Hier veröffentlichen wir Eure Meinungen und Anmerkungen zu unseren Zeitungsartikeln. Sie geben nicht immer die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

Zu: Ufa/Sozium - „Auf nach Berlin!“

Ich finde es sehr interessant und wichtig, dass Katrin ihre Beobachtungen bzgl. dessen, wie hier in Russland die Feierlichkeiten zum 9. Mai begangen werden, zu einem Artikel verfasst hat. Besonders die Russländer hätte dieser Artikel zum Nachdenken anregen können – darüber, auf welche Art und Weise der Sieg bei uns zelebriert wird, warum dies so ist und was diese nun schon jahrelange Tradition, die bereits ein Teil der russischen Kultur geworden ist, möglicherweise, für Konseqenzen nach sich gezogen hat und immer noch zieht.

Doch gerade die objektive Wahrnehmung dieses Artikels seitens der russischen Leser wurde von Katrin selbst erschwert. Ihre Beobachtungen, die sie so unverblümt niedergeschrieben hat, haben sicherlich auch einen gewissen Wert für deutsche Leser. Doch indem sie logischerweise aus der Position einer Deutschen geschrieben hat, wird ihre Analyse deutsche Leser wohl kaum überraschen – einige von ihnen werden womöglich denken, dass sie von dem fernen Russland auch nichts anderes erwartet haben. Doch viele russische Leser hätten diese Beobachtungen überrascht und wie gesagt zum Nachdenken angeregt. Doch leider werden die Beobachtungen über die Mai-Feierlichkeiten in dem Artikel von dem Fehlen eines durchaus wichtigen Aspektes überschattet, der meiner Meinung nach noch einmal betont werden müsste, damit sich die russischen Leser nicht übergangen fühlen und den Artikel wie eine konstruktive Kritik wahrnehmen können.

Es handelt sich nämlich um die einfache Frage, WIE und WARUM der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, die im Artikel nicht beantwortet wird – vielleicht mit der Absicht, eine Provokation zu erzeugen ;), vielleicht auch mit dem Gedanken, dass diese Frage sich eh von selbst beantworten lässt. In diesem Fall hätte sie aber, so denke ich, noch einmal extra beantwortet und betont werden müssen.

Der Zweite Weltkrieg ist nämlich ausgebrochen, weil Nazideutschland Polen überfallen hat, mit der zum damaligen Zeitpunkt schon ausgereiften, wahnwitzigen Idee, ganz Europa zu erobern, ganze Völker auszulöschen, ganz Osteuropa zum deutschen Stammland zu erklären und die die Sowjetunion überwiegend bevölkernde slawische Bevölkerung rigoros zu dezimieren sowie die Übriggebliebenen zu versklaven. Das war der Grund. Deshalb ist wohl auch nicht zu leugnen, dass die erdrückende Hauptschuld an der Tragödie dieser Jahre Deutschland und das Hitlerregime trägt. Aus diesem Grunde ist auch die Art, wie sich in diesem Krieg Nazideutschland positioniert hat ganz klar von dem zu unterscheiden, wie sich alle anderen Staaten positioniert haben. Obwohl die damalige Sowjetunion ebenfalls ein autoritäres Regime war – doch wohl kaum mit solch einem mörderischen Plan im Schränkchen. Für die Deutschen war es der „Drang nach Osten“, für die Sowjetunion der Kampf ums pure Überleben. Deshalb finde ich auch den netten, aber an dieser Stelle zweifelhaften pazifistischen Gedanken, dass man „als Kriegsgegner nie einem Menschen danken würde, der andere Menschen umbringt“ fehl am Platz. Man stelle sich bloss eine Situation vor: Jemand wird von einem wahnsinnigen Mörder überfallen und muss sich zur Wehr setzen. Es heisst – entweder du oder er. Wird dieser jemand aufgrund seiner noch so pazifistischen Überzeugungen zum Mörder sagen: „Töte mich, denn ich bin gegen jegliche Gewalt und werde dir keinen Schaden zufügen, um mich selbst zu retten.“? Ich glaube kaum. Denn der reine Selbsterhaltungstrieb eines Jeden wird hier auf den Plan gerufen. Genau diese Situation ist auch auf die Sowjetunion, das Opfer des wahnsinnigen Mörders namens „Nazideutschland“ zu übertragen. Und in diesem Sinne kann man allen, die die Welt von den Nazis befreit haben und weiteres Blutvergiessen vermieden haben, dankbar sein.

Ausserdem wurde ein weiterer Fehler begangen, der mit den vorherigen Ausführungen zu tun hat, und ungewollt die Aufmerksamkeit der Leser auf sich zieht und vom Wesentlichen enorm ablenkt. Ich hatte nach der Passage, die ich nun kommentieren werde, ein instinktives Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, obwohl ich es natürlich nicht muss und vor allem nicht kann. Katrin hat nämlich geschrieben, dass von der Roten Armee Millionen Frauen vergewaltigt wurden. Es trifft wahrscheinlich leider zu, doch indem die andere Seite der Medaille nicht erwähnt wurde, fiel der Gesamteindruck der Objektivität weg. Zum Beispiel dass die Wehrmacht während ihres Vormarsches nach Osten hunderte Dörfer samt der gesamten Bevölkerung (darunter, versteht sich, ebenfalls Frauen und Kinder) abgebrannt und dem Erdboden gleichgemacht hat. In Weissrussland, der Ukraine und Westrussland gibt es immer noch etliche Gedenkorte, die an diese Grausamkeit erinnern.

Nichtsdesotrotz war es meiner Überzeugung nach ein wichtiger Artikel, der der russischen Realität durchaus anschaulich auf den Leib rückt. Lesenswert.

Sergey Simonov
Juli 2006

Zu: Ufa/Sozium - Bestellt und nicht abgeholt

Ich kann Katrin in ihren Beobachtungen nur voll und ganz unterstützen – das Jugendforum war eine absolute Enttäuschung. Es war eine sinnlose Veranstaltung, die nur einen Zweck erfüllt hat – der Republiksregierung zu gefallen. Aktuelle Themen wurden nur an der Oberfläche behandelt, ganz nach dem Motto „nur nicht zu tief ins Detail gehen, um die Probleme nicht beim Namen zu nennen“. Die Organisation war ungenügend – noch am Tag der Veranstaltung gab es immer noch erschreckend viele Unklarheiten, wer, wo und wie eigentlich zum Einsatz kommt. Die einzige Veranstaltung im Rahmen des Jugendforums, die einen begründbaren Zweck erfüllt hat, war das DJ-Forum – junge Leute wurden unterhalten. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Fehltritte nun durchanalysiert werden und es nächtes Jahr besser läuft. Es heisst ja nicht umsonst – aus den Fehlern lernt man!

Sergey Simonov
Juni 2006

Zu: Halle/Ich war dabei... - Drei Russen in Deutschland oder Warum Deutschland ein Museum ist…

Ich habe heute den Artikel von Kris aus Voronezh "Drei Russen in Deutschland oder warum Deutschland ein Museum ist" und den dazugehörigen Kommentar von Dima und Andrej gelesen. Ich kann die beiden nur voll und ganz in ihrer Meinung unterstützen - der Bericht von Kris hat auf mich einen unwirklichen Eindruck gemacht. Ich kenne das Leben in beiden Ländern ziemlich gut und kann nur sagen, dass beide Gesellschaften positive und negative Seiten haben. Mich stört nun schon seit längerem diese Naivität und Glorifizierung des Lebens in den westlichen Ländern, die viele junge Russen in ihrem Denken begleitet. Diese 'Mythologisierung des Westens' hat sich in den Köpfen mancher Leute zum Teil so festgesetzt, dass sie, wenn ich mit ihnen über die Probleme einer Ausreise dorthin reden möchte und ihnen die negativen Seiten einer westlichen Gesellschaft aufzeigen will, scheinbar einfach abschalten und mich nicht für voll nehmen. Eine traurige Entwicklung - statt sich darüber Gedanken zu machen, wie man die russische Gesellschaft verbessern und sich in seinem eigenen Land sinnvoll gesellschaftlich engagieren könnte, rennen diese Menschen einem Phantom nach, einem "Paradies auf Erden", das es nicht gibt.

Ein anderer, fragwürdiger Aspekt, der mich beim Lesen des Berichts stutzig machte, ist folgender: Wo war diese Person? In einem nationalsozialistischen Sanatorium "Kraft durch Freude"!? Er beschreibt das Nichtvorhandensein von Sicherheitsvorkehrungen in öffentlichen Einrichtungen und hackt verdächtig, scheinbar zwanghaft, auf der Tatsache herum, dass die Security ihm sein Messer beim Betreten einer Synagoge abnahm. Vielleicht liegt der Grund seiner Begeisterung für deutsche Sitten in seiner Weltanschauung? Womöglich bin ich mit dieser meiner Vermutung selber Opfer moderner Sensationsgeilheit geworden, doch dieser bittere Eindruck hat sich bei mir leider festgesetzt.

Sergey Simonov
14. April 2006

Zu: Aktuelles - Ein Seitenblick

Hallo,

auch ich habe mir den Doku-Film „Weiße Raben“ im Kino „La Bim“ angesehen. Allerdings bin ich zu einer vollkommen anderen Einschätzung des Filmes gekommen, was etwa die Intentionen der Autoren und den Einsatz der verwendeten künstlerischen Mittel anbelangt. Zu einer vernünftigen Filmkritik gehört als Erstes eine relativ objektive Beschreibung des Inhaltes, so wie sie beispielsweise unter http://www.wsws.org/de/2005/feb2005/film-f18.shtml angeboten wird, damit der Leser einen Zugang zum Film findet. Meiner Meinung nach ist es nicht die Intention des Films „Weiße Raben“ einseitige Kritik an der Rolle Russlands im Tschetschenien-Konflikt zu üben. Auch werden aus meiner Sicht keine tschetschenischen Kämpfer als Freiheitshelden stilisiert. Sowieso geht es hier nicht um nationale Befindlichkeiten oder die Ursache des Konfliktes. Den Autoren wollen vielmehr den Wahnsinn eines JEDEN Krieges zeigen! Anhand von ausgewählten Einzelschicksalen von russischen Opfern des Tschetschenienkrieges und eines Afghanistan-Kämpfers werden die Folgen für ihr weiteres Leben innerhalb einer wegschauenden Gesellschaft sichtbar. Sowohl die offensichtlichen körperlichen Schäden als auch die nicht sichtbaren psychischen Verwundungen der Protagonisten und der Umgang mit ihnen schockieren und regen den Zuschauer zum Nachdenken an. Die künstlerische Verwendung von harten Schnitten und offensichtlichen Gegensätzen (z.B. Kamerafahrt durch die Straßen Moskaus – Schnitt - Kamerafahrt durch Grozny oder die friedliche Landschaft, durch die der von Albträumen geplagte Afghanistan-Kämpfer streift) unterstreicht nur noch das eigentliche Anliegen des Films, die Absurdität von Kriegen, egal wo sie stattfinden, zu zeigen!
Außerdem sind Parallelen zu anderen Filmen, die sich mit Kriegsfolgen beschäftigen, durchaus erkennbar. Man nehme nur Michael Moore’s „Fahrenheit 9/11“ als Beispiel. Meiner Meinung nach ein gelungener, aufrüttelnder Film, der besonders in einer Zeit, in denen der Bevölkerung die Notwendigkeit eines so genannten „Krieges gegen den Terrorismus“ weisgemacht werden soll, auch wichtig und notwendig ist. Auch sehenswert für alle, die glauben, dass Deutschland neuerdings am Hindukusch verteidigt werden muss und diejenigen, die einen drohenden Iran-Krieg befürworten.

Karsten
Februar 2006

Zu: Aktuelles - Wird in Russland die alte Ordnung wiederbelebt?

Hallo,
auch ich habe mir die Ausstellung angeschaut.
Ich fand sie sehr einseitig, aber wahrscheinlich leben solche Organisationen wie Memorial oder auch AI von Polarisierungen. Mich stört es einfach, wenn teilweise falsch übersetzt wird, und sicherlich nicht aus Unwissenheit, sondern einfach deshalb, weil es besser ins Konzept paßt. Ich beziehe mich auf die Bildunterschrift, wo die jungen Irren angeblich den Tod der Bourgeoisie fordern. Ich glaube, jeder Russe weiß, daß da Ausländer gemeint sind. Aber es passt halt so gut. Das können solche bürgerlichen Organisationen natürlich nicht gutheißen, wenn jemand ihre Abschaffung als Klasse fordert. Aber diese Nazis fordern das gleiche, was ihre deutschen Gesinnungsgenossen fordern, nämlich den Tod der Ausländer.
Noch schlimmer fand ich die Bezüge zu Jelzin. Der war zwar ein Alkoholiker, oft genug einfach nur peinlich und mit Sicherheit nicht unschuldig an der Verelendung von vielen Menschen und an der Bereicherung der jetzigen Milliardäre, dafür aber Demokrat, also an sich schon erst mal gut. Na dann ist ja alles bestens. Ich glaube eben nicht, daß Demokratie per se gut ist. Schön wärs, aber auch ein Herr Hitler ist in Deutschland demokratisch gewählt worden.
Frech finde ich es außerdem, daß von den Verantwortlichen telefonisch keiner zu erreichen ist.
Euch beiden wünsche ich viel Spaß und Interessantes in Deutschland und danke für Eure Arbeit,

Karsten
21.03.05