Hier veröffentlichen wir unsere Meinungen und Anmerkungen zu den Zeitungsartikeln und den Leserbriefen.

Zu: Ufa/Sozium - Großer Aufwand für ein kleines Seminar

Der Staatshaushalt ist wichtiger

Prinzipiell ist es natürlich sehr löblich seitens der baschkirischen Regierung, Seminare zu finanzieren, bei denen es um Drogenprävention geht. Auffällig war aber sofort, dass in der Auflistung der Drogen Alkohol keine Rolle spielte. Ist Alkohol keine Droge? „Doch“, verrät mir Aleksandra Akulinina vom „Staatlichen Komitee der Republik Baschkortostan für Jugendpolitik“ später, „es wird nur eine andere Bezeichnung dafür verwendet.“ Und zwar falle Alkohol unter die „psycho-aktiven Stoffe“, ebenso wie Tee, Kaffee und Tabak. Und diese könne der Staat nicht verbieten, denn er bezieht etwa ein Fünftel seiner gesamten Einnahmen aus dem Verkauf von Alkohol. „Der Staat würde ohne dieses Geld zusammenbrechen“, gibt Aleksandra Akulinina zu. Demnach könne er auch keine Seminare finanzieren, in denen ausdrücklich vor Alkohol gewarnt wird. Die Freiwilligen tun es trotzdem, versichern sie. Auch die Jugendlichen würden das Thema immer von sich aus ansprechen, weil sie natürlich wüssten, dass Alkohol nicht gesund ist. Dennoch bleibt beim Gedanken an die ehrenhaften Intentionen von Seiten des baschkirischen Staates in Bezug auf Seminare dieser Art ein bitterer Beigeschmack. Denn was nützt die beste Jugendarbeit, wenn wirtschaftliche Interessen stets wichtiger scheinen, als die Gesundheit der Bevölkerung.

ele November 2006

Zu: Ufa/Sozium - „Auf nach Berlin!“

Eine einfache Frage an den Autor des Artikels: Wenn in Russland ein solcher Gewalt-, Kriegskult herrscht, wo Kinder mit Spielzeugwaffen durch die Straßen laufen. Kaum zu glauben, dass da sogar Panzer auf dem Sockel stehen! Warum gab es noch keinen einzigen Fall, wo ein russischer Schüler voll bewaffnet in die Schule kam und wild um sich schoss? Und warum gab es solche Fälle in dem friedliebenden Deutschland, das sehr gerne diesen Krieg vergessen will?

D.Mukhametkulov, A.Vasiljev Juli 2006

Zu: Halle/Ich war dabei... - Drei Russen in Deutschland oder Warum Deutschland ein Museum ist…

Unser Korrespondent im Zoo

Kommentar von der lieben Redaktion :)))

Noch einmal schäme ich mich für meine weit entfernte nichtsnutzige Heimat. Ich schäme mich vor den Leuten, die diesen Artikel in unserer Zeitung lesen werden, sowohl vor den Russen, als auch vor den Deutschen. Aber diesen Artikel darf man nicht unveröffentlicht lassen, genauso darf man ihn nicht unkommentiert lassen.

Der Autor des Artikels erscheint dem Leser wie ein Eingeborener aus der Ferne, der durch das Schicksal in die zivilisierte Gesellschaft geraten ist. Alles, was er sagt, hebt nur einen Gedanken hervor: Deutschland sei Paradies auf Erden, und Russland, Entschuldigung, ist Scheiße. Als ein Mensch, der hier schon mehr als dreizehn Tage verbracht hat, kann ich sagen: Sehr geehrter junger Mann, es ist nicht richtig. Überall auf der Welt wohnen Menschen, verschiedene Menschen. Und natürlich leben sie auch unterschiedlich. Die Deutschen haben ihre eigenen Probleme, und das Leben in Deutschland seine eigenen Nachteile. Ist das Leben in Russland etwa nicht gut? Okay, dann lasst uns doch einfach woanders hingehen! Dorthin, wo es schön ist, denn man begehrt ja immer das, was man nicht hat. Vielleicht ist es gerade deswegen dort so gut, wo man nicht ist?

Kris gibt sich keine Mühe nachzudenken, zu sehen, zu analysieren. Wo kommen z.B. die Spritzen in den einstürzenden Häusern her und warum herrscht dort solches Chaos? Warum stehen normale Häuser leer und werden nach und nach unbewohnbar? Warum gibt es denn so viele Arbeitslose? Warum warnen Eltern ihre Kinder davor mit Unbekannten zu sprechen – denn das ist nämlich nicht einfach nur Vorsicht. Woher stammen zerbrochenes Glas und umgekippte Müllcontainer morgens auf den Straßen? Diese Fragen sind für den Autor nicht interessant.

Ich selbst habe „Heil Hitler!“-Rufe aus einem vorbeifahrenden Auto gehört. Ich habe leere Häuser und sogar ganze leere Bezirke, leere ausgestorbene Straßen, stillgelegte Fabriken, sowie Protestdemos gesehen. Ich bin im Zug einer Menge besoffener Fußballfans begegnet und habe beobachtet, wie sie von der Polizei festgenommen wurden. Ich bin auch Frechheit und Grobheit und Überfällen von betrunkenen deutschen Jugendlichen begegnet. Ich konnte sonntags kein Essen kaufen, weil mein Zug ziemlich spät angekommen war, und alles schon zu war. Ich habe auch schmutzige Straßen, sogar für Ufaer und Moskauer Verhältnisse, in Berlin gesehen. Ich habe sogar mein Flugzeug verpasst, weil mein Zug große Verspätung gehabt hat. Ich bin auch der deutschen Bürokratie begegnet und musste drei sehr lange Winterstunden (von sechs bis neun Uhr morgens) zweimal auf der Straße Schlange stehen, um mein deutsches Visum zu verlängern. Ich bin fast unter die Räder eines Autos geraten, weil der gelobte deutsche Fahrer mich nicht gehen ließ, obwohl er sollte. Ich habe gesehen, wie Deutsche bei Rot die Straße überqueren. Ich konnte kein Konto bei der Bank eröffnen. Ich habe zerstörte Fahrräder, von Gangs zertreten und zerquetscht, gesehen. Mein Fahrrad, apropos, hat eines Nachts seinen Besitzer gewechselt ;))) Schon bald, am ersten Mai, werden in Berlin Unruhen auf den Straßen, d.h. Kämpfe der Polizei gegen die Demonstranten stattfinden. Ich weiß das, weil es jedes Jahr passiert.

Ich schreibe das Ganze nicht um Deutschland in Verruf zu bringen. Hier ist auch kein Paradies. Und umgekehrt ist Russland nicht der schlimmste Ort auf der Welt. Russland ist nicht leicht es zu verstehen, man kann es nur lieben (hat der bekannte russische Dichter Tjutschew gesagt). Eine alte Weisheit sagt: „Nicht der Ort schmückt den Menschen, sondern umgekehrt.“ Darüber sollte man mal nachdenken. Die Heimat ist die Heimat, man kann sie sich nicht aussuchen. Und einfach wegzugehen… wäre erstens, der Weg des geringsten Widerstandes, und zweitens sollte man dies nur als letzte Möglichkeit in Betracht ziehen :)))

Übrigens, es ist mir gelungen, mich auf einer Seite erschöpfend auszudrücken.

Auf Wiedersehen.

D. Mukhametkulow, A. Vasiliev
Halle 03. April 2006