenmützen und ein faszinierendes Hirtenflötenspiel... Es schien als bliebe die Zeit stehen, verzaubert von der Sanftheit, Zierlichkeit und dem Wohlklang ihrer begeisterten Darbietung!

Die Jury hat sich lange beraten und schließlich niemandem Unrecht getan. Zu den Besten Chorgruppen wurden die schwedischen Musiker, zu den besten Leitern - die Dirigenten der Kinderchöre aus China und Dänemark anerkannt. Die Ehrenurkunden in der Kategorie «Entdeckung des Festivals» bekamen die Gruppen aus Frankreich und der Ukraine und die Einheimischen, weil sie zum wiederholten Male bewiesen hatten, dass das Deutsche eine sehr sangbare Sprache ist! Was den Publikumspreis anbetrifft, so ging er nach Tiflis.

Als der Vorhang auf der Bühne des Steintor Varieté wieder fiel, war das Märchen zu Ende. Und das war ein Happy-End! Es waren leider keine russischen Teilnehmer dabei: am 9. Mai hätten sie mit "Katjuscha" bestimmt für Furore gesorgt... Obwohl: das ist schon wieder ein ganz anderes Märchen!

Julia BaydzhanovaMai 2010

10 Tage, die die Welt aus den Angeln gehoben haben…

Aus dienstlicher Freiwilligenverpflichtung fuhren wir zum Seminar nach Köln. 10 Tage lang war die Jugendakademie in einem schönen Städtchen Walberberg unser Haus und Büro.

Und diese Zeit reichte für 20 junge Leute, im Alter von 18 bis 28, um die innigsten Freunde, fast Geschwister zu werden. Russland, Polen, Rumänien, Ungarn, Luxemburg, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Türkei… Die Karte, die unsere Kuratoren für die Übersichtlichkeit vorbereitet hatten, sah aus wie ein Gewebe. Menschen und Städte wurden zusammengeflochten von bunten Fäden und fest darin eingeknotet lagen unsere Schicksale. So fest, dass beim Abschied selbst den Männern die Tränen in die Augen stiegen. Und ich begann die jungen Leute aus der Show „Big Brother“ zu verstehen– um sich mit einem Menschen zu befreunden muss man keine Heldentaten verüben, sondern einfach etwas zusammen machen.

Все это время мы то и дело чем-то занимались. Жонглировали, рисовали, играли, пели, снимали свой фильм. Но в основном разговаривали. Целью семинара было научить нас, людей из разных стран, говорящих на разных языках, находить общий и понимать друг друга, приходить к консенсусам или, по крайней мере, компромиссам. Так, в один из первых дней кураторы Филипп и Томми дали нам задание восстановить с закрытыми глазами обстановку в соседней комнате. Ведь не зря мы там 2 дня сидели. В итоге, мы 30 минут обсуждали план действий, и всего лишь 5 минут расставляли по местам столы и стулья. Потом даже шутка родилась: наша Академия как ЕС: французы много говорят, немцы все организуют, турки ничего не понимают, а русские импровизируют.

В другой раз нам рассказали историю о бедной девушке Абигель, которая из-за сильного шторма не могла попасть к любимому — реку, разделяющую их деревни, размыло, лодки сломались. Был только один парусник, капитан которого за переправу на другой берег потребовал от красавицы ночь любви. Мать Абигель не смогла помочь дочери ни советом, ни делом. В итоге, девушка согласилась и за оговоренную плату попала к своему возлюбленному Тому. Но тот, когда узнал о цене их счастья, выгнал девушку из дому. Друг Тома, услышав о поступке своего товарища, поссорился с ним и женился на Абигель. Кто же поступил лучше всех, а кто хуже? Нам предложили расположить всех героев истории в столбик: сверху - лучшие, снизу — худшие. В процессе обсуждения мы выдвигали разные версии, то мама признавалась лучшей за свой нейтралитет, то Абигель — за самопожертвование, то друг — за доброту. В какой-то момент парни не выдержали: может Том спас бы ситуацию, если бы пошел и сам переспал с капитаном: типа один раз не… Не считается, в общем. На оценку заведомо неоднозначного поведения героев мы потратили целый день. И все потом знали, что значит «болит язык».

 

Еще мы очень хотели устроить барбекю на природе. Но посиделки то и дело откладывались. На аргументы Филиппа, мол, холодно, мы мало реагировали. И выдав: «Какая разница, сегодня или завтра? Февраль. Погода особо не изменится!», - уговорили-таки наших кураторов на костерок. Вокруг огня мы играли в жмурки и глухой телефон. Фраза польского мальчика Кароля «В Ганновере все проститутки с толстыми ногами», сделав круг, дошла до него уже в виде «мощные бедра». А мои «дрова» превратились в «еду». Костер так и не разгорелся, поэтому мы пошли играть в прятки, и так веселились, что охрипли от смеха.

Два дня семинарской программы было отведено под экскурсии. Первая — в Кельн. Там нас повели в Музей Гестапо, который расположился в бывшей штаб-квартире нацистов, всего в квартале от главной достопримечательности старинного города. Исторические документы, камеры пленных и пыточная произвели на нашу группу такое впечатление, что многие выходили из музея уже не такие веселые, а порой даже зеленые от ужаса. Чтобы понять смысл одного дня жизни, достаточным оказалось посмотреть на выцарапанные ложкой в стене надписи. Поляки, русские и евреи сидели здесь только потому, что имели политически неправильные разрезы глаз и профессии... Немцы сегодня охотно ходят в этот музей: чтобы помнить о своих ошибках и никогда больше не брать на себя право решать, кто достоин топтать эту землю, а кто нет...

Потом, конечно, все побежали в знаменитый Кельнский собор. 157 метров готического величия встретил нас жутким холодом. И на наше предложение - помочь памятнику архитектуры, - услышали: нагреть воздух в соборе на один градус будет стоить немецкому правительству 25 тысяч евро.

 

Polen, Russen und Juden waren Häftlinge hier wegen des politisch verdächtigen Aussehens und Berufs. Die Deutschen besuchen dieses Museum gern: um sich an die eigenen Fehler zu erinnern und nie mehr selbst zu entscheiden, wer das Recht auf Leben hat und wer nicht…

Dann beeilten wir uns und gingen in den weltbekannten Kölner Dom. In diesem großartigen Meisterwerk, das 157 Meter hoch ist, drang uns die Kälte durch Mark und Bein. Und auf unseren Vorschlag den Dom zu erwärmen, antwortete man uns, dass die deutsche Regierung 25.000 Euro bräuchte, um die Luft im Dom um 1 Grad wärmer zu machen.

Der zweite Ausflug war nach Bonn. In der ehemaligen Hauptstadt Deutschlands besuchten wir das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands, wo wir heimlich die Reste von der Berliner Mauer ertasteten, erfuhren, warum es zwölf Sterne auf der EU-Fahne gibt und hörten Elvis Presleys Schlager zu. Es war sehr interessant, dass man beim Fundament-Aushub für das Museum eine alte Siedlungsstätte unter den Erdschichten fand. Die damals gefundenen Nutzbauten, das Tongeschirr und die Skulpturen wurden zur ersten Ausstellung des neuen Museums.

Beim Abschied konnten wir lange keinen Fuß über die Schwelle der Jugendakademie setzen. Wir saßen schweigend und uns umarmend in der Vorhalle auf unseren Lieblingssofas und trauten uns nicht, aus dieser Gegenwart eine Vergangenheit werden zu lassen. Denn das waren 10 Tage, die die Welt aus den Angeln gehoben haben…

P.S. Links auf unsere Filme

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Julia Baydzhanova, Sofya Kovalenko März 2010

Bildung für alle - und zwar umsonst!

Dreitausend Studenten aus Halle, Leipzig, Dresden und anderen deutschen Städten nahmen am 24. November 2009 an der Demonstration im Zentrum von Leipzig teil. Die Unzufriedenheit der Studenten wird verursacht von einer totalen Unterfinanzierung der Universitäten, übervollen Lehrräumen und einem sozialen Ungleichgewicht im Hochschulbildungs- system.

Die Studenten protestieren schon seit dem letzten Frühling. Mündel der Universität Halle-Wittenberg treten gegen moderne Bildungsreformen an, die dazu führen, dass die jungen Leute keine Wahlfreiheit und keine Möglichkeit haben, das Kenntnisniveau zu erhöhen. Die Hallenser haben den Audimax (den größten Hörsaal) besetzt und verkündet, ihn bis zum Ende des Semesters als Treffpunkt zu nutzen.

Im neuen Studienjahr stimmen den Besetzern der Martin-Luther-Universität die Studenten aus mehr als 30 Städten Deutschlands zu. Eine Welle von Streiks breitete sich deutschlandweit aus, in den gröβten Hochschulen wurden die Hörsäle besetzt. Am 17. November demonstrierte man in 35 Städten. In dieser Woche versammelten sich Studenten im Zentrum von Leipzig, wo die Hochschulrektorenkonferenz geplant war, und alle konnten das Ausmaß der studentischen Unzufriedenheit spüren. Unweit vom Hautbahnhof sammelte sich eine unglaubliche Anzahl von Demonstranten. Mit Plakaten, Transparenten mit Texten, die wie Notschreie klingen: “ Keine einzige Entscheidung ohne uns”, mit Lautsprechern und Pfeifen setzte sich die Demonstration in Richtung Rathaus in Bewegung. Und von da aus gingen die Teilnehmer des Marsches über die Universitätsstraβe bis zur Landesverwaltung.

Um zu verstehen, was dreitausend unzufriedene Studenten sind, muss man in diesem aufgeregten Gedränge sein, wie sie in großer Einigkeit forderten: “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!”, ihre empörten Gesichter sehen ohne zu verstehen, wie das alles in einem Land möglich ist, indem die Bildung ein Prioritätsbereich des Staates ist.

Nach den jüngsten Bundestagswahlen, als Liberale und Konservative an die Macht gelangten, wurde ein Koalitionsvertrag ”Wachstum.Bildung.Zusammenhalt” heraus- gegeben, in dem alle Ziele der deutschen Regierung genannt wurden. Das Wort “Bildung” im Titel des Dokuments zeugt von der Bedeutung dieses Sektors für die Regierung. So war es immer. Bis zur letzten Zeit.

Erstens spielt Geld eine wichtige Rolle. Seit 2005 dürfen die Universitäten Deutschlands Studiengebühren nicht nur von ausländischen Studenten erheben. Vier Jahre später zahlte man schon von 100 bis 500 Euro pro Semester und das fast überall. Und das, obwohl man jährlich Millionen Euro investiert, damit junge Leute eine freie Hochschulbildung bekommen können. “Öl ins Feuer” goss die Nachricht, dass die regierende Koalition vor hat, Stipendien in Höhe von 300 Euro für die besten Studierenden einzuführen, unabhängig von ihrem eigenen Einkommen oder dem ihrer Eltern. Die erfolgreichsten Studenten sind in der Regel diejenigen, die sich ohne Rücksicht auf materielle Bedingungen mit der Wissenschaft beschäftigen können: sie haben schon alles!

Die Studierenden, die diese Finanzhilfe brauchen, können dem Studium kaum so viel Zeit schenken, wie sie möchten, weil sie für Universität und Alltagsleben verdienen müssen. Zum zweiten Grund wurde die europäische Bildungsreform, die Einführung des Bachelor-Master-Systems im Hochschulbereich.

Der sogenannte Bologna-Prozess soll sogar aus Sicht derjenigen korrigiert werden, die kaum um Geld besorgt sind. Das neue Programm ändert radikal das ganze Bildungssystem. Wenn jeder Studierende früher alle Fächer, Seminare und den Studienplan selbst wählen konnte, um sein Leben am vernünftigsten zu organisieren, dann ist das System jetzt ganz verschult. Der Student soll gerade alle Vorlesungen besuchen, immer im Unterricht anwesend sein und unzählige Prüfungen bestehen. Statt der Freiheit und Selbständigkeit kommen Vorschriften. Anstatt der Qualität von Kenntnissen und Zeit zum Begreifen - Einpaukerei. Sogar die Lehrkräfte stimmen zu, dass die Studenten in Rahmen der “gepressten” Studienzeit und des inhaltsvollen Lehrstoffs nur oberflächliche Kenntnisse bekommen können. Diejenigen, die bereit sind, sich drei Jahre lang als Bachelorstudierende für einen Masterstudiengang zu quälen, haben aber keine Garantien auf die zukünftige Bildung. Zu Masterstudierenden werden nur die Gewählten. Allerdings ist noch nicht klar, von wem…

Jedoch glaubten sogar die hartnäckigsten Kritiker an die Zweckmäβigkeit des Bologna-Prozesses, der erst im Juni 1999 eingeführt wurde. Das Bildungsniveau in allen europäischen Ländern vergleichbar zu machen, die studentische Mobilität und Beschäftigungsfähigkeit zu fördern sind gute Ziele, nicht wahr? Beeindruckt von diesen Ideen hat man schon in 90 Prozent der deutschen Universitäten den Bologna-Prozess umgesetzt. Und Anfang 2010 wird ein einheitliches europäisches Hochschulwesen bis zum Ende umgesetzt sein. Das Rad des Bologna-Prozesses kann man nicht zurückdrehen. Nur seinen Lauf korrigieren…

Die Reformierung der Reform??? Und wenn die Zuständigen diese Frage besprechen, fordern die jungen Leute: ”Heben Sie dieses unklare System sofort auf! Geben Sie Ihren Irrtum zu und überlegen Sie nochmals! Die Zukunft des Landes ist in unseren Händen. Und wie sich das Land später entwickelt, hängt im Groβen und Ganzen von unserer Bildung ab.” Am 10. Dezember ist eine Demonstration in Bonn geplant, wo die Kultusministerkonferenz stattfindet. Die Deutschen sind es nicht gewohnt auf etwas zu verzichten, worauf sie ein Recht haben…

P.S.: Es hat zahlreiche weitere Protestaktionen in Österreich, Belgien, Spanien und Frankreich gegeben.

Julia Baydzhanova, Sofya Kovalenko
November 2009